Menschenkontakte – Erinnerungen

VORBEMERKUNG

Der Hang sich zu erinnern an vergangene Zeiten drängt immer stärker. Die interessanten, erlebnisreichen, kuriosen Momente möchte man noch einmal hervorkramen zur individuellen Erbauung. Das Gefühl des ein- oder ausgesperrt sein im Corona Lockdown, der nicht enden will, verstärken nostalgische Gefühl. Zweimal wurde gegen Corona geimpft, aber Vorteile oder mehr Freiheiten ergeben sich daraus nicht. Viel freie Zeit ist plötzlich übrig und das schon mehr als ein Jahr. Erinnerungen kommen auf, die Gedanken spuren zurück. In 44 Jahren Lebensarbeitszeit hat sich viel angesammelt, was mal wegerzählt werden sollte. In den Jahren als Lehrer, Schuldirektor, Fachleiter am Studienseminar, auf vielen Reisen trugen sich so einige Ereignisse, Merkwürdig- und Absonderlichkeiten zu.

76 Länder wurden in mehr als 20 Jahren Rentnerzeit bereist, alle Ozeane durchquert, Äquator und im Norden/Süden die Wendekreise überfahren. Arktis und Antarktis wurden auch in Augenschein genommen. Die Umrundung der Welt mit dem Flieger hat mehrmals stattgefunden. Zu erkunden waren auch Wüsten und andere Sehenswürdigkeiten der Welt. Da hat sich so einiges ereignet. Mit so vielen Menschen hatte man zu tun in aller Welt und während der langen Lebensarbeitszeit als Lehrer. Immer wieder mal kam da die Frage auf nach langem Berufsleben: „Kennen sie mich noch?“ Tausende Schüler sind einem begegnet; so viele Zeugnisse hat man unterschrieben. Etwas Stolz ist ist da auch. In all den Jahren hat nicht ein einziger Schüler das Klassenziel verpasst durch eine von dir vergebene Note 5 am Schuljahresende. Bei der Rentenberechnung hat sich gezeigt, in 44 Arbeitsjahren waren nur 3 Wochen Krankschreibung registriert worden. Da rechnete eine Beamtin noch einmal nach und staunte! Optimistische Lebenseinstellungen, Kompromissbereitschaft, Freude an der Arbeit haben Beruf und Freizeit verschmelzen lassen. Viele ehemalige Schüler haben etwas in Dankbarkeit zurück gegeben.

Eins

Beim Holzspalten ist das Beil abgerutscht und hatte den Daumen erwischt. Heftige Blutung, Pflaster und Binden halfen nichts. Die Blutung war nicht zu stoppen, also Notaufnahme im Klinikum. Ein junger Arzt begutachtete den Schaden, versorgte die Wunde fachgerecht und ließ wissen, dass eine Schwester noch zwei Spritzen setzen werde. Ich sollte mir schon mal die Hose runter lassen und und mich über die Behandlungspritsche legen. „Die Spritze gibt es in den Hintern!“, ergänzte er noch. Beim Verlassen des Raumes fragt er beiläufig: „Kennen sie mich eigentlich noch?“ Dem war jedoch nicht so. Er half nach: „Sie waren zwei Jahre mein Klassenlehrer und haben sich dafür eingesetzt, dass ich die Erweiterte Oberschule besuchen konnte, obwohl ich kein Arbeiter- und Bauernkind war. Ich habe Abitur gemacht und nun bin ich Arzt!“, präzisiert er weiter. Eine Erinnerung oder Bildvorstellung wollte nicht aufkommen. Weg war er. In Erinnerung des eben Gehörten merkte ich nicht, wie sich eine Schwester nährt. Plötzlich Desinfektion auf beiden Pobacken und ein Stich rechts und links fast gleichzeitig. Wie kann das sein? Zweifaches Kichern. Aufrichten, Hose hochziehen.

Zwei Schwestern, vielleicht zwanzigjährig, stehen mit Spritze in der Hand da und fragen: „Kennen sie uns noch?“ Beide kannte ich noch. Sie freuten sich diebisch und sagten, sie hätten ihre Ausbildung als Arzthelferin und Krankenschwester abgeschlossen. Dabei kicherte sie wegen des gelungenen Spaßes weiter. Peinlicher Gedanke. Aber, die beiden haben nun etwas zu erzählen im Kollegenkreis …

Zwei

Mal wieder wurde gefragt: „Kennen sie mich noch?“ Ein neues Auto musste angemeldet werden in der KFZ-Zulassungsstelle. Viele waren eher da, hatten eine Nummer gezogen und warteten. Ein Blick auf die Uhr – das wird dauern! Eine Frau geht schnellen Schrittes durch den Warteraum, schaut sich kurz um und verschwindet im Amtszimmer. Eine neue Nummer wird aufgerufen und gleich danach: „Herr M. bitte!“ Wird schon seine Richtigkeit haben, denke ich!

Platznahme am Schreibtisch, Zulassungsdokumente ausbreiten, Blick zur Sachbearbeiterin gegenüber. Die war doch gerade durch den Warteraum gegangen!? „Wissen sie noch, wer ich bin?“, fragt die. Verblüffung, die Frau war mir unbekannt. Sie nannte ihren Namen, die Klasse und dass ich mal ihr Lehrer gewesen sei für zwei Schuljahre. Sie half den Erinnerungen nach, aber ein Bild der Schülerin wollte sich auch hier nicht einstellen nach mehr als 15 Jahren. Sie sei hier Amtsleiterin, hätte ihren Lehrer gesehen und gedacht, tust mal was für deinen Lehrer, mit dem du immer gut ausgekommen bist und manches zu verdanken hast.

So oder ähnlich geschah das immer mal wieder; häufig jedoch im medizinischen Bereich. Mal wurde man schneller aufgerufen, mal gab es bei einer Behandlung tröstende oder erklärende Worte. Diagnosen des Arztes wurde erläutert oder entschärft. Wenn sich dann noch der Chefarzt einer großen Klinik ans Bett setzt, um über alte Zeiten zu plaudern, erwirbt man bei den Mitpatienten enormes Ansehen. Unerklärlich und tief verwurzelt müssen diese Lehrer-Schüler-Beziehungen sein. Als Lehrer duzt man unwillkürlich den ehemaligen Schüler, nennt ihn beim Vornamen. Sie oder er bleiben konstant beim „Sie“. Bittet man ehemalige Schüler, die nun auch schon 50 oder 60 Jahre alt geworden sind, auch „Du“ zu sagen, dann klappt das nur wenige Male. Im nächsten Satz ist wieder das „Sie“ da.

DREI

Nicht alle Begegnungen mit ehemaligen Schülern sind angenehm.

Unterwegs, kurz vor Weihnachten mit Frau und Tochter, um einige Einkäufe zu tätigen. Feierabendbetrieb, viele Leute sind im Einkaufscenter unterwegs. Der Käuferstrom wird voraus irgendwie gehemmt. Leute teilen sich, um sich rechts und links vor einem Hindernis an den Wänden vorbei zu drücken. Näher heran ist zu sehen, eine Gruppe bildet das Hemmnis. Drei Hunde haben sie dabei, die wenig Vertrauen ausstrahlen. Einige Gestalten haben mehr auf den Rippen, als gut ist, tragen Militärhosen und Bomberjacken mit Aufschriften. Noch weiter heran ist zu sehen, einer dieser bulligen jungen Kerls hat auf dem Hals SS-Runen eintätowiert, ein anderer trägt eine Tätowierung verschlungener Hakenkreuze am Hals. Rechte also! Zwei Service Mitarbeiter des Centers haben sich in eine Ecke verdrückt. Im Vorbeigehen an der Wand kommt eine Hand aus der Gruppe, fasst meinen Ärmel und zieht mich in die Gruppe. Frau und Tochter verdrücken sich sofort in einen Geschäftseingang. Da war dann wieder die Frage: „Kennen sie mich noch?“ Natürlich nicht!

Der Frager wendete sich an seine Kumpane mit den Worten: „Das war mein Lieblingslehrer. Ohne ihn hätte ich Schule hingeschmissen und nie die 10 Klasse erreicht!“ Jetzt dämmerte es, wer er war. In den Wirren der Wende hatte die Mutter ohne Vorankündigung die Familie verlassen, um in den Westen zu gehen. Der Vater hat das nicht verkraftet und seine Arbeitslosigkeit dazu haben ihn zum Trinker werden lassen. Nichts gab es mehr in Familie und Gesellschaft, was dem damals 14jährigen eine Zukunft geben konnte. Schule war auch Scheiße! Seine Mutlosigkeit und Verbitterung war nicht zu übersehen. Mehrmals hatte ich ihm Mut zugesprochen und dabei wohl Zuneigung erworben.

Anfang der 9. Klasse, die Schüler hatte den Raum verlassen; ich sortierte nach der Stunde meine Unterlagen. Plötzlich stand er am Lehrertisch. „Heute habe ich Geburtstag“, sagte er leise. Gratulation, gute Wünsche! Unter dem Arm trug er ein Buch, das ihm seine Oma geschenkt und 40 Euro gekostet hatte. Auf dem Lehrertisch blätterte er es auf. Ich packte meine Tasche, hatte Pausenaufsicht und sah nur halb hin. Dann blickte ich auf Hitler und Göring in A4 Größe, schaute genauer hin, klappte es zu, sah auf den Titel: “Hitlers Leben in Bildern“. Kann man heute so was tatsächlich kaufen? Es war neu! Ich bat ihn, so etwas nie wieder mit in die Schule zu bringen, wollte mit ihm noch reden, aber andere Ereignisse hinderten mich daran. Dann war es vergessen! Er lernte gut weiter, fiel nie auf und schaffte die 10 Klasse mit akzeptablen Ergebnissen.

Die bulligen Männer sahen mich nun an, als wären sie kleine Jungen. So was gab es also auch, mögen sie gedacht haben. Nacheinander drückten mir wortlos alle die Hand. Das Zeremoniell war erledigt, allen wurde Gutes gewünscht. Ich war entlassen. Aber irgendwie kommt der Pädagoge da wieder durch und der sagte, dass sie die Leute doch nun genug erschreckt hätten und die Aktion beenden könnten. Auf dem Rückweg war zu sehen, sie waren verschwunden.

Heute habe ich seit vielen Jahren mit diesem Jungen Kontakt. Er ist ein Facebook Freund, ist ausgewandert nach Brasilien, lebt in Manaus, hat geheiratet und Kinder. In der Nähe von Manaus betreibt er einen kleinen Tischlereibetrieb. Immer mal sendet er Fotos und schildert erschüttert Szenen vom Sterben in seiner unmittelbaren Umgebung. Viele seiner Nachbarn wurden von Corona dahingerafft, ohne jemals einen Arzt oder eine Klinik gesehen zu haben. So muss es im Mittelalter mit der Pest gewesen sein, schreibt er.

VIER

Jährlicher Routine Gesundheitscheck beim Hausarzt. Frage: „Wann waren sie das letzte Mal beim Urologen?“ „Noch nie!“ Eine Überweisung wurde ausgestellt, Praxen wurden genannt. Anruf, Terminvereinbarung: Wartezeit 3 Monate. Nach 3 Monaten war der Termin erreicht. Am Praxisschild waren zwei Urologen verzeichnet – ein Mann und eine Frau. Der Warteraum war stickig und überfüllt. Nach weiteren zwei Stunden erstellte eine junge Arzthelferin die Anamnese. Sehr unangenehme Fragen! Dann folge die Aufforderung, den benachbarten Behandlungsraum aufzusuchen, die Hose auszuziehen, sich auf die Behandlungspritsche zu legen und zu warten. Der Raum war abgedunkelt und kühl. Nach einiger Zeit kam die Arzthelferin wieder, setzte sich an den Computer. Wir warteten! Dann, Schritte von Absatzschuhen auf den Fliesen – klack, klack, … auch noch, die Urologin! Im Türrahmen verharrte sie als Silhouette und sagte von dort aus: „Herr M., mein Lieblingslehrer, dass sie auch mal bei uns vorbei schaun!?“ Schnell kam sie näher und drückte mich kurz. Wieder die Frage: „Erkennen sie mich noch?“

Wie sollte ich, der Raum war abgedunkelt. Die Arzthelferin am Computer schaltete das Deckenlicht an. Eine wohl 50jährige Frau stand vor mir. Das Licht half auch nicht weiter. Sie setzte nach, nannte Jahreszahlen, Namen von Mitschülern und Lehrerkollegen, aber eine Bildvorstellung wollte trotzdem nicht aufkommen. Da ich mit dem „Du“ begonnen hatte, war ja mal eine Schülerin, blieb ich dabei. Das schien sie gar nicht zu bemerken. Nun wurde sie Ärztin und professionell. Das Gel fühlte sich kalt an auf dem Unterbauch, das Display wurde so gedreht, dass alle Erläuterungen nachverfolgbar waren. Der Gedanke um ihre Identität kreiste weiter. Dann war die Untersuchung beendet und das Gel wurde vom Unterbauch wieder abgewischt. Während des Ankleidens setzte sie sich auf die Behandlungspritsche und versuchte dem Erinnerungsvermögen nachzuhelfen. Sie hatte wohl bemerkt, dass ich so richtig mit ihr nichts anfangen konnte.

Die Arzthelferin war verschwunden und nun saß ich auf der Pritsche neben ihr. Sie redete und langsam fügten sich Bruchstücke zusammen und meine Nachbarin wurde zum Bild. Aus der Ferne schälten sich aber mehr negative Bruchstücke heraus. Mit ihren Eltern gab es immer wieder Konflikte. Am Ende der Unterhaltung stellte sie klar, warum sie sich noch an mich erinnerte. Zeichnen hatte ich in ihrer Klasse auch erteilt. Ein Bild sollte zuhause fertiggestellt werden. Die Mutti hatte geholfen und der Vater war der Meinung, dass kann nur eine Note 1 sein. Da sie aber nur einen geringeren Teil der Aufgabe erfüllt hatte, gab ich ihr eine Vier. Zuhause hat das Unverständnis ausgelöst. Dummerweise hatte ich die Zensur vorn auf das Blatt geschrieben mit Namenskürzel. Zum Gedenken an abscheuliche Lehrerwillkür und schreiender Ungerechtigkeit erhielt die Zeichnung einen Rahmen und wurde im Flur aufgehängt. Über mehrere Wohnungswechsel zog das „Kunstwerk“ mit, hängt heute noch in der ehelichen Wohnung und Gästen fällt diese A3 große Schülerarbeit immer mal auf, auch die Zensur. Von Ungerechtigkeiten in der Schule kann jeder berichten und die Kommunikation des Abends ist gesichert.

FÜNF

Gerade wurde wieder Ausgangssperre angeordnet wegen der Infektionszahlen mit Corona. Der Begriff Corona ist inzwischen ein „Rotes Tuch“ geworden. Man kann ihn nicht mehr hören. Und doch gibt es da auch angenehme Erinnerungen an „Corona“. Vor Jahren übernahm ich eine 11. Klasse am Gymnasium, einen Leistungskurs Deutsch. 16 Schülerinnen, 2 Schüler. Nach der Wende waren sie alle fürchterlich lernwillig. Vor dem Lehrertisch hatte eine Schülerin, 17 Jahre, mit dem Vornamen Corona ihren Platz. Von den Mitschülern hob sie sie etwas ab und wurde hinter vorgehaltener Hand „Intelligenzbestie“ genannt. Von ihren Klassenkameraden wurde sie trotzdem geachtet, weil sie hilfsbereit und kooperativ war. Wie sie zu ihrem Wissen kam, war mir schleierhaft. Außer Sport hatte sie überall die glatte Note eins. Eine Leistungskontrolle unter 15 Punkten gab es bei ihr nicht. Sie folgte dem Unterricht aufmerksam, hatte nie eine Aufgabe nicht erledigt, meldete sich aber auch nicht, wenn sie die Antwort wusste. Allerdings, konnte niemand in der Klasse eine aufgeworfene Frage beantworten, war meine letzte Hoffnung immer Corona. Sie wusste eine Antwort – fast immer. Für mich als Lehrer war sie eine sichere Bank für den Unterrichtfortgang. Das setzte sich auch in Klasse 12 fort.

Ich war nun 2 Jahre vor dem Renteneinstieg angelangt und bei schnellerem Sprechen fehlte immer mal ein Begriff oder eine Jahreszahl. Wenn ich bemüht war die Lücke zu umschreiben, flüsterte sie ganz leise den Begriff zu. Mir schien, der Kurs hat nie etwas bemerkt. Alle Abiturnoten von Corona waren sehr gut, auch Sport. Nach der Abiturfeier gab ich meinen großen Blumenstrauß von der Klasse an sie weiter.

Kurze Zeit danach hatte sie eine einjährige Au pair Stelle in den USA, Chicago, bei einer jüdischen Bankiersfamilie mit großem Einkommen, großer Villa und viel Hauspersonal angetreten. Zwei Schulkinder waren zu betreuen Die Au-pair-Mädchen wechselten jährlich. Die Eltern überließen alle bei den Kindern unpopulären Maßnahmen den Betreuerinnen. Sie blieben die Guten! Ihre Schützlinge besuchten eine Privatschule in Chicago am anderen Ende der Stadt und wurden täglich gefahren. Kurze Zeit später fiel der Fahrer aus. Man übergab ihr die Autoschlüssel, sie möge die Kinder in der Schule abholen. Führerschein besaß sie, hatte aber wenig Fahrpraxis. Als sie das Auto sah, bekam sie einen Heulkrampf. Mehr als 8 Personen hätte man transportieren können, echt amerikanische Ausmaße.

Nach diesem Erlebnis erhielt ich erstmals eine E-Mail von ihr. Sie schrieb sich ihren Frust von der Seele. Das alles konnte sie ihren Eltern nicht mitteilen. Ein reger E-Mailverkehr entwickelte sich. Ich spendete Trost, gab Tipps und pädagogische Hinweise. Das Jahr verging. Später dann kurvte sie mit dem großen Fahrzeug durch die Stadt, auch um in ihrer Freizeit an der Universität Vorlesungen zu hören.

Am letzten Tag des Au pair Einsatzes teilte man ihr mit, sie habe gut gearbeitet, man sei mit ihr vollkommen zufrieden gewesen. Sie solle reisen und 4 Wochen das Land ansehen. Hier sei eine Kreditkarte! Wie hoch sie diese belasten dürfe, wollte sie wissen? Die Antwort, nach 4 Wochen verliert die Kreditkarte ihre Gültigkeit. Mit viel Willen hat sie ihr USA Jahr in Chicago durchgestanden, absolvierte, wieder in Deutschland, mehrere Studiengänge an Universitäten mit sehr guten Ergebnissen, heiratete, bekam zwei Kinder, aber dann gingen Ehe und anderes schief. Heute hat sie zwei fast erwachsene Töchter, mit denen sie zusammen lebt und kann das Wort „Corona“, das täglich hundertfach in den Medien auftaucht, nicht mehr hören, obwohl es doch ihr Vorname ist.

SECHS

Reise in den Süden der USA, 2 Tage Hotelaufenthalt in New York. Großes Hotel in der Nähe des Zentrums, schön hoch. Mehrere Fahrstühle transportieren die Bewohner: Expressfahrstühle und welche, die bummeln und überall halten. Die Expressfahrstühle waren gerade nicht verfügbar, also einen langsameren besteigen. Diese Idee müssen auch drei Ordensfrauen oder Nonnen gehabt haben. Drei sichtbar angejahrte und herausgefutterte Frauen mit Häubchen, schwarzer Kleidung und weißem Kragen bestiegen heftig diskutierend die Liftkabine.

Nach dem ersten Halt wendet sich plötzlich eine der Frauen an mich, wohl mit einer Frage. Etwas verzagt antwortete ich: „I do not speak English!“ Danach wurde lauter nachgefragt. Mein Nichtverstehen hatte aber etwas mit der Sprachbeherrschung zu tun, nicht mit dem Hören. Also sagte ich nochmal etwas lauter und forscher: „I do not speak English!“ Zwei brüllten jetzt ihr Anliegen heraus, um meine angebliche Schwerhörigkeit zu überlisten. Beim nächsten Halt stieg ich dann fluchtartig aus, obwohl ich noch nicht in meiner Etage angekommen war. Was war das? Ich hatte doch deutlich gesagt, dass ich nicht Englisch spreche!? Die drei Ordensfrauen hatten wohl vermutet, dass mein Gehör Probleme macht und sind laut geworden.

Dann aber reifte die Erkenntnis, die drei konnten sich vielleicht nicht vorstellen, dass ich ihre Sprache nicht beherrsche. Sie müssen wohl gedacht haben, jeder Mensch beherrscht gottgegeben Englisch. Von anderen Sprachen wussten sie vielleicht nichts oder wenig. Schnell war das Erlebnis wieder vergessen. Tatsächlich geschah Ähnliches noch einmal. Nachdem ich gesagt hatte: „I do not speak English!“, wurde der Gesprächspartner auch laut. Später erfuhr ich, der Mann hatte gedacht, Englisch ist eine dem Menschen immanente, angeborene Grundsprache. Er wusste von anderen Sprachen, dachte aber, sein Englisch versteht jeder überall …

SIEBEN

Buenos Aires war nach 14 Stunden Flug erreicht, Stadtrundfahrt, Hotel Check in. Am nächsten Tag dann check-in an Bord des Schiffes, das in die Antarktis starten soll. Die Infiniti – 3000 Passagiere – ein Turbinenschiff, dass mit Kerosin betrieben wird, lag für seine Passagiere bereit. Zwei Stunden später dann Einweisung an Bord für die deutschsprachige Gruppe. Erste Zusammenkunft mit dem Betreuer, 10 Deutsche, ein Ehepaar aus der Schweiz. Über das Bordleben wird informiert, dass Leute aus mehr als 70 Nationen sich an Bord befänden. Zu Sicherheitsfragen gab es Weisungen. Er selbst, Ingenieur, arbeitet an der Maschine. Auffällig, seine Sprache!

Meine Nachbarin fragt mich flüsternd, was der für einen Dialekt spräche? Nach genauerem Hinhören wurde klar, dass ist kein Dialekt, dass ist eine alte deutsche Sprachform, die weit unter Goethe anzusiedeln ist, bei Lessing, der Aufklärung, um 1700 etwa. Satzstrukturen, Wortwahl, Wortbedeutung weisen darauf hin. Nach Studium der Germanistik, Studienrat am Gymnasium war das halbwegs zu beurteilen. Worte und Satzstrukturen werden heute anders verwendet. „Im Eis können sie sich nicht bekoten! (beschmutzen)“ oder „im Restaurant können sie gepflegt fressen!“ (um 1700 – alles aufessen, viel essen). Unglaublich, dass kann doch nicht sein, dachte ich.

Nach Ende der Unterweisung ging ich zu seinem Tisch. Papiere wurden noch geordnete. Er schaute hoch, fragte: „Wes ist euer Begehr? In der 3. Person wurde ich noch nie angesprochen! Sehr eigenartig! Woher seine Deutschkenntnisse, wollte ich wissen? Er erzählte, dass er sich auf dem Schiff beworben habe und im Bewerbungsgespräch sei angedeutet worden, er könne sein Chancen erheblich verbessern, wenn er Deutsch sprechen würde. Ein halbes Jahr sei noch Zeit gewesen, aber bei einem professionellen Anbieter konnte er nicht lernen, sein Geld hätte dazu nicht gereicht. Er habe aber gewusst, dass in seinem Viertel in Rio de Janairo seit langem eine Familie lebe, die nur „os alemães“ (die Deutschen) genannt würden. Die sprächen zu hause aus alter Tradition mit ihren Kindern Deutsch. Das habe ihm schon sein Großvater gesagt. Jetzt gab es in dieser Familie „os alemães“ auch einen fast 80jährigen Großvater mit viel Zeit, der bereit war, jeden Tag ein bis zwei Stunden mit ihm Deutsch zu lernen.

Sprechen habe er also von ihm gelernt, mit dem verstehenden Lesen sei es schlechter bestellt und mit dem Schreiben auch. Diese Familie „os alemães“ habe seit langer Zeit keinerlei Kontakte mehr zu Deutschland. Er habe den Job auf dem Schiff bekommen, als er nachweisen konnte, dass er sich mündlich Deutsch verständigen könne. Er wollte wissen, ob die Gruppe ihn verstanden hätte. Das war der Fall und ich erklärte ihm, dass er ein Deutsch spräche, dass seit fast 300 Jahren in Deutschland nicht mehr gesprochen würde. „Wirklich?“ Dazu meinte er dann, sein alter „Deutschlehrer“ in Rio habe das Deutsch als Familientradition auch von seinen Eltern gelernt und die vor ihm auch wieder von den Eltern. Es hätte eben zu dieser Familie gehört, Tradition eben! Er selbst habe Deutschland noch nie gesehen und auch sonst keinen Kontakt zu Deutschen. Es sei erst seine 2. Reise.

Nie hätte ich geglaubt, dass so etwas möglich ist. Da wird innerfamiliär eine Sprache gesprochen und bewahrt, die die Zeit längst überholt hatte. Eine Fundgrube für die Wissenschaft! Er arbeitete im Fahrstand der Maschine und war für seine Gruppe an der Rezeption fast nie verfügbar. Man hatte eine Möglichkeit gefunden, wie er immer für seine Leute da sein konnte. An der Rezeption sprach niemand Deutsch und man sagte einfach „Germany“. Die Mitarbeiterin nahm ihr Handy, wählte eine Nummer und reichte das Gerät über den Tresen und er fragte: „Wes ist euer Begehr?“ Das „Begehr“ wurde mitgeteilt und das Handy über den Tresen zurück gereicht – manchmal einmal, oft mehrmals, bis das Anliegen erledigt war. Die Mitarbeiterin am Tresen wusste nun, was zu tun war.

Vorstellbar wäre, die Familie „os alemães“ (Deutsche) ist irgendwann nach 1700 oder etwas später eingewandert, war vielleicht immer etwas isoliert und so hat sich die Tradition, Deutsch zuhause als Zweitsprache zu sprechen, über die Jahrhunderte erhalten. Vielleicht war auch der Gedanke da, mal wieder zurückzukehren nach Deutschland!?

ACHT

Nach der Begegnung mit den drei Ordensschwestern, die keine Vorstellungen davon hatten, dass es Menschen gibt, die nicht Englisch verstehen und sprechen, die darum laut werden müssen, weil es nur das Gehör sein kann, was Verständigung erschwert, fällt mir noch eine weitere Begebenheit ein.

Am Abend hatten wir das Kreuzfahrtschiff in New Orleans bestiegen. Es war kalt für diese Jahreszeit. Nach 15 Stunden Fahrt im Golf von Mexiko hatte sich alles geändert. Luft +30°C, Wassertemperatur +29°C. Frühstück und dann erst mal die Schiffsbibliothek aufsuchen, sonst haben sich andere die besten Bücher geholt. Geöffnet war die Bibliothek und eine freundliche Bibliothekarin war auch da. Der Bibliotheksraum war einem englischen Club des 19. Jahrhunderts nachempfunden. Tiefe Ledersessel, überall Schiffsmodelle, ehrwürdige Wandverkleidung und ringsherum Vitrinen voller Bücher in vielen Sprachen der Welt. Für Deutsch gab es gleich zwei Vitrinen.

Eine Auswahl an vielen Bänden Kriminalliteratur war zu sehen. Von Simenon und seiner literarischen Figur, dem Kriminalkommissar Maigret, wollte ich immer schon mal mehr lesen. Drei Bände waren ausgeliehen, schnell an Deck, eine Liege im Schatten organisieren und lesen. Der Titel des Bandes und der Autorenname waren noch lesbar. Dann war Schluss. Der Text muss in Finnisch oder Ungarisch verfasst worden sein. Ein Versehen? Hat falsch in der Vitrine gestanden? Wieder runter in die Kabine und den 2.Band holen. Vorsichtshalber nachschauen: es handelt sich um Norwegisch oder Dänisch. Dritter Band, aufschlagen, na endlich, ein Text in Deutsch.

Erster Gang am nächsten Morgen in die Bibliothek. Die Bücher hätten irrtümlich in der Vitrine für Deutsch gestanden, erklärte ich. Die Bibliothekarin schlug sie auf, sah hinein und meinte, dass es doch Deutsch sei. Sie sah auf den Buchrücken. Da stand tatsächlich „GER“ und eine Zahl. Ich versuchte zu erklären, dass das andere Sprachen seien. Nun schaute sie nochmal hinein, zögerte etwas und sagte dann, dass es doch aber Europa sei. Im Gespräch stellte sich heraus, sie habe geglaubt, dass in Europa diese Texte jeder lesen könne und dass es da vielleicht noch so ein paar Dialekte geben würde. Nun hatte jeder etwas gelernt: sie, dass im Gegensatz zur USA in Europa viele unterschiedliche Sprachen vorhanden sind und die Menschen einige Kilometer weiter nach einer Grenze sich nicht mehr verstehen. Ich habe gelernt, dass Europa sehr weit in Wissen und Denken von US-Bürger entfernt ist.

Da fällt mir aber gleich noch eine Begebenheit ein, die ein Taxifahrer aus Stockholm in einer Show zum besten gegeben hatte. Er hält am Flughafen in Stockholm, ein eiliger Fahrgast aus den USA, eben angekommen, steigt zu und sagt, er möchte zum Hofbräuhaus nach München. Der Taxifahrer fühlte sich veralbert und fragte nach. Der Fahrgast bestand darauf. Nun erklärte der Fahrer des Taxis, dass er darauf nicht vorbereitet sei, denn für die Fahrt brauche er mehr als 2 Tage. Jetzt war der Amerikaner erstaunt: „So groß ist Europa!?“

NEUN

Vor 2 Tagen hatten wir in Halifax abgelegt und nun blieb noch ein Seetag bis New York. Zeit zum Abendessen im Restaurant. Ein Tisch wird gefunden. Zwei Plätze sind noch frei. Ein amerikanisches Ehepaar kommt vorbei, sucht, sieht die freien Plätze und fragt, ob sie sich setzen dürften. Wir stellen uns vor. Sie ist hoch erfreut, sie sei Deutsche, vor 25 Jahren mit ihrem Mann in die Staaten gezogen. Bibliothekarin sei sie und ihr Mann arbeite bei der NASA, spräche inzwischen auch gut Deutsch. Am Buffet wird immer wieder Speise nachgefasst, alles verführerisch; es wird gegessen und geredet über Gott, die Welt, Politik.

Viele müssen auf dem Weg zum und vom Buffet an unserem Tisch vorbei. Auffällig viele jüngere Frauen mit enormen Leibesumfang und überladenen Tabletts hasten vorbei. Dick kann man nicht sagen, Fett würde es auch nicht treffen. Ein Wort, mit dem sich diese Leibesfülle beschreiben lässt, gibt es in unserer Sprache nicht. Einige trugen geschätzte 200 – 300 kg oder auch weit darüber mit sich herum. Sie liefen eigenartig, mussten sie doch ihre enormen Massen vor dem nächsten Schritt erst in Schwung bringen. Das gab ihrem Vorwärtsdrang etwas ruckartig Komisches.

Bei dieser Körperfülle war der Begriff Mode zu vernachlässigen. Ihre weiten Umhänge waren eher von der Art, dass man oben ein Loch für den Kopf gelassen hatte; die Arme wurden durch irgendeine Falte nach außen gesteckt. Unten berührten einige dieser zeltartigen Überwürfe in ungleicher Länge fast den Boden. Man dachte eher an eine Zeltplane, die übergeworfen wurde. Normalgewichtige Passagiere kamen vom Buffet und balancierten zumeist einen oder zwei Teller. Diese kräftigen Frauen trugen fast alle Tabletts. Einige waren mit Tellern und Schüsseln dicht gefüllt, andere hatten Speisen direkt auf das Tablett gehäuft, was so etwas an Schweinefutter erinnerte. Von der erhöhten Position des Tisches war das gut zu sehen. Während der Unterhaltung musste ich immer wieder auf diese extrem fülligen Frauen mit ihren prall befüllten Tabletts sehen.

Meinem Gegenüber, dem Mann der NASA, fiel das auf. Die Frau sagte, dass es ihr fast peinlich sei als Amerikanerin. Ihr Ehemann ergänzte, dass er sich entschuldigen möchte für seine Landsleute bei solchen Anblicken. Aber auch das sei Amerika! Nun schwenkte das Gespräch um zu den schattigen Seiten der USA.

Uns wurde erklärt, warum die mächtigen beobachteten Frauen so zahlreich auf dem Kreuzfahrtschiff auftraten. Die Erklärung war einfach. Kreuzfahrten sind in den USA wesentlich billiger zu buchen als in Europa. Für diese Leute, die Essen als Lebensinhalt für sich erschlossen hatten, ist diese Reise ein Paradies. Immer kann man essen, so viel man will. Diese Leute gehen kaum an Land. Ihr Reiseziel sei das Essen. Meist wären das aber Leute mit sehr geringem Bildungsstand. Das sei überhaupt das Problem vieler ihrer Landsleute. „Würden sie einen ganz durchschnittlichen Landsmann fragen, ob er 10 Bundesstaaten nennen könne, würden sie ihr blaues Wunder erleben!“. Ich fing gleich an Bundesstaaten von Nord nach Süd aufzuzählen. Beim 5. Bundesstaat stoppte er mich. Europäer bekommen das wohl alle hin? Viele seiner Landsleute könnten auch fast keine Bundesstaaten nennen, die an den eigenen Bundesstaat grenzten. Die Leute verlassen kaum ihre gewohnten Umgebungen, ihre Orte.

So wurden noch viele Probleme aus Deutschland und den USA erörtert. Über die eigenen Familien wurde auch gesprochen. Das Restaurant hatte sich schon vor Stunden gelehrt. Immer mal wieder hatten wir an der Bar einen Wein, ein Bier geholt und geredet. Die Tische der Umgebung waren schon für das Frühstück hergerichtet worden. Nach mehr als drei Stunden war der Eindruck entstanden: wir kennen uns seit langem. Doch jedem war klar, in diesem Leben, auf dieser Welt werden wir uns nie wieder treffen.

Es war ein schöner Abend …

ZEHN

Vor zwei Tagen hatten wir im US Hafen von LA abgelegt und sind jetzt seit 2 Seetagen auf dem Pazifik unterwegs. Mäßig warm, spiegelglatte Wasseroberfläche, ein schöner Tag. Frühstück, 7 Uhr, noch wenig Leute sind im Restaurant. Am Getränkebuffet stehen einige nach Kaffee oder Tee an.

Vor mir eine Amerikanerin mit 4 Tassen, die scheinbar mit ganz individuellen Kaffees gefüllt werden sollten: eine ohne Coffein, aber mit viel Milch, eine weiter Tasse mit 4 Zuckerstückchen, zwei weitere Tassen Kaffee nur mit Milch. Das dauert, ich komme nicht an das kochende Wasser für meinen Tee. Dann ist sie endlich fertig und dort angelangt, wo eigentlich die Tabletts liegen. Waren aber keine da! Das merkte sie auch. Nun schob sie zwei Tassen ans Ende der Ablagefläche, nahm zwei Tassen, schaute noch einmal auf die verbleibenden und ging zu ihrem Tisch. Ich stellte meine Teetasse ab, griff nach den zwei restlichen Tassen, folge der Frau. Man soll ja immer mal eine gute Tat vollbringen, auch am frühen Morgen. Sie stellte ihre Tassen ab, wollte zurück. Nun stellte ich meine zwei Tassen dazu. Große Verblüffung, kein Servicemitarbeiter, ein Passagier. 2 Ehepaare aus Atlanta saßen am Frühstückstisch. Es war ihre erste Kreuzfahrt. Zwei waren Lehrer. Mit einem German hatte bisher keiner von ihnen Kontakt! Gutes Gefühl, hast dich als hilfsbereiter Deutscher präsentiert und Eindruck gemacht, dachte ich bei mir. Nach kurzer Zeit war der Gag vergessen.

Nächsten Morgen, wieder Frühstück, wenig frühe Gäste im Restaurant. Meine Morgensuppe hatte ich auf den Teller gefüllt, etwas viel vielleicht. Die Suppe musste genau beobachtet werden. Sie wollte immer mal über den Tellerrand kriechen. Löffel fehlte noch. Wie üblich, Griff in die Löffelbox. Der Löffel zeigte sich störrisch, wollte nicht raus. Jemand hatte einen Löffel zu viel in die Box gepresst und weil sie gut geformt waren, hielten sie sich gegenseitig fest.

Suppe beobachten, zweiter Versuch mit etwas mehr Kraftaufwand. Der Löffel blieb in der Box, aber die Box hob sich etwas an. Die Suppe war schon wieder am Tellerrand. Nun kam doch so etwas wie Ungeduld oder auch eine kleine Wut auf. Für den Teller gab es keine Abstellmöglichkeit. Also, dritter Versuch. Suppenteller wieder ausbalancieren und dann ein kurzer kräftiger Ruck. Der Löffel gab sich geschlagen, aber einige seiner Löffelfreunde nutzten die Gelegenheit zu entkommen aus ihrer Enge in der Box. Jetzt hatte ich zwar den einen Löffel in der Hand, aber eine ganze Reihe anderer Löffel befanden sich in der Luft auf ganz unterschiedlichen Flugbahnen und Flughöhen. Einige vollführten Pirouetten, andere schossen Kobolz und landeten nacheinander gut hörbar auf den Fliesen des Bodens. Wie peinlich! Ankommende Frühstücksgäste schauten auf die Löffel am Boden, dann auf mich. Ein Teil der Suppe hatte diese Verwirrung dazu genutzt um den Fußboden zu erreichen.

Nun stellte ich den Teller doch auf dem Boden ab und begann die Löffel zu sammeln. Plötzlich waren vier weitere Löffelsammler an meiner Seite. Blick zur Seite, die Leute von gestern, denen ich Kaffee hinterher getragen hatte, unterstützten mich. Alle Löffel waren eingefangen. Ein Restaurant Mitarbeiter nahm sie an sich und warf sie in den Korb mit abgeräumtem Geschirr; dann wischte er meine Suppe auf. Die beiden amerikanischen Ehepaare konnten das Lachen und ihre Heiterkeit kaum bezwingen. So schnell kann eine gute Tat belohnt werden …

ELF

Weiter geht die Tour entlang der Küste Antarktikas. Die Elephanteninsel verabschiedete sich steuerbords, die Sonne beginnt sich vom Horizont zu lösen, auf dem sie des Nachts entlang gekullert war. Es kündigt sich ein schöner Polarsommertag an mit moderaten Temperaturen. Wenig Leute sind an Deck zu sehen. Voraus große 100 Meter hohe Eisberge, auf denen Pinguine herumturnen und uns neugierig beobachten. Das Panoramadeck endet vor dem Bug mit einer hohen Glaswand, die vor eisigen Winden schützt, und dem Hubschrauberlandeplatz. Das Ziel für Fotos bei steigender Sonne war eine große Kiste mit Rettungsmittel. Von der konnte man gut über die Glaswand hinweg schauen.

Aber da stand schon ein Mann auf der Kiste, der die Arme auf den Glasrand gelegt hatte und nach vorn schaute. Die Kiste war lang, also stieg ich auch hinauf und schaute ebenfalls nach vorn, um zu sehen, wie das Schiff in Kleiner Fahrt zwischen den Eisbergen hindurch kurvte. Der Mensch neben mir war eigenartig gekleidet. Standard hier waren dicker Anorak und Mütze. Er sah aus wie ein Farmer aus dem Westen der USA mit breitkrempigem Hut und Lederkleidung. Ob der nicht friert, fragte ich mich? Schweigend beobachteten wir nun zu zweit das Polarmeer vor dem Bug. Mehrere Orkas von erheblicher Größe tauchten immer mal wieder vor dem Bug auf. Albatrosse und andere große Seevögel schleppten große Fischstücke weg, die von den Schrauben am Heck zerhackt worden waren.

Mein Nachbar sagte plötzlich etwas in Englisch, sah aber weiter gerade aus. Vermutlich führt er aus Ergriffenheit ein Selbstgespräch, dachte ich. Ich war nicht angesprochen und reagierte nicht. Dann sah er mich an und wiederholte das eben Gesagte. Dabei fiel mir auf, dass er ganz schön alt sein musste. Ihm wurde mitgeteilt, dass das eigene Englisch miserabel sei und keine Unterhaltung möglich zulasse. Danach Schweigen! Dann ein neuer Anlauf. Bist du ein German? Das wurde bestätigt. Nach kurzer Pause redete er weiter in schwer verständlichem Deutsch , immer nach Begriffen suchend. Als 17jähriger sei er 1947 auch in Deutschland gewesen, in Berlin, als Angehöriger der US Army, 2 Jahre lang. Er hätte mal recht gut Deutsch sprechen können.

Immer wieder nach Vokabeln suchend, mit schwer verständlicher Aussprache erzählte er, dass er 90 Jahre alt sei, mit seinem 65jährigen Sohn die letzte Reise seines Lebens unternähme. Schon ein Kindertraum sei es gewesen, das ferne Land mit dem vielen Eis zu erleben. Sein Sohn sei mit auf dem Schiff und habe alles organisiert. Bei jedem Satz fieberte ich mit ihm, dass er ihn zu Ende bringen würde. Immer mal ergänzte ich Begriffe, die ihm nicht mehr geläufig waren. In Texas lebe er und habe weit draußen eine kleiner Farm. Dann wollte er wissen, wie das mit der Wende in Deutschland gewesen sei und ob ich aus Ost oder West käme. „Osten!“, sagte ich. Da schwieg er erst mal. Das irritierte ihn irgendwie. Ich war wohl ein Kommunist!? Seine Sprache war flüssiger geworden und er wunderte sich selbst, dass ihm diese Sprache Deutsch noch so geläufig war, obwohl er sie doch nie wieder benutzt hätte.

Inzwischen hatten wir uns auf die Kiste gesetzt. Mir war kalt geworden. Er schien nicht zu frieren. Frühstückszeit war geworden und viele Passagiere strebten dem Restaurant zu. Nicht zu glauben! Da triffst du am Ende der Welt, vor der Küste des Kontinents Antarktika einen Menschen, der am Ende seines Lebens angekommen ist und der sich seinen letzten Wunsch erfüllt mit dieser Reise. Der spricht Deutsch und erkundigt sich nach deinem Land, hat in Berlin 2 Jahre seines Armeedienstes abgeleistet und interessiert sich für das Deutschland von heute. Vor der Trennung drückten wir uns die Hände. Trotz der Kälte waren seine Hände warm. Beide wussten wir, wir hatten nur diese eine Stunde auf dieser Welt gehabt …

ZWÖLF

Gegen 10 Uhr soll die Paradise Bay erreicht werden, wurde über die Bordlautsprecher mitgeteilt. Das Oberdeck ist fast leer am frühen Morgen. Backbord im Bugbereich stehen einige Asiaten, vermutlich Chinesen. Alle haben einen Minihörer im Ohr und vorn an der Reling spricht jemand in ein Mikro und gestikuliert heftig mit den Armen. Alle schauen auf die mindestens 100 Meter hohen vorbeigleitenden Eiswände. Gerade beginnt sich die Polarsonne vom Horizont zu lösen, wo sie die Nacht zugebracht hat. Alles überzieht sie mit Licht aus flüssigem Gold.

Zwei Kameras habe ich dabei und überklettere Absperrungen, steige verbotene Treppen hinauf, um interessante Aufnahmeperspektiven zu finden. Vorher wurde genau beobachtet, ob nicht doch irgendwo versteckt Videokameras angebracht waren. Ärger auf diesem amerikanischen Schiff wäre nicht gut. Vogelperspektive, Normalperspektive, Froschperspektive, Licht, Gegenlicht, Schatten sollten diese Fotos beleben. Für die Froschperspektive musste ich auf den Bauch, weil die Displays der Kamera nicht beweglich waren. Von der Gruppe an der Reling schauten immer mal Leute zu mir herüber. Dann ein kollektiver Aufschrei, gemeinsames Wegducken und ängstliche Blicke nach oben.

Ein Albatros mit geschätzter Flügelspannweite von mehr als 3 Metern hatte sich wohl übernommen, als er am Heck ein großes Fischteil, das die Schrauben dort zerlegt hatten, aus dem Wasser gezogen und wegschleppen wollte. Er erreichte nicht die nötige Flughöhe, wollte das Fischteil vermutlich aber auch nicht fallen lassen und strich wie ein Segelflieger in geringer Höhe über die Gruppe hinweg. Der erneute Versuch eines Steigfluges scheiterte wieder. Er konnte nicht Höhe gewinnen. Endlich ließ er die Beute fallen. Dicht an der Bordwand sauste das Teil wieder ins Wasser zurück. Jetzt erst sah ich die Kamera aufnahmebereit in meiner Hand. Zeit für Fotos wäre gewesen, aber der Anblick war so faszinierend, dass ich vergessen hatte auf den Auslöser zu drücken. Sehr ärgerlich.

Fotos hatte ich nun genug und dachte an Frühstück. Nahe der Gruppe sah ich die Aufnahmen durch, löschte einige und verstaute die Kameras. Da kam eine junge, schlanke Frau mit pelzbesetztem Kurzmantel, Fellcape und warmen Stiefeln auf mich zu. Sie hatte eine Profikamera dabei, die ich bei Amazon schon mal gesehen hatte – mehr als 5000 Euro teuer. Aus Gestik und Mimik war zu entnehmen, ich sollte sie fotografieren mit ihrer Kamera. Auf Reisen geschieht das häufig überall auf der Welt. Nun wurde noch die Tasten für Auslöser und Zoom gezeigt. Dann fummelte sie noch an der Einstellung des Aufhellblitzes herum. Wie üblich, dachte ich, Aufstellung an der Reling mit schönem Hintergrund und dann knips, knips. Warum betreibt die so einen Aufwand mit der Erklärung der Kamerafunktionen? Sie hatte anderes vor.

Kurz schaute sie sich um, ging zu ihrer Gruppe, sagte etwas und rückten alle einen Meter zur Seite. Sie sah kurz auf einen bizarr geformten hinter ihr vorbei gleitenden Eisberg, dann zu mir und begann in schneller Folge unterschiedliche Posen einzunehmen. Arme hinter den Rücken, über den Kopf, auf die Reling, nach hinten, Profil rechts links und anderes. Das war gewöhnungsbedürftig. Doch nicht nur ein Erinnerungsfoto!?

Nach kurzer Zeit hatte ich heraus, immer dann den Auslöser zu drücken, wenn sie von einer Pose zur nächsten sekundenlang erstarrte und Gestik, Mimik korrigiert hatte. An der Blitzfolge konnte ich erkennen, dass ich oft zu lange den Auslöser gedrückt hatte. Viel zu viele Bilder! Zum Schluss noch einige gezoomte Fotos als Großaufnahme. Sie war exotisch schön. Dann kam sie, nahm die Kamera, schaute die Bilder durch, löschte einige und gab sie zurück. Es war also noch nicht alles?

Zurück an der Reling hatte sie einem aus ihrer Gruppe ihren Mantel übergeben zum halten. Unter dem Mantel trug sie ein intensiv farbiges Minikleid. Interessant: Fellmütze, Pelzstiefeln und dann diese kurzärmlige Kleidchen. Komplett unangepasst! Wieder begann sie unterschiedliche Posen einzunehmen. Jetzt waren wir eingespielt. Polarsommer mit enormer Windgeschwindigkeit sind nicht warm. Nach kurzer Zeit musste sie wieder ihren Mantel holen. Sie kam näher, nahm wieder die Kamera, schaute die Fotos schnell durch, schien befriedigt zu sein, verbeugte sich, lächelte und ging zu ihrer Gruppe zurück. Alle hatten interessiert zugeschaut. Irgendwie peinlich war das! Sie muss Model sein, denn alle Posen, die sie einnahm, schienen Routine zu sein. Warum hatte sie niemanden aus der Gruppe um die Fotos gebeten? Vermutlich hatte sie mich bei meiner Fotografiererei beobachtet und für einen Profi gehalten.

Nun schnell Frühstück, Fotos durchsehen, Akkus wechseln und noch etwas TV schauen in der Kabine. 10 Uhr, Paradise Bay. Das Schiff lag ruhig. Zeit verpasst: schon 10.30 Uhr. Alle 3000 Passagiere waren an Deck und bildeten mehrschichtige Reihen dort, wo die besten Fotostandorte waren. Verzweifelt rannte ich herum, aber keiner machte Platz. Die riesige Bay, gefüllt mit Eisbergen, war zu sehen und in der Ferne die chilenische Antarktis Forschungsstation. Zodiacs eines entfernt liegenden Expeditionsschiffes waren unterwegs, dazwischen schauten immer mal Orcas aus dem Wasser oder verschwanden mit ausschlagender Schwanzflosse.

Plötzlich ein Ruckeln am Ärmel. Da war das Model vom Vormittag wieder. Sie fasste die Hand, zog mich hinter sich her zu ihrer Gruppe. Die hatten eine hervorragende Sicht dicht an der Reling. Sie sagte etwas, eine Gasse wurde frei und nun konnte ich dicht an das Geländer heran treten für Fotos. Nachdem ausreichen Bilder vorhanden waren, meldete sich der Kapitän und teilte mit, dass er dieses 350 Meter Schiff zweimal um seine Achse drehen werden, damit jeder zu guten Bildern kommt. Mittagessen, andere Erlebnisse mit Pinguinen, die von den Eisbergen herab uns scharf beobachteten, spielende Orcas ließe das Vormittagserlebnis in den Hintergrund rücken. Zwei Tage später sahen wir uns nochmal im Theater, dann in Montevideo auf dem Hafenvorplatz. Wir winkten uns zu wie alte Bekannte …

DREIZEHN

Mitte April – Autoscheiben kratzen. Am Abend hatte es geregnet. Dann hatte sich das Hoch LISA breit gemacht und kalte Luft ins Land gelenkt. Der Motor läuft. Heck, Frontscheibe tauen automatisch ab. An die Seitenscheiben muss der Eiskratzer ran. Die Eisteile ringeln sich wie Hobelspäne. Kratzen! Aber der Gedanke Eis spult weiter – Eis, Speiseeis, Softeis. Weitere Gedankenteile werden aus dem internen Speicher abgefordert, wursteln noch ein wenig und dann das Ergebnis: Erinnerung an eine Mittelmeer Kreuzfahrt mit MSC, Mittagessen, Softeiszubereitung. Die Autoscheiben sind vom Eise befreit – klare Sicht.

Es war an einem Seetag auf dem Kreuzfahrtschiff von MSC, sonnig; Mittagessen im Restaurant war vorbei. Das Dessert bestand aus Kuchen, Kaffee und selbst gezapftem Softeis. Nun klebten die Finger, Servietten – wo? Vorn, neben dem Softeisautomaten, liegen Servietten. Während des Wegs zur Serviettenbox beim Eisautomaten war eine Frau zu beobachten, die ihren Eisbecher akkurat gefüllt hatte und nun an dessen Verschönerung arbeitete: etwas Fruchtmus, Fürchte, bunte Zuckerstreusel und am Ende kam noch ein kleines Schirmchen auf den Eisberg. Die nächste war dran: tiefer Teller, darauf eine Suppenschüssel. Die hatte mehr vor. Sicher Italienerin, die Eis für den ganzen Familientisch holt.

Gedankenverloren wurden die Finger von klebrigen Substanzen gereinigt und dem Füllvorgang zugeschaut. Ein ordentlicher Berg Schokoeis befand sich nun in der Schüssel, halbvoll. Nu drückte sie die Klinke für das Vanilleeis, schaute herüber zu mir und beobachtete den Füllvorgang weiter. Dann, Klinkenhebel loslassen, Schüssel war gefüllt. Aber, das Eis quoll weiter aus der Öffnung. Hektisch drückte sie den Hebel für den Eisauslass mehrmals. Das Eis quoll weiter.

Das Softeis hatte nun den Schüsselrand erreicht, quoll über und kleckerte auf den untergesetzten Teller. Erste Eisfladen waren noch weiter und tropften auf den textilen Fußbodenbelag. Die Serviette wurde in der Hand zerknüllt und eine Hilfsaktion eingeleitet. Mehrere wuchtige Schläge auf den Verschlusshebel brachten keine Lösung. Unten war jetzt schon eine gut sichtbare Eispfütze zu sehen.

Abräumkellner für das schmutzige Geschirr hasteten vorbei, riskierten ein Auge, hasteten weiter. Die Frau flüsterte immer wieder „Mama mia!“, stand wie erstarrt und klammerte sich am Eisteller fest. Meiner Aufforderung, das Eis doch abzustellen, kam sie nicht nach. Sie schaute dem Vorgang weiter verkrampft zu. Was weiter tun? Schuftig fühlte ich mich, als sie allein ließ in ihrer Eisnot. Auf dem Weg zum Tisch kam der Chef des Restaurants entgegen, Hände auf dem Rücken, freundlich rechts und links lächelnd. Er wurde angesprochen und zum Unfallort gelotst. Dort schmetterte er seine Faust mehrmals auf die Auslassklinke. Das Vanilleeis quoll weiter. Nun lächelte er nicht mehr. Zuschauer hatten sich eingefunden. Das Märchen vom „Süßen Brei“ aus Kindertagen kam mir in den Sinn. Das Zaubertöpfchen auf dem Herd kochte und kochte, füllte Küche und Haus. Damals hatte ich mir vorgestellt, wie das sei, sich durch den süßen Brei zu essen.

Der Restaurantchef ergriff nun die Initiative. Er orderte mehrere Eimer und einen Nasssauger, einen Handwerker auch. Der war bald da mit seinem Werkzeugkasten, öffnete ein großes Seitenteil des Automaten. Zu sehen waren eigentlich nur Rohre und Armaturen, die in der Wand dahinter verschwanden. Der Eisauslass war nur Verkleidung. Die Maschine musste im Raum dahinter stehen. Das begriff er auch, verschwand, war aber nach kurzer Zeit wieder da. Das Eis quoll weiter. Die Frau war verschwunden, Servierkräfte beherrschten jetzt das Feld, der große Nasssauger arbeitete. Nach dem dritten 10 Liter Eimer wurde das Ereignis uninteressant. Nur, gewusst hätte ich gern noch, wieviel Eimer Speiseeis der Automat noch produziert und ausspucken wird.

Kurz vor dem Abendessen fiel der Blick nochmal auf den Eisautomaten. Der für Schoko/Vanille zuständige Teil war mit Signalband umklebt, der andere, für zwei Sorten Fruchteis, war frei für den nächsten Tag. Wieviel Eimer waren in der Maschine? Ein Kellner teilte mit, dass es 10 Eimer gewesen seien.

Hoffentlich verzieht sich das Hoch LISA, nicht noch einmal zu Frühlingsbeginn Eis kratzen …

VIERZEHN

Reist man oft, hat man auch viele unvorhersehbare Begegnungen mit Menschen. Ist man mal beim Nachdenken über solche Kontakte. Gehen immer neue Dateien im Gehirnspeicher auf.

In Islands wars, vor wenigen Jahren. Das Schiff von AIDA hat am Ende des Fjords Seydisfördur festgemacht, kann nun verlassen werden, Landgang. 5 Stunden stehen für individuelle Wanderungen in die Umgebung zur Verfügung. Ein kleines Dorf, Seydisfördur, beginnt wenige Meter hinter dem Kai. Künstler haben sich hier festgesetzt, ihre Häuser ganz individuell dekoriert, so manches am Straßenrand aufgestellt und den Weg zur Kirche in Regenbogenfarben ausgemalt.

Nach dem Ort beginnt ein leichter Anstieg. Eine elektronische Tafel zeigt an, dass auf Passhöhe noch Schnee und Eis zu finden sind und die Temperatur unter 0°C liegt. Am Friedhof geht es vorbei und dann, nach einer Biegung, ist ein großer Golfplatz zu sehen. Der Golfplatz ist riesig und endet erst oben unterhalb von Felsen. Die Schranke ist geöffnet und 100 Meter weiter, mitten auf dem Platz, steht eine Bank. Keiner da! Der Weg zur Bank führt über Rasen, der so dicht ist, dass man wie auf Watte läuft. Aber in den Fjord kann man wie vermutet nicht hinein schauen. Für Fotos muss man noch ein Stück höher laufen. Keiner da! Traumhafte Bilder vom Fjord, die ihn umgebenden hohen Felsen und dem Schiff werden gefertigt. Nachkontrolle der Fotos. Hinter dem Rücken ein Geräusch, ein elektrisches Golfmobil hält. Jetzt wird Ärger!

Ärger wurde nicht. Wortlos geht der ältere gepflegte Herr zum Heck des Mobils, entnimmt einen Golfschläger immer noch wortlos und deutete an, ich sollte zuschauen. Dann positionierte er seine Füße, schaut zu mir herüber, bückt sich, steckte in die Erde eine Unterlage, auf der er den Golfball platzierte. Dann probte er, ob der Griff die richtige Länge für den Schlag hat. Mit einem sanften Schubser flog der Ball wenige Meter. Nach dieser Demonstration sammelte er den Ball wieder ein und drückte mir den Golfschläger in die Hand. Gesprochen hatte er immer noch kein Wort.

Während er den Golfschläger übergab, zog er mit der anderen Hand meine Kamera über den Kopf und deutete an, jetzt wäre ich an der Reihe. Er knipste mein Tun. Die Füße stellte ich so, wie ich es oft im Film gesehen hatte, versuchte einige Probeschläge. Danach wurde ordentlich ausgeholt, um den Ball zu treffen. Die Höhe Schläger zum Ball war wohl nicht richtig berechnet. Der Hieb mit dem Schläger beförderte Ball, Unterlage und einen großen Rasenbatzen einige Meter weit. Er hatte Fotos gemacht und freute sich diebisch über das Missgeschick. Noch immer hatten wir kein Wort gesprochen. Danach schlug er den Ball ganz professionell den Golfplatz weiter hoch, setze sich in sein Mobil, winkte mir zu und war bald hinter einem Wall verschwunden.

Meine Begleiterin saß immer noch auf der Bank, hatte unseren Kontakt beobachtet, konnte sich keinen Reim daraus machen. Ich hatte etwas fast Abenteuerliches zu erzählen. Den Golfer sahen wir immer mal wieder oben am Ende des Platzes. Dann war er wieder verschwunden. Nach vielleicht einer halben Stunde war er auf dem Weg nach unten. Nun ging ich ihm entgegen, um diese interessante Begegnung im Foto festzuhalten. Warten, Anfahrt des Golfmobils, Fotografieren, dann war er da. Steckte ein Fähnchen neben ein eingelassenes Rohr in die Erde, platzierte den Ball, kam zu mir, übergab mir den Schläger und deutete an, ich solle den letzten Schlag seines Spiels tun. Blamieren wollte ich mich nicht noch einmal. Die Entfernung zum Wimpel betrug vielleicht 8 – 10 Meter. Nach mehreren Probeschlägen schlug ich sanft zu. Der Golfball behielt die Richtung bei, wurde langsamer und langsamer, blieb vielleicht 10 Zentimeter vor dem Loch liegen. Er klatschte in die Hände und schubste den Ball wie zufällig ins Loch. Danach sollte ich mich in sein Golfmobil setzen.

Er wollte wissen woher? Nun begann unsere Unterhaltung mit wenig Worten. Er verstand kein Deutsch, ich kein Isländisch. Über ein paar englischen Brocken und Internationalismen war folgendes zu erfahren. Er sei 89 Jahre alt, mache täglich diese Runde, habe zwei Kinder, die auch schon über 60 Jahre alt sind. Die Frau war vor zwei Jahren gestorben.

Alles an ihm war Herzlichkeit, Wärme. Wie ist es möglich, dass man sich kaum ohne Worte verständigen kann? Meine Begleiterin war neugierig näher gekommen. Er fragte: „Frau?“ Danach nahm er wieder meine Kamera, reichte die meiner Frau und deutete an, sie solle uns fotografieren. Lange hielten wir uns zum Abschied an den Händen, sahen uns an. Nie würden wir uns auf dieser Welt noch einmal begegnen. Unsere Jahre und Tage waren gezählt. Nicht einmal unsere Namen hatten wir getauscht. Dann fuhr er weiter!

FÜNFZEHN

Kreuzfahrten haben nichts von ihrem Reiz verloren. Aus alter Zeit wirken bis heute alte Traditionen nach. Am Abend wird das Dinner zelebriert. Kellner bilden am Eingang Spalier. Man wurde zum Tisch begleitet und konnte zeigen, was man so an Garderobe zum Vorzeigen hatte. Tische mit 6 – 8 Personen wurden besetzt. Man achtete dabei auf Alter und auch Bildungsgrad. Zwei Tage fremdeln, aber dann kennt man sich und pflegt gediegene Konversation. Heute sind die abendlichen gepflegten Dinner weitgehend ersetzt durch SB-Restaurants. Zeitgemäß sozusagen …

Neben mir sitzt ein älterer Herr, der bisher nichts gesagt hat. Seine Frau dominiert die Tischrunde. Er antwortet zwar auf Fragen, machte aber deutlich, dass mehr nicht sein sollte. Nach zwei Tagen nebeneinander antwortete er auf eine Frage, sprach aber bei einem Anknüpfungspunkt zu besonderen Erlebnissen weiter. Er habe nach der Wende Schnellboote der DDR Marine nach Thailand verkauft für die Treuhand. Das hörte sich interessant an. Meine Fragen trieben ihn vorwärts.

Er erzählte, dass er am Bodensee lebe, einen kleinen Industriebetrieb besessen habe. Nach seinem 50. Geburtstag gab es ein günstiges Angebot, er habe verkauft. Das Geld würde bis zum Lebensende reichen. Aber, führte er fort, 50 Jahre ist noch nicht das richtige Alter um gar nichts mehr zu tun. Er habe die Situation nach der Wende im Osten in den Medien verfolgt und auch von der Treuhand gehört, die die DDR verkaufen sollte. So sagte er und dachte wohl auch so.

In einer überregionalen Tageszeitung las er wenig später eine Anzeige, in der ein Mann gesucht wurde, der sich in thailändischen Dialekten auskennt, Ingenieurwissen im Bereich Maschinenbau/Motoren besitzt und Erfahrungen im Management hat. Das roch etwas etwas nach Unterhaltung und Abenteuer. Er bewarb sich. Kurze Zeit später wurde er nach Berlin geladen zu einem Gespräch und stellte fest, dass er der einzige Bewerber war. An der Bedingung, sich in Thailand in Sprache und Umgangsformen auszukennen, sind andere Bewerber gescheitert. Seine Eltern arbeiteten im diplomatischen Dienst. Er sei in Thailand geboren, habe dort unterschiedliche Schulen in verschiedenen Regionen des Landes besucht, weil die Eltern immer mal versetzt worden sind.

Erste Kontakte zu Regierungsstellen in Thailand seien geknüpft, hatte er in Berlin auf den Weg bekommen. Er solle dort 5 Schnellboote russischer Herkunft verkaufen. Genaueres wollte er wissen, aber die in Berlin hatten nur wenig Ahnung. Boote vom Militär, da hatte er keine Wertvorstellungen. Er fragte nach dem Preis. Der wurde genannt, erschien aber so niedrig, dass er fragte, ob es sich wohl um Schrott handle. Er wolle die Objekte sehen und wenn möglich auch mal damit fahren. Er war eben Unternehmer gewesen. Man sagte zu und am nächstens Tag wurde er an die Ostsee kutschierte.

Die Dinger, die im Militärhafen festgemacht waren, waren wesentlich größer, als er sich das vorgestellt habe. Ein Boot war besetzt und der Kommandant führte ihn herum. Ihm sei aufgefallen, relativ neu war die Technik und gut gepflegt. 70 km/h sollen diese Boote laufen. 5 Flugzeugmotore waren auf der Antriebswelle montiert. Bei denen im Osten kann man ja nie wissen; er wollte noch ein weiteres Boot nach eigener Wahl sehen. Auch das erschien gewartet, gepflegt und konserviert. Für Raketenabschusseinrichtungen und schwere Maschinenwaffen hatte er keinen Blick.

Eine einstündige Fahrt sei vorgesehen gewesen. Im Fahrstand wurde er angegurtet und bis zum Hafenausgang verhielt sich das Boot noch ganz manierlich. Dann wurden die Motoren nacheinander gestartet und die Hölle brach los. In sehr kurzer Zeit waren 70 km/h erreicht. Das Boot schien mehr in der Luft zu sein als im Wasser uns schlug immer wieder hart auf der Wasseroberfläche auf. Nun wurde noch demonstriert, wie wendig das Boot sei und Haken schlagen könne. Aber das interessierte ihn schon nicht mehr. Mehr tot als lebendig hing er in seinen Gurten und habe nur einen Gedanken gehabt: wann ist die Stunde um? Während des Anlegemanövers wurde er als Wessi unauffällig beobachtet. Die Leute an Bord konnte er verstehen. Es war ihre letzte Ausfahrt. Im Hafen wartete der BMW, der ihn nach Berlin zurück bringen sollte. Dazu fühlte er sich nicht in der Lage und nahm ein Hotelzimmer. Rückfahrt am nächsten Tag.

Am nächsten Tag in Berlin wiesen ihn Experten in technische Details ein und in die schon in Thai übersetzten Vertragsdokumente. „Und der Verkaufsbetrag?“, wollte er wissen. Der vorgesehene Betrag für die 5 Schiffe erschien ihm viel zu niedrig. Die denken dort, ich verkaufe Schrott. Der Betrag wurde kurzerhand um ein paar Millionen erhöht. Wenn er an seinen Betrieb dachte, er habe mit jeder Mark gerechnet. Eigenartig hier alles, dachte er!

Zwei Tage später flog er dann nach Thailand. Eigentlich hatte er gedacht, ein Jurist oder ein Experte für Vertragsabschlüsse würden ihn begleiten. Er sei nur für die Sprache und Kenntnis der Gepflogenheiten im Lande verantwortlich, was im Land sehr wichtig ist. Nun war er alles in einer Person und bereute seine Bewerbung. Mit dem Taxi suchte er in Thailand zuerst das Hotel auf, dann fuhr er weiter ins Ministerium. Dort begrüßte ihn niemand und einen kompetenten Ansprechpartner fand er auch nicht. Sollte doch alles organisiert sein!? Am nächsten Tag gäbe es einen Termin, ließ man ihn nach längerem Herumfragen wissen!

Das war der erste Abend am Tisch, an dem er geredet hatte wie ein Buch. Nachfragen waren kaum nötig. Das abendliche Dinner war beendet. Die Leute gingen in die Bars oder zur Show. Das waren interessante Mitteilungen. Die anderen vom Tisch kümmerten sich nicht weiter um uns. Am nächsten Abend setzte er seine Berichterstattung fort.

Nächsten Vormittag dort in Thailand, so berichtete er weiter, saßen ihm als Zivilperson 4 Uniformierte gegenüber: Verhandlungsleiter, Jurist, 2 Offiziere der Marine. Seit dem Vortag lagen denen die Vertragsdokumente in Thai vor. Er war sich vorgekommen wie der letzte Dreck, alleingelassen. Das einzige, was er konnte, er beherrschte die Sprache und das will in Thailand etwas heißen. Da gibt es die gehobene Sprachebene, die Umgangssprache, die Sprache des Königshauses, die Ebene der Mönchssprache und eben auch die sprachliche Beamtenebene. Da sollte man nichts durcheinander bringen! Durch seine Diplomateneltern habe er viele dieser Ebenen kennen gelernt. Das einzige, was er dieser geballten Verhandlungsmacht entgegenzusetzen hatte, waren seine Lebenserfahrungen als Unternehmer.

Die einzelnen Vertragspositionen wurden durchgearbeitet, dann kam der Kaufbetrag dran. Er nannte ihn. Stille! Danach wurde gefragt: „Für ein Boot oder alle?“ Zögernd sage er, weil er diese Frage bei der Treuhand auch gestellt hatte: „Für alle!“ Blicke werden getauscht, geflüstert wurde. Dann waren die Verhandlungen unterbrochen. Ihn ließ man sitzen. Wie ein Vertreter Deutschlands kam er sich jetzt gar nicht mehr vor. Nach geraumer Zeit kam der Verhandlungsleiter zurück, frage nach, ob denn das alles Schrott sei? Das verneinte er, es seien relativ neue russische Schnellbote. Sie hätten sein Wort! Die Verhandlung wurde vertagt auf den nächsten Tag.

Das war eingetreten, was er befürchtet habe. Der geforderte Betrag konnte nur bedeuten: alles Schrott! Im Hotel habe er dann hektisch versucht mit Berlin zu telefonieren. Es war 1991. Da klappte es mit Ferngesprächen noch nicht wie heute. Was tun? Da man ihm aufgetragen hatte, den Vertragsabschluss nicht platzen zu lassen, erhöhte er den Vertragspreis um einige Millionen Dollar eigenmächtig.

Am nächsten Tag während der Verhandlung schilderte er dann, dass er die Boote gesehen, gefahren sei damit, gedacht habe, das überlebe er nicht und dass sie sich auf sein Wort als Unternehmer verlassen können wiederholte er. Seine Schilderung von der Ausfahrt muss sehr überzeugend und anschaulich gewesen sein, besonders bei den beiden Marineoffizieren. Änderungen gab es dann noch an Garantie, Werterhaltung und Personalausbildung. Es kam zur Unterschrift.

Er war erleichtert. Seine Mission sei zu Ende gewesen. Eigentlich hatte er gedacht, man würdige in Berlin die Millionen Dollar, die er mehr erzielt hatte, beachten. Das aber war fast völlig uninteressant. Mit wirtschaftlichem Verstand habe das alles nichts zu tun gehabt. Sein eigenes Unternehmen hätte bei dieser Arbeitsweise kein Jahr überleben können. Froh war er, dass seine Mission beendet war. Gut bezahlt sei er worden, habe diese Geschichte im Bekanntenkreis mehrmals zum Besten gegeben. Häufig sei da ungläubiges Staunen gewesen. Manche haben gedacht, er wäre unter die Märchenerzähler gegangen. Langsam vergaß er die Thailandepisode. Fast ein Jahr war vergangen. Die Treuhand meldete sich wieder bei ihm.

Davon berichtete er am folgenden Abend. Ich war gespannt.

Wieder nach Berlin. Dort erfuhr er, es gäbe mit den Schnellbooten erhebliche Probleme. Er müsse noch einmal nach Thailand fliegen. Was dort passiert sei, wollte er wissen? Die Motoren seien nacheinander fast alle ausgefallen. Die Erklärung war einfach.

Die Einsatzorte im Territorium Thailands seien kleine Inseln gewesen. Die Kontrollfahrten wären meistens auch Schleichfahrten gewesen, um Rauschgiftschmugglern auf die Schliche zu kommen. Oft haben sie dort welche aufgespürt und gefasst, denn mit dem Tempo der Schnellbote konnte keiner mithalten. Aber dort sei überall die Wassertiefe sehr gering und die Schmuggler sind einfach in flaches Wasser ausgewichen. Da nutzte die hohe Geschwindigkeit nichts mehr. Die Motoren in den Booten seien Flugzeugmotoren, die für den Betrieb hohe gleichbleibende Drehzahlen benötigen. Einer nach dem anderen wäre ausgefallen. Er solle sich die Sache ansehen. Es war wie beschrieben. Man pochte dort auf die Garantie und neue Motoren.

Er berichtete in Berlin, wollte aber mit der Sache nichts mehr zu tun haben. Wie die das dann gelöst haben, wollte er dann aber doch wissen. Ein Treuhandangestellter informierte ihn weiter, ganz privat. Man habe bei den Russen versucht, neue Motoren zu bestellen. Dieser Typ war nicht mehr in der Produktion. Auch für ordentlich Geld waren die nicht bereit zu helfen. Die Thailänder bestanden auf Erfüllung der Vertragsbedingungen. Man konsultierte deutsche Konzerne mit Motorerfahrung. Man fand einen, der bereit war, Motoren zu entwerfen, zu produzieren in beschränkter Stückzahl, sozusagen in Manufakturarbeit. Motoren sollten es sein, die besser angepasst an die dortigen Verhältnisse sind. Die Motoren wurden geliefert und eingebaut. Die Bedingungen waren erfüllt.

Das muss doch irre teuer gewesen sein, die Motoren zu ersetzen, vermutete er? Sein Gewährsmann bei der Treuhand druckste erst herum, nannte auch keine genauen Zahlen, sagte aber, dass die Motoren mehr gekostet hätten als die Boote eingebracht haben.

An den folgenden Abenden nahmen auch andere Tischnachbarn am Gespräch über die Treuhand teil. Da die meisten Tischgäste aus dem Westen kamen, von Treuhand eigentlich nur den Namen kannten, kamen sie aus dem Staunen nicht heraus und dachten auch hier an „Märchenstunde!“. Wir zwei Tischgäste aus dem Osten konnten ähnliches zur Arbeitsweise dieser Bundesbehörde einbringen. Mehrfach hatten wir das selbst erlebt in unmittelbarer Umgebung: Verkauf von Industriebetrieben für eine Mark unter der Bedingung, dass Arbeitsplätze erhalten werden, investiert wird. Viele hielten sich nicht daran. Käufer legten gefälschte Bankdokumente vor und kauften sich für eine Mark ein. Viele Mitarbeiter der Treuhand müssen mit dieser Aufgabe komplett überfordert gewesen sein. Einige Käufer waren dabei, die in Deutschland und Europa per Haftbefehl gesucht wurden wegen Betrügereien und Wirtschaftskriminalität.

Zuerst wurden die Firmenkonten der Einkäufe geplündert, dann die Maschinen, die zum Teil im westlichen Ausland gekauft worden waren, in einer Nachtaktion demontiert und abgefahren. Am Morgen waren die Werktore verrammelt. Ein Konkurrent weniger! Es muss aber auch gesagt werden, dass es nicht nur schwarze Schafe gab, sondern andere, die den Aufbau Ost ernst genommen haben.

15 Jahre sind seit der Erzählung des Tischnachbarn auf dem Kreuzfahrtschiff vergangen. Ob alle Details in der Erinnerung genau so waren, da bin ich doch etwas unsicher. Aber die großen Zusammenhänge stimmen auf jeden Fall.

CHARLY – ein ganz alltägliches Leben in der DDR

Wieder mal Frühling! Seit Tagen steht die Sonne am Himmel, Temperaturen wie Mitte Mai, hohe Lufttrockenheit. Alles wie es sein soll – nur, an Regen fehlt es seit Jahren. Kirschbäume stehen in voller Blüte, einige Gräser quälen sich aus dem Boden, jetzt, Mitte April. Menschen sind Max bisher nicht begegnet. Das Coronavirus fesselt Kinder mit ihren Eltern staatlich verordnet ans Haus. Das öffentliche Leben ist zum Stillstand gekommen. Alles ist geschlossen, alles menschenleer, doch sportliche Betätigung und Spaziergänge sind erlaubt. Warum verstecken sich aber die Leute in ihren Häusern? Angst? Max war fast jeden Tag am späten Vormittag unterwegs auf einem seiner Wanderwege. Er blieb hier und da mal stehen, erfreute sich an der Kirschblüte und den leicht sich gelblich färbenden Rapsfeldern. Ein Kirschzweig hängt weit herunter. Die Blüte betrachtet er genauer und hört das Summen von Bienen. Die gibt es also noch! Mit Wehmut dachte er daran, dass es vielleicht das letzte Frühlingserwachen sein könnte, was er erlebt mit seinen 80 Jahren. Es waren doch seine Bonusjahre! Hatte er sich diese nicht verdient? Nun gehört er zu denen, die das Covid 19 am meisten liebt. Diese Vorstellung beunruhigt ihn. Naturschönheiten der erwachenden Natur könnte er bald schon nicht mehr erleben!?

Aber Milliarden von Menschen vor ihm konnten das auch nicht. Nach höchstens zwei Generationen ist nicht mal mehr bekannt, dass es ihn überhaupt gegeben hat. Covid 19 war durch alle angeordneten Einschränkungen des öffentlichen Lebens dabei, ihm seine letzten Jahre zu stehlen. Langsam war er den Hang hinauf weiter gegangen und schaute auf zu einer älteren Gartenanlage mit vielen Parzellen, auf denen man die zu DDR-Zeiten erbauten Gartenhäuschen kaum noch sehen konnte zwischen den angepflanzten und gewachsenen Bäumen. Er kannte diesen Hang noch als alte Obstplantage. An einer Parzelle blieb sein Blick haften. Näher ging er heran und konnte die Terrasse zwischen Bäumen und Büschen kaum noch erkennen. Dort hatte er mal gesessen, hatte Planung und Bau der Datscha in der DDR Mangelwirtschaft miterlebt, auch mal geholfen. Mit geschlossenen Augen sann er den Jahren nach und landete in den 60ern. Alles war deutlich in seiner Erinnerung zu erkennen und er dachte: „CARLY!“

Erstaunlich, die 60er Jahre erscheinen gegenwärtig und ganz klar. Heute muss man überlegen, was man gestern zu Mittag gegessen hat. Charly mit seiner Familie konnte er mit geschlossenen Augen deutlich auf der Bank im Halbschatten an der Terassenwand sitzen sehen …

Max war nach dem Studium in ein kleines Dorf als Lehrer delegiert worden. In dieser Zwergschule herrschten noch Verhältnisse, wie sie Ehm Welk in den „Heiden von Kummerow“ verewigt hatte. 6 Kollegen, etwa 80 Kinder und der Lehrer war noch der Herr Lehrer bei den Bauern. Das sozialistische Schulsystem war hier noch nicht angekommen in dieser abgelegenen Einöde. Zwei Jahre später löste man die Schule auf und Max wurde in eine Kleinstadt versetzt, die ein BAD vor dem Ortsnamen trug. Dort gab es eine Zentralschule mit 1000 Schülern und vielen Neulehrern. Die waren alle an die 40 Jahre, was Max mit seinen 25 Jahren damals sehr alt erschien. Diesen Neulehrern hatten die Nazis ihre Jugend gestohlen. Sie wurden noch eingezogen in den Krieg, waren Flakhelfer, Panzerfahrer, auch ganz junge Jagdflieger mit Notabitur. Der Krieg hatte ihre Seelen geschädigt, sie wurden verwundet und einige waren auch Jahre in amerikanischer und französischer Gefangenschaft gewesen. Lehrer fehlten für den Neubeginn. Alle NS Lehrer waren entlassen worden. Neulehrer war ein erträglicher, ehrbarer Beruf. Sie waren noch jung, bewarben sich und hatten dann alle nach ihrer Kurzausbildung die Neulehrerprüfungen bestanden. Alle stammten alle aus diesem Ort, waren sozusagen Eingeborene und hatten sich mit ihrer Ausbildung eingerichtet auf Lebenszeit. Jüngere Kollegen mit normalem Hochschulstudium drangen in ihre eingerichtete Welt ein und wurden als Störenfriede erkannt. Da gab es schon einen Störenfried an der Schule: CHARLY – eigentlich Karl-Heinz. Ein Jahr vor Max war er an die Schule gekommen. Die Alten nannten ihn Carly, die Schüler hinter vorgehaltener Hand auch!

Charly war ein Jahr jünger als Max, hatte eine Grundschullehrerausbildung, arbeitete aber in den Klassen 5 -10. Da er einige Musikinstrumente beherrschte, musste er in den oberen Klassen Musik erteilen. Ein Mandolinenorchester gab es an der Schule seit einigen Jahren. Das musste er weiter führen aus Tradition. Als er anfing, Mandolinen gegen Akkordeons auszutauschen, nahmen ihm die Alten das übel. Er fiel in Ungnade. Die Lehrbefähigung als Musiklehrer für die oberen Klassen erwarb er im Fernstudium in wenigen Jahren fast nebenbei. Mit dem nun kompletten Akkordeonorchester hatte er bald viele Auftritte. Max blieb stehen und dachte über ihn und die Zeit nach.

Sie waren sich damals näher gekommen, auch weil er einer von „draußen“ war, ein Störenfried. Max unterrichtete Deutsch und Kunst in den Klassen 5 -10.Seit seiner Jugend pflegte Charly eine heimliche Liebe: Blasmusik. Ein Blasinstrument konnte er aber nicht spielen. Nun verdarb er sich die Freundschaft zur Neulehrergeneration komplett. Eine neu Idee trieb ihn um: aus dem Akkordeonorchester sollte ein Blasorchester entstehen. Auf eigene Kosten nahm er Unterricht bei einem altgedienten Kapellmeister einer Blaskapelle. Geld gab es nicht, Instrumente auch nicht. Bei Blaskapellen der Umgebung erbettelte er ausrangierte Blasinstrumente oder Eltern kauften sie ihren Kindern, gebraucht. Dann begann er jeden Schüler einzeln auszubilden neben seinem Unterricht und dem noch existierenden Akkordeonorchester. Viele wollten Bläser werden; kein Mangel war an Bewerbern.

Als fünf Schüler ausgebildet waren, trat er erstmals mit ein paar Stücken auf. Sein Bekanntheitsgrad wuchs. Jetzt wurde man auf ihn aufmerksam. Ein Blasorchester war doch etwas anderes als Akkordeon. Bläser hörte man weit, Bläser konnten Demonstrationen anführen und zu Auszeichnungsveranstaltungen aufspielen. Erstmals bekam er Geld von staatlichen Stellen für neue Instrumente und auch die Betriebsdirektoren der Umgebung ließen sich nicht lumpen, hofften sie doch auf kostenlose Auftritte bei Feierlichkeiten in ihren Betrieben. Bald hatte er fünfzehn Bläser beisammen und auch einen Schlagzeuger ausgebildet. Schule mit 1000 Schülern hinter den Fahnen, Transparenten und Blasmusikern machte bei den vielen Umzügen und Demonstrationen etwas her. Das Akkordeonorchester war nun Geschichte.

Max erinnerte sich, dass er immer an der Seite von Charly stand gegen die „Alten“. Mit ihm hatte er auch das eine oder andere Bier getrunken in der Sportlerklause, auch Wodka, wie damals üblich. Über seine Frau und seine 3 Kinder sprach Charly eigentlich nie. Familie schien es gar nicht zu geben für ihn. In Gedanken war Max an den Zaun von Charlys Parzelle herangekommen. Dichtes Buschwerk und groß gewordene Bäume versperrten die Sicht. Allerlei Müll verbarg das dichte Gestrüpp am Zaun. Charlys Gartenhäuschen, das er eigenhändig gebaut hatte – handwerkliche Fertigkeiten hatte er sich anderswo abgeguckt – war wesentlich größer geworden als genehmigt. Max erinnerte sich wieder an seinen ersten Besuch zur Einweihung. Dort, auf dieser Terrasse hatte er gesessen bei Bier und aufgekratzter Stimmung. Die Einladung zur Einweihung der Datscha hatte er noch aus einem andern Grund angenommen. Max war mit 29 Jahren zum Direktor dieser großen Schule berufen worden. Ablehnung der Berufung war nicht vorgesehen. Der alte Direktor hatte sich geweigert 4-5 mal in der Woche mit Pionieren im nahegelegenen Gästehaus des Bezirkes Politbüromitglieder und andere Funktionäre zu begrüßen. Da war er raus.

Auf der Terrasse wurden Personalprobleme besprochen. Der Biologielehrer war wenige Tage vorher in den Westen verschwunden. Ein neuer Fachlehrer musste her. Charly war naturverbunden und hatte als Jugendlicher farbig schillernde Insekten gesammelt und sie kunstvoll aufgespießt in Kästen verwahrt. Das konnte ein Anknüpfungspunkt sein. Also stand die Frage: „Bist du bereit ein Fernstudium als Fachlehrer für Biologie zu absolvieren?“ Max hatte sich auf lange Überzeugungsarbeit eingerichtet. Carly sagte einfach. „Ja!“ Damit war er dann ein richtiger Oberstufenlehrer mit zwei Fächern und bekam auch monatlich 200 DM mehr Gehalt als ein Grundschullehrer.

Im Weitergehen erinnerte sich Max, dass Charly das Fernstudium mit Energie angegangen war und durch das Studium ein neues Hobby gewonnen hatte. Er spezialisierte sich auf Insekten, genauer auf Wanzen. Wieder war er in seinem Element, jetzt aber systematisch und wissenschaftlich. Er sammelte, forschte und begann in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Ihn störte nicht, dass man sich über seine Wanzensammlung lustig machte. Was ihn grämte war, dass er in seiner Sammelwut keine Bettwanzen hinzufügen konnte. Mehrmals hatte er geeignete Menschen danach gefragt und Eigenartiges dabei erlebt.

Sein Studium schloss er mit sehr guten Ergebnissen ab und für die Schule war nach Jahren wieder ein richtiger Biologielehrer verfügbar. Abstriche an seinem Blasorchester ließ er nicht zu und Max fragte sich immer wieder, wie er dieses Arbeitspensum bewältigen konnte. Genauer wollte er es aber doch nicht wissen, wie Carly das anstellte. Einmal, so erinnerte sich Max, erteilte Carly in den 6. Klassen Biologieunterricht. Fische und deren Anatomie forderte der Lehrplan. Lebensverbunden sollte Unterricht erteilt werden. Charly hatte einige Kilo nicht ausgenommener Grüner Heringe gekauft. Die Schüler wurden zu Anatomen mit einem scharfen Messer. Ihnen machte es Freude; die Schule stank wochenlang nach Fisch.

Aus diesem Kreis setzte sich auch die örtliche Jagdgesellschaft zusammen. Denen fehlte eine Jagdhornbläsergruppe. Man trat an Charly heran und er stimmte zu, auch noch zusätzlich sieben Jagdhornbläser auszubilden. Max warnte ihn vor den zusätzlichen Aufgaben.

Sein Blasorchester absolvierte viele Auftritte, aber irgend etwas fehlte in den Konzerten. Mode wurde es gerade Singegruppen für die Interpretation zeitgemäßer Jugendlieder zu gründen. Die Partei sah das mit Wohlwollen. Charly gründete eine solch Gruppe und wurde auch noch Chorleiter. Seine Auftritte waren nun noch gefragter und es gab im Kreis fast keinen Funktionär bei Partei, Staat oder in den Betrieben, der ihn nicht kannte. Jetzt plötzlich spielte Geld eine untergeordnete Rolle. Neue Instrumente wurden gekauft und maßgeschneiderte Uniformen für die Schüler gab es. Viel wurde geübt und nach drei Monaten waren die jungen Bläser in der Lage, „Sau tot!“ zu blasen und andere jagdliche Signale. Durch die Nähe zu den Jägern fand Charly am jagdlichen Brauchtum Gefallen, lernte, was man so als Jäger wissen musste und erwarb die Jagdberechtigung. Ein Gewehr hatte er nun auch zuhause.

Oben am Hang war Max jetzt angekommen. Er setzte sich auf eine stark gealterte Bank und ließ die Landschaft mit dem beginnenden Grün auf sich wirken. Der Gedankenfaden spulte weiter. Die Schule war noch größer geworden durch weitere Eingemeindungen und ihr stand ein dritter Stellvertreter zu. Wer war geeignet? Ohne Frage: Charly!

Den Stellvertreter sah er mit Stolz als eine Würdigung seiner bisherigen Arbeit. Weniger Unterrichtstunden musste er nun erteilen. Er konnte sich um Orchester, Jagdhornbläser, Singegruppe intensiver kümmern. Mit Feuereifer begann er seine neue Funktion auszufüllen und war wie Max fast jeden Tag von 6 – 17 Uhr in der Schule. Nach einem Jahr hatte er für die außerunterrichtliche Arbeit an die 30 Arbeitsgemeinschaften aus dem Boden gestampft und bot vielen Schülern die Möglichkeit ihren Interessen nachzugehen im Bereich Foto, Schach, Modellbau, auch Viehzucht und andere Zirkel. Leute aus allen Lebensbereichen hatte er gefunden, die ohne Bezahlung ihre Interessen mit denen vieler Schüler teilten. Nebenbei begann er auch die Jagd auszuüben, allerdings war er in der ersten Zeit, wie alle neuen Mitglieder, eher Heger als Jäger. Die Herren Genossen aus den oberen Etagen kamen ab und zu mal vorbei und schossen ab, was der Förster ihnen vorführte. Charly und andere betrieben Wildfütterung und leisteten andere weidmännische Arbeiten. Ihre Trabis schonten sie auf verschlungenen Waldwegen nicht.

Der Wildbestand nahm überhand und musste dezimiert werden. Am Tag leistete Charly sein umfangreiches Arbeitspensum in der Schule ab, nachts saß er auf dem Anstand im Wald. In der ihm eigenen Aktivität erlegte er zu viel Wild und hatte irgendwann mal die Idee, nicht alles abzuliefern. So verteilte er unter ihm nahestehenden Kollegen größere Fleischstücke. Die nicht abgelieferten Tiere hatten auch Felle und die häuften sich mit der Zeit. Was damit anfangen? Gerben!?Das konnte er aber nicht. So vieles hatte er schon gelernt als Autodidakt, warum nicht auch das Gerben? Fachliteratur wurde studiert, Werkzeuge und chemische Zutaten beschafft. Hätte er nach ein paar gegerbten Fellen hier aufgehört, wäre sicher alles gut gegangen, überlegte Max. Seine ersten Produkte verschenkte Charly, dann aber nahm er Bestellungen an und ließ sich bezahlen. Einer war wohl nicht zufrieden und hat eine Anzeige ausgelöst – anonym.

Nun wurde gegen ihn ermittelt ohne ihn davon in Kenntnis zu setzen. Unter den Jägern hatte er Freunde. Einer informierte ihn vorab, dass am nächsten Vormittag eine Haussuchung zu erwarten wäre. Nachts hatte er alles, was mit Gerberei zu tun hatte, abgeräumt und entfernt im Wald vergraben. Für Gründlichkeit war keine Zeit. Man fand doch Indizien für seine Gerberei. Gute Freunde ritten ihn dann richtig rein mit ihren Aussagen. Mehrmals musste er zur Vernehmung und im Kollegium wurde gerätselt über das zu erwartende Strafmaß. Zeit verging, Anklage wurde nicht erhoben. Nach wenigen Wochen gab es Neues zu bereden. Nur, Charly hatte sich verändert. Mit niemandem sprach er über das Geschehene. Sein Arbeitspensum bewältigte er weiter, aber er war stiller geworden, verschlossener, Gesprächen ging er aus dem Weg.

Die großen Ferien näherten sich. Viele Kollegen redeten über Reisepläne. Carly verkündete, dass er mit seiner Familie, der Frau und seinen drei Kindern vier Wochen mit dem Trabant nach Bulgarien fahren würde. Verblüffung! Bisher hatte er immer den Standpunkt vertreten, man erhole sich am besten auf seinem Gartengrundstück. Max sah ihn im überladenen Trabant davon fahren.

Dann, nach den Ferien, war Charly wieder da. Braungebrannt war er, aber seine Stimmung hatte sich nicht geändert. Einsilbig gab er Antwort zu seiner großen Reise. Nach der zweiten Woche des neuen Schuljahres erreichte die Schule ein Anruf. Der 3. Stellvertreter möge sich zu einem Gespräch in der SED Kreisleitung einfinden. Warum, wurde nicht mitgeteilt. Max hatte gute Drähte zur oberen Leitungsebene und bekam heraus, warum Charly zum Gespräch erscheinen sollte. Es hing mit der Bulgarienreise zusammen. Eine Mitarbeiterin der Kreisabteilung Volksbildung war lange krank gewesen und hatte eine Kurreise nach Nessebar, Bulgarien, erhalten. Dort saß sie nach einer Kurbehandlung in der Nähe des Hafens, als ein dicker Mercedes mit BRD Kennzeichen nicht weit von ihr parkte. Mehrere Erwachsene und Kinder stiegen aus. Dann traute sie ihren Augen nicht, denn einer von ihnen war Charly. Mit ihm hatte sie immer wieder Konflikte. Für „bescheuert“ hielt er sie, wie er immer wieder im Kollegenkreis betont hatte.

Während ihrer Kur war viel freie Zeit und so spielte sie etwas Detektiv. Sie sah, dass Carly mit Anhang West gemeinsam essen ging und auch einkaufen, wo man nur mit Devisen zahlen konnte. Mehrmals sah sie ihn noch in Nessebar. Bei der Rückkehr nach Ende ihrer Kur berichtete sie ihrem Chef, dem Schulrat, von diesem erstaunlichen Ereignis. Der war gehalten, das von den Genossen der SED Kreisleitung politisch bewerten zu lassen. Charly wurde vorgeladen. Den erkundeten Sachverhalt teilte Max ihm mit. Charly reagierte panisch und bat Max doch mitzukommen, er könne doch überzeugend argumentieren und ihn vielleicht auch unterstützen.

Bei der Anfahrt im Auto fragte Max, was er denn mit dem Bruder aus der BRD dort unternommen habe. Ihm war gar nicht bekannt, dass er einen Bruder im Westen hatte. Mutter und Bruder hätten Anfang der 60er Jahre die DDR heimlich verlassen, war zu erfahren. Er sei hier geblieben. So nebenbei sagte er noch: „Ich sollte ihn doch aber nach Bulgarien einladen und Kontakt aufnehmen!“ Verblüffung bei Max und die Frage ergab sich nach der Tätigkeit des Bruders im Westen. Charly teilte mit, dass der Bruder eine Hochschule der Bundeswehr besucht habe und nun in einer zentralen Abteilung der Bundeswehr arbeite, die Dokumente verwahre, Kasernen verwalte, Material beschaffe und so. Sofort war Max klar, was das bedeutete und nun konnte er sich die ganze Wesensveränderung seines Freundes und Kollegen auch erklären. Gern wäre er ausgestiegen, aber dazu war es zu spät. Er war Mitwisser ohne etwas zu wissen!

Sie wurden vom Sekretär für Agitation und Propaganda empfangen, der über die Reinheit der Partei zu wachen hatte. Über die Begleitung war der irritiert, ließ Max aber doch am Gespräch teilnehmen. Nachdem Platz genommen worden war in dem großen leeren Sitzungssaal der SED Kreisleitung, legte der Genosse los. Der Sekretär, ein drahtiger großer alter Mann, von dem Max wusste, dass er in ganz jungen Jahren in Spanien gegen Franco gekämpft hatte, unter den Nazis viele Jahre im Zuchthaus gesessen und KZ überlebt hatte, ließ Charly nicht zu Wort kommen, redete sich in Rage und warf den beiden Zuhörern vor, sie würden die politische Lage verkennen, wären Klassenfeinde, hinterhältig, Feinde der Republik u.a. Max wurde in die Beschimpfung mit einbezogen und überlegte, ob er etwas sagen sollte, denn dann wäre klar, er war Mitwisser, obwohl ihn niemand informiert hatte.

„Stopp“, sagte Max dann doch, „Ehe du dir einen großen Ärger einhandelst, solltest du telefonieren gehen!“ Der Sekretär hielt ein und schaute hoch rot entgeistert auf Max. „Wo?“, wurde gefragt. Das wisse er auch nicht, entgegnete Max. Der Genosse stand wirklich auf und verließ den Raum. Schweigend warteten Max und Charly eine gute halbe Stunde. Als er zurück kam, der Sekretär, sah er noch roter und etwas älter aus und zischte: „Haut ab!“ Charly folgte in großer Verblüffung. Max konnte sich so was leisten. Er hatte immer Fragen bei Zusammenkünften der Schulleiter, meist die falschen. Er wurde nicht befördert, bekam keine Prämien und Direktor dieser großen Schule war er immer noch, weil sie keinen anderen fanden.

Seinen Vormittagsspaziergang hatte Max beendet, ging in Richtung Wohnung. Der Gedanke Charly begleitete ihn weiter. Monate später, im April des gleichen Schuljahres, näherte sich Charly wieder mit einem Anliegen. Eine Einladung lag vor. Er sollte zwei Wochen während der Schulzeit nach Bulgarien reisen zu einem Kongress, der mit Insekten zu tun hat. Dort sollte er einen Vortrag halten. In der letzten Zeit war sein Insekten-Hobby wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt. Mehrere beachtete Beiträge wurden in Fachzeitschriften veröffentlicht. Orchester, Singegruppe, Jagdhornbläser betreute er weiter. Seinen Leitungsaufgaben kam er auch nach, aber alles lief ohne gewohnte Aktivität, eher freudlos. Manches ließ er auch immer öfter schleifen.

Nun kam er mit dieser Einladung. An der Schule fehlten Anfang Mai sieben oder acht Kollegen wegen Krankheit oder der Erkrankung ihrer Kinder. „Das ist schon genehmigt“, teilte Carly mit. Max hatte man nicht gefragt. Wütend wurde der Schulrat angerufen und der hohe Unterrichtsausfall beklagt. „Er wird fahren, alles geregelt, ihr macht das schon“, wurde mitgeteilt. Eine Woche später flog er nach Bulgarien zu seinem Kongress in Plovdiv. Nach zwei Wochen war er wieder da, nicht besser gelaunt als vorher. Fragen nach dem Aufenthalt durch die Kollegen beantwortete er einsilbig und ausweichend. Auch Max erzählte er nichts weiter. Ihr Verhältnis war erheblich abgekühlt.

Es war Juni geworden, es war heiß. Das Schuljahr neigte sich dem Ende zu und Charly rückte wieder ins Blickfeld. Er hatte ein Telegramm erhalte aus einer Klinik im Westen. Darin stand, seine Mutter läge im sterben und möchte den Sohn noch einmal sehen; amtliches Schreiben folgt, Professor Dr. Sowieso. Tatsächlich, am nächsten Tag war ein Brief von einer West-Klinik mit amtlichen Stempeln da. Max informierte seinen Schulrat und auf Nachfrage bürgte er auch für Charly. Der hatte nie Äußerungen von sich gegeben, dass er sich in der DDR nicht zuhause fühle.

Verblüffend unproblematisch, ohne weitere Rückfragen lief alles ab. Am Freitagabend kam er vorbei bei Max, zeigte seine Reisedokumente und seine 14,95 Westgeld, verhielt sich eigenartig, war bedrückt und still. Max schob das auf den nahenden Tod der Mutter. Umständlich verabschiedete er sich. Auf der Treppe konnte sich Max doch nicht verkneifen hinterherzurufen: „ … und komm wieder, sonst bekomme ich noch größeren Ärger!“ Wie von der Tarantel gestochen kam er noch einmal zurück, war aufgeregt und und fragte, was Max von ihm denken würde. Zwischen der nicht erfolgten Bestrafung, Bulgarienurlaub mit Bruder, dem Kongressbesuch in Bulgarien, dem Telegramm der Klinik und der Wesensveränderung stellte Max immer noch keinen Zusammenhang her, wollte er auch nicht. Er wunderte sich nur, dass er zur Mutter in die BRD reisen wollte, obwohl seit Jahrzehnten kein Kontakt mehr bestand. Das war alles am Freitagabend. Am Sonnabend reiste er in die BRD. Jährlich, an einem Sonntag Anfang Juni, wurde im Ort traditionell auf der Festwiese gefeiert. Max war inzwischen auch zum Stadtrat für Jugend und Sport gewählt worden. In dieser Eigenschaften war er auf der Festwiese unterwegs. Ein Postmitarbeiter sprach ihn an und übergab ein Telegramm. Ganz großes Erschrecken, was könnte in der Familie passiert sein? Das Telegramm war von Charly: „+habe mich entschieden die ddr zu verlassen + komme nicht zurück + alles gute und verzeihung“. Max musste sich erst sammeln, wusste aber, was zu tun war und dachte an die vielen Scherereien mit Partei und Kreisabteilung der Volksbildung. Er hatte die Reise befürwortet. Der politische Dienst des Rates des Kreises wurde informiert. Ihn wies man an, nichts zu unternehmen, auch die Familie nicht zu informieren. Am nächsten Tag würde das geregelt.

Am Montag gegen 10 Uhr fuhr ein Wolga mit Berliner Kennzeichen auf den Schulhof. Zwei Männer stiegen aus und stellten sich als Mitarbeiter des MfS vor: ein Oberstleutnant und ein Major. Jetzt war Max doch erstaunt. Ärger gab es bei jeder Republikflucht, aber diesmal schien es ein besonderer Ärger zu werden. Max sollte darlegen, was Charly für ein Mensch gewesen sei und warum er gebürgt hätte für ihn. Sie blätterten in Unterlagen und hörten Max nicht richtig zu. Währen Max sprach unterbrach ihn der Oberstleutnant und fragte, ob denn die Abschlüsse der Staatsexamen von Charly in der Schule oder bei ihm zuhause lägen? Dann musste die Sekretärin die drei Kinder aus dem Unterricht holen. Sie wollten diese informieren. Max sollte dabei bleiben. Jetzt staunte Max erst richtig. Die Republikflucht wurde als verwerflich verurteilt, aber nicht so sehr, es könnte ja sein, aber auch nicht und Gründe könnte es geben … Die Kinder verstanden das so richtig nicht. Die beiden kleineren weinten, der größere Sohn aus Klasse 10 sah mit starrem Gesicht aus dem Fenster. Am Ende des Gesprächs bekamen alle eine Telefonnummer, die sie anrufen sollten, wenn sie mit der Flucht des Vaters nicht zurecht kommen würden oder andere Probleme hätten.

Nun war Max klar, was über längere Zeit vorbereitet worden war. Jetzt bekamen die einzelnen Elemente einen Sinn. Jetzt war er Mitwisser, das könnte gefährlich werden. Die beiden verabschiedeten sich, um die Frau zu informieren und Geburtsurkunde und andere Dokumente zu holen. Max brauchte einige Zeit zum Nachdenken. Was war da gelaufen? Er war Mitwisser! Keine Kritik von keiner Seite. Die Kollegen waren erstaunt und verwundert und dachten noch an den Aufriss, als die Pionierleiterin in einem LKW-Versteck das Weite gesucht und ihre Kinder hier gelassen hatte.

Fast ein Jahr später wabberte ein Gerücht durch den Ort und auch Max hörte davon. Charlys Schwiegermutter war alt und wohnte im Ort. Hinter vorgehaltener Hand informierte sie ihre Bekannten. Ehefrau und Sohn von Charly seien mit gefälschten Pässen in Prag auf dem Flughafen festgenommen und in die DDR überstellt worden. Sie habe 3 Jahre Bautzen kassiert und er eine Jugendstrafe von 3 Jahren irgendwo. Offiziell war nichts zu erfahren.

Ein knappes Jahr später wand sich erneut ein Gerücht den Ort entlang. Charly habe im Haus des Bruders gewohnt und etwas mit dessen Frau angefangen. Darauf habe der ihn auf die Straße gesetzt. Jetzt dürfe er aber entsprechend seiner Qualifikation in den oberen Klassen Unterricht erteilen. Dieser Rausschmiss hat wohl nicht allen gefallen. Die Quelle war versiegt. Max dachte ab und an daran, dass sein Wissen für ihn gefährlich werden könnte. Nichts tat sich aber! Andere Probleme schoben sich in den Vordergrund.

Anfang der 80er Jahre erhielt Max eine Kur. Als er nach vier Wochen zurück kam, empfing ihn sein Stellvertreter mit der hinterhältigen Information, er brauche sich gar nicht erst setzen in seinem Arbeitsraum, er solle sofort in die Kreisabteilung kommen. Dort wurde er in größerer Runde empfangen. Mulmig wurde ihm nun doch. Die Mitteilung war kurz. Das Dienstverhältnis sei beendet. Er sei fristlos entlassen, weil er die DDR mit seinen konspirativen Westkontakten verraten habe. Das sei für einen Schulfunktionär nicht zu dulden. Also doch, dachte Max, einen Anlass haben sie gefunden, der hatte aber scheinbar nichts mit Charly zu tun.

Anfang der 70er Jahre startete Max mit Familie auch eine Expedition nach Bulgarien mit dem Trabant. Auf dem Campingplatz dort fand eine Familie aus Holland neben dem Zelt von Max ihren Standplatz. Sie besaßen einen großen Wohnwagen. Man kam sich näher, fand sich sympathisch. Er war auch Schuldirektor. Über Ländergrenzen hinweg wurden gleiche Probleme ausgemacht.

Der Kontakt lief viele Jahre. Max rief immer mal von unterschiedlichen Telefonzellen in Holland an. Eines Tages wurde eine Bitte geäußert von dem holländischen Freund. Seine Kollegen schwärmten von den Lehrplänen der DDR, besonders Mathematik und auch von anderen Naturwissenschaften. Einer hätte einen beschafft und die würden eifrig kopiert. Max erfüllte das mit Stolz. Er besorgte welche für kleines Geld und schickte sie. Später ließ er auch noch einige Lehrbücher und Unterrichtshilfen folgen. Die Pakete trugen jeweils einen anderen Absender. Alles kam an, aber schlau genug hatte es Max doch nicht angestellt. Seine Sendungen waren gesichtet worden. Über seine Kontakte nach Holland könnte er ja auch anderes ausplaudern, dachte man wohl? Max war entlassen und fiel in ein tiefes Loch. Mitleid überall, aber Freunde und Kollegen war auch auf Abstand bedacht. Nach einer Woche begann Max die Arbeitsuche. Er kannte viele Betriebsdirektoren persönlich, aber keiner wollte ein solches Element einstellen, nicht einmal als Schichtarbeiter in der Produktion.

Einige Tage vor dem neuen Schuljahr erhielt er einen Anruf, Max sollte eine Chance bekommen und in einem entfernten Ort einen Kollegen ersetzen, der einen Ausreiseantrag gestellt hätte. Max sagte zu, hatte aber auch Bedenken, da sein Fall in mehreren Artikeln der Tageszeitung ausgebreitet worden war im Kreis. Alles war anders. Man half ihm, wo es nötig war. Keiner wollte ihn umerziehen. Nach drei Jahren durfte Max wieder zurück an seine Schule als Lehrer und wurde als Fachberater berufen, eigenartig. Noch eigenartiger aber war, dass er im darauf folgendem Jahr Oberlehrer wurde und ein Jahr später Studienrat. Lob und Prämien gab es auch. Das Interessante an den Beförderungen waren eigentlich nur die Gehaltszulagen.

Während seiner Zeit in der fernen Stadt luden ihn immer mal Bekannte ein, die eigentlich keine richtigen Bakannten waren. Nach der zweiten Einladung merkte er, die stellen immer die gleichen Fragen zu Charly und den Freunden in Holland. Er wurde permanent beobachtet. Das war einer der Gründe dafür, warum er nach der Wende niemals seine Stasiakte sehen wollte. Sicher waren da auch Berichte über ihn aus seinem engsten Kreis drin, die er nicht so einfach verkraftet hätte .

Kaum jemand er erinnerte sich noch an Charly, bis ein neues Gerücht auftauchte. Seine Frau, die in Bautzen einsaß und auch der Sohn wurden von der BRD freigekauft und erhielten eine hohe Haftentschädigung. Charly hatte sich nach dem Rausschmiss von seinem Bruder eine Einfamilienhaus Bauruine gekauft. Die Frau zog zu ihm. Das Entschädigungsgeld wurde dort investiert. Sie war sofort stellvertretende Schulleiterin einer Grundschule geworden. Haft in Bautzen war genug Legitimation.

1989, die Wende. Niemand dachte noch an Charly. Max galt nun als Opfer der Regimes und war für mancherlei zu gebrauchen. Man delegierte ihn in den Westen. Er sollte herausfinden, wie dort Schule läuft und lernen. Nun wurde er aber wieder im 2. Wendejahr, in der neuen Zeit, entlassen – wieder fristlos. Er sei ungeeignet, stand in dem Schreiben. Nach erster Verblüffung wurden viele Leserbriefe geschrieben an BILD, Stern, Landtag und auch an die Bezirkszeitung. Die brachte seinen Leserbrief am nächsten Tag auf der Seite zwei mit einem dicken Trauerrand. Auch „Stern“ und „Bild“ zeigten Interesse an dem Vorgang.

Einige Stunden nach Erscheinen der Zeitung, klingelte das Telefon. Das Sekretariat der Kultusministerin meldete sich. Am Nachmittag möchte die Frau Minister ihn sprechen, wurde mitgeteilt. 15-20 Minuten waren für das Gespräch angesetzt mit ihr und dem Staatssekretär. Gedauert hat es mehr als eine Stunde. Nach kurzer Darstellung zum Sachverhalt war die Frau Minister sehr interessiert an seiner Arbeit im Westen und wollte seine Vorstellungen von neuer Schule hören. Die fristlose Kündigung war aufgehoben. Später erfuhr Max, dass die Ministerin unter Umgehung aller Ebenen und Bestimmungen diese Entscheidung getroffen hatte.

Die Wende verschaffte dem Osten und allen Bürgern genug Probleme. An Charly dachte weiter niemand mehr. Mitte der 90er Jahre berichteten die Medien, dass die USA der Bundesregierung DVDs übergeben wolle, die brisantes Material enthielten zur Westaufklärung des MfS. Die USA hatten zu Beginn der Wende in einem Handstreich Daten in der Stasizentrale Berlin erbeutet. Im Westen installierte Mitarbeiter des MfS konnten nun enttarnt werden.

Plötzlich gab es wieder mal ein Gerücht. Charly solle die BRD verlassen haben und in weiten Wäldern Finnlands leben. Er beschäftige sich mit dem Waidwerk und forsche weiter an Insekten. Näheres vermittelte das Gerücht nicht. Auch den Zusammenhang zwischen DVDs aus den USA und sein Umzug nach Finnland stellte das Gerücht nicht her. Mehr als 20 Jahre waren seit der Wende vergangen. Max hatte gehört, dass Charlys Schwiegermutter, die alle geheimen Infos ausgeplappert hatte, vor wenigen Tagen gestorben sei.

Am Geldautomaten hatte Max gerade abgehoben, stand vor der Sparkasse und steckte die Geldscheine ins Portemonnaie. Ein alter großer Mercedes kurvte auf dem Parkplatz ein und blieb stehen. Mühsam quälte sich eine sehr kräftige Person aus dem Auto. Mindestens zwei Zentner oder mehr, schätzte Max und auch noch ein riesiger Vollbart. Das Gesicht war hinter den Barthaaren kaum zu erkennen. Ihre Blicke trafen sich sekundenlang. Erschrecken auf beiden Seiten: Charly! Max ging auf Charly zu, der verschloss mit zitternden Händen das Fahrzeug. Bis auf wenige Schritte hatte sich Max genähert. Abrupt drehte sich der Vollbart weg und bewegte sich wie gehetzt in die Gegenrichtung. Max hatte noch nicht begriffen und ging dem immer schneller werdenden Charly hinterher. Nach einigen Schritten wurde klar, der will dich nicht sehen. Enttäuschung, man hatte doch so viel miteinander erlebt …

Das 76. Lebensjahr hat Max nun überschritten. Zu vielen Klassentreffen mit ehemaligen Schülern war er eingeladen. Seine ältesten Schüler waren nun auch schon älter als 65 Jahre und viele Namen hatte er in Traueranzeigen gelesen. Die Einladungen zu Klassentreffen waren in den letzten Jahren weniger geworden. Da kam aber doch wieder eine Einladung zu einem Klassentreffen im Wohnort. Zuerst wollte er nicht gehen, dann aber überlegte er, der Sohn von Charly war doch Schüler in der Klasse gewesen und könnte vielleicht kommen? Max ging und stellte fest, Charlys Sohn war aus der Schweiz tatsächlich angereist. Nachdem der erste Trubel des Treffens abgeklungen war, suchte Max dessen Nähe. In einer ruhigen Ecke bestätigte der Sohn alle seine Vermutungen, über die Max nie mit jemanden gesprochen hatte. Zur gegenwärtigen Befindlichkeit der Eltern konnte er nichts sagen, auch nichts zu seinen Geschwistern. Er und seine Geschwister pflegen keine Kontakte zu den Eltern und auch nicht untereinander. Sie haben sich getrennt und leben verstreut in Europa …

Mittagessen vorbei. Viel Zeit hat man als Rentner und Rituale verfestigen sich mit den Jahren immer mehr. Auf dem Balkon hatte Max es sich bequem gemacht um auf dem Tablet die elektronische Tageszeitung zu lesen und sein Kreuzworträtsel auszufüllen. Vor dem Hochfahren des Tablet fiel ihm auf, dass der Balkonboden übersät war mit kleinen Pflanzenresten. Ein Spatzenpaar baute über ihm ein Nest, obwohl er doch alles so schön abgedichtet hatte. Er konnte sehen, was sie nicht durch die enge Lücke ins Nest einfügen konnten, das ließen sie einfach fallen. Nun schien aber schon Phase zwei im Nestbau zu laufen. Eine Feder für das Auspolstern schwebte langsam zu Boden. Da lagen schon mehrere.

Max knüpfte wieder an den Gedankengang „Charly“ an, den er nach seiner Vormittagswanderung unterbrochen hatte. Erstaunlich, woran man sich aus früheren Jahren so alles erinnert mit großer Klarheit. Wenn er heute am Herd steht und eine Zutat braucht, vergisst er manchmal auf dem Weg zum Kühlschrank, was er dort eigentlich wollte und musste zurück und den Gedanken noch einmal denken.

Charly und ich, dachte Max. Unter gleichen Bedingungen sind wir gestartet Mitte der 60er Jahre. Veränderungen bei Charly setzten ein mit nicht abgeliefertem Wild nach der Jagd. Eine Bestrafung erfolgte nicht, aber Charly wurde ein anderer: erst kaum merkbar, dann immer offensichtlicher. All seine guten Eigenschaften hatte er einem höheren Ziel geopfert und wohl auch an Abenteuer gedacht. Seine Familie löste sich auf und auch die Bindungen an die Vergangenheit verloren sich. Richtig schuldig fühlte sich Max. Er hatte die Wende gut bewältigt und konnte nicht anders, als die neue Wegstrecke wieder mit Aktivität zu bewältigen. Dabei zog er viele Unschlüssige mit, obwohl so manches mehr ein bildungspolitischer Abstieg als Erneuerung war in einem Land mit mehr als 1200 Lehrplänen in hoffnungsloser Kleinstaaterei. Nach Veröffentlichung der PISA Studie mit der Einordnung des deutschen Schulsystems auf Höhe der Entwicklungsländer, merkte die Politik auf und begann hektisch Maßnahmen zu ergreifen. Max hatte sich der Lesekompetenz, die in deutschen Schulen sehr im Argen lag, angenommen und reiste wie ein Wanderprediger von Schule zu Schule. Nach kurzer Zeit des Erschreckens fiel alles wieder in den alten schulpolitischen Trott zurück.

Er, Max, ist im Gegensatz zu Charly unspektakulär seinen Weg nach 45 Lehrerjahren zu Ende gegangen. Nach Verabschiedung seiner letzten Abiturklasse saß er dann am Nachmittag mit dem Karton seiner Utensilien auf der Treppe vor seinem Klassenraum und hat den neuen Lebensabschnitt erstmal eingeheult. Seine Schüler und Schule würden ihm fehlen. Den letzten Lebensabschnitt hatte er der Besichtigung der Welt gewidmet, 68 Länder bereist, seinen Fuß auch mal auf den Boden von Antarktika gesetzt, Pinguine gestreichelt, Wale beobachtet, alle Weltmeere durchpflügt, oft den nördlichen und südlichen Wendekreis überquert und am Äquator mehrmals mit Neptun zu tun gehabt. Mehr als ein Jahr war er auf Hoher See unterwegs.

Nun ist Pandemiezeit mit Corona und die wenige verbliebene Lebenszeit ist vorerst eingegrenzt. Und Charly? Der sitzt wohl immer noch in Finnlands weiten Wäldern herum und hofft dass die DVD der Amerikaner nicht so gründlich ausgewertet wird. Zeit läuft weiter und vielleicht muss die Zeit nach 100 Jahren und mehreren Generationen ohne Menschen zurecht kommen. Niemand würde dann die Spatzen beim Nestbau mehr beobachten können. Max war eingeschlafen …

12. Tod in Afrika

September, einer der letzten schönen Sommertage zieht seine Bahn. Nach dem Essen habe ich mit der Regionalzeitung auf den Balkon verzogen. Füße auf den anderen Stuhl. Ein Blick über den Balkonrand: „Mein Gott, wie die Bäume gewachsen ist. Man kann ja nichts mehr sehen, aber schön ruhig hier!“ Aufschlagen der Zeitung. Der Wind liest ungebeten mit. Erste Seite, alles schon bekannt. Die Medien bekommen wohl Tagesthemen vorgegeben, die sie abarbeiten? Das waren doch schon die Meldungen in den 7 Uhr Nachrichten heute früh? Umblättern, schwierig. Der Wind hat zugenommen. Zweite Zeitungsseite, Überschriften überfliegen. Dritte Seite ein großer Artikel zum Ärztemangel auf dem Land. Ein Minister wird befragt. Der windet sich im Interview. Klar, keine Lehrer, keine Ärzte auf dem Land, fehlende Polizisten und Altenpfleger. Das überlässt man alles dem Zufall, dem Markt und denkt kleinstaatlich nur in Schritten einer Legislaturperiode. Das war ja vorauszusehen! Wer übernimmt denn als junger Mediziner heute eigenverantwortlich eine Dorfpraxis? Blick in die vom Wind bewegten Bäume. Nachdenken über Landbevölkerung und Arztpraxen. Erschrecken, die Zeitung liegt am Boden. Wohl kurz eingeschlafen!? Der Blick fällt wieder auf den Arzt Artikel und die Gedanken rutschen mehr als 45 Jahre zurück. Erinnerungen an ein junges Arztehepaar im Ort zu DDR Zeiten werden wach. Die mussten sich als Medizinstudenten zu Beginn des Studiums, wie auch wir als Studenten der Pädagogik verpflichten, mindestens 2 Jahre dorthin zu gehen, wo wir gebraucht werden. Das war fast immer auf dem Land, meist entlegene Gebiete. In unserer örtlichen Landambulanz fehlten immer Ärzte. Ärzte kamen und gingen nach kurzer Zeit. Nie war der Medizinstützpunkt fachgerecht besetzt. Ein Gerücht machte im Ort die Runde. Ein junges Arztehepaar sollte die Ambulanz übernehmen, Allgemeinmediziner. Junge Ärzte, große Skepsis überall… Der Gedankengang wird erst einmal unterbrochen. Es gibt Kaffee auf dem Balkon. Einige Tage später. Der Luftdruck macht Kapriolen; nachts, der Schlaf stellt sich nicht ein. Denken an allerlei. Der vor Tagen unterbrochene Gedanke an die beiden jungen Ärzte war plötzlich wieder da. Eine Bildvorstellung schälte sich aus der Tiefe der Erinnerung: Inge und Wolfgang! Erster September 1974, Weltfriedenstag. Der Schulappell zum ersten Schultag war beendet und die 1250 Schüler begannen das neue Schuljahr in ihren Klassenzimmern. Ein Kollege trat heran, zeigte auf den Eingang zum Schulhof und teilte mit, dass dort am Zaun die beiden neuen Ärzte stehen würden. Ihre Tochter sei jetzt Schülerin bei uns, 6. Klasse. Einen Moment überlegte ich, ob ich zu ihnen gehen sollte. Aber als Schuldirektor und Stadtrat gehörte sich wohl eine persönliche Begrüßung. Hallo und Freude bei den beiden; sie kannten hier sonst noch niemanden. Aus der kurzen Begrüßung wurde eine halbe Stunde und man war sich sympathisch. Einige Wochen später, der Herbst zeigte sich nicht von der sonnigen Seite, eine Erkältung hatte sich eingestellt. Der Weg führte in die Ambulanz. Grippale Infekte hatten sich ausgebreitet im Ort. Viele erwischte es und die beiden neuen Ärzte hatten ihre Feuerprobe zu bestehen. Viele Patienten standen an, Therapien und Medikamente wurden verordnet, Hausbesuche waren zu absolvieren und Ende November sprach wohl niemand mehr von „jungen Ärzten“. Außerdem, in der Schule gab es plötzlich in einigen Klassen massenweise Läuse. Unbemerkt hatten die sich verbreitet. Ganz große Aufregung bei den 80 Lehrern, Eltern, Schülern und im Schulamt. Mit dem neuen Arztehepaar wurde stabsmäßig der Läusekampf organisiert und – gewonnen! Wir waren uns näher gekommen!

Ein kleiner Ort, man begegnet sich und Inge, die Ärztin fragte bei einem zufälligen Treffen, ob wir nicht mal zum Kaffee am Nachmittag vorbei kommen wollten. Im Gespräch stellte man dann fest, die Vorstellungen von Politik, der großen und der privaten Welt stimmten weitgehend überein. Man mochte sich! Aus der ersten Begegnung wurde Freundschaft. Viel wurde unternommen: gewandert, Bar besucht in der Bezirksstadt, einfach nur beim Bier gequatscht. Aus dem Sie war Du geworden. Sie hatten sich einen Hund zugelegt, einen großen, kräftigen, schwarzen Pudel. Das Tier war pflegeleicht, hatte aber Eigenarten. Worte wie Wald, Wandern, Auto u.a. durften in seiner Nähe nicht gesprochen werden. Hörte er eines dieser Stichworte aus einem Gespräch heraus, rannte er zum Haken mit seiner Leine an der Tür und gebärdete sich unleidlich. Besonders gern fuhr er Auto. Das Fahren vertrug er aber nicht und musste sich regelmäßig übergeben. Oh Wunder, dass man sich solche Einzelheiten gemerkt hat. Im Ort hatten sich beide etabliert, waren geachtet und beide absolvierten mehr Hausbesuche als von ihnen verlangt wurden. Sie waren Mitglieder der SED und kamen aus einfachen Verhältnissen. Eine klare Meinung zu Staat, Partei und Regierung vertraten sie auch. Das passte dann einigen Ärzten in der Landambulanz gar nicht. Mit ihrer Einsatzbereitschaft, ihrer Aktivität und dem ärztlichen Können verdarben sie anderen die Preise und damit das Ansehen im Ort. Nach einem guten Jahr befanden sich dann morgens mal kleine Blättchen mit Beschimpfungen, Verleumdungen und Bildchen, wo sie am Galgen hingen, im Briefkasten. Um eine Fehlinterpretation der Bildchen zu vermeiden, waren immer auch Pfeile mit den Namen zu der Galgenschlinge hinzugefügt worden. Wolfgang war Arzt aus Berufung. Saßen wir zusammen und es kam ein Anruf von einem Patienten, er fuhr los, ob Bereitschaft oder nicht. Das vertiefte sein Ansehen bei den Patienten. Hat man erst einmal in seinen Erinnerungen gekramt, Verschüttetes abgerufen, werden weitere Details freigegeben. Irgendwann saßen wir am Nachmittag in kleiner Runde beim Kaffee. Es klingelt. „Es wird unsere Tochter sein!“, sagt Inge. „Mach ihr bitte mal die Tür auf. Die hat sicher den Schlüssel wieder vergessen!“ Es war nicht die Tochter. Ein junges Ehepaar stand vor der Tür mit einem zusammengefaltetem Kopfkissen. Sie bewohnten die Wohnung darüber. Ich kannte beide. Sie waren mal Schüler. Die Junge Frau streckte mir das Kissen entgegen und reflexartig griff ich danach. Beide drehten sich um und rannten in ihre Wohnung hinauf. Vorsichtig schaute ich in das gefaltete Kissen, erschrak, ein Baby. Es bewegte sich nicht, sah bleich aus und ich dachte, das Kind lebt nicht. Es war wirklich tot und da stand ich erschüttert. Das Bündel wurde auf dem Küchentisch geöffnet und die beiden Ärzte untersuchten. „Sicher plötzlicher Kindstod!“, sagte Wolfgang. Inge ging mit mir die Treppe hinauf zu dem jungen Ehepaar, aber die öffneten nicht. Wolfgang rief den Bestatter an. Der kam mit einem kleinen weißen Sarg unter dem Arm. Das Baby wurde hineingelegt wie eine Puppe und wieder klemmte er sich den Sarg unter den Arm. Mir erschien das alles unwirklich. Ein so kleiner Tod war mir noch nie begegnet. Tage später stellte sich nach der Obduktion heraus, es war wirklich „Plötzlicher Kindstod“. Mit den Eltern war wieder zu reden. Ihr Schock war abgeklungen.

Zeit vergeht. Jahre rauschen vorbei. Wolfgang war in seinem Beruf angekommen, mit ihm verheiratet und dachte nicht an Veränderungen. Seine Frau fühlte sich in der Gegend nicht mehr wohl, alles zu gleichförmig, zu unbedeutend. Ihr schwebten Veränderungen und Größeres vor. Steter Tropfen höhlt den Stein und noch vor Jahresfrist wollte ihr Mann dann auch weg. Diese Mitteilung schmerzte. Wir hatten uns aneinander gewöhnt. Glücklicher Zufall für sie: das Regierungskrankenhaus in Berlin suchte junge Ärzte, die auch noch Genossen waren. Alles ging dann sehr schnell. Großer Abschied, große Kontaktversprechen. „Wir lassen uns regelmäßig hier sehen und ihr besucht uns in Berlin!“ Am ehemaligen Arbeitsort war noch einiges zu regeln und nach 4 Wochen kamen sie zu Besuch. Ganz großer Bericht und Begeisterung über die neue Arbeitsstelle, zu den neuen Kollegen, neuen Möglichkeiten, zur neuen Wohnung. Man hatte in Berlin Marzahn für sie zwei Wohnungen in einem Neubau durchgebrochen und zu einer Wohnung vereinigt. Aber in der Berichterstattung schwang ganz versteckt etwas anderes mit. Viele Kollegen arbeiteten da, deren Namen landesweit bekannt waren. Einige kamen aus Dynastien von Ärzten. Auch Krankenschwestern dünkten sich in Berlin besser zu sein als die zwei Landeier. Sie waren aus der Provinz, hatten keine bedeutenden Vorfahren vorzuweisen, kamen von weit unten und waren auch noch Genossen. Das lief da nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatten, alles Genossen! Ein Einkaufsladen für das Personal mit Waren, die aus der Werbung des Westfernsehens bekannt waren, konnte diese Bedrückung nicht wett machen. Zeit stahl sich davon und die Kontakte nach Berlin wurden weitläufiger. Zu erfahren war, dass sie mit den überlieferten hierarchischen Strukturen des Krankenhauses immer weniger zurecht kamen und wohl schon bedauerten ihr Landambulanz verlassen zu haben. Die Jugendweihefeier der Tochter im Palast der Republik war der letzte größere Kontakt. Die 80er Jahre quälen sich weiter durch die Republik DDR. Leere Regale, Lieferengpässe und Repressionen überall. Ich wurde 1982 als Klassenfeind enttarnt, weil ich Kollegen aus den Niederlanden Lehrpläne aller Klassenstufen für Mathematik besorgt und geschickt hatte. Eigentlich dachte ich etwas Gutes für das Ansehen der Republik zu tun. Da mir von niederländischer Seite versichert worden war, dass die DDR Lehrpläne genau das seien, was man in den Niederlanden nicht hatte: sehr gute Systematik über die Klassenstufen, ein hohes Anforderungsniveau u.a.m. Sie hatten also Niveau! Einige gebrauchte Lehrbücher reichte ich nach. Da war ich Klassenfeind und Volksverräter, wurde von allen Funktionen entbunden und dann arbeitslos. Niemand der umliegenden Betriebe traute sich ein solch unsicheres Element einzustellen, obwohl ich alle Betriebsdirektoren persönlich kannte. Wochen später wurde mir gnädig gestattet in einem gefestigten Kollektiv in einer entfernten Stadt als Lehrer tätig zu sein. Umerziehung war vorgesehen. Dort wurde ich ganz wenig umerzogen, aber alles wurde getan, um mir die Arbeit zu erleichtern.

Ich hatte mit mir zu tun und dachte an unsere Freunde in Berlin kaum noch. Einmal riefen sie noch an und teilten mit, man hätte sie ausgewählt in Afrika ein Krankenhaus, das von der DDR erbaut und finanziert wird, zu leiten. Erleichterung war herauszuhören das Regierungskrankenhaus zu verlassen. Tschüs! Dann kam nichts mehr, der Kontakt war abgebrochen. Anfang 1985 kurvte plötzlich ein Gerücht durch den Ort. Ein Bekannter wollte wissen, ob uns Informationen über das Arztehepaar, das einige Jahre im Ort gearbeitet hatte, bekannt wären? Er erzählte, deren Tochter wäre noch einmal im Ort bei einer Freundin gewesen und hätte dabei erzählt, beide Eltern seien in Mosambik als Ärzte tätig gewesen und erschossen worden in Afrika. Aber das war nur ein Gerücht und die Lage der DDR spitzte sich täglich zu. 1989 dann kam die Wende und wir waren plötzlich WESTEN. Das brachte in das Leben aller Bewohner tiefgreifende Veränderungen. An unsere ehemaligen Freunde dachten wir nicht mehr. Wir hatten mit uns zu tun. Meine Frau hatte Russisch unterrichtet, aber nun wurden so viele Unterrichtsstunden für dieses Fach nicht mehr benötigt nach der Wende 1989. Sie musste ein Zertifikat für den Unterricht in einem weiteren Fach erwerben: Sozialkunde. Das bedeutete Lehrgänge und Weiterbildung. Eine Weiterbildung war in Erfurt angesetzt. Ein gewendeter, weichgespülter Oberst der Staatssicherheit aus Berlin war bereit Fragen zur Arbeitsweise des MfS zu beantworten. Er war bei der Aufklärung der MfS Strukturen behilflich. In seinem Vortrag betonte er, dass er vor allen Dingen für den medizinischen Bereich verantwortlich war. Anschließend konnten Fragen gestellt werden. Einig formulierten ihre Fragen in sachlichem Rahmen. Andere kleideten ihre Fragestellung in wüste Beschimpfung, so dass die eigentliche Frage nicht mehr erkennbar war. Am Ende der Veranstaltung sprach meine Frau den Referenten an und fragte nach unseren in Afrika verschwundenen Freunden, weil er doch in seiner Dienststelle für medizinische Bereiche Verantwortung trug. Nach der Nennung des Familiennamens stutzte er, dann platzte er heraus: „Inge und Wolfgang?“ „Dass waren ihre Freunde?“, vergewisserte er sich nochmal. Dann erzählte er. Man sah ihm an, er war durch die Erinnerung betroffen.

„1982 muss es gewesen sein. Beide waren zur Leitung des Krankenhauses in Mosambik ausgewählt worden und wir haben viele lange Gespräche geführt zur Führung des Krankenhauses, zu den dort aus Cuba, Russland und Jugoslawien arbeiteten Ärzten, zur Sicherheit im Land und zu vielen anderen Dingen und Eigenarten des Landes.“ Danach hatte auch er an die zwei Jahre nichts von ihnen gehört. „Dann, im Dezember 1984“, fuhr er fort, „bekamen die deutschen Mediziner eine Einladung der DDR Vertretung in Mosambik für eine vorweihnachtlichen Zusammenkunft in der nächsten größeren Stadt Unango. Ein paar unbeschwerte Stunden sollten es fern der Heimat werden. Allerdings, allein konnte man dort nicht hinfahren. Überall operierten kleine Einheiten der Renamo Banditen aus Südafrika, die Dörfer niederbrannten und die Menschen töteten. Sie waren mal hier mal dort und schwer zu bekämpfen. Sie terrorisierten und verbreiteten Unsicherheit. In den Ost Medien wurden sie „Banditen“ genannt, im Westen „Rebellen“. Die Fahrt in die Stadt ließ sich nur mit gut bewaffneten Milizionären bewältigten. Inge und Wolfgang hörten Anfang Dezember 1984 von einem solchen Konvoi in der Nähe ihres Krankenhauses, der früh um 7.15 Uhr in die Stadt fahren sollte. Der Konvoi mit einigen LKW W 50, einem Werkstattwagen mit Aufbauten, vorn ein Multicar mit dem Verantwortlichen und am Ende ein Tankwagen und einige LKW mit Dünger für das landwirtschaftliche Projekt der DDR in Mosambik war zusammengestellt. An die 20 Milizsoldaten, gut bewaffnet mit Kalaschnikow, leichtem und schwerem Maschinengewehr und mehreren Panzerfäusten setzten sich in Bewegung. 60 oder 70 Kilometer ging alles gut. 10 Kilometer vor der Stadt war eine kleine Anhöhe zu bewältigen, rechts und links dichter Busch. Die Geschwindigkeit wurde langsamer. Plötzlich Mpi Salven und ein Maschinengewehr begann zu hämmern. Das Führungsfahrzeug war von einer Bazooka getroffen worden. Alle den Konvoi begleitenden Milizionäre flüchteten ohne einen einzigen Schuss abgegeben zu haben. Die Waffen ließen sie liegen und rannten in den Busch. 5 von ihnen wurden später tot aufgefunden. Die 9 deutschen Entwicklungshelfer hatten keine Chance. Nur einem gelang die Flucht in den Busch schwer am Kopf verletzt. Die anderen wurden von vielen Geschossen getroffen. Das Ganze dauerte nur wenige Minuten. Man hatte es auf die deutschen Entwicklungshelfer abgesehen. Die anderen Fahrzeuge wurden nicht zerstört. Der Konvoi war überfällig und man suchte nach ihm. Alle Entwicklungshelfer waren getötet worden. Einen Kopfschuss hatten sie alle aber zusätzlich noch erhalten, wohl aus Sicherheit oder nur symbolisch!? Die Leichen wurden ausgezogen und ihrer persönlichen Habe beraubt. Der geflüchtete Entwicklungshelfer wurde schwer verletzt gefunden und russische Ärzte versuchten sein Leben zu retten. Auch er starb nach wenigen Stunden. Richtig aufgeklärt worden ist der Tathergang nie.“ Der Oberst suchte in der Tasche nach Zigaretten, fand eine Schachtel, leer. Er knüllte die Schachtel zwischen den Fingern und fuhr fort: „Honecker ordnete nach diesem Zwischenfall an, dass die Leichen der Getöteten noch in der Nacht in die DDR zurück geflogen werden.“

Der Oberst sann dem Erzählten nach und schwieg erst mal. Dabei stützte er sich auf den Tisch, blickte zu Boden und dann zu den großen Fenstern des Vortragsraumes. „Mit den Leichen kam auch eine Forderung aus Mosambik von der Frelimo, der marxistisch orientierten Befreiungsbewegung, nach militärischem Engagement. Das hatte die DDR Führung immer abgelehnt. Besonders Hubschrauber sollten geliefert werden zum Kampf gegen die marodierenden Renamo Banditen. Die Obduktion der getöteten Entwicklungshelfer in der Berliner Carité brachte eine große Überraschung. Alle in den Körpern steckenden Projektile stammten aus russischer Produktion und waren durch Kalaschnikows abgefeuert worden. Bekannt war aber, dass die Renamo ausschließlich von den USA mit Waffen ausgerüstet worden sind! Danach ging alles sehr schnell. Es gab Weisung, die 1000 Entwicklungshelfer umgehend zurück zu holen und das landwirtschaftliche Projekt einzustellen. Über die Gründe wurden auch wir nicht informiert. Einiges konnten wir uns aber zusammenreimen.“ Hier schwieg er wieder eine Weile, dachte wohl nach. „Frelimo und Renamo bekämpften sich nach dem DDR Rückzug weiter und brachten die Wirtschaft des Landes komplett zum Stillstand. Das Projekt der DDR, Südfrüchte aus Mosambik für die DDR zu liefern aus mehren großen Farmen, wurde fallen gelassen. Renamo sprengte später die schon angelegten Stauwerke und alle Bauten der landwirtschaftlichen Einrichtungen. Mehr als 10000 Auszubildende aus Mosambik befanden sich noch in der DDR. Nach der Wende mussten alle das Land verlassen. Die beiden Kampfparteien hatten sich mit der Zeit gegenseitig so geschwächt, dass die Frelimo ihren Zielen abschwor, in Afrika einen sozialistisch orientierten Staat zu etablieren. Renamo hatte sein Ziel erreicht. Amerikaner und Südafrika waren zufrieden. Heute stellt Renamo die Opposition im Parlament.“ Er sah auf seine Uhr und sagte, dass er einen weiteren Termin habe und verabschiedete sich. „Traurig, dass so viele Menschen sterben mussten wegen nichts, auch ihre Freunde!“ Meine Frau war nach diesem Bericht tief beeindruckt.

Nun war klar, das vor Jahren kursierende Gerücht entsprach der Realität. Wolfgang und Inge wollten helfen und haben diese Hilfsbereitschaft mit dem Leben bezahlt in der großen Auseinandersetzung zwischen Ost und West. Wer erinnert sich heute noch an ihren Tod? Vielleicht die Tochter, die Eltern, aber sicher leben die Elternteile schon nicht mehr und wir, meine Frau und ich. Wir hatten gute Freunde verloren. Vielleicht sind diese wenigen Textzeilen aus dürren Worten eine kleine Würdigung und Gedenkens ihres sinnlosen Ablebens …

11. Ich war Kamikaze – Todesflieger

Eben war die Trauerfeier vorbei. Die Trauergemeinde sammelte sich vor der Trauerhalle des Ortsfriedhofs, um dem Bestatter mit der Urne in das entlegene Urnenfeld zu folgen. Die Grabstätte für die Urne war ausgehoben; die Urne wurde versenkt und der Trauerzug formierte sich in Reihe, so dass jeder vor der letzten Ruhestätte verharren kann, um einen letzten Blumengruß einzuwerfen. Dahinter nahmen dann die Angehörigen die Beileidsbekundungen entgegen. Viele waren gekommen. Die meisten kannte ich; nur wenige Fremde waren zu sehen. Die Reihe der Wartenden bewegte sich nur langsam vorwärts. Meine Gedanken gingen zurück zu der eben verklungenen Trauerrede. Der Redner soll ein ehemaliger Kollege gewesen sein. Viele gute Worte fand er und blieb dann bei der Jugendzeit des Verstorbenen hängen. Warum nur hatte er die freiwillige Meldung zur Wehrmacht 1945 als Todesflieger so breit ausgelegt. Das Wort „Kamikazeflieger“ wiederholte er noch einmal nachdrücklich und machte dann eine bedeutende Pause. In der Stille der Trauerhalle wurde es noch stiller. Das wusste vorher niemand. Hatte sein ehemaliger Kollege und Mitarbeiter noch alte Konflikte aufzuarbeiten mit dieser Mitteilung? Irgendwie gehörte diese Entscheidung eines kaum 18jährigen nicht hierher in diese letzte Lebenswürdigung, hatte er doch ein ganz anderes Leben gelebt! Bis zu diesen Minuten dachte ich, dieses Geheimnis als Einziger zu kennen. Die Reihe der Trauergäste war weiter vorgerückt. Leise sprach man miteinander.

Vor einiger Zeit ließ mich ein Telefonanruf wissen, ich solle doch bitte mal bei einem ehemaligen erkrankten Kollegen vorbei schauen. Er wolle mich sehen, sei nicht mehr auf der Höhe und es sähe auch nicht gut aus mit ihm. Die Krankheit hatte ihn gezeichnet. Über den körperlichen Verfall war ich dann aber doch erschrocken. Seit 50 Jahren kannten wir uns von der Arbeit, waren uns aber auch privat näher gekommen. Er versprühte Aktivitäten, hatte eine klare Meinung zu Beschlüssen von Partei und Regierung, erwartete von jedem 100 Prozent, handhabte aber alles, was ihm von oben aufgedrückt worden war, praktikabel ohne Überspitzungen und mit Nachsicht. In den vielen Jahren der Bekanntschaft war Gesundheit nie ein Problem für ihn und Ärzte kannte er nur von Reihenuntersuchungen. Während meines Besuchs sah er sich von mir mitgebrachte Fotos an, lehnte sich nach kurzer Zeit aber erschöpft zurück und ich dachte an unsere erste Begegnung Anfang der 60er Jahre. Inzwischen war die Reihe dem Urnenplatz etwas näher gekommen. Ich hing weiter meinen Erinnerungen nach.

Nach dem Studium wurde ich in ein ganz kleines Dorf eingewiesen, viele Kilometer entfernt von der Zivilisation. Das hatte ich so unterschrieben zu Studienbeginn, 2 Jahre dorthin zu gehen, wo ich gebraucht würde. Große wohlhabende Bauernhöfe bestimmten das Dorfleben; eine LPG Typ 1 war gerade gegründet worden, tat sich aber mit der kollektivierten Dorfarmut schwer. Schule gab es dort auch: zwei kleine ehemalige Einklassenschulen in zwei einige Kilometer entfernten Dörfern. Durch den Umbau der Lehrerwohnung hatte man jeweils einen Klassenraum hinzugewonnen. Die vier Klassenräume reichten für den Stufenunterricht von Klasse 1-8 aus. Zwischen den in Tälern liegenden Dörfern waren gute 3,5 Kilometer über Anhöhen zu überwinden. Um halbwegs Fachunterricht zu erteilen wurden die Lehrer zu Wanderlehren mit kleiner Zulage. Die Zustände ließen sich mit Ehm Welks „Die Heiden von Kummerow“ gleichsetzen. Die Zeit war scheinbar stehen geblieben in dieser Dorfschule mit dem anspruchsvollen Namen „Polytechnische Oberschule“.

Die Schüler kamen meist pünktlich, aber die Lehrer hatten früh viel zu bereden. Von 8 -10 Uhr wurde unterrichtet, dann war erst mal eine Stunde Pause bei der Hausmeisterin. Die hatte einen neuen Fernseher, Kaffee und konnte mit gutem Bild den „Ochsenkopf“ aus Bayern empfangen. Manchmal wurden interessante Serien gesendet. Dann hatten die Schüler lange Pause. Einmal im Monat setzte der Schulleiter eine Dienstberatung an. Immer wurden Leberwurstbrötchen gereicht und eine Flasche „Halb und Halb“, hochprozentiger süßer Likör, angebrochen. Zu diesen Veranstaltung brachte der Schulleiter immer alle aufgelaufene Post ungeöffnet mit. Er hielt das für Demokratie. Amtliche Post sollte im Beisein des Kollegiums geöffnet werden. Vieles hatte sich schon von allein erledigt, anderes wurde besprochen und abgeheftet. Nur einmal erregte dieses Prinzip Unwillen, weil die Winterferien von der Schulbehörde wegen extremer Kälte vorverlegt worden waren. Eine Woche der Winterferien unterrichteten wir länger, durften dann aber die Ferien nicht um eine Woche länger ausdehnen. Statt zwei Ferienwochen gab es für Lehrer und Schüler nur eine Ferienwoche. Da war das Brieföffnerprinzip im Kollegium gründlich schief gegangen und wurde in Frage gestellt.

Im Jahr 1964 schneite es reichlich im Januar und der Sturm hatte den Schnee ins Tal geweht. Obstbäume schauten nur noch mit den Kronen heraus. Zwischen der 4. und 6. Stunde musste ich über die Anhöhe in die andere Schule wandern. Die Höhe war kahl gefegt, es war kalt und unten im Tiefschnee des Tals bewegte sich etwas. Erst dachte ich, ein Reh, aber dann sah ich, ein Mensch versucht sich durchzukämpfen. Rufe fetzte der Wind weg. Also dann hinunter in den Tiefschnee, Hilfe leisten. Ein Mensch bückte sich immer wieder und auf Rufweite war zu erfahren, er habe seine Halbschuhe im nassen Schnee verloren. Die Schuhe wurden gefunden und er war seinem „Retter“ dankbar. Er fragte dann, ob ich den neuen Lehrer im Ort kenne? Froh war er, seinen Ansprechpartner gefunden zu haben. Er käme von der Kreisabteilung für Volksbildung, sei der zuständige Schulinspektor und wollte an der Schule nach dem Rechten sehen. Ich nahm ihn mit in meine Wohnung über dem Schweinestall. Nachdem er aufgewärmt war und schulische Belange beredet waren, begleitete ich ihn zur fast 4 Kilometer entfernten Bushaltestelle an die Landstraße. Zuvor teilte er noch mit, die Schule würde bald aufgelöst. Stufenunterricht in einer solchen Zwergschule würde es nicht mehr geben. Er würde eine andere Schule für mich finden, was er dann auch getan hat. Wie die Jahre doch vergangen sind, dachte ich in der Reihe vor der Grabstelle? Die Erinnerung an den letzten Besuch bei dem Verstorbenen wurde wieder lebendig. Nun ist er 85 Jahre, von Krankheit gezeichnet und es war wohl mein letzter Besuch! Das Sprechen fiel ihm damals schwer. Seine Frau hatte Tee gebracht. Er begann von seiner Jugendzeit zu erzählen, vom Krieg, vom Gymnasium in G. Ende 1944 und seiner 12. Klasse.

Leise begann er: „Eines Tages, Mitte Dezember 1944, kamen Werbeoffiziere von der Luftwaffe,“ berichtete er. „Jagdflieger wurden gesucht und ein Notabitur versprochen. Die meisten Jungen der Klasse sagten zu, wollten noch Helden werden. Alles ging jetzt sehr schnell: Notabitur und Aufnahme in einen Fliegerhorst irgendwo bei Standel. Es ging dort Mitte Januar 1945 ohne Umschweife zur Sache. Einige Stunden Theorie, dann wurde geflogen. Die Maschinen hatten schon ein Kriegsleben hinter sich, was an mehreren verklebten Einschusslöcher auszumachen war. Bei den Übungen ging es um den Start und der Zielfindung im Sichtflug. Am Ziel angekommen wurde immer wieder geübt, abkippen über einen Flügel, Gashebel auf Anschlag und Sturzflug. Der mitfliegende Fluglehrer fing die Maschine dann ab und übernahm die Landung. Anfang April 1945 dann kamen Parteigrößen und gestandene Fliegerhelden und forderten Mut zu beweisen, Heldentum zu zeigen und das eigene Leben nicht zu schonen für das Deutsche Volk in seiner schwersten Stunde. Nun ging es um den „Rammstoß“, sich aus großer Höhe auf alliierte Bomberverbände zu stürzen. Davon hatten wir gehört. Die Verlustquote lag bei 95 Prozent. Fast alle sagten zu, auch ich. Gruppenzwang und NS Propaganda zeigten ihre Wirkung, der versprochene Eintrag in das Deutsche Heldenregister auch. Ab sofort änderte sich der Umgang mit den Vorgesetzten. Es gab gutes Essen, Schokolade und französischen Alkohol.“ Hier stockte er wieder mit seiner Erzählung.

Das Wort „Kamikazeflieger“ kam jetzt schon mal vor. Russische und englische Piloten führen den Rammstoß auch aus und da fiel der Begriff „Todesflieger“ als deutsche Variante. Jetzt verstanden wir, warum die Landung von Flugzeugen von Anfang an nicht zum Ausbildungsprogramm gehörte.“ Er stockte in seiner Erzählung, trank einen Schluck Tee. Die Erinnerung an die Zeit hatten ihn tief bewegt. „Nach dem 1. April 1945 sickerte bei uns durch, dass ein englischer Bomberverband aus großer Höhe angegriffen worden sei, erzählte er weiter. Die deutschen Verluste bei den Rammstößen lagen hier bei mehr als 90 Prozent. Nach diesem Einsatz wurden weitere „Selbstopfer Piloten“ gesucht. Wieder blieben fast alle dabei, ich auch. Ich hatte mich entschieden. In der Stube war die Entscheidung für das Lebensende kein Thema. Wir sprachen nie darüber. Der Gedanke wurde verdrängt. Alle ließen es sich gut gehen bei Alkohol und gutem Essen. Abends, kurz vor dem Einschlafen, mogelte sich der Gedanke an die Endlichkeit des Lebens in wenigen Tagen doch mal durch. Ich tröstete mich damit, dass andere beim Angriff aus dem Schützengraben auch keine größeren Lebenserwartungen hätten. Die Zeit war eben so, der Tod allgegenwärtig! Der Einsatzbefehl kam schneller als gedacht. Mitte April muss es gewesen sein! Die Russen hatten die Oder erreicht und die anderen Alliierten Mitte März den Rhein überschritten.

Alle ausgewählten Flieger sollten ihre Sachen zusammenpacken und noch einige Zeilen an ihre Angehörigen schreiben. Ich packte meine persönlichen Sachen zusammen, steckte aber mein Soldbuch in die Uniformtasche. Warum weiß ich nicht. Früh zur Befehlsausgabe wurde die Luftlage erklärt. Feindliche Jäger und Bomberverbände gab es nicht in der Flugzone; Wetterkapriolen waren nicht zu erwarten. Der Befehl zum Flug ohne Wiederkehr lautete: Richtung Osten bis zur Oder und Zerstörung einer zugewiesenen Oderbrücke, um den Vormarsch der Russen zu stoppen. Zwei Maschinen wurden eingeteilt, die bis zur Grenze ihrer Tragfähigkeit mit Sprengstoff beladen waren. Treibstoff gab es nur für den Flug bis zur Oder. Auf der Startbahn standen zwei Maschinen abflugbereit, dahinter weitere. Die Motoren waren schon angelassen. Der Mechaniker wollte guten Flug wünschen, biss sich dann aber auf die Lippen, weil diesmal eine Rückkehr nicht vorgesehen war. Sonst kamen ja einige wenige Piloten wieder zum Standort zurück. Andere vom Bodenpersonal vermieden es uns anzuschauen. Die Maschinen, die auf Startposition standen, waren arg lädiert; Einschüsse waren überklebt und nicht einmal das Hoheitszeichen hatte man mit Farbe nachgezogen. Einmal war ich schon mit dieser Maschine geflogen. Die zwei Maschinen starteten. Der Startvorgang zog sich bis ans Ende der Piste hin, weil die Maschinen überladen waren. Meinen Flugpartner kannte ich nur vom sehen. Wir sprachen vor dem Start nicht miteinander. Was sollten wir auch sagen? Es war ein schöner Tag, der letzte Lebenstag mit meinen 18 Jahren. Den Gedanken verdrängte ich. Die Sonne war aufgegangen, der Himmel war leicht bedeckt. Wir überflogen Wälder, Wiesen, Dörfer, Städte in Richtung Oder. Mit meinem Rottenkamerad hatte ich nicht verabredet, wer sich zuerst in den Tod stürzt. In Odernähe war eine schöne große Wiese zu sehen und hier machte sich erstmals der Gedanke breit: hier landen und abhauen!

Die im Befehl angewiesene Brücke war gefunden. Am Ufer waren Militärfahrzeuge und Panzer zu sehen. Die Russen schickten sich an, die Brücke zu überqueren. Da unten schienen sie klein und ungefährlich. Vereinzelt wurde geschossen. Sie waren wohl irritiert, weil wir nicht angriffen. Mein Rottenkamerad setze aus dem Anflug heraus zum Angriff an. Vorher wackelte er noch zum Abschied kurz mit den Flügeln. Der Sturzflug wurde aus einer ungünstigen Position heraus gestartet. Er kippte über den rechten Flügel ab und raste mit heulenden Motoren der Erde entgegen. Eine gewaltige Explosion versetzte unten alles in Qualm und Nebel. Meine Maschine erzitterte und wurde von der Druckwelle nach oben geschleudert. Jetzt hatten die Russen begriffen, was wir vor hatten und heftiges Feuer setzte ein. Ich musste handeln, bevor sie mich treffen. Die Maschine ließ ich abkippen, zog beide Gashebel bis Anschlag auf und raste der Erde entgegen. Nach einer zehntel Sekunde dachte ich an die Wiese vor der Oder. Ich wollte nicht sterben, zwang die Maschine in eine Schleife. Dabei hatte ich Angst, sie bricht auseinander und ich überlebe das Manöver nicht. In einer weiten Schleife über dem Aufmarschgebiet zog ich die Maschine wieder hoch und dachte nur noch an die Wiese. Kurzer Flug wieder nach Westen, dann war die Wiese nach Überquerung der Oder zu sehen. Zweimal überflog ich diese Wiese, weil mir eingefallen war, dass so kurz hinter der Front sich deutsche Stellungen befinden könnten. Von weiter unten sah die Wiese dann nicht mehr so eben aus. Sie wurde von gut getarnten Verteidigungsanlagen durchzogen. Militär war nicht mehr zu sehen.

Selbständig gelandet war ich bisher kaum, hatte wenig Erfahrungen und die Maschine war überladen. Nach dem ersten Aufsetzer machte die Messerschmitt einen gewaltigen Sprung und überquerte einige größere verlassene Stellungen. Sie setzte wieder auf und nach zwei weiteren kleineren Hopsern holpert sie auf den Waldrand zu. Der rechte Motor hatte Aussetzer und gleich darauf blieb auch der andere stehe. Sprit alle! In Panik schnallte ich mich ab, denn jede Sekunde könnte diese fliegende Bombe doch noch hochgehen. Daran hatte ich bis jetzt überhaupt nicht gedacht. Mit meinen Ausrüstungsgegenständen, einen Fallschirm hatte man uns nicht mitgegeben, hastete ich in den nahen Wald. Weg, nur weg von hier! Alle Ausrüstungsgegenstände streifte ich ab, ließ sie liegen und rannte. An das Soldbuch in der Uniform dachte ich nicht.“

Erst jetzt machte sich bei mir der Gedanke breit, sollten mich deutsche Soldaten erwischen, hängen die dich als Fahnenflüchtigen sofort an den nächsten Baum. Die Russen wären sogar das kleinere Übel! Die Front war immer zu hören auf meinem Weg nach Westen, Die Russen überholten mich dennoch. Die Deutschen leisteten wohl keinen nennenswerten Widerstand in diesem Frontabschnitt. Als ich aus meinem Tagesversteck aufbrechen wolle bei anbrechender Dunkelheit, erwische mich eine Streife. Junge russische Soldaten in meinem Alter hatten sich einen “Fritz“ gefangen und genossen nun im Kriegsalltag ihren Spaß, mir die Kolben ihrer Maschinenpistolen in den Rücken zu stoßen oder mich in den Hintern zu treten. In einer Sammelstelle wurden die Aufgegriffenen erfasst und nach zwei Tagen in ein Gefangenenlager gebracht: eine alte Scheune mit einigen halb intakten Gebäuden, rundherum gab es viel Stacheldraht. Anfang Mai riefen die Posten durch den Zaun: „Hitler kaputt!“ Sie ballerten in die Luft und Mittag gab es eine Kartoffel mehr … Der Mai und Juni 1945 waren halbwegs warm und so war es auszuhalten hinter dem Stacheldraht. Wir verhungerten nicht und konnten sehen, die Russen hatten auch kein viel besseres Essen..“

Anfang August bestellte man mich in die Kommandantur. Dort saß ein russischer Offizier, der mein Soldbuch vor sich liegen hatte. Ich musste erzählen, wie ich mit 18 Jahren in den Krieg gekommen bin. Von meiner Mission als „Todesflieger“ und der mit Sprengstoff beladenen Maschine sagte ich nichts. In dem Soldbuch waren kaum Eintragungen vorgenommen worden. Es gab wichtigeres in dieser Zeit. Meine Darstellung zu Notabitur und Einberufung schien glaubhaft zu sein. Welch Glück, dass ich das Soldbuch dabei hatte! Nach wenigen Tagen wurde ich und einige andere 18jährige mit einem Militärfahrzeug zur nächsten Bahnstation gefahren. So schlug ich mich nach Thüringen in meinen Heimatort durch.“

Neulehrer wurden dort gesucht und da ich gültige Entlassungspapiere hatte, konnte ich mich bewerben. Der Kriegseinsatz hatte mich gelehrt, so etwas darf nie wieder passieren. Dafür will ich etwas tun. Nie wieder Krieg! Als Lehrer geht das am besten.“ Hier endete sein Bericht und mit geschlossenen Augen war er in sich zusammengesunken. Mich hatte er vergessen; der Bericht hatte ihn stark mitgenommen. Inzwischen war ich an der Urnengrabstelle angekommen. Wie mein Vordermann nahm ich eine Rosenblüte und warf sie in die kleine Öffnung zu den anderen Blüten. Der Mann vor mir, den ich nicht kannte, hatte Tränen in den Augen. Mit einer Verbeugung und kurzem Innehalten erwies ich ihm, dem Arbeitskollegen, Helfer in vielen komplizierten Situationen und auch Freund, die letzte Ehre, sprach den Angehörigen mein Beileid aus und ging tief in Gedanken versunken über den Friedhof zurück.

Sein weiteres Leben nach dem Antritt der Neulehrerstelle war mir bekannt aus Berichten anderer Lehrerkollegen und aus eigenem Erleben. Als sein Vater am 17. Juni 1953 Stimmführer wurde beim Aufstand und mit Gefängnis bestraft wurde, distanzierte er sich vom Vater. Sein Leben war über die Jahrzehnte geradlinig verlaufen; er vertrat seinen Standpunkt und versuchte alle politischen Entscheidungen und Anweisungen auf ein praktikables Format zusammenzustutzen. Ich dachte nach seinem Lebensbericht über die gestohlene Jugend all dieser Flakhelfer, Flugzeugführer, U-Boot Fahrer und der anderen jungen Soldaten oder Helferinnen in den Lazaretten nach. Wie hätte sich ihr Leben ohne diesen Krieg entwickelt? Nun sind sie alle am Ende ihres Lebens angekommen mit über 80 Jahren. Sie haben erlebt, was Krieg wirklich bedeutet. Hautnah verbunden mit ihnen fühlt sich auch noch die folgende Generation, die in Kindertagen Krieg und Nachkriegszeit erlebt hat.

Langsam ins Dunkel der Geschichte entschwinden Kriegsereignisse und individuelle Erlebnisse. Erfahrungen werden von der Geschichte geschluckt, auch die Geschichte eines Harald Schwirz, der mit 17 Jahren, geblendet von der Ideologie der Nazis, noch schnell zum Helden werden wollte. Er hatte aus den Kriegserlebnissen gelernt und beschlossen, der Jugend einen friedlichen Weg zu weisen als Neulehrer. Jahrzehnte war er als geachteter Schulmann in leitender Kreisfunktion bemüht, Beschlüsse von SED und Regierung auf ein praktikables Maß zu reduzieren und damit seinen Kollegen verständlich zu machen. 1989, zur Wende, ging er in Rente. Als linker roter Abgeordneter war er von vielen Bürgern der Stadt gewählt worden. Im Stadtrat war er dann über das 80. Lebensjahr hinaus aktiv tätig. Wieder verdiente er sich Anerkennung, weil er Entscheidungen der neuen Mächte praktikabel und bürgerverträglich in der Umsetzung mit gestaltete.

Wieder und wieder wurde er gewählt …

10. Grablegung eines Stalinisten

Älter und alt werden alle. Das geschieht ganz schleichend und unbemerkt, weil die, mit denen man Jahrzehnte gelebt hat, den gleichen Prozess durchlaufen. Als nach dem Studienabschluss Anfang der 60er Jahre die erste Lehrerstelle angetreten wurde, unterrichteten viele ehemalige Neulehrer seit fast 2 Jahrzehnte an der Oberschule der Thüringer Kleinstadt. Das waren die Alten, die ältere Generation mit Notabitur und Flakhelfer Erfahrung in den letzten Kriegstagen.

Einer von denen geriet mit 19 in russische Gefangenschaft, Adolf Kolbrenner. Ihn traf es mit seinen 19 Jahren besonders hart in einem Gefangenenlager in den Wäldern Kareliens. Schwere Arbeitseinsätze am Holz tagein, tagaus löschten das Menschsein fast aus. Später dann wurden Kurse angeboten im Gefangenenlager, antifaschistische Kurse. Die Teilnahme daran erleichterte die harte Waldarbeit etwas. Im Mittelpunkt der Kurse standen der Faschismus, seine Ursachen und Auswirkungen für die Welt. Besonders Schriften von Stalin waren Grundlage der Unterrichtung. In vielen Diskussionen kam er zu der Erkenntnis, einen solchen Krieg darf es nie wieder geben und dafür wollte er etwas tun, nein alles. Seine gewonnenen Überzeugungen erschienen den Natschalniks im Gefangenenlager glaubhaft . Er wurde etwas früher entlassen als seine Leidensgenossen. Zu Hause angekommen, erfuhr er, Neulehrer werden gebraucht. Er meldete sich, weil er seine Friedenssehnsucht als Lehrer so am besten verwirklichen konnte. Eine solche Erfahrung von Krieg und Gefangenschaft wollte er der nächsten Generation ersparen.

Im dreimonatigen Neulehrerseminar fiel er durch einen besonders festen politischen Standpunkt auf und war belesen in Stalins Schriften. Er schaffte einen guten Abschluss, kam aber als Neulehrer nicht zum Einsatz, weil die SED, deren Mitglied er geworden war, erkannt hatte, dass er gut als Agitator in ihrer Kreisleitung zu gebrauchen war. Dort agitierte er viele Jahre. Dann starb Stalin und sein Weltbild geriet durcheinander. Später erfuhr er nach einem Parteitag der KPdSU von Stalins Verbrechen und erlebte die allgemeine Abkehr von seinen Lehren und Schriften. Eine Welt brach für ihn zusammen. Alles wurde komplizierter und unübersichtlicher. Aber der sich verschärfende Kalte Krieg bot weiterhin viele Betätigungsmöglichkeiten für seine agitatorischen Fähigkeiten. Der Westen Deutschlands, wo alles weiter ging, als habe es keine Nazivergangenheit gegeben, wurde jetzt sein Arbeitsschwerpunkt. Im Westen gab es den Holocaust in den Schulbüchern nicht, Nazirichter und hohe Offiziere der Wehrmacht arbeiteten weiter unbehelligt im Staatsdienst. Dann kamen die 68er und er schöpfte etwas Hoffnung.

Allein, seine Überzeugungsarbeit war immer noch vom stalinschen Denken geprägt. So richtig passte er nicht mehr in die neue Zeit und in den Kurs der SED. Man empfahl ihm, doch wieder als Lehrer zu arbeiten. Nach einigen Schnellkursen wegen besonderer politischer Verdienste wurde er Fachlehrer für Geschichte/Staatsbürgerkunde an der Polytechnischen Oberschule. Gesegnet mit wenig pädagogischem Fingerspitzengefühl und didaktischen Fähigkeiten erzog er „Klassenfeinde“, meinten einige Kollegen. Für ihn gab es nie Fragen nach Parteitagen oder einem Plenum der SED; er vermittelte drauf los. Diskussionen und Überzeugungsarbeit waren nie sein Ding. Für ihn galt der Stalin Ausspruch: „Wenn die Linie klar ist, entscheiden die Kader alles!“ Als Geschichtslehrer vermittelte er einfache Wahrheiten: Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen; die Menschen erobern sich die Welt und machen sie sich untertan; Menschen bauen Städte und Häuser aus Erde und alles wird wieder zu Erde, auch der Mensch selbst. Erschwerend kam hinzu, seine Eltern aus einem kleinen Dorf im Thüringer Wald hatten ihm den Namen „Adolf“ verpasst, ihrer damaligen Zukunftssehnsucht. Die Erde dreht sich weiter …

In Staatsbürgerkunde vermittelte Adolf seine Weltsicht kompromisslos weiter; alles ist real und geprüft; die Welt ist erkennbar, der Sozialismus siegt, ihm gehört die Zukunft. Warum darüber noch diskutieren? Aus dem Osten kommt das Licht, kommt die Zukunft! „Die Partei, die Partei, die hat immer recht.“ „Proletarier aller Länder vereinigt euch.“ Der Sozialismus ist dem Kapitalismus haushoch überlegen. Ihm gehört die Zukunft; die Kirche gemeinsam mit dem Adel haben die Menschheit Jahrtausende lang geknechtet. Es gilt, die Welt nicht zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Das war seine Überzeugung! Dafür stand er. Diese, seine Weltsicht wurde dargelegt, an die Tafel geschrieben, war auswendig zu lernen und wurde dann überprüft und benotet. Mit Beginn der 80er Jahre wurde das schwieriger. Westfernsehen und Rentnerbesuche im Westen vermittelten ein anderes Bild und mehrmals gingen ganze Klassen gegen ihn auf die Barrikaden. Er stand dann mit dem Klassenbuch vor der Brust in einer Ecke und die Klasse bedrängte ihn.

So richtig unbeliebt war er nicht im Kollegium. Er rauchte nicht, trank keinen Kaffee, wusste in vielen Dingen Lebensrat, verbreitete auch lustige Erlebnisse, redete nie über andere und man hörte den Dialekt des Thüringer Waldes immer noch heraus. Mit der Wende trat er in den Ruhestand und wurde krank. Nach mehreren Operationen konnte er aus seinem Auto kaum noch aussteigen. Seine Frau kaufte im Supermarkt ein; er saß im Auto und immer mal kam jemand aus dem ehemaligen Kollegium vorbei. Eine ältere Kollegin sagte ihm, dass sie doch nicht so oft das Parteilehrjahr hätte schwänzen sollen, als über den Kapitalismus gesprochen wurde, jetzt wäre er da mit seinen Segnungen, der Arbeitslosigkeit, alles an Menschlichkeit sei zerbrochen, nur der Maßstab Geld zähle noch!

Einige erzählten ihm von der Umrüstung der Kaufhalle zum Supermarkt, vor dem er parkte. Kurz bevor die D-Mark Einzug hielt, kam ein Team, um die Kaufhalle auszuräumen. Alle Waren wurden aus den Regalen gewischt. Mehl, Zucker, Gewürzgurken, Alkohol führten am Boden ein trautes Miteinander. Das Gemisch ehemaliger DDR Waren wurden zum Ausgang befördert und in einen Container verladen, ganz symbolträchtig. Am nächsten Tag rückte ein neues Team an und füllte die gleichen Regale wieder mit Waren, die alle aus der West Werbung kannten. Große Gedränge zur Eröffnung, großes Staunen – die Preise! Ihm wurde berichtet, dass eine mittlere Firma am Ort, die unmittelbar vor der Wende erst fertiggestellt worden war, zu der ein großes Grundstück gehörte, für eine DM verkauft worden sei. Erst freuten sich die Angestellten dieser Firma, dann, nach wenigen Wochen waren alle Konten abgeräumt; Insolvenz musste angemeldet werden. Dann verschwanden die Maschinen in Richtung Westen, woher sie vor Jahresfrist geliefert worden waren und dann war einige Jahre Ruhe. Irgendwann, später stellte der Käufer einen Antrag zwecks Abriss der Anlage, um für den Wohnungsbau Parzellen abzustecken. Das wurde staatlicherseits abgelehnt. Wieder einige Zeit später brannte es an mehreren Stellen gleichzeitig auf dem Betriebsgelände. Anwohner löschten und konnten gerade noch sehen, wie zwei PKW mit Westkennzeichen verschwanden. Der warme Abbruch war vereitelt worden. Nicht viel später kam nächtlich wieder ein Arbeitsteam bei -15 Grad C. Alle Wasserhähne wurden aufgedreht und vollendeten in weiteren kalten Nächten unbemerkt ihr Werk. Der Frost mit dem Wasser gemeinsam leisteten ganze Arbeit. Nun stellte der Eigentümer wieder den Antrag auf Abriss und Parzellierung. Erst jetzt schaute man, wer der Besitzer eigentlich sei. Es stellte sich heraus, alle seine vorgelegten Bankdokumente waren gefälscht. In der Schweiz und weiteren alten Bundesländern lagen Haftbefehle vor gegen ihn.

Das waren Berichte, die seine Seele streichelten: „Das ist der Kapitalismus!“, betonte er, „habe ich euch das nicht immer gesagt?“ Er konnte auch noch erfahren, dass einige Stellenausschreibungen im Ort, die gut dotiert waren, an West Bewerber gingen und die holten Freunde und Bekannte nach auf weitere gute Stellen. Nur in den Niederungen saßen noch Ossis. Dass gleich vor seiner Nase am Rande des Parkplatzes noch ein Betrieb stand, der von einer Westfirma ehrliche erworben und ausgebaut worden war, viele Arbeitsplätze geschaffen hatte, sah er weniger gern. Das passte so richtig nicht. Diese Sicht auf die negativen Aspekte des kapitalistischen Systems machten es ihm leichter, seine Krankheit zu ertragen. Er hatte nicht umsonst versucht, den Menschen den Sozialismus nahe zu bringen, sah aber ein, dass zur Zeit keine andere Gesellschaftsformation den Kapitalismus ersetzen könnte. „Habe ich umsonst gelebt?“

Romantischer Friedhof außerhalb der Ortslage. Ist ein Mensch gestorben, wird er entsprechend der Tradition bestattet. Man denkt an ihn noch eine gewisse Zeit und besucht sein Grab an der Orsgrenze. Das Lebe zieht weiter seine Bahn.

Sein Lebensende deutete sich langsam an. Allein, es ging ans Sterben und die Nachricht seines Todes verbreitete sich im Ort. Mehrere Kollegen gingen zur Trauerfeier. Einige trieb die reine Neugier, um zu sehen, wie ein solcher „Stalinist“, wie er auch hinter vorgehaltener Hand unter den Kollegen genannt worden war, zu Grabe getragen würde. Für ihn war die Welt immer klar. Der Stalinismus seiner jungen Jahre hatten ihn geprägt, Probleme hatte er auch später nicht mit dem Kurs von Partei und Regierung. Zweifel plagten ihn nie an der Richtigkeit politischer Maßnahmen – „Alles Unfug!“ Er war ein alter Parteisoldat!

Im Norden, Island, Grönland und Norwegen geht man anders um mit den toten Angehörigen. Sie bleiben weiter in der Gemeinschaft. Bestattet sind sie inmitten der Wohnanlage. Einfache weiße Holzkreuze machen sie im Tod alle gleich. Die Natur schmückt die Gräber in den Monaten ohne Eis und Schnee, wenn die Sonne 24 Stunden am Himmel steht. Nur ein großes Kreuz überragt alle Kreuze in den meisten Monaten des Jahres, wenn alle andren Kreuze unter einer dicken Schneedecke versteckt sind.

Im Kollegium war diese seine kompromisslosen Haltung eher unbeliebt. Zu Religion und Kirche hatte er gar kein Verhältnis; Pfaffen hasste er zutiefst. Nun war Trauerfeier. Einige ehemalige Kollegen waren gekommen und gespannt, wer die Trauerrede halten würde auf dem Ortsfriedhof in der Trauerhalle. Andächtige Stille; die Türen schlossen sich und das Individuum, das mit Aktentasche unter dem Arm am Eingang gelümmelt hatte, schritt nun im völlig zerknitterten Talar und ausgefransten Jeanshosen gemessenen Schrittes den Gang entlang, verbeugte sich vor dem Sarg und stieg die Stufen zur Kanzel hinauf. Wo hatten die diesen nur Pfarrer her? Wir alle waren sprachlos, eine kirchliche Trauerfeier mit Pfarrer, wo er doch auch kurz vor seinem Tod noch jedem seine ablehnende Haltung zur Kirche vermittelt hatte?

Dieses enge Verhältnis zu verstorbenen Angehörigen dukumentiert sich noch heute auf Grönland. Man bleibt beeinander, nicht nur in der „alten Zeit“. Den Friedhof umgeben Neubauten! Man blickt aus dem Fenster und denkt an den Verstorbenen …

Die Trauerrede stammte aus einem Buch, das vermutlich Redevorschläge für Trauerfeiern enthielt. Bunte Zettelchen schauten zwischen den Seiten heraus. Die Trauerrede bestand aus einer Aneinanderreihung von Bibelzitaten, dann zusammenhanglos, kamen Lebensdaten von den bunten Notizen zum Einsatz – Lebenslauf in Kurzfassung, nichts Emotionales, Persönliches über gelebtes Leben! Mitleid mit dem Kollegen Adolf Kolbrenner machte sich unter uns breit. Beim Blättern löste sich eines der Zettelchen und segelte hin und her schwingend zu Boden. Der Redner schaute ein Weilchen auf den gelben Notizzettel hinunter, überlegte, begab sich dann aber doch die wenigen Stufen hinunter, die Notizen zu holen. Er bückte sich, aber die Zugluft, die der Talar verursachte, trieb den gelben Zettel weiter unter den Sarg. Jetzt musste er auf die Knie und weit unter den Sarg langen. War es erst noch andächtig still gewesen, war jetzt alle Andacht dahin. Auch aus den Reihen der Angehörigen waren keine emotionalen Laute mehr zu vernehmen.

Der junge Pfarrer verließ am Ende als erster die Trauerhalle, Angehörige und Trauergäste folgen. Draußen hatte er sich abseits wieder des Talars entledigt und in der Aktentasche verschwinden lassen. Ein Zipfelchen schaute noch heraus. Während einige Trauergäste den Angehörigen ihr Beileid aussprachen, wartete er dann am mitgebrachten Leichenwagen, der den Verstorbenen in einen kleinen Ort im Thüringer Wald, der mit Hinter- oder Unter- begann, wo er geboren worden war, zu transportieren. Dort sollte er auf dem Dorffriedhof in geweihter Erde seine letzte Ruhe finden. Wir, seine ehemaligen Kollegen, waren erschüttert, wie die Familie seinen letzten Willen umgedeutet hatte. Das hätten wir der Ehefrau, auch Lehrerin und vormals überzeugte, unduldsame Genossin, nicht zugetraut. Was da abgelaufen war zu der Trauerfeier des Kollegen, der als 19jähriger in den letzten Kriegstagen als Flakhelfer gedient hatte und nicht wollte, dass es jemals wieder Krieg gäbe, war eher Satire und Missachtung eines Lebens. Wir dachten, das hat er bei allen seinen Absonderlichkeiten nicht verdient. Beileid konnten wir den Angehörigen nicht aussprechen. Die Erde dreht sich weiter …

Der letzte Friedhof auf Spitzbergen. Die letzte Bestattung fand hier vor 80 Jahren statt. Sterben ist hier verboten! Dazu muss man sich woanders hin begeben. Man will hier keine Masse an Ötzis im Dauerfrostboden.

9. New York Airport – Ausreiseerlebnis

Warum nur fielen Pass und Name immer wieder auf bei der Einreise in die USA oder Kanada? Meist waren die Einreisebeamten so um die 50 bis 60 Jahre alt, manchmal auch älter. Beim Wechsel vom internationalen zum Inland Flughafen in Philadelphia löste sich das Rätsel.

Wieder großer Andrang nach der Landung in den USA. Den Einreisebeamten konnte Max eine ganze Weile beobachten. Unbeteiligt nahm er die Pässe entgegen, scannte sie ein, verglich Passbild mit dem Original, nahm Fingerabdrücke und machte ein Foto. Grüße der Einreisenden erwiderte er nicht. Max trat an den Schalter heran. Sein Gruß wurden nicht erwidert. Er reichten seinen Reisepass in den Kontrollraum. Der Beamte sah hinein, sah noch einmal auf Max und alles änderte sich. Wieder einmal! Der Beamte sah Max aufmerksam an, riss dann einen Zettel aus einem Block und schrieb etwas auf. Wieder Probleme!

Aber, der Beamte sah ihn freundlich, fast wohlwollend an. Der Zettel wurde herüber geschoben und Max las „Willy Messerschmitt?“. Fragend schaute der Beamte Max ins Gesicht. Mit Unverständnis blickte Max zurück. „Do you know him?” (Kennen sie den?), wurde er gefragt. „We are 80 million. I do not know everyone there!” (Wir sind 80 Millionen. Ich kenne da nicht jeden!), war die Antwort. Nun hob sich der Beamte leicht vom Sitz, breite beide Arme aus und simulierte mit leichtem Brummen ein Flugzeug. An den Bewegungen der zu Tragflächen umfunktionierten ausgebreiteten Arme war zu entnehmen, eine Passagiermaschine sollte das nicht sein. Er sah Max wieder fragend an und sagte „Me 109!“ Ein deutsches Jagdflugzeug aus dem 2. Weltkrieg war simuliert worden. Jetzt dämmerte es Max. Die Namensverwandtschaft ist es , die Aufmerksamkeit erzeugt.

Willy Messerschmitt war Flugzeugkonstrukteur der 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts, Nazizeit, 2. Weltkrieg. Leider, Max gehörte nicht zum Konzern und war auch kein Verwandter. Er schrieb seinen Namen nicht mit „tt“, sondern mit „dt“. Das war verstanden worden. Der Flug nach Atlanta ging in 20 Minuten, hohe Zeit!. Freundlich wies der Beamte einen Weg, wie man schneller zum Gate des riesigen Flughafens kommt. Jetzt war klar, warum bei Ein- und Ausreise Beamte, die unbeteiligt ihren Dienst versehen, beim Öffnen des Passes unterschiedlich reagieren. Ein gleichaltriger NASA Mitarbeiter, mit dem er ins Gespräch gekommen war, konnte ihm das erklären. Ende der 50er, 60er und Anfang der 70er Jahre gab es viele Filme aus Hollywood, die sich mit der siegreichen US Army im 2. Weltkrieg beschäftigten. Heldenhaft kämpften die GI besonders in der Luft und fügten der deutschen Wehrmacht große Verluste zu. Den Piloten aber machten die Messerschmitts am Himmel zu schaffen, die Me 109 und 110. Ihre Spitfires und Mustangs waren leicht unterlegen in bestimmten Angriffssituationen. Die amerikanischen Piloten schossen die Germans trotzdem ab und wurden dadurch nur noch größere Helden. Viele Amerikaner, besonders Männer, die heute zwischen 50 und 80 Jahre alt sind, können mit Me 109 – Messerschmitt etwas anfangen. Ein ganz anderes Problem wurde nun bei der Ausreise in New York sichtbar.

Die Überfahrt von Halifax nach New York gestaltete sich sehr ruhig. Jede Reise geht einmal zu Ende, auch die von Halifax nach New York. Der Trubel der Ausschiffung ist überstanden; Max sitzt im Bus Richtung Airport New York und denkt über sein Erlebnis bei der Ankunft vor 17 Tagen nach. Die Einreiseformalitäten hatten ihm damals ganz schön zugesetzt.

Am letzten Reisetag dann stand Max mit 3000 anderen Passagieren an Deck und beobachtete, wie sich die Morgendämmerung aus dem Frühnebel schälte und die Sonne begann vorsichtig durch die Wolkenkratzer von Manhattan zu blinzeln. In immer mehr Fenstern erlosch mit der Dämmerung das Licht vor dem grauenden Tag. Fotoapparate klickten unaufhörlich. Vorbei glitt die Freiheitsstatue. Beeindruckt von diesem Schauspiel waren wohl alle Beobachter.

Auf dieser Überfahrt nach New York lief in der Kabine morgens der Fernseher mit einem New Yorker TV Sender. Drei Schriftbänder mit Nachrichten und Börsenberichten gegenläufig schränkten zwar das TV-Erlebnis ein, aber interessant war es doch. Ein TV-Team war unterwegs zu Unfällen in New York. Die trafen immer schon dann ein, wenn die Polizei noch gar nicht vor Ort war und hielten die Kamera so richtig ins Geschehen. Die Gaffer traten den Unfallopfern fast auf die Hände. Da tropfte das Blut der Unfallopfer noch, da waren sie noch eingeklemmt in ihrem Fahrzeug – bisher nicht gesehene Realität!!! Und schon war das TV-Team wieder unterwegs zum nächsten Unfall. In einer so großen Stadt passiert dauernd etwas.

Check-out des Schiffes war schnell erledigt. Der Bus transportierte die Passagiere zum Flughafen. 8 Stunden Wartezeit bis zum Abflug. Eine New Yorkerin meldete sich bei der Gruppe Richtung Frankfurt, um den Fluggästen beim Check-in zur Seite zu stehen. Die jungen Frauen am Terminal waren mit den Passagieren heillos überfordert, weil leere Plätze in der großen Maschine aufgefüllt werden mussten. Die Betreuerin klärte alle Belange mit den Fluggästen und den jungen Frauen am Terminal. Viele Mitreisende schwärmten aus im Flughafengelände, andere setzten sich mit der umgänglichen Betreuerin in eine Ecke, um mehr vom Leben in New York und der USA zu erfahren. Sehr interessant, was da alles zu erfahren war vom ganz „normalen Leben“ in einer solchen Weltstadt. Max wurde viele Fragen los und bekam überzeugende Antworten zu Politik, Umwelt und anderen Dingen des täglichen Lebens. Auch eine Warterei mit 8 Stunden geht mal vorbei. Alle Terminals sind geöffnet an den Sicherheitsschleusen, riesiger Andrang, lange Warteschlangen, gründliche Kontrollen. Die Schlange rückte langsam vorwärts. Es war zu beobachten, was andere Fluggäste alles in den Container auf dem Rollband taten. Max und seine Frau hatten wie alle anderen Oberbekleidung, Fotoapparate, Handy, Gürtel, Brieftasche u.a. in den Container gelegt und warteten auf den Wink zur Passage des Scanners. Seine Frau passierte problemlos und holte sich ihren unbeanstandeten Container.

Bei Max piepte es anhaltend. Nachkontrolle mit den Handscannern von den Schultern bis zu den Füßen. Der Brustbeutel mit Geld war die Ursache. Den hatte Max schlicht vergessen in den Container zu legen. Also, zurück und noch einmal durch den Scanner. Wieder Piepen! Handscanner kommen erneut zum Einsatz – kein Piepen, aber zur Sicherheit Schuhe ausziehen, aufs Band stellen und noch einmal durch den großen Scanner. Piepen! Jetzt war die Abfertigung am Terminal ins Stocken geraten und an den Nachbarterminals war man aufmerksam geworden. „Gut, dass ich das nicht bin“, dachten wohl viele Passagiere. Nach der nochmaligen Passage des großen Scanners arbeiteten jetzt zwei Beamte an Max mit ihren Handscannern von den Schultern bis zu den Füßen. Verhaltenes Piepen diesmal. Absprache der Beamten. Max hatte ein Jeanshemd an mit Knöpfen, die einen Metallüberzug trugen. Hemd ausziehen, aufs Band legen, erneut durch den großen Scanner. Wieder Piepen! Jetzt stockte es auch an den Bändern rechts und links von Max. Es wurde beobachtet und langsam gearbeitet. Nun hatte Max die Aufmerksamkeit des gesamten Personals an diesem Terminal. Wieder Beratung. Max wurde zu einer Milchglaskabine geleitet. Der Beamte zog sich Gummihandschuhe über und nahm eine Lampe zur Hand. In der Kabine: Hosen runter, bücken, Pobacken auseinanderziehen. Nichts! Zur Sicherheit musste Max nochmal durch den Scanner. Piepen! Max stand rum ohne Schuhe, in Jeans und T-Shirt. Alle beobachteten ihn. Die Beamten waren mit ihrem Latein am Ende. Es wurde telefoniert. Max badete sich komplett verunsichert in seinem eigenen Schweiß.

Ein etwa 50jähriger Beamter tauchte auf, wohl ein Chef mit auffälligen Schulterstücken. Freundlich reichte er Max die Hand. Dann scannte er Max von oben nach unten mit den Augen ab. Erst von hinten, dann von vorn. Am Kopf blieb er hängen und seine Miene veränderte sich. Noch eine Weile schaute er Max auf den Kopf, was dem sehr unangenehm war. Dann wurde der Beamte freundlicher, zeigte mit dem Finger auf den Kopf und sagte: „Aneurysma?“ Max nickte aufgeregt. Die Finger des Beamten wanderten weiter zu der noch sichtbaren OP Narbe und die Frage folgte: „Chip in the head?“ („Chip im Kopf?“) Wieder eifriges Nicken.„Do you have a certificate for the chip?“ („Haben sie ein Zertifikat für den Chip?“) Wieder nicken. Jetzt wurde es Max ganz mulmig. Zertifikat über die Zusammensetzung des Chip hatte er, zu Hause, im Schrank. Das sagte er auch. Der Vorgesetzte war jetzt unschlüssig. Schaute zu seinen Leuten, die gerade dabei waren, die Abfertigung wieder zu starten, schaute zur Frau von Max, überlegte noch, reichte ihm dann die Hand und wünschte einen guten Flug. Zentnersteine fielen ab von Max. Erleichterung! Die Kleidung klebte am Körper. Keiner der Beamten hatte den Handscanner vorher an seinen Kopf gehalten und auch er hatte sich nicht an das Metall im Kopf erinnert.

Kurzes Warten zum Check-in am Gate, dann Boarding. Die Reisegruppe war auf Einzelplätze im Flieger verteilt worden. Max fand seinen Platz in der Mittelreihe, der zweite Platz vom Gang. Rechts und links von ihm die Plätze waren noch leer. Kurze Zeit später setzte sich eine junge Frau auf den ersten Platz am Gang, die sofort ihren Notebook startete. Durch den Gang wälzte sich ein Berg von Mensch, quer, weil er zu breit war. Max beobachtete ihn interessiert, sah aber mit mulmigem Gefühl, alle Plätze vor ihm waren besetzt. Nur der Platz neben ihm war noch frei. Großes Erschrecken! Tatsächlich, der Menschenberg holte sein Ticket heraus und verglich. Es war sein Platz. Die junge Frau und Max mussten auf den Gang, damit der Mensch auf seinen Platz konnte. Das war bei dem Umfang recht schwierig. Der klappte sofort die Armlehne von Max hoch. Max klappte sie gleich wieder runter und der Dicke musste sich in den Sitz zwängen. Unten war er eingepasst, alle wabbelnden Massen wurde nun nach oben gedrückt und hingen weit über die Zwischenlehne auf Max Seite. Ein Drittel seines Sitzes waren nun von dem Überhang belegt. Max versuchte sich wieder zu setzen, musste sich aber weit zu der jungen Frau hinüber beugen. Die ließ Mitleid erkennen und schloss ihren Notebook. Zeitung lesen war nicht möglich. Der Dicke versuchte sich klein zu machen, presste die Arme dicht an den Körper, aber die Masse war trotzdem da.

Dann kam das Essen. Die Stewardesse staunte. Sie wusste nicht, wohin sie Essen und Getränke stellen sollte. Das Tablett stellte Max so, dass es auf die Ablage der Sitzplatznachbarin hinaus ragte. Die Getränke wurden auf die Ablage der Nachbarin gestellt. Sie war sehr kooperativ. Einhändig und mit Mühe aß Max. Der Dicke schwitzte fürchterlich und es roch. Nicht auszuhalten, erst mal raus auf den Gang. Die Nachbarin stand auf und Max ging einige Male die Gänge entlang. Hier und da sah er mal aus den Fenstern, konnte aber nicht ewig herumlaufen. Das war nicht erlaubt. Also stellte er sich an der Toilette an. Da war eine lange Schlange. Irgendwann war er dran, bog kurz vorher ab und stellte sich ans Schlagenende der nächsten Toilette. Die Zeit verging nicht im Fluge. Diese Ausflüge wiederholte er mehrmals. Die junge Frau musste dabei immer mit aufstehen. Endlich geschafft, Frankfurt. Der Dick schwitzte und schwitzte und roch immer stärker. Landung! Koffer vom Rollband holen und zu Mac Donalds etwas essen.

Die Dollars in der Brieftasche wurden in Euro getauscht. Max fühlte sich beobachtet und vollzog den Geldaustausch unterhalb der Tischkante. Wieder warten. Endlich, der ICE war angekündigt und die lange Rolltreppe hinunter zum Bahnsteig wurde angesteuert. Andrang an der Rolltreppe. Eine Lücke tat sich auf und Max mit schwerem Koffer erreichte die Rolltreppe. Seine Frau wurde von einem großen arabisch aussehenden Typ und einem kleineren abgedrängt und konnte erst danach auf die Rolltreppe nach unten. Max war für sie durch die zwei hinter ihm Stehenden verdeckt. Der ICE war eingefahren. Wagen und reservierter Platz waren schnell gefunden. Der Rucksack als Handgepäck kam in die obere Ablage. Alle Reißverschlüsse waren auf gezogen. Max wunderte sich. Er lässt sie doch sonst niemals offen!

Für den letzter Reiseabschnitt wird ein Taxi geordert. Endlich zu Hause! Ziel erreicht, bezahlen! Max öffnet seinen Rucksack, nimmt die Brieftasche aus einem extra gesicherten Fach, das auch geöffnet war, schlägt sie auf und Gesundheitskarte und anderes fallen heraus. Der Taxifahrer beobachte ihn mit Quittungsblock in der Hand. Der Griff ins Geldfach. Nichts! Das begriff Max nicht, hatte er doch vor wenigen Stunden 60 Euro hinein getan!? Der Taxifahrer hatte schneller begriffen: „Da hat man sie wohl beklaut!?“ Jetzt dämmerte es: die offenen Reißverschlüsse! Die beiden, die an der Rolltreppe seine Frau abgedrängt hatten, müssen ihn vorher beobachtet und dann beklaut haben. Nichts hatte er davon bemerkt.

Das alles ereignete sich in nicht einmal 24 Stunden. Ein ereignisreicher Tag …

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8. New York, Airport – ein Einreiseerlebnis

Frankfurt – New York, der Flug war bewältigt. Es war ruhig geblieben in der Luft. Die Freiheitsstatue hatte man während der Landung sehen können. Wie viele Einreisende mussten in den letzten 300 Jahren dort alle Träume begraben und umkehren, weil man sie aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht ins Land ließ. Max dachte darüber nach. Er und seine Frau hatten wohl alle Bedingungen erfüllt: die ESTA Gebühren von 14 € rechtzeitig bezahlt, der Pass war aktuell, alles hatte er richtig angekreuzt auf dem Einreiseformular: keine ansteckende Krankheit derzeit, er war nie Terrorist gewesen, gehörte auch keiner terroristischen Gemeinschaft an und in den USA terroristisch tätig werden wollte er schon gar nicht.

Mehrere große Maschinen aus Europa waren in kurzer Folge gelandet, starker Andrang. Das Gepäck wurde vom Kofferband geholt und nun war er mit seiner Frau unterwegs zur Einreisekontrolle. Die Anstehenden wurden in Spuren geführt, die durch Leitbänder abgegrenzt waren. Es war stickig. In der vorrückenden Schlange konnte er die Einreisebeamten beobachten bei ihrer Tätigkeit. Mindestens 10 Terminals waren geöffnet. In einem Gang zwischen den Boxen patrouillierte scheinbar eine Vorgesetzte: beachtenswerte Frau, knapp geschnittene Uniform, einiges Lametta auf den Schulterstücken und – sie trug ein Kopftuch! „Alles möglich hier!“, dachte Max. Die Frau schlenderte den Gang entlang, Arme auf dem Rücken und beobachtete ihre Beamten. Ab und zu sprach sie mit jemandem oder wurde gerufen.

Die Einreisebeamten ließen beim Herantreten der Einreisenden in ihrer Mimik keinerlei emotionale Bewegungen erkennen. Eine junge Frau vor Max trat lächelnd und mit einem „Hallo!“ an das Terminal heran. Kein Reagieren des Beamten. Auf ihren Lippen gefror das Lächeln. Endlich, Max und seine Frau konnten auch an die Box herantreten, legten ihre Pässe auf das Bord. Der Beamte griff nach dem Pass der Frau, schaute vom Passbild auf das Original, zog den Pass durch den Computer und legte ihn zur Seite. Als wäre ihm etwas aufgefallen, öffnete er den Pass noch einmal, blätterte ihn durch, besah sich genau das eingeklebte ganzseitige Visum Russlands, legte ihn wieder zurück. Irgend etwas hatte sich in seinem Gesicht verändert … Die Prozedur nahm ihren Fortgang: Hände in festgelegter Reihenfolge auf den Scanner legen, noch ein Foto und der Stempel knallte in den Pass der Frau.

Nun der Pass von Max: Blick aufs Passbild, dann zum Original und das Gesicht des Beamten schien eine weitere Stufe der Freundlichkeit zu erklimmen. Seine Mundwinkel zogen sich leicht nach oben: „Are you Max?“, fragte er? Steht doch drin, dachte Max und antwortete: „I´m Max!“. Das Max dehnte der Einreisekontrolleur aber als „Määääx“, sehr breit und lustvoll. Sein Lächeln verstärkte sich und er schien zu husten oder war es ein unterdrücktes Lachen? Es war unterdrücktes Lachen, das auch mit der Hand vorm Mund nicht zu verbergen war. Er flüsterte noch einmal genüsslich: „Määääx“. In ihm zuckte es; er wollte es verbergen, aber das Lachen kam immer stärker durch. Die Aufsichtsbeamtin im Gang hinter ihm war aufmerksam geworden, eine Unregelmäßigkeit wohl? Sie kam näher und schaute auf ihren Beamten. Max hatte inzwischen seine Hände auf den Scanner gelegt; der Beamte hatte ihn fotografiert. Völlig verunsichert war Max dabei und er dachte an die Freiheitsstatue, die kurze Zeit vor der Landung überflogen worden war, an die Millionen, die das Land abgewiesen hatte, an die Telefonnummer der Deutschen Botschaft. Wie kommt man wieder nach Hause, wenn die Einreise nicht klappt?

Plötzlich begann der Computer zu piepen und die Chefin näherte sich weiter und schaute mit in den Bildschirm. Max hatte die Hände und Finger in falscher Reihenfolge auf den Scanner gelegt und der Beamte hatte ihn während seiner Lachanfälle mit Brille fotografiert. Das hat wohl der Computer nicht akzeptiert für seinen Vergleich mit dem Passbild. Die Daten wurden vermutlich gelöscht und die Prozedur begann von vorn, unter Aufsicht. Diese sah nicht mehr unbeteiligt und freundlich aus. Der Beamte versuchte immer noch seine Heiterkeit zu verbergen. Max stand der Angstschweiß auf der Stirn. Endlich knallte der Stempel auch in seinen Pass; er konnte gehen! Ihm fiel ein Stein vom Herzen und er überlegte, womit er diese Heiterkeit wohl ausgelöst hatte. War es das Foto, der Vorname oder der Familienname? Gab es hier vielleicht eine Comicfigur oder eine andere landesweit bekannte lustige Figur mit dem Namen Max?

Sieben Tage später: Ausreise an der kanadischen Grenze, Besuch Torontos und Rückreise in die USA am gleichen Abend. Jeder musste bei der Einreise seinen Pass persönlich vorlegen. Max beobachtete ganz genau, ob auch hier ein Beamter Anstoß an seinem Pass nehmen würde. Die Kontrollen liefen zügig ab. Der Beamte schlug den Pass von Max auf, schaute ihn an, länger als bei den Kontrollen vor ihm, schien Max. Dann beugte er sich zu dem neben ihm arbeitenden Kollegen, zeigte ihm den Pass. Beide schauten nun zu Max und zeigten eine Form von verhaltener Heiterkeit. Das hier war mehr als 1000 km entfernt von der Einreisekontrolle in New York. Was hatte das mit dem Pass von Max auf sich, Zufall konnte das nun nicht mehr sein? Die Reiseleiterin, obwohl älter, aber scheinbar allwissend, konnte nicht helfen. Auch gelernte US Bürger aus dem Norden und Süden, die Max später während der Reise befragte, konnten nichts zur Aufklärung beitragen.

Das Rätsel löste sich erst ein Jahr späten bei einer Einreisekontrolle in Philadelphia …

7. Ein Pizza Erlebnis

Ein Seetag im vorigen Jahr während der Überfahrt von Halifax nach New York auf einem amerikanischen Kreuzfahrer, 2800 US Bürger, 15 Deutsche, Nachmittag, Kaffeezeit. Viel freie Zeit am Nachmittag und der Gedanke findet Raum, bei uns in Deutschland wäre jetzt Zeit für einen Kaffee und ein Gebäckstücken.

So könnte man sich den Pizzabäcker vorstellen, aber viel, viel breiter und sehr kurz.

Kaffee amerikanischer Art ist schnell aus dem Automaten gezapft. Wo aber gibt es Kuchen, Torte oder ein anders Gebäckstück? Nirgendwo, denn nachmittägliche Kaffeezeit hat in den USA keine Tradition. Also dann Pizza, die gibt es 24 Stunden am Tag (von 23 – 05 Uhr wird sie auch mit einem Dollar Aufschlag auf die Kabine geliefert, sonst kostenfrei!). Pizza immer, gehört neben Waffen, Eiswasser, Cola zu den Menschenrechen in den USA! Eine große Pizza Werkstatt ist an Deck schnell gefunden, mehr als 15 Kunden stehen mit Tablett unter dem Arm an. Am Tresen sind keine Angebote zu sehen, aber hinter einer Edelstahlwand läuft die Pizza Produktion. Es ist zu hören und zu riechen.

Durch eine Schwingtür – wie in einem Western Saloon – drückt sich ein Pizzabäcker heraus: klein, untersetzt, mit hoher Kochmütze – wie aus dem Bilderbuch! Er sieht sich die Wartenden an und tönt: „Please, give an order!“ Ratlos sahen sich die Kunden an, was sollten sie ordern, war doch keine Pizza als Angebot zu sehen? Alle schwiegen, der Bäcker überblickte die Leute nochmal und ging ohne „Order“.

Dem letzten Wartenden fiel nach dem Abgang ein postkartengroßes Schildchen auf, auf dem aus der Entfernung zu entziffern war: Margarita, Salami und ganz unten Quadro. Der Pizzabäcker kommt wieder, um „Order“ zu erhalten. Der einzige Deutsche in der Reihe ruft aus seiner hinteren Position: „Quadro“. Die US Bürger sehen verblüfft auf den Deutschen, ordern aber nichts. Fragend gleitet der Blick des Bäckers wieder über die Reihe der Wartenden. Er zögert noch. Wieder presst er sich durch die Schwingtür in die Pizza Werkstatt. Nach Minuten kommt er mit einer „Quadro“ zurück. „Quadro“, das bedeutet hier nicht eine Pizza in vier Segmenten: Thunfisch, Spinat, Salami, Pilze, sondern das sind vier Käsesorten, üppig belegt, die unappetitlich aussehen und fürchterlich fett. Das war nichts!

Der fast quadratische Pizzabäcker konnte sich an den Besteller nicht mehr erinnern und der blickte unbeteiligt zur Decke. Die Pizza wurde geteilt und zwei der Anstehenden waren froh und zogen davon. Zwischenzeitlich hatten auch die anderen das Schildchen auf dem Tresen entdeckt, schoben es von einem zum anderen und orderten dann alle auf einmal. Der Bäcker wollte sich wohl etwas merken, war von dem Ansturm überfordert, nickte und ging. Gleich tauchte er wieder mit zweimal „Salami“ auf. Die sahen gut aus und der „Quadro“ Besteller orderte als letzter in der Reihe „seine“ Salami, die er nicht bestellt hatte. Die amerikanischen Pizza Kunden waren sehr höflich, sagten nichts und der Deutsche zog mit einer halben Pizza in amerikanischem Format ab.

Pizza, 24 Stunden, ein Menschenrecht in den USA. Alles viel zu groß, zu dick belegt, zu wuchtig. Da denkt man an Italien und an Pizza: dünn, knusprig, manchmal spartanischer Belag, essbar ohne Reue.

Der Kaffee war längst kalt geworden, wurde abgeräumt und erneuert. Die Reste der halben Pizza waren noch so umfangreich, dass sie für eine Familie gereicht hätten. Bei der Größe konnte man nicht mehr als ein Segment essen! Das nächste Mal: Obst zur Kaffeezeit, viel besser!

6. Der Ausreiseantrag

Damals, Anfang der achtziger Jahre, Vorfrühling, die 6. Unterrichtsstunde lief und auf dem Schulhof rangierten die ersten Schulbusse ein.
Paul Meskat hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt, da hörte er im Sekretariat nebenan das Telefon klingeln. Gleich darauf klingelte sein Apparat: „Bitte einschalten, der Schulrat!“, hörte er die Sekretärin sagen.
Paul schaltete sich ein und an der anderen Seite der Verbindung kam man unvermittelt zur Sache. „Weißt du, was an deiner Schule los ist? Lebst du in der Lage?“ Paul sagte, dass dies bei 1250 Schülern und 80 Lehrern nicht so einfach sei. „Also nicht!“, hörte er.
„Vor mir liegt ein Ausreiseantrag, weißt du was davon?“ Paul wusste nichts davon und der Antrag wurde ihm vorgelesen. Paul wartete konzentriert auf den Namen des Antragstellers und hatte dabei überhört, wohin die Ausreise gehen sollte. Er fragte nach. Da wurde es am anderen Ende laut und beleidigend. Mangelndes Klassenbewusstsein, unzureichende Wachsamkeit waren die harmloseren Vorwürfe. „Nächste Woche wird nach der Sitzung der Parteigruppe“, die Antragstellerin war eine Genossin der SED, „ein Pädagogischer Rat mit dem Kollegium stattfinden!“ Das Gespräch war beendet. Klare Anweisung!
Paul wollte es nicht glauben, Ursel Kirchner, Genossin, Staatsbürgerkundelehrerin hatte den Antrag eingereicht. Unglaublich! Warum war ihm davon nichts bekannt?
Der Parteigruppenorganisator der Schule erhielt von der Kreisleitung der SED exakte Anweisungen für die Sondersitzung der Parteigruppe. Zur Unterstützung wurden ihm zwei Mitarbeiter der Kreisleitung beigegeben. Eine Woche später traf sich die Parteigruppe der Schule; die Ankündigung „außerordentlich“ machte alle neugierig.
Der Gruppenorganisator begrüßte die Mitglieder und die Gäste der Kreisleitung und tastete sich in ersten Worten vorsichtig an die Thematik heran. Von Klassenkampf war die Rede, von politischer Wachsamkeit, vom Klassenfeind, von Flucht, Verrat an der Republik und feindlichen Aktivitäten. Es sollte diskutiert werden, worüber war nicht richtig klar geworden. Schweigen!
Ein Genosse auf der Fensterseite des Raumes wurde angesprochen: „Du hast doch eine Schülerin in deiner Klasse, deren Eltern sie bei ihrer Flucht hier allein zurückgelassen haben!“ Der Angesprochene stellte kurz den Sachverhalt dar: Ein Elternpaar ist in einem vorbereiteten Versteck in einem LKW über die Autobahn Berlin – München aus der DDR abgehauen und hat seine zwei Kinder allein in der Wohnung zurück gelassen. Nachbarn fanden sie am nächsten Tag eingeschlossen in der Wohnung. Wenige Tage später meldeten sich die Eltern über einen „Westsender“ und verlangten Familienzusammenführung.

Dies alles war nicht schwer zu verurteilen und eine Meinung zu äußern!
Die zu diskutierende Thematik wurde allen jetzt klarer. Der Platznachbar wollte noch ergänzen: Sein Vater hatte Herzprobleme und nach langer Wartezeit einen Termin bei einem Herzspezialisten bekommen. Am Behandlungstag wartete er in der Klinik mit vielen anderen Patienten. Statt des Arztes ließ sich nach längerer Zeit eine Schwester sehen und teilte mit, dass der Arzt die Republik in der Nacht verlassen, aber schon aus Nürnberg angerufen habe und die Patienten um Verzeihung für ihr unnötiges Warten bitte. Die Patienten bewerteten diese Flucht laut und drastisch. „Der hat auf unsere Kosten studiert!“ Das war eine der wohlwollenderen Äußerungen. Ein Teilnehmer aus der gegenüberliegenden Bankreihe erinnert an „unseren“ Eiscafébesitzer im Ort, der jedem mitteilte, dass er mit seinem verdienten Geld Wände tapezieren, aber kein zweites Café eröffnen könne. Er fühle sich unfrei. Sein Drang in die Freiheit wurde in Prag am Flugzeug gebremst. Sein Pass war nicht gut gemacht worden.
Die Beispiele trafen das anstehende Problem nur unvollkommen. Politischer sollte es sein! Eine junge Genossin warf ein, dass die dargestellten illegalen Ausreisen alle mit Politik und Widerstand nur wenig zu tun hätten und dass die Fluchten aus politischen Gründen sicher in den Städten Leipzig, Dresden, Jena stattfänden, denn im Fernsehen höre man doch immer wieder von Konflikten mit der Staatsmacht. Welches Fernsehen sie meinte, ließ sie offen. „Einige wollten auch gar nicht gehen und mussten ausgebürgert werden“, ergänzte sie verunsichert.

Das wurde nichts, die Diskussion lief nicht wunschgemäß. Die Versammlungsleitung ließ Unzufriedenheit erkennen und ein Mitarbeiter der Kreisleitung nahm sich das Wort. Aus einer roten Mappe nahm er ein Schriftstück mit spitzen Fingern, sah es an, als sähe er es zum ersten Mal, rückte die Brille zurecht und begann jedes Wort hervorhebend zu lesen. Atemlose Stille nach der Überschrift „Ausreiseantrag“. Langes Schweigen nach dem Vortrag. Keiner sah die Antragstellerin an.
„Genossin Kirchner, du wolltest zu deinem Antrag sicher noch etwas sagen!“ Die Aufforderung war abwertend, zynisch formuliert. Eine Weile geschah nichts. Paul sah, wie sich Ursel sammelte und straffte. Die Anspannung schien von ihr abzufallen. Sie hatte die Hände jetzt ruhig auf einer vor ihr liegenden Mappe liegen und erhob sich langsam. Lange sah sie ins Präsidium und ihr Blick glitt dann langsam über die rechte und linke Seite der Versammlungsteilnehmer. Sie holte tief Luft und sagte: „Genossen, ich schäme mich für euch, was habt ihr denn von mit gedacht?“ Alle Blicke zog sie jetzt auf sich. „Dachtet ihr, dass ich die DDR verlassen will in den Westen? Was denkt ihr denn von mir? In die Sowjetunion will ich natürlich, vielleicht auch in die CSSR oder nach Ungarn. Dort könnte ich an einer Schule Deutsch unterrichten und ich würde für meine Familie vielleicht eine Wohnung erhalten, auf die ich hier seit 8 Jahren warte. Das steht doch alles in meinem Antrag.“

Dem Mitarbeiter der Kreisleitung war die Brille aus der Hand gefallen.
Nun öffnete sie ihre Mappe und begann Zeitungsausschnitte vorzulesen, in denen von vielen bezugsfertigen Wohnungen die Rede war in Moskau, Leningrad, Minsk und anderswo. Keiner unterbrach sie.
Schon während ihrer Rede lösten sich die Versammlungsteilnehmer aus ihrem Schockzustand. Die meisten sahen jetzt angestrengt nach unten. Eine Genossin hantierte mit ihrem Taschentuch und zuckte in den Schultern. Plötzlich sprang sie auf, rannte hinaus und explodierte in einem ohrenbetäubenden Lachen zu kurz hinter der Tür.
Unvermittelt wurde die Versammlung geschlossen. Paul bekam noch gesagt: „Kein Pädagogischer Rat nächste Woche!“
Nachdem die Gäste verschwunden waren, sagte einer: „Die Ursel traut sich was!“ Alle nickten.
Einstweilen geschah in der Sache Ausreiseantrag nichts weiter.
Ostern wollte die Antragstellerin wie üblich zu Bekannten nach Prag fahren, aber an der Grenze war Schluss. Ihr Projekt, einen Ausreiseantrag in die Sowjetunion zu stellen, zog schnell große Kreise. Eine Kollegin, die von einer Weiterbildung in Leipzig heimkehrte, hörte dort von diesem unerhörten Vorgang während ihres Lehrganges! Man wusste nur nicht, wo das geschehen war!

Ungefähr 4 Wochen nach der außerordentlichen Parteigruppenberatung kamen doch noch Aktivitäten auf. „Man täusche die Partei nicht ungestraft und mache sie lächerlich.“ Eine Rüge müsse schon sein, die die Parteigruppe auszusprechen habe, wurde erwartet von der Kreisleitung. Ursel war einverstanden mit der Bestrafung, hatte sie doch wenige Tage vorher drei Wohnungen zur Besichtigung angeboten bekommen. Für die schöne große Altbauwohnung hatte sie sich entschieden. Sie war glücklich. Alle waren verblüfft, Staatsbürgerkunde durfte sie weiter unterrichten. Kein Kollege wollte ihr diese Stunden abnehmen.
Die Grenze in die sozialistischen Bruderländer blieben ihr auch die nächsten Jahre verschlossen. Verlassen konnte sie die DDR nicht mehr.

Gleich nach der Wende wurde sie entlassen wegen „mangelnder Eignung“. Sie hatte Staatsbürgerkunde unterrichtet!
Im dritten Jahr nach der Wende traf Paul sie noch einmal wieder vor einem Supermarkt. Sie hatte gerade ihre Einkäufe verstaut. Über drei Autos teilte sie in ihrer burschikosen Art lautstark mit, dass sie endlich ihre Stasiakte erhalten habe. Alle Namen seien aber geschwärzt gewesen. Sie habe sich aber aus den Texten doch alles zusammenreimen können.
Nicht alles ist da so gelaufen in der alten DDR, wie es theoretisch in der neueren öffentlichen Erinnerung hätte sein müssen, sinnierte Paul und grinste in sich hinein.


Der Redner im Fahnenmeer vermittelt eine nicht zu beschreibende Euphorie. „Blühende Landschaften“ wurden versprochen. Dann begann die Treuhand ihr Tun und wickelt mit der DDR auch die Menschen ab. Betriebe und Anlagen wurden für eine DM verscherbelt an den, der versprach zu investieren und Arbeitsplätze zu erhalten. Die Fähigkeit der Überprüfung fehlte meistens den Verantwortlichen. So kam es anders.
In vielen Fällen räumten die 1 DM Käufer erst mal die noch vorhandenen Konten der DDR Betriebe ab, ließ Maschinen, die noch taugten, in Richtung Westen oder anderswohin transportieren und dann hing ein großes Schloss am Werkstor. Wieder ein möglicher Konkurrent erledigt! Verlängerte Werkbänke für den Osten reichten auch aus. Steuern wurden in den alten Bundesländern gezahlt. Es gab natürlich auch viele andere Investoren, die ihrer Verantwortung nachkamen.
30 Jahre zog sich das bisher hin. Nun kommt Unzufriedenheit auf im Osten, denn bei jeder Überprüfung der Lebensverhältnisse Ost/West zeigen aus Statistiken visualisierte Zahlen die Grenzen der ehemaligen DDR immer noch. Jedoch in den meisten Fällen im Minusbereich. Vielfach wird immer noch weniger verdient, aber dafür wird länger gearbeitet …

Trabant – Spiegelbild der DDR
Wartezeit bis zur Zuteilung einer Fahrmaschine Marke „Trabant“: 7 Jahre Minimum, auf den „Wartburg“ wartete man länger. Das stimmt so und es stimmt so nicht, denn es war üblich, dass die Kinder, Eltern, Großeltern und Bekannte jeweils ein Auto beantragt haben, obwohl Kinder oder auch die Großeltern gar kein Auto wollten, keine Fahrerlaubnis hatten und auch kein Geld. Durch diese Antragsdichte wurde die Wartezeit ausgeweitet. Jeder hatte das Recht ein Fahrzeug zu bestellen. Wenn die Benachrichtigung zur Abholung eingetroffen war, kein Bedarf oder kein Geld vorhanden war, gab man die Zuteilung weiter oder verkaufte sie so für um die 500 Mark aufwärts.
So wurde in der Familie keine 7 oder 8 Jahre gewartet auf ein neues Auto, weil immer eine Bestellung Termin hatte. Mehrere Fahrzeuge konnte sich die Durchschnittsfamilie sowieso nicht leisten. Experten hatten die Bestellungen durch Familienmitglieder und Bekannte so terminisiert, dass die Bestellungen alle 3 – 4 Jahre zur Auslieferung kamen. Ein schöner Nebenverdienst ergab sich durch den Verkauf des alten Fahrzeugs zu Mondpreisen oder gleich der Neuzulassung, die z. T. mehr als das Doppelte des Kaufpreises brachte.
Allerdings, nicht alle mussten 7-8 Jahre auf ihr Auto warten. Arbeitet man bei der Wismut, in gehoben staatlichen Ämtern, war Funktionsträger einer Partei oder anderswie bedeutend, wurde die Wartezeit erheblich gekürzt . Auch für hervorragende Arbeitsleistungen gab es eine verkürzte Zuteilung, gezahlt werden musste aber trotzdem. Die Wartezeit war die Prämie!
Zuverlässig war der „Trabbi“. Die 6000 Kilometer bis zum Schwarzen Meer nach Bulgarien steckte er klaglos weg mit 2 Kindern, 2 Erwachsenen und einem voll beladenen Hänger mit Zelt, Lebensmitteln für 4 Wochen, Ersatzteilen, einem 20 Liter Kanister Benzin, 10 Liter Motorenöl und einer Propangasflasche. Eigentlich verantwortungslos!
Oft war Ungarn das Ziel oder die Hohe Tatra. Die meisten Touren hatten richtigen
Expeditionscharakter bei den Straßenverhältnissen, besonders in Rumänien.
Mit dem heutigen Fahrzeug, vollgestopft mit Elektronik, auf das man vielleicht einige Monate gewartet hat, würde man sich diese Reisen nicht zutrauen. Bleibt es stehen, braucht man die Motorhaube nicht öffnen. Am Trabi konnte man bei der schlichten Technik sehr vieles selbst reparieren.
Das vermittelte Sicherheit!

5. Damals – Vietnamkrieg 1964

Das Schiff entfernte sich immer weiter von Vietnams Küste, von Da Nang im Südchinesischen Meer. Das neue Ziel hieß China, die südlichste Stadt des Landes, Ende der Welt. Bis Australien kommt dann nichts mehr. Paul Meskat, seit 8 Jahren Rentner, lag in seinem Liegestuhl am Bug des Schiffes und beobachtete mit halb geschlossenen Augenlidern wie im Dunst des Abends Küstenlinie und Wasserfläche ineinander aufgingen. Die Reisetage in Vietnam waren nicht nur Besuch eines Landes; Vietnam war für Paul emotional belegt und er konnte die immer wieder aufkeimenden Erinnerungen nicht einfach beiseite schieben.

1964 das erste Gruppenbild mit den vietnamesischen Praktikanten

In den letzten Tagen erinnerte sich Paul wieder an 1964 und erst jetzt schien mit dem Besuch in Saigon und Da Nang der Endpunkt einer Erinnerungskette erreicht zu sein. Wie naiv waren wir nur damals? Diese Frage stellte er sich immer wieder. Da war er wieder, der Anruf der Abteilung Volksbildung im März 1964. Zur Klärung einer Angelegenheit sollte er vorsprechen. „Wir haben entschieden, dich für die Deutschausbildung vietnamesischer Praktikanten 7 Monate abzuordnen!“ Paul sollte vietnamesischen Jugendlichen die deutsche Sprach vermitteln. Konnte er das? Wie sollte das gehen? Belastet mit vielen Zweifeln sagte er nach längerem Zögern zu. Ablehnung war sowieso nicht vorgesehen.

Ein einwöchiger Lehrgang in Berlin zur „Deutschausbildung ohne Mittlersprache“ machten ihn nicht viel klüger, auch nicht die Vorträge zu Besonderheiten der Vietnamesen und deren Lebensweise unter den Bedingungen eines grausamen Krieges dort. Viel wussten die Referenten damals auch nicht. Im Mai 1964 reisten dann seine Schüler aus Vietnam an. 18 – 22 Jahre waren sie alt, waren ununterbrochen 20 Tage mit dem Zug von Peking nach Jena unterwegs gewesen und in China hatte man sie alle in zivile dunkelblaue Einheitsuniformen in Einheitsgröße gesteckt.

18 bis 22 Jahre waren sie alt. Den Krieg hatten sie in Gedanken nicht mitgebracht, aber durch immer mehr Todesnachrichten gewann er trotzdem zunehmend Raum.

Paul erfuhr, dass die meisten aus kleinen Urwalddörfern am Mekong kamen, aber auch aus dem Norden, höchstens vier Klassen Elementarschule besucht hatten und noch nie ihren Wohnort verlassen hatten. Nur zwei seiner Schüler hatten eine fortführende Schule besucht in einer größeren Stadt und sprachen etwas Französisch. Erst heute, nach 45 Jahren, begriff er, was das für ein Kulturschock für diese Jugendlichen damals gewesen sein muss: Heimat, Familie, Freunde hatten sie verlassen für mehr als ein Jahr, um Deutsch zu erlernen und den Beruf eines Optikers. Viele ihrer Eltern hatten ihnen zugeredet. In Deutschland könnten sie den Krieg überleben.

Paul bekam seine 15 Praktikanten zugeteilt und musste mit ihnen zur Einkleidung. Die Kleidungsstücke waren dem europäischen Durchschnitt angepasst. Bei den jungen Männern bereitete das auch keine weiteren Schwierigkeiten, aber bei den Mädchen! Zur neuen Ausrüstung gehörten ungewohnte Unterwäsche, BH, Absatzschuhe. Kolleginnen halfen ihnen aufopferungsvoll. Was Vietnamesen essen, wusste so richtig auch niemand. Viel Reis, dachten alle und was noch? Darüber hatte niemand nachgedacht. Was die alles auf sich genommen hatten allein beim Essen, dachte Paul immer wieder, nachdem er die Grundprinzipien asiatischer Küche verstanden hatte.

Heute scheint unvorstellbar: in 8 Monaten hatten sie mit kaum zu beschreibendem Fleiß die deutsche Sprache erlernt. Man konnte sich mit ihnen ganz normal unterhalten. Ihre Lehrer verstanden sie, die Berufschullehrer auch, aber von den Ausbildern in der Werkhalle meinten sie, dass diese kein Deutsch sprächen …

Reis wurde damals gekocht, viel Reis, schön körnig. Den wollten sie aber nicht. Die Armee half mit einer Feldküche vor dem Haus aus. Einer der Praktikanten hatte die Feldküche entdeckt und fand im Kessel angebackenen Reis vor – schön knusprig. Nach Minuten waren auch alle anderen an der Feldküche und kratzten den angebackenen Reis aus dem Kessel. Staunend standen die Soldaten dabei – der Kessel war sauber! Wie üblich bei deutscher Gemeinschaftsverpflegung gab es Brot, Marmelade, etwas Wurst, Scheibe Käse. Was sollten sie damit anfangen? Einige waren erfinderisch. Alles wurde in kleine Stücke geschnitten, mit Tee aufgefüllt und gelöffelt. Später wurde die Speisewürze BINO (Maggi) im Geschäft entdeckt, große Flaschen. Damit füllte man das Eingebrockte im Teller auf. Die Würze schmeckte wie eine Soße, die es im Krieg schon lange nicht mehr gab bei ihnen. Überall roch es penetrant nach dieser Speisewürze in den Räumen.

Die erste Unterrichtsstunde begann. Schüler und Lehrer waren aufgeregt. Paul erinnert sich noch genau an den Verlauf. Als sie sich gegenseitig gemustert hatten, schrieb Paul an die Tafel. „Ich heiße Paul Meskat!“. Dabei zeigte er auf sich und wiederholte das mehrmals. Dann wurde sein Name durch einen Schülername ersetzt und gesprochen. Nach der zweiten Stunde wusste Paul, dass es funktionieren könnte mit dem Deutschunterricht. Noch nie hat Paul so viel ausgeschnitten aus Zeitungen und Bilder aus Katalogen, nie hat er so viele Skizzen an die Tafel gezeichnet um verstanden zu werden. Ein Glück, er hatte Kunst studiert und konnte zeichnen. Es gab keine Mittlersprache und auch keine Wörterbücher Deutsch – Vietnamesisch. Nach drei Monaten waren Gespräche über die Dinge des Alltags möglich. Im November konnte man dann schon über den Krieg, die Familie und die Politik reden. Gemeinsam wurde diskutiert, Vorträge wurden gehalten. Man lernte Telefonieren, Essen in Gaststätten, Einkaufen, Arztbesuch; man lernte deutsches Leben kennen, deutsche Kultur.

Deutsch erlernen ohne Mittlersprache, ohne Wörterbücher, mit minimalen Basiskenntnissen der Praktikanten, in 8 Monaten Ausbildungszeit, das erschien in den ersten Wochen unvorstellbar, gab es doch viele Begriff nicht in ihrer Muttersprache. Den Begriff Mikroskop kannten einige und wussten, wozu es benötigt wird. Gesehen hatte von diesen Praktikanten keiner jemals ein solches Gerät. Als ein Mikroskop auf den Lehrertisch gestellt wurde, rätselten alle, was das wohl sei!

Eines Tages sprach der Hausmeister Paul an, er möge sich doch mal den Schlafraum seiner Gruppe ansehen. Er war verblüfft. Alle seine Vokabeln standen in den neu gestrichenen Räumen an der Decke über den Doppelstockbetten und an den Wänden, groß und fett! Alle konnten die Vokabeln der letzten Stunden am Vortag gleich gut sprechen und anwenden, obwohl er doch gemerkt hatte, dass erhebliche Unterschiede in der Lernfähigkeit bestanden. Paul fand heraus, dass in den Oberbetten die schwächeren Schüler lagen. Die hatten die Vokabeln immer vor Augen. Wenn es Not tat, wurde nachts das Licht nicht ausgeschaltet, damit die Lernschwächeren Vokabeln lernen konnte. Einer war immer eingeteilt, der die Obenschläfer wecken musste, wenn sie doch eingeschlafen waren. Jetzt konnte sich Paul auch erklären, warum immer mal einer mit dem Kopf auf die Bank fiel vor Müdigkeit.

Er versuchte mit den Jugendlichen zu reden. Da gab es aber nichts zu reden: es war Krieg, hier war ihre Front, Eltern und Freunde starben im Krieg in der Heimat. Dann, Ende November, gab es den ersten Schnee. Diese Schauspiel konnten sie nicht fassen. Nichts hielt sie im Unterrichtsraum. Erfahrungen mit Glätte gab es nicht, sie fielen dauernd hin und nahmen Schnee mit in die Schulstube. Nach kurzer Zeit krochen kleine Rinnsale unter den Bänken hervor. Man war um eine Erfahrung reicher geworden – Schnee wird zu Wasser. Paul verstand heute mehr von ihnen, nachdem er ihre Lebensräume, jetzt, 45 Jahre später, erfassen konnte. Seine Schüler müssen Kartoffeln, Rotkraut und Möhren für traditionelles Gemüse des Nordens gehalten haben. Bei der damaligen DDR Gemüseversorgungslage hätte auch niemand helfen können. Es gab eben nur saisonübliches Gemüse!

Immer wieder trafen Todesnachrichten über die Botschaft in Berlin ein. Auch Paul versuchte Anteil zu nehmen, aber die meisten wehrten Mitleid ab, lernten nur noch verbissener, um den Schmerz zu überwinden. Im März 1965 war dann Prüfung. Alle schafften die Sprachprüfungen. Geschenkt wurde ihnen nichts, denn sie mussten die Lehrer an der Berufsschule und ihre Betreuer in der Produktion verstehen können. Das mit den Berufsschullehrern klappte dann auch, aber die Betreuer im Lehrbetrieb sprachen Dialekt und einige Vietnamesen meinten, es sei keine deutsch Sprache, die in Jena gesprochen würde. Die Deutschlehrer mussten noch mal ran und mit Azubis und Betreuern arbeiten, damit sie sich besser verstehen konnten. Die Praktikanten lernten Richtaufsätze für russische hoch reichende Flak – Geschütze zu montieren, zu reparieren unter Frontbedingungen und zu justieren, um Flugzeuge in großer Höhe bekämpfen zu können. Bald schon waren die Azubis in das private Leben der Betreuer eingebunden.

Nach 8 Monaten konnten alle die normale Berufsschule besuchen. Sie alle hatten die Sprachprüfung bestanden. Sie hatten viel gelern, auch dass man vor dem Haus kein Feuer machen konnte, um Hähnchen zu braten. Der Asphalt brannte dann gleich mit. Alle waren glücklich. Der Lehrer erlitt nach der Prüfung einen Nervenzusammenbruch. Nach einem Jahr Spezialausbildung reisten alle zurück, kamen an die Front und überlebten – nicht!!!

Paul in seinem Liegestuhl bemerkte, dass er allein hier vorn auf dem Schiff lag. Die anderen bereiteten sich für das Abendessen vor und waren gegangen. Die Dunkelheit hatte Sterne geboren. Was ist aus ihnen geworden, seinen Schülern? Vielen Leuten hatte er beim Landgang ins Gesicht geschaut; sie, seine damaligen Schüler, mussten heute 65 Jahre alt sein. Er aber wusste doch, niemanden konnte er hier treffen … Mehrmals fragte er auch nach dem Krieg der 60er Jahre, wenn er in Deutsch angesprochen und nach Leipzig, Erfurt oder Dresden gefragt wurde, aber die unter 40jährigen wussten fast nichts vom Krieg, der in ihrem Land getobt hatte mit so vielen Opfern, alles lange her …

Erst Jahre später hat Paul erfahren, dass den Fronteinsatz keiner seiner Schüler überlebt hatte. Seine aufgeschlossenste, intelligenteste und auch schönste Schülerin, Le thi Hoa, die Tochter eines Generals, war schon beim ersten Einsatz gefallen während der Justierung des Richtaufsatzes eines Geschützes. An der Brücke Ham Rong hatten sie eine B52 angeschossen. Eine Bombe dieser Maschine traf im Absturz aber noch voll die Geschützstellung und pulverisierte diese. Jahre später, kurz vor Kriegsende, kam ein kleines Päcken aus China, gewickelt in grobes Packpapier mit einem Brief. Es wurde mitgeteilt, dass alle gefallen seien und jemand den Auftrag erhalten hatte, den Brief abzusenden mit einem Kamm, der aus der Außenhaut einer B52 gefertigt war: „Für den deutschen Lehrer!“

Paul sah hinauf zum Sternenhimmel und einige Tränen kullerten ihm über das Gesicht. Hatte ihn die Erinnerung an die Zeit vor fast 50 Jahren doch so mitgenommen? Ihm schien, als wäre der Einsatz von 1964 erst heute abgeschlossen und aufgearbeitet, nachdem er das Land erlebt hat. Verstohlen wischte er seine Tränen ab, erhob sich und fuhr nach unten in die Kabine, um sich für das Abendessen umzuziehen. Die Realität hatte ihn wieder. Traurig war er dennoch. Warum mussten diese jungen Menschen in einem so sinnlosen Krieg sterben?