12. Tod in Afrika

September, einer der letzten schönen Sommertage zieht seine Bahn. Nach dem Essen habe ich mit der Regionalzeitung auf den Balkon verzogen. Füße auf den anderen Stuhl. Ein Blick über den Balkonrand: „Mein Gott, wie die Bäume gewachsen ist. Man kann ja nichts mehr sehen, aber schön ruhig hier!“ Aufschlagen der Zeitung. Der Wind liest ungebeten mit. Erste Seite, alles schon bekannt. Die Medien bekommen wohl Tagesthemen vorgegeben, die sie abarbeiten? Das waren doch schon die Meldungen in den 7 Uhr Nachrichten heute früh? Umblättern, schwierig. Der Wind hat zugenommen. Zweite Zeitungsseite, Überschriften überfliegen. Dritte Seite ein großer Artikel zum Ärztemangel auf dem Land. Ein Minister wird befragt. Der windet sich im Interview. Klar, keine Lehrer, keine Ärzte auf dem Land, fehlende Polizisten und Altenpfleger. Das überlässt man alles dem Zufall, dem Markt und denkt kleinstaatlich nur in Schritten einer Legislaturperiode. Das war ja vorauszusehen! Wer übernimmt denn als junger Mediziner heute eigenverantwortlich eine Dorfpraxis? Blick in die vom Wind bewegten Bäume. Nachdenken über Landbevölkerung und Arztpraxen. Erschrecken, die Zeitung liegt am Boden. Wohl kurz eingeschlafen!? Der Blick fällt wieder auf den Arzt Artikel und die Gedanken rutschen mehr als 45 Jahre zurück. Erinnerungen an ein junges Arztehepaar im Ort zu DDR Zeiten werden wach. Die mussten sich als Medizinstudenten zu Beginn des Studiums, wie auch wir als Studenten der Pädagogik verpflichten, mindestens 2 Jahre dorthin zu gehen, wo wir gebraucht werden. Das war fast immer auf dem Land, meist entlegene Gebiete. In unserer örtlichen Landambulanz fehlten immer Ärzte. Ärzte kamen und gingen nach kurzer Zeit. Nie war der Medizinstützpunkt fachgerecht besetzt. Ein Gerücht machte im Ort die Runde. Ein junges Arztehepaar sollte die Ambulanz übernehmen, Allgemeinmediziner. Junge Ärzte, große Skepsis überall… Der Gedankengang wird erst einmal unterbrochen. Es gibt Kaffee auf dem Balkon. Einige Tage später. Der Luftdruck macht Kapriolen; nachts, der Schlaf stellt sich nicht ein. Denken an allerlei. Der vor Tagen unterbrochene Gedanke an die beiden jungen Ärzte war plötzlich wieder da. Eine Bildvorstellung schälte sich aus der Tiefe der Erinnerung: Inge und Wolfgang! Erster September 1974, Weltfriedenstag. Der Schulappell zum ersten Schultag war beendet und die 1250 Schüler begannen das neue Schuljahr in ihren Klassenzimmern. Ein Kollege trat heran, zeigte auf den Eingang zum Schulhof und teilte mit, dass dort am Zaun die beiden neuen Ärzte stehen würden. Ihre Tochter sei jetzt Schülerin bei uns, 6. Klasse. Einen Moment überlegte ich, ob ich zu ihnen gehen sollte. Aber als Schuldirektor und Stadtrat gehörte sich wohl eine persönliche Begrüßung. Hallo und Freude bei den beiden; sie kannten hier sonst noch niemanden. Aus der kurzen Begrüßung wurde eine halbe Stunde und man war sich sympathisch. Einige Wochen später, der Herbst zeigte sich nicht von der sonnigen Seite, eine Erkältung hatte sich eingestellt. Der Weg führte in die Ambulanz. Grippale Infekte hatten sich ausgebreitet im Ort. Viele erwischte es und die beiden neuen Ärzte hatten ihre Feuerprobe zu bestehen. Viele Patienten standen an, Therapien und Medikamente wurden verordnet, Hausbesuche waren zu absolvieren und Ende November sprach wohl niemand mehr von „jungen Ärzten“. Außerdem, in der Schule gab es plötzlich in einigen Klassen massenweise Läuse. Unbemerkt hatten die sich verbreitet. Ganz große Aufregung bei den 80 Lehrern, Eltern, Schülern und im Schulamt. Mit dem neuen Arztehepaar wurde stabsmäßig der Läusekampf organisiert und – gewonnen! Wir waren uns näher gekommen!

Ein kleiner Ort, man begegnet sich und Inge, die Ärztin fragte bei einem zufälligen Treffen, ob wir nicht mal zum Kaffee am Nachmittag vorbei kommen wollten. Im Gespräch stellte man dann fest, die Vorstellungen von Politik, der großen und der privaten Welt stimmten weitgehend überein. Man mochte sich! Aus der ersten Begegnung wurde Freundschaft. Viel wurde unternommen: gewandert, Bar besucht in der Bezirksstadt, einfach nur beim Bier gequatscht. Aus dem Sie war Du geworden. Sie hatten sich einen Hund zugelegt, einen großen, kräftigen, schwarzen Pudel. Das Tier war pflegeleicht, hatte aber Eigenarten. Worte wie Wald, Wandern, Auto u.a. durften in seiner Nähe nicht gesprochen werden. Hörte er eines dieser Stichworte aus einem Gespräch heraus, rannte er zum Haken mit seiner Leine an der Tür und gebärdete sich unleidlich. Besonders gern fuhr er Auto. Das Fahren vertrug er aber nicht und musste sich regelmäßig übergeben. Oh Wunder, dass man sich solche Einzelheiten gemerkt hat. Im Ort hatten sich beide etabliert, waren geachtet und beide absolvierten mehr Hausbesuche als von ihnen verlangt wurden. Sie waren Mitglieder der SED und kamen aus einfachen Verhältnissen. Eine klare Meinung zu Staat, Partei und Regierung vertraten sie auch. Das passte dann einigen Ärzten in der Landambulanz gar nicht. Mit ihrer Einsatzbereitschaft, ihrer Aktivität und dem ärztlichen Können verdarben sie anderen die Preise und damit das Ansehen im Ort. Nach einem guten Jahr befanden sich dann morgens mal kleine Blättchen mit Beschimpfungen, Verleumdungen und Bildchen, wo sie am Galgen hingen, im Briefkasten. Um eine Fehlinterpretation der Bildchen zu vermeiden, waren immer auch Pfeile mit den Namen zu der Galgenschlinge hinzugefügt worden. Wolfgang war Arzt aus Berufung. Saßen wir zusammen und es kam ein Anruf von einem Patienten, er fuhr los, ob Bereitschaft oder nicht. Das vertiefte sein Ansehen bei den Patienten. Hat man erst einmal in seinen Erinnerungen gekramt, Verschüttetes abgerufen, werden weitere Details freigegeben. Irgendwann saßen wir am Nachmittag in kleiner Runde beim Kaffee. Es klingelt. „Es wird unsere Tochter sein!“, sagt Inge. „Mach ihr bitte mal die Tür auf. Die hat sicher den Schlüssel wieder vergessen!“ Es war nicht die Tochter. Ein junges Ehepaar stand vor der Tür mit einem zusammengefaltetem Kopfkissen. Sie bewohnten die Wohnung darüber. Ich kannte beide. Sie waren mal Schüler. Die Junge Frau streckte mir das Kissen entgegen und reflexartig griff ich danach. Beide drehten sich um und rannten in ihre Wohnung hinauf. Vorsichtig schaute ich in das gefaltete Kissen, erschrak, ein Baby. Es bewegte sich nicht, sah bleich aus und ich dachte, das Kind lebt nicht. Es war wirklich tot und da stand ich erschüttert. Das Bündel wurde auf dem Küchentisch geöffnet und die beiden Ärzte untersuchten. „Sicher plötzlicher Kindstod!“, sagte Wolfgang. Inge ging mit mir die Treppe hinauf zu dem jungen Ehepaar, aber die öffneten nicht. Wolfgang rief den Bestatter an. Der kam mit einem kleinen weißen Sarg unter dem Arm. Das Baby wurde hineingelegt wie eine Puppe und wieder klemmte er sich den Sarg unter den Arm. Mir erschien das alles unwirklich. Ein so kleiner Tod war mir noch nie begegnet. Tage später stellte sich nach der Obduktion heraus, es war wirklich „Plötzlicher Kindstod“. Mit den Eltern war wieder zu reden. Ihr Schock war abgeklungen.

Zeit vergeht. Jahre rauschen vorbei. Wolfgang war in seinem Beruf angekommen, mit ihm verheiratet und dachte nicht an Veränderungen. Seine Frau fühlte sich in der Gegend nicht mehr wohl, alles zu gleichförmig, zu unbedeutend. Ihr schwebten Veränderungen und Größeres vor. Steter Tropfen höhlt den Stein und noch vor Jahresfrist wollte ihr Mann dann auch weg. Diese Mitteilung schmerzte. Wir hatten uns aneinander gewöhnt. Glücklicher Zufall für sie: das Regierungskrankenhaus in Berlin suchte junge Ärzte, die auch noch Genossen waren. Alles ging dann sehr schnell. Großer Abschied, große Kontaktversprechen. „Wir lassen uns regelmäßig hier sehen und ihr besucht uns in Berlin!“ Am ehemaligen Arbeitsort war noch einiges zu regeln und nach 4 Wochen kamen sie zu Besuch. Ganz großer Bericht und Begeisterung über die neue Arbeitsstelle, zu den neuen Kollegen, neuen Möglichkeiten, zur neuen Wohnung. Man hatte in Berlin Marzahn für sie zwei Wohnungen in einem Neubau durchgebrochen und zu einer Wohnung vereinigt. Aber in der Berichterstattung schwang ganz versteckt etwas anderes mit. Viele Kollegen arbeiteten da, deren Namen landesweit bekannt waren. Einige kamen aus Dynastien von Ärzten. Auch Krankenschwestern dünkten sich in Berlin besser zu sein als die zwei Landeier. Sie waren aus der Provinz, hatten keine bedeutenden Vorfahren vorzuweisen, kamen von weit unten und waren auch noch Genossen. Das lief da nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatten, alles Genossen! Ein Einkaufsladen für das Personal mit Waren, die aus der Werbung des Westfernsehens bekannt waren, konnte diese Bedrückung nicht wett machen. Zeit stahl sich davon und die Kontakte nach Berlin wurden weitläufiger. Zu erfahren war, dass sie mit den überlieferten hierarchischen Strukturen des Krankenhauses immer weniger zurecht kamen und wohl schon bedauerten ihr Landambulanz verlassen zu haben. Die Jugendweihefeier der Tochter im Palast der Republik war der letzte größere Kontakt. Die 80er Jahre quälen sich weiter durch die Republik DDR. Leere Regale, Lieferengpässe und Repressionen überall. Ich wurde 1982 als Klassenfeind enttarnt, weil ich Kollegen aus den Niederlanden Lehrpläne aller Klassenstufen für Mathematik besorgt und geschickt hatte. Eigentlich dachte ich etwas Gutes für das Ansehen der Republik zu tun. Da mir von niederländischer Seite versichert worden war, dass die DDR Lehrpläne genau das seien, was man in den Niederlanden nicht hatte: sehr gute Systematik über die Klassenstufen, ein hohes Anforderungsniveau u.a.m. Sie hatten also Niveau! Einige gebrauchte Lehrbücher reichte ich nach. Da war ich Klassenfeind und Volksverräter, wurde von allen Funktionen entbunden und dann arbeitslos. Niemand der umliegenden Betriebe traute sich ein solch unsicheres Element einzustellen, obwohl ich alle Betriebsdirektoren persönlich kannte. Wochen später wurde mir gnädig gestattet in einem gefestigten Kollektiv in einer entfernten Stadt als Lehrer tätig zu sein. Umerziehung war vorgesehen. Dort wurde ich ganz wenig umerzogen, aber alles wurde getan, um mir die Arbeit zu erleichtern.

Ich hatte mit mir zu tun und dachte an unsere Freunde in Berlin kaum noch. Einmal riefen sie noch an und teilten mit, man hätte sie ausgewählt in Afrika ein Krankenhaus, das von der DDR erbaut und finanziert wird, zu leiten. Erleichterung war herauszuhören das Regierungskrankenhaus zu verlassen. Tschüs! Dann kam nichts mehr, der Kontakt war abgebrochen. Anfang 1985 kurvte plötzlich ein Gerücht durch den Ort. Ein Bekannter wollte wissen, ob uns Informationen über das Arztehepaar, das einige Jahre im Ort gearbeitet hatte, bekannt wären? Er erzählte, deren Tochter wäre noch einmal im Ort bei einer Freundin gewesen und hätte dabei erzählt, beide Eltern seien in Mosambik als Ärzte tätig gewesen und erschossen worden in Afrika. Aber das war nur ein Gerücht und die Lage der DDR spitzte sich täglich zu. 1989 dann kam die Wende und wir waren plötzlich WESTEN. Das brachte in das Leben aller Bewohner tiefgreifende Veränderungen. An unsere ehemaligen Freunde dachten wir nicht mehr. Wir hatten mit uns zu tun. Meine Frau hatte Russisch unterrichtet, aber nun wurden so viele Unterrichtsstunden für dieses Fach nicht mehr benötigt nach der Wende 1989. Sie musste ein Zertifikat für den Unterricht in einem weiteren Fach erwerben: Sozialkunde. Das bedeutete Lehrgänge und Weiterbildung. Eine Weiterbildung war in Erfurt angesetzt. Ein gewendeter, weichgespülter Oberst der Staatssicherheit aus Berlin war bereit Fragen zur Arbeitsweise des MfS zu beantworten. Er war bei der Aufklärung der MfS Strukturen behilflich. In seinem Vortrag betonte er, dass er vor allen Dingen für den medizinischen Bereich verantwortlich war. Anschließend konnten Fragen gestellt werden. Einig formulierten ihre Fragen in sachlichem Rahmen. Andere kleideten ihre Fragestellung in wüste Beschimpfung, so dass die eigentliche Frage nicht mehr erkennbar war. Am Ende der Veranstaltung sprach meine Frau den Referenten an und fragte nach unseren in Afrika verschwundenen Freunden, weil er doch in seiner Dienststelle für medizinische Bereiche Verantwortung trug. Nach der Nennung des Familiennamens stutzte er, dann platzte er heraus: „Inge und Wolfgang?“ „Dass waren ihre Freunde?“, vergewisserte er sich nochmal. Dann erzählte er. Man sah ihm an, er war durch die Erinnerung betroffen.

„1982 muss es gewesen sein. Beide waren zur Leitung des Krankenhauses in Mosambik ausgewählt worden und wir haben viele lange Gespräche geführt zur Führung des Krankenhauses, zu den dort aus Cuba, Russland und Jugoslawien arbeiteten Ärzten, zur Sicherheit im Land und zu vielen anderen Dingen und Eigenarten des Landes.“ Danach hatte auch er an die zwei Jahre nichts von ihnen gehört. „Dann, im Dezember 1984“, fuhr er fort, „bekamen die deutschen Mediziner eine Einladung der DDR Vertretung in Mosambik für eine vorweihnachtlichen Zusammenkunft in der nächsten größeren Stadt Unango. Ein paar unbeschwerte Stunden sollten es fern der Heimat werden. Allerdings, allein konnte man dort nicht hinfahren. Überall operierten kleine Einheiten der Renamo Banditen aus Südafrika, die Dörfer niederbrannten und die Menschen töteten. Sie waren mal hier mal dort und schwer zu bekämpfen. Sie terrorisierten und verbreiteten Unsicherheit. In den Ost Medien wurden sie „Banditen“ genannt, im Westen „Rebellen“. Die Fahrt in die Stadt ließ sich nur mit gut bewaffneten Milizionären bewältigten. Inge und Wolfgang hörten Anfang Dezember 1984 von einem solchen Konvoi in der Nähe ihres Krankenhauses, der früh um 7.15 Uhr in die Stadt fahren sollte. Der Konvoi mit einigen LKW W 50, einem Werkstattwagen mit Aufbauten, vorn ein Multicar mit dem Verantwortlichen und am Ende ein Tankwagen und einige LKW mit Dünger für das landwirtschaftliche Projekt der DDR in Mosambik war zusammengestellt. An die 20 Milizsoldaten, gut bewaffnet mit Kalaschnikow, leichtem und schwerem Maschinengewehr und mehreren Panzerfäusten setzten sich in Bewegung. 60 oder 70 Kilometer ging alles gut. 10 Kilometer vor der Stadt war eine kleine Anhöhe zu bewältigen, rechts und links dichter Busch. Die Geschwindigkeit wurde langsamer. Plötzlich Mpi Salven und ein Maschinengewehr begann zu hämmern. Das Führungsfahrzeug war von einer Bazooka getroffen worden. Alle den Konvoi begleitenden Milizionäre flüchteten ohne einen einzigen Schuss abgegeben zu haben. Die Waffen ließen sie liegen und rannten in den Busch. 5 von ihnen wurden später tot aufgefunden. Die 9 deutschen Entwicklungshelfer hatten keine Chance. Nur einem gelang die Flucht in den Busch schwer am Kopf verletzt. Die anderen wurden von vielen Geschossen getroffen. Das Ganze dauerte nur wenige Minuten. Man hatte es auf die deutschen Entwicklungshelfer abgesehen. Die anderen Fahrzeuge wurden nicht zerstört. Der Konvoi war überfällig und man suchte nach ihm. Alle Entwicklungshelfer waren getötet worden. Einen Kopfschuss hatten sie alle aber zusätzlich noch erhalten, wohl aus Sicherheit oder nur symbolisch!? Die Leichen wurden ausgezogen und ihrer persönlichen Habe beraubt. Der geflüchtete Entwicklungshelfer wurde schwer verletzt gefunden und russische Ärzte versuchten sein Leben zu retten. Auch er starb nach wenigen Stunden. Richtig aufgeklärt worden ist der Tathergang nie.“ Der Oberst suchte in der Tasche nach Zigaretten, fand eine Schachtel, leer. Er knüllte die Schachtel zwischen den Fingern und fuhr fort: „Honecker ordnete nach diesem Zwischenfall an, dass die Leichen der Getöteten noch in der Nacht in die DDR zurück geflogen werden.“

Der Oberst sann dem Erzählten nach und schwieg erst mal. Dabei stützte er sich auf den Tisch, blickte zu Boden und dann zu den großen Fenstern des Vortragsraumes. „Mit den Leichen kam auch eine Forderung aus Mosambik von der Frelimo, der marxistisch orientierten Befreiungsbewegung, nach militärischem Engagement. Das hatte die DDR Führung immer abgelehnt. Besonders Hubschrauber sollten geliefert werden zum Kampf gegen die marodierenden Renamo Banditen. Die Obduktion der getöteten Entwicklungshelfer in der Berliner Carité brachte eine große Überraschung. Alle in den Körpern steckenden Projektile stammten aus russischer Produktion und waren durch Kalaschnikows abgefeuert worden. Bekannt war aber, dass die Renamo ausschließlich von den USA mit Waffen ausgerüstet worden sind! Danach ging alles sehr schnell. Es gab Weisung, die 1000 Entwicklungshelfer umgehend zurück zu holen und das landwirtschaftliche Projekt einzustellen. Über die Gründe wurden auch wir nicht informiert. Einiges konnten wir uns aber zusammenreimen.“ Hier schwieg er wieder eine Weile, dachte wohl nach. „Frelimo und Renamo bekämpften sich nach dem DDR Rückzug weiter und brachten die Wirtschaft des Landes komplett zum Stillstand. Das Projekt der DDR, Südfrüchte aus Mosambik für die DDR zu liefern aus mehren großen Farmen, wurde fallen gelassen. Renamo sprengte später die schon angelegten Stauwerke und alle Bauten der landwirtschaftlichen Einrichtungen. Mehr als 10000 Auszubildende aus Mosambik befanden sich noch in der DDR. Nach der Wende mussten alle das Land verlassen. Die beiden Kampfparteien hatten sich mit der Zeit gegenseitig so geschwächt, dass die Frelimo ihren Zielen abschwor, in Afrika einen sozialistisch orientierten Staat zu etablieren. Renamo hatte sein Ziel erreicht. Amerikaner und Südafrika waren zufrieden. Heute stellt Renamo die Opposition im Parlament.“ Er sah auf seine Uhr und sagte, dass er einen weiteren Termin habe und verabschiedete sich. „Traurig, dass so viele Menschen sterben mussten wegen nichts, auch ihre Freunde!“ Meine Frau war nach diesem Bericht tief beeindruckt.

Nun war klar, das vor Jahren kursierende Gerücht entsprach der Realität. Wolfgang und Inge wollten helfen und haben diese Hilfsbereitschaft mit dem Leben bezahlt in der großen Auseinandersetzung zwischen Ost und West. Wer erinnert sich heute noch an ihren Tod? Vielleicht die Tochter, die Eltern, aber sicher leben die Elternteile schon nicht mehr und wir, meine Frau und ich. Wir hatten gute Freunde verloren. Vielleicht sind diese wenigen Textzeilen aus dürren Worten eine kleine Würdigung und Gedenkens ihres sinnlosen Ablebens …

11. Ich war Kamikaze – Todesflieger

Eben war die Trauerfeier vorbei. Die Trauergemeinde sammelte sich vor der Trauerhalle des Ortsfriedhofs, um dem Bestatter mit der Urne in das entlegene Urnenfeld zu folgen. Die Grabstätte für die Urne war ausgehoben; die Urne wurde versenkt und der Trauerzug formierte sich in Reihe, so dass jeder vor der letzten Ruhestätte verharren kann, um einen letzten Blumengruß einzuwerfen. Dahinter nahmen dann die Angehörigen die Beileidsbekundungen entgegen. Viele waren gekommen. Die meisten kannte ich; nur wenige Fremde waren zu sehen. Die Reihe der Wartenden bewegte sich nur langsam vorwärts. Meine Gedanken gingen zurück zu der eben verklungenen Trauerrede. Der Redner soll ein ehemaliger Kollege gewesen sein. Viele gute Worte fand er und blieb dann bei der Jugendzeit des Verstorbenen hängen. Warum nur hatte er die freiwillige Meldung zur Wehrmacht 1945 als Todesflieger so breit ausgelegt. Das Wort „Kamikazeflieger“ wiederholte er noch einmal nachdrücklich und machte dann eine bedeutende Pause. In der Stille der Trauerhalle wurde es noch stiller. Das wusste vorher niemand. Hatte sein ehemaliger Kollege und Mitarbeiter noch alte Konflikte aufzuarbeiten mit dieser Mitteilung? Irgendwie gehörte diese Entscheidung eines kaum 18jährigen nicht hierher in diese letzte Lebenswürdigung, hatte er doch ein ganz anderes Leben gelebt! Bis zu diesen Minuten dachte ich, dieses Geheimnis als Einziger zu kennen. Die Reihe der Trauergäste war weiter vorgerückt. Leise sprach man miteinander.

Vor einiger Zeit ließ mich ein Telefonanruf wissen, ich solle doch bitte mal bei einem ehemaligen erkrankten Kollegen vorbei schauen. Er wolle mich sehen, sei nicht mehr auf der Höhe und es sähe auch nicht gut aus mit ihm. Die Krankheit hatte ihn gezeichnet. Über den körperlichen Verfall war ich dann aber doch erschrocken. Seit 50 Jahren kannten wir uns von der Arbeit, waren uns aber auch privat näher gekommen. Er versprühte Aktivitäten, hatte eine klare Meinung zu Beschlüssen von Partei und Regierung, erwartete von jedem 100 Prozent, handhabte aber alles, was ihm von oben aufgedrückt worden war, praktikabel ohne Überspitzungen und mit Nachsicht. In den vielen Jahren der Bekanntschaft war Gesundheit nie ein Problem für ihn und Ärzte kannte er nur von Reihenuntersuchungen. Während meines Besuchs sah er sich von mir mitgebrachte Fotos an, lehnte sich nach kurzer Zeit aber erschöpft zurück und ich dachte an unsere erste Begegnung Anfang der 60er Jahre. Inzwischen war die Reihe dem Urnenplatz etwas näher gekommen. Ich hing weiter meinen Erinnerungen nach.

Nach dem Studium wurde ich in ein ganz kleines Dorf eingewiesen, viele Kilometer entfernt von der Zivilisation. Das hatte ich so unterschrieben zu Studienbeginn, 2 Jahre dorthin zu gehen, wo ich gebraucht würde. Große wohlhabende Bauernhöfe bestimmten das Dorfleben; eine LPG Typ 1 war gerade gegründet worden, tat sich aber mit der kollektivierten Dorfarmut schwer. Schule gab es dort auch: zwei kleine ehemalige Einklassenschulen in zwei einige Kilometer entfernten Dörfern. Durch den Umbau der Lehrerwohnung hatte man jeweils einen Klassenraum hinzugewonnen. Die vier Klassenräume reichten für den Stufenunterricht von Klasse 1-8 aus. Zwischen den in Tälern liegenden Dörfern waren gute 3,5 Kilometer über Anhöhen zu überwinden. Um halbwegs Fachunterricht zu erteilen wurden die Lehrer zu Wanderlehren mit kleiner Zulage. Die Zustände ließen sich mit Ehm Welks „Die Heiden von Kummerow“ gleichsetzen. Die Zeit war scheinbar stehen geblieben in dieser Dorfschule mit dem anspruchsvollen Namen „Polytechnische Oberschule“.

Die Schüler kamen meist pünktlich, aber die Lehrer hatten früh viel zu bereden. Von 8 -10 Uhr wurde unterrichtet, dann war erst mal eine Stunde Pause bei der Hausmeisterin. Die hatte einen neuen Fernseher, Kaffee und konnte mit gutem Bild den „Ochsenkopf“ aus Bayern empfangen. Manchmal wurden interessante Serien gesendet. Dann hatten die Schüler lange Pause. Einmal im Monat setzte der Schulleiter eine Dienstberatung an. Immer wurden Leberwurstbrötchen gereicht und eine Flasche „Halb und Halb“, hochprozentiger süßer Likör, angebrochen. Zu diesen Veranstaltung brachte der Schulleiter immer alle aufgelaufene Post ungeöffnet mit. Er hielt das für Demokratie. Amtliche Post sollte im Beisein des Kollegiums geöffnet werden. Vieles hatte sich schon von allein erledigt, anderes wurde besprochen und abgeheftet. Nur einmal erregte dieses Prinzip Unwillen, weil die Winterferien von der Schulbehörde wegen extremer Kälte vorverlegt worden waren. Eine Woche der Winterferien unterrichteten wir länger, durften dann aber die Ferien nicht um eine Woche länger ausdehnen. Statt zwei Ferienwochen gab es für Lehrer und Schüler nur eine Ferienwoche. Da war das Brieföffnerprinzip im Kollegium gründlich schief gegangen und wurde in Frage gestellt.

Im Jahr 1964 schneite es reichlich im Januar und der Sturm hatte den Schnee ins Tal geweht. Obstbäume schauten nur noch mit den Kronen heraus. Zwischen der 4. und 6. Stunde musste ich über die Anhöhe in die andere Schule wandern. Die Höhe war kahl gefegt, es war kalt und unten im Tiefschnee des Tals bewegte sich etwas. Erst dachte ich, ein Reh, aber dann sah ich, ein Mensch versucht sich durchzukämpfen. Rufe fetzte der Wind weg. Also dann hinunter in den Tiefschnee, Hilfe leisten. Ein Mensch bückte sich immer wieder und auf Rufweite war zu erfahren, er habe seine Halbschuhe im nassen Schnee verloren. Die Schuhe wurden gefunden und er war seinem „Retter“ dankbar. Er fragte dann, ob ich den neuen Lehrer im Ort kenne? Froh war er, seinen Ansprechpartner gefunden zu haben. Er käme von der Kreisabteilung für Volksbildung, sei der zuständige Schulinspektor und wollte an der Schule nach dem Rechten sehen. Ich nahm ihn mit in meine Wohnung über dem Schweinestall. Nachdem er aufgewärmt war und schulische Belange beredet waren, begleitete ich ihn zur fast 4 Kilometer entfernten Bushaltestelle an die Landstraße. Zuvor teilte er noch mit, die Schule würde bald aufgelöst. Stufenunterricht in einer solchen Zwergschule würde es nicht mehr geben. Er würde eine andere Schule für mich finden, was er dann auch getan hat. Wie die Jahre doch vergangen sind, dachte ich in der Reihe vor der Grabstelle? Die Erinnerung an den letzten Besuch bei dem Verstorbenen wurde wieder lebendig. Nun ist er 85 Jahre, von Krankheit gezeichnet und es war wohl mein letzter Besuch! Das Sprechen fiel ihm damals schwer. Seine Frau hatte Tee gebracht. Er begann von seiner Jugendzeit zu erzählen, vom Krieg, vom Gymnasium in G. Ende 1944 und seiner 12. Klasse.

Leise begann er: „Eines Tages, Mitte Dezember 1944, kamen Werbeoffiziere von der Luftwaffe,“ berichtete er. „Jagdflieger wurden gesucht und ein Notabitur versprochen. Die meisten Jungen der Klasse sagten zu, wollten noch Helden werden. Alles ging jetzt sehr schnell: Notabitur und Aufnahme in einen Fliegerhorst irgendwo bei Standel. Es ging dort Mitte Januar 1945 ohne Umschweife zur Sache. Einige Stunden Theorie, dann wurde geflogen. Die Maschinen hatten schon ein Kriegsleben hinter sich, was an mehreren verklebten Einschusslöcher auszumachen war. Bei den Übungen ging es um den Start und der Zielfindung im Sichtflug. Am Ziel angekommen wurde immer wieder geübt, abkippen über einen Flügel, Gashebel auf Anschlag und Sturzflug. Der mitfliegende Fluglehrer fing die Maschine dann ab und übernahm die Landung. Anfang April 1945 dann kamen Parteigrößen und gestandene Fliegerhelden und forderten Mut zu beweisen, Heldentum zu zeigen und das eigene Leben nicht zu schonen für das Deutsche Volk in seiner schwersten Stunde. Nun ging es um den „Rammstoß“, sich aus großer Höhe auf alliierte Bomberverbände zu stürzen. Davon hatten wir gehört. Die Verlustquote lag bei 95 Prozent. Fast alle sagten zu, auch ich. Gruppenzwang und NS Propaganda zeigten ihre Wirkung, der versprochene Eintrag in das Deutsche Heldenregister auch. Ab sofort änderte sich der Umgang mit den Vorgesetzten. Es gab gutes Essen, Schokolade und französischen Alkohol.“ Hier stockte er wieder mit seiner Erzählung.

Das Wort „Kamikazeflieger“ kam jetzt schon mal vor. Russische und englische Piloten führen den Rammstoß auch aus und da fiel der Begriff „Todesflieger“ als deutsche Variante. Jetzt verstanden wir, warum die Landung von Flugzeugen von Anfang an nicht zum Ausbildungsprogramm gehörte.“ Er stockte in seiner Erzählung, trank einen Schluck Tee. Die Erinnerung an die Zeit hatten ihn tief bewegt. „Nach dem 1. April 1945 sickerte bei uns durch, dass ein englischer Bomberverband aus großer Höhe angegriffen worden sei, erzählte er weiter. Die deutschen Verluste bei den Rammstößen lagen hier bei mehr als 90 Prozent. Nach diesem Einsatz wurden weitere „Selbstopfer Piloten“ gesucht. Wieder blieben fast alle dabei, ich auch. Ich hatte mich entschieden. In der Stube war die Entscheidung für das Lebensende kein Thema. Wir sprachen nie darüber. Der Gedanke wurde verdrängt. Alle ließen es sich gut gehen bei Alkohol und gutem Essen. Abends, kurz vor dem Einschlafen, mogelte sich der Gedanke an die Endlichkeit des Lebens in wenigen Tagen doch mal durch. Ich tröstete mich damit, dass andere beim Angriff aus dem Schützengraben auch keine größeren Lebenserwartungen hätten. Die Zeit war eben so, der Tod allgegenwärtig! Der Einsatzbefehl kam schneller als gedacht. Mitte April muss es gewesen sein! Die Russen hatten die Oder erreicht und die anderen Alliierten Mitte März den Rhein überschritten.

Alle ausgewählten Flieger sollten ihre Sachen zusammenpacken und noch einige Zeilen an ihre Angehörigen schreiben. Ich packte meine persönlichen Sachen zusammen, steckte aber mein Soldbuch in die Uniformtasche. Warum weiß ich nicht. Früh zur Befehlsausgabe wurde die Luftlage erklärt. Feindliche Jäger und Bomberverbände gab es nicht in der Flugzone; Wetterkapriolen waren nicht zu erwarten. Der Befehl zum Flug ohne Wiederkehr lautete: Richtung Osten bis zur Oder und Zerstörung einer zugewiesenen Oderbrücke, um den Vormarsch der Russen zu stoppen. Zwei Maschinen wurden eingeteilt, die bis zur Grenze ihrer Tragfähigkeit mit Sprengstoff beladen waren. Treibstoff gab es nur für den Flug bis zur Oder. Auf der Startbahn standen zwei Maschinen abflugbereit, dahinter weitere. Die Motoren waren schon angelassen. Der Mechaniker wollte guten Flug wünschen, biss sich dann aber auf die Lippen, weil diesmal eine Rückkehr nicht vorgesehen war. Sonst kamen ja einige wenige Piloten wieder zum Standort zurück. Andere vom Bodenpersonal vermieden es uns anzuschauen. Die Maschinen, die auf Startposition standen, waren arg lädiert; Einschüsse waren überklebt und nicht einmal das Hoheitszeichen hatte man mit Farbe nachgezogen. Einmal war ich schon mit dieser Maschine geflogen. Die zwei Maschinen starteten. Der Startvorgang zog sich bis ans Ende der Piste hin, weil die Maschinen überladen waren. Meinen Flugpartner kannte ich nur vom sehen. Wir sprachen vor dem Start nicht miteinander. Was sollten wir auch sagen? Es war ein schöner Tag, der letzte Lebenstag mit meinen 18 Jahren. Den Gedanken verdrängte ich. Die Sonne war aufgegangen, der Himmel war leicht bedeckt. Wir überflogen Wälder, Wiesen, Dörfer, Städte in Richtung Oder. Mit meinem Rottenkamerad hatte ich nicht verabredet, wer sich zuerst in den Tod stürzt. In Odernähe war eine schöne große Wiese zu sehen und hier machte sich erstmals der Gedanke breit: hier landen und abhauen!

Die im Befehl angewiesene Brücke war gefunden. Am Ufer waren Militärfahrzeuge und Panzer zu sehen. Die Russen schickten sich an, die Brücke zu überqueren. Da unten schienen sie klein und ungefährlich. Vereinzelt wurde geschossen. Sie waren wohl irritiert, weil wir nicht angriffen. Mein Rottenkamerad setze aus dem Anflug heraus zum Angriff an. Vorher wackelte er noch zum Abschied kurz mit den Flügeln. Der Sturzflug wurde aus einer ungünstigen Position heraus gestartet. Er kippte über den rechten Flügel ab und raste mit heulenden Motoren der Erde entgegen. Eine gewaltige Explosion versetzte unten alles in Qualm und Nebel. Meine Maschine erzitterte und wurde von der Druckwelle nach oben geschleudert. Jetzt hatten die Russen begriffen, was wir vor hatten und heftiges Feuer setzte ein. Ich musste handeln, bevor sie mich treffen. Die Maschine ließ ich abkippen, zog beide Gashebel bis Anschlag auf und raste der Erde entgegen. Nach einer zehntel Sekunde dachte ich an die Wiese vor der Oder. Ich wollte nicht sterben, zwang die Maschine in eine Schleife. Dabei hatte ich Angst, sie bricht auseinander und ich überlebe das Manöver nicht. In einer weiten Schleife über dem Aufmarschgebiet zog ich die Maschine wieder hoch und dachte nur noch an die Wiese. Kurzer Flug wieder nach Westen, dann war die Wiese nach Überquerung der Oder zu sehen. Zweimal überflog ich diese Wiese, weil mir eingefallen war, dass so kurz hinter der Front sich deutsche Stellungen befinden könnten. Von weiter unten sah die Wiese dann nicht mehr so eben aus. Sie wurde von gut getarnten Verteidigungsanlagen durchzogen. Militär war nicht mehr zu sehen.

Selbständig gelandet war ich bisher kaum, hatte wenig Erfahrungen und die Maschine war überladen. Nach dem ersten Aufsetzer machte die Messerschmitt einen gewaltigen Sprung und überquerte einige größere verlassene Stellungen. Sie setzte wieder auf und nach zwei weiteren kleineren Hopsern holpert sie auf den Waldrand zu. Der rechte Motor hatte Aussetzer und gleich darauf blieb auch der andere stehe. Sprit alle! In Panik schnallte ich mich ab, denn jede Sekunde könnte diese fliegende Bombe doch noch hochgehen. Daran hatte ich bis jetzt überhaupt nicht gedacht. Mit meinen Ausrüstungsgegenständen, einen Fallschirm hatte man uns nicht mitgegeben, hastete ich in den nahen Wald. Weg, nur weg von hier! Alle Ausrüstungsgegenstände streifte ich ab, ließ sie liegen und rannte. An das Soldbuch in der Uniform dachte ich nicht.“

Erst jetzt machte sich bei mir der Gedanke breit, sollten mich deutsche Soldaten erwischen, hängen die dich als Fahnenflüchtigen sofort an den nächsten Baum. Die Russen wären sogar das kleinere Übel! Die Front war immer zu hören auf meinem Weg nach Westen, Die Russen überholten mich dennoch. Die Deutschen leisteten wohl keinen nennenswerten Widerstand in diesem Frontabschnitt. Als ich aus meinem Tagesversteck aufbrechen wolle bei anbrechender Dunkelheit, erwische mich eine Streife. Junge russische Soldaten in meinem Alter hatten sich einen “Fritz“ gefangen und genossen nun im Kriegsalltag ihren Spaß, mir die Kolben ihrer Maschinenpistolen in den Rücken zu stoßen oder mich in den Hintern zu treten. In einer Sammelstelle wurden die Aufgegriffenen erfasst und nach zwei Tagen in ein Gefangenenlager gebracht: eine alte Scheune mit einigen halb intakten Gebäuden, rundherum gab es viel Stacheldraht. Anfang Mai riefen die Posten durch den Zaun: „Hitler kaputt!“ Sie ballerten in die Luft und Mittag gab es eine Kartoffel mehr … Der Mai und Juni 1945 waren halbwegs warm und so war es auszuhalten hinter dem Stacheldraht. Wir verhungerten nicht und konnten sehen, die Russen hatten auch kein viel besseres Essen..“

Anfang August bestellte man mich in die Kommandantur. Dort saß ein russischer Offizier, der mein Soldbuch vor sich liegen hatte. Ich musste erzählen, wie ich mit 18 Jahren in den Krieg gekommen bin. Von meiner Mission als „Todesflieger“ und der mit Sprengstoff beladenen Maschine sagte ich nichts. In dem Soldbuch waren kaum Eintragungen vorgenommen worden. Es gab wichtigeres in dieser Zeit. Meine Darstellung zu Notabitur und Einberufung schien glaubhaft zu sein. Welch Glück, dass ich das Soldbuch dabei hatte! Nach wenigen Tagen wurde ich und einige andere 18jährige mit einem Militärfahrzeug zur nächsten Bahnstation gefahren. So schlug ich mich nach Thüringen in meinen Heimatort durch.“

Neulehrer wurden dort gesucht und da ich gültige Entlassungspapiere hatte, konnte ich mich bewerben. Der Kriegseinsatz hatte mich gelehrt, so etwas darf nie wieder passieren. Dafür will ich etwas tun. Nie wieder Krieg! Als Lehrer geht das am besten.“ Hier endete sein Bericht und mit geschlossenen Augen war er in sich zusammengesunken. Mich hatte er vergessen; der Bericht hatte ihn stark mitgenommen. Inzwischen war ich an der Urnengrabstelle angekommen. Wie mein Vordermann nahm ich eine Rosenblüte und warf sie in die kleine Öffnung zu den anderen Blüten. Der Mann vor mir, den ich nicht kannte, hatte Tränen in den Augen. Mit einer Verbeugung und kurzem Innehalten erwies ich ihm, dem Arbeitskollegen, Helfer in vielen komplizierten Situationen und auch Freund, die letzte Ehre, sprach den Angehörigen mein Beileid aus und ging tief in Gedanken versunken über den Friedhof zurück.

Sein weiteres Leben nach dem Antritt der Neulehrerstelle war mir bekannt aus Berichten anderer Lehrerkollegen und aus eigenem Erleben. Als sein Vater am 17. Juni 1953 Stimmführer wurde beim Aufstand und mit Gefängnis bestraft wurde, distanzierte er sich vom Vater. Sein Leben war über die Jahrzehnte geradlinig verlaufen; er vertrat seinen Standpunkt und versuchte alle politischen Entscheidungen und Anweisungen auf ein praktikables Format zusammenzustutzen. Ich dachte nach seinem Lebensbericht über die gestohlene Jugend all dieser Flakhelfer, Flugzeugführer, U-Boot Fahrer und der anderen jungen Soldaten oder Helferinnen in den Lazaretten nach. Wie hätte sich ihr Leben ohne diesen Krieg entwickelt? Nun sind sie alle am Ende ihres Lebens angekommen mit über 80 Jahren. Sie haben erlebt, was Krieg wirklich bedeutet. Hautnah verbunden mit ihnen fühlt sich auch noch die folgende Generation, die in Kindertagen Krieg und Nachkriegszeit erlebt hat.

Langsam ins Dunkel der Geschichte entschwinden Kriegsereignisse und individuelle Erlebnisse. Erfahrungen werden von der Geschichte geschluckt, auch die Geschichte eines Harald Schwirz, der mit 17 Jahren, geblendet von der Ideologie der Nazis, noch schnell zum Helden werden wollte. Er hatte aus den Kriegserlebnissen gelernt und beschlossen, der Jugend einen friedlichen Weg zu weisen als Neulehrer. Jahrzehnte war er als geachteter Schulmann in leitender Kreisfunktion bemüht, Beschlüsse von SED und Regierung auf ein praktikables Maß zu reduzieren und damit seinen Kollegen verständlich zu machen. 1989, zur Wende, ging er in Rente. Als linker roter Abgeordneter war er von vielen Bürgern der Stadt gewählt worden. Im Stadtrat war er dann über das 80. Lebensjahr hinaus aktiv tätig. Wieder verdiente er sich Anerkennung, weil er Entscheidungen der neuen Mächte praktikabel und bürgerverträglich in der Umsetzung mit gestaltete.

Wieder und wieder wurde er gewählt …

10. Grablegung eines Stalinisten

Älter und alt werden alle. Das geschieht ganz schleichend und unbemerkt, weil die, mit denen man Jahrzehnte gelebt hat, den gleichen Prozess durchlaufen. Als nach dem Studienabschluss Anfang der 60er Jahre die erste Lehrerstelle angetreten wurde, unterrichteten viele ehemalige Neulehrer seit fast 2 Jahrzehnte an der Oberschule der Thüringer Kleinstadt. Das waren die Alten, die ältere Generation mit Notabitur und Flakhelfer Erfahrung in den letzten Kriegstagen.

Einer von denen geriet mit 19 in russische Gefangenschaft, Adolf Kolbrenner. Ihn traf es mit seinen 19 Jahren besonders hart in einem Gefangenenlager in den Wäldern Kareliens. Schwere Arbeitseinsätze am Holz tagein, tagaus löschten das Menschsein fast aus. Später dann wurden Kurse angeboten im Gefangenenlager, antifaschistische Kurse. Die Teilnahme daran erleichterte die harte Waldarbeit etwas. Im Mittelpunkt der Kurse standen der Faschismus, seine Ursachen und Auswirkungen für die Welt. Besonders Schriften von Stalin waren Grundlage der Unterrichtung. In vielen Diskussionen kam er zu der Erkenntnis, einen solchen Krieg darf es nie wieder geben und dafür wollte er etwas tun, nein alles. Seine gewonnenen Überzeugungen erschienen den Natschalniks im Gefangenenlager glaubhaft . Er wurde etwas früher entlassen als seine Leidensgenossen. Zu Hause angekommen, erfuhr er, Neulehrer werden gebraucht. Er meldete sich, weil er seine Friedenssehnsucht als Lehrer so am besten verwirklichen konnte. Eine solche Erfahrung von Krieg und Gefangenschaft wollte er der nächsten Generation ersparen.

Im dreimonatigen Neulehrerseminar fiel er durch einen besonders festen politischen Standpunkt auf und war belesen in Stalins Schriften. Er schaffte einen guten Abschluss, kam aber als Neulehrer nicht zum Einsatz, weil die SED, deren Mitglied er geworden war, erkannt hatte, dass er gut als Agitator in ihrer Kreisleitung zu gebrauchen war. Dort agitierte er viele Jahre. Dann starb Stalin und sein Weltbild geriet durcheinander. Später erfuhr er nach einem Parteitag der KPdSU von Stalins Verbrechen und erlebte die allgemeine Abkehr von seinen Lehren und Schriften. Eine Welt brach für ihn zusammen. Alles wurde komplizierter und unübersichtlicher. Aber der sich verschärfende Kalte Krieg bot weiterhin viele Betätigungsmöglichkeiten für seine agitatorischen Fähigkeiten. Der Westen Deutschlands, wo alles weiter ging, als habe es keine Nazivergangenheit gegeben, wurde jetzt sein Arbeitsschwerpunkt. Im Westen gab es den Holocaust in den Schulbüchern nicht, Nazirichter und hohe Offiziere der Wehrmacht arbeiteten weiter unbehelligt im Staatsdienst. Dann kamen die 68er und er schöpfte etwas Hoffnung.

Allein, seine Überzeugungsarbeit war immer noch vom stalinschen Denken geprägt. So richtig passte er nicht mehr in die neue Zeit und in den Kurs der SED. Man empfahl ihm, doch wieder als Lehrer zu arbeiten. Nach einigen Schnellkursen wegen besonderer politischer Verdienste wurde er Fachlehrer für Geschichte/Staatsbürgerkunde an der Polytechnischen Oberschule. Gesegnet mit wenig pädagogischem Fingerspitzengefühl und didaktischen Fähigkeiten erzog er „Klassenfeinde“, meinten einige Kollegen. Für ihn gab es nie Fragen nach Parteitagen oder einem Plenum der SED; er vermittelte drauf los. Diskussionen und Überzeugungsarbeit waren nie sein Ding. Für ihn galt der Stalin Ausspruch: „Wenn die Linie klar ist, entscheiden die Kader alles!“ Als Geschichtslehrer vermittelte er einfache Wahrheiten: Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen; die Menschen erobern sich die Welt und machen sie sich untertan; Menschen bauen Städte und Häuser aus Erde und alles wird wieder zu Erde, auch der Mensch selbst. Erschwerend kam hinzu, seine Eltern aus einem kleinen Dorf im Thüringer Wald hatten ihm den Namen „Adolf“ verpasst, ihrer damaligen Zukunftssehnsucht. Die Erde dreht sich weiter …

In Staatsbürgerkunde vermittelte Adolf seine Weltsicht kompromisslos weiter; alles ist real und geprüft; die Welt ist erkennbar, der Sozialismus siegt, ihm gehört die Zukunft. Warum darüber noch diskutieren? Aus dem Osten kommt das Licht, kommt die Zukunft! „Die Partei, die Partei, die hat immer recht.“ „Proletarier aller Länder vereinigt euch.“ Der Sozialismus ist dem Kapitalismus haushoch überlegen. Ihm gehört die Zukunft; die Kirche gemeinsam mit dem Adel haben die Menschheit Jahrtausende lang geknechtet. Es gilt, die Welt nicht zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Das war seine Überzeugung! Dafür stand er. Diese, seine Weltsicht wurde dargelegt, an die Tafel geschrieben, war auswendig zu lernen und wurde dann überprüft und benotet. Mit Beginn der 80er Jahre wurde das schwieriger. Westfernsehen und Rentnerbesuche im Westen vermittelten ein anderes Bild und mehrmals gingen ganze Klassen gegen ihn auf die Barrikaden. Er stand dann mit dem Klassenbuch vor der Brust in einer Ecke und die Klasse bedrängte ihn.

So richtig unbeliebt war er nicht im Kollegium. Er rauchte nicht, trank keinen Kaffee, wusste in vielen Dingen Lebensrat, verbreitete auch lustige Erlebnisse, redete nie über andere und man hörte den Dialekt des Thüringer Waldes immer noch heraus. Mit der Wende trat er in den Ruhestand und wurde krank. Nach mehreren Operationen konnte er aus seinem Auto kaum noch aussteigen. Seine Frau kaufte im Supermarkt ein; er saß im Auto und immer mal kam jemand aus dem ehemaligen Kollegium vorbei. Eine ältere Kollegin sagte ihm, dass sie doch nicht so oft das Parteilehrjahr hätte schwänzen sollen, als über den Kapitalismus gesprochen wurde, jetzt wäre er da mit seinen Segnungen, der Arbeitslosigkeit, alles an Menschlichkeit sei zerbrochen, nur der Maßstab Geld zähle noch!

Einige erzählten ihm von der Umrüstung der Kaufhalle zum Supermarkt, vor dem er parkte. Kurz bevor die D-Mark Einzug hielt, kam ein Team, um die Kaufhalle auszuräumen. Alle Waren wurden aus den Regalen gewischt. Mehl, Zucker, Gewürzgurken, Alkohol führten am Boden ein trautes Miteinander. Das Gemisch ehemaliger DDR Waren wurden zum Ausgang befördert und in einen Container verladen, ganz symbolträchtig. Am nächsten Tag rückte ein neues Team an und füllte die gleichen Regale wieder mit Waren, die alle aus der West Werbung kannten. Große Gedränge zur Eröffnung, großes Staunen – die Preise! Ihm wurde berichtet, dass eine mittlere Firma am Ort, die unmittelbar vor der Wende erst fertiggestellt worden war, zu der ein großes Grundstück gehörte, für eine DM verkauft worden sei. Erst freuten sich die Angestellten dieser Firma, dann, nach wenigen Wochen waren alle Konten abgeräumt; Insolvenz musste angemeldet werden. Dann verschwanden die Maschinen in Richtung Westen, woher sie vor Jahresfrist geliefert worden waren und dann war einige Jahre Ruhe. Irgendwann, später stellte der Käufer einen Antrag zwecks Abriss der Anlage, um für den Wohnungsbau Parzellen abzustecken. Das wurde staatlicherseits abgelehnt. Wieder einige Zeit später brannte es an mehreren Stellen gleichzeitig auf dem Betriebsgelände. Anwohner löschten und konnten gerade noch sehen, wie zwei PKW mit Westkennzeichen verschwanden. Der warme Abbruch war vereitelt worden. Nicht viel später kam nächtlich wieder ein Arbeitsteam bei -15 Grad C. Alle Wasserhähne wurden aufgedreht und vollendeten in weiteren kalten Nächten unbemerkt ihr Werk. Der Frost mit dem Wasser gemeinsam leisteten ganze Arbeit. Nun stellte der Eigentümer wieder den Antrag auf Abriss und Parzellierung. Erst jetzt schaute man, wer der Besitzer eigentlich sei. Es stellte sich heraus, alle seine vorgelegten Bankdokumente waren gefälscht. In der Schweiz und weiteren alten Bundesländern lagen Haftbefehle vor gegen ihn.

Das waren Berichte, die seine Seele streichelten: „Das ist der Kapitalismus!“, betonte er, „habe ich euch das nicht immer gesagt?“ Er konnte auch noch erfahren, dass einige Stellenausschreibungen im Ort, die gut dotiert waren, an West Bewerber gingen und die holten Freunde und Bekannte nach auf weitere gute Stellen. Nur in den Niederungen saßen noch Ossis. Dass gleich vor seiner Nase am Rande des Parkplatzes noch ein Betrieb stand, der von einer Westfirma ehrliche erworben und ausgebaut worden war, viele Arbeitsplätze geschaffen hatte, sah er weniger gern. Das passte so richtig nicht. Diese Sicht auf die negativen Aspekte des kapitalistischen Systems machten es ihm leichter, seine Krankheit zu ertragen. Er hatte nicht umsonst versucht, den Menschen den Sozialismus nahe zu bringen, sah aber ein, dass zur Zeit keine andere Gesellschaftsformation den Kapitalismus ersetzen könnte. „Habe ich umsonst gelebt?“

Romantischer Friedhof außerhalb der Ortslage. Ist ein Mensch gestorben, wird er entsprechend der Tradition bestattet. Man denkt an ihn noch eine gewisse Zeit und besucht sein Grab an der Orsgrenze. Das Lebe zieht weiter seine Bahn.

Sein Lebensende deutete sich langsam an. Allein, es ging ans Sterben und die Nachricht seines Todes verbreitete sich im Ort. Mehrere Kollegen gingen zur Trauerfeier. Einige trieb die reine Neugier, um zu sehen, wie ein solcher „Stalinist“, wie er auch hinter vorgehaltener Hand unter den Kollegen genannt worden war, zu Grabe getragen würde. Für ihn war die Welt immer klar. Der Stalinismus seiner jungen Jahre hatten ihn geprägt, Probleme hatte er auch später nicht mit dem Kurs von Partei und Regierung. Zweifel plagten ihn nie an der Richtigkeit politischer Maßnahmen – „Alles Unfug!“ Er war ein alter Parteisoldat!

Im Norden, Island, Grönland und Norwegen geht man anders um mit den toten Angehörigen. Sie bleiben weiter in der Gemeinschaft. Bestattet sind sie inmitten der Wohnanlage. Einfache weiße Holzkreuze machen sie im Tod alle gleich. Die Natur schmückt die Gräber in den Monaten ohne Eis und Schnee, wenn die Sonne 24 Stunden am Himmel steht. Nur ein großes Kreuz überragt alle Kreuze in den meisten Monaten des Jahres, wenn alle andren Kreuze unter einer dicken Schneedecke versteckt sind.

Im Kollegium war diese seine kompromisslosen Haltung eher unbeliebt. Zu Religion und Kirche hatte er gar kein Verhältnis; Pfaffen hasste er zutiefst. Nun war Trauerfeier. Einige ehemalige Kollegen waren gekommen und gespannt, wer die Trauerrede halten würde auf dem Ortsfriedhof in der Trauerhalle. Andächtige Stille; die Türen schlossen sich und das Individuum, das mit Aktentasche unter dem Arm am Eingang gelümmelt hatte, schritt nun im völlig zerknitterten Talar und ausgefransten Jeanshosen gemessenen Schrittes den Gang entlang, verbeugte sich vor dem Sarg und stieg die Stufen zur Kanzel hinauf. Wo hatten die diesen nur Pfarrer her? Wir alle waren sprachlos, eine kirchliche Trauerfeier mit Pfarrer, wo er doch auch kurz vor seinem Tod noch jedem seine ablehnende Haltung zur Kirche vermittelt hatte?

Dieses enge Verhältnis zu verstorbenen Angehörigen dukumentiert sich noch heute auf Grönland. Man bleibt beeinander, nicht nur in der „alten Zeit“. Den Friedhof umgeben Neubauten! Man blickt aus dem Fenster und denkt an den Verstorbenen …

Die Trauerrede stammte aus einem Buch, das vermutlich Redevorschläge für Trauerfeiern enthielt. Bunte Zettelchen schauten zwischen den Seiten heraus. Die Trauerrede bestand aus einer Aneinanderreihung von Bibelzitaten, dann zusammenhanglos, kamen Lebensdaten von den bunten Notizen zum Einsatz – Lebenslauf in Kurzfassung, nichts Emotionales, Persönliches über gelebtes Leben! Mitleid mit dem Kollegen Adolf Kolbrenner machte sich unter uns breit. Beim Blättern löste sich eines der Zettelchen und segelte hin und her schwingend zu Boden. Der Redner schaute ein Weilchen auf den gelben Notizzettel hinunter, überlegte, begab sich dann aber doch die wenigen Stufen hinunter, die Notizen zu holen. Er bückte sich, aber die Zugluft, die der Talar verursachte, trieb den gelben Zettel weiter unter den Sarg. Jetzt musste er auf die Knie und weit unter den Sarg langen. War es erst noch andächtig still gewesen, war jetzt alle Andacht dahin. Auch aus den Reihen der Angehörigen waren keine emotionalen Laute mehr zu vernehmen.

Der junge Pfarrer verließ am Ende als erster die Trauerhalle, Angehörige und Trauergäste folgen. Draußen hatte er sich abseits wieder des Talars entledigt und in der Aktentasche verschwinden lassen. Ein Zipfelchen schaute noch heraus. Während einige Trauergäste den Angehörigen ihr Beileid aussprachen, wartete er dann am mitgebrachten Leichenwagen, der den Verstorbenen in einen kleinen Ort im Thüringer Wald, der mit Hinter- oder Unter- begann, wo er geboren worden war, zu transportieren. Dort sollte er auf dem Dorffriedhof in geweihter Erde seine letzte Ruhe finden. Wir, seine ehemaligen Kollegen, waren erschüttert, wie die Familie seinen letzten Willen umgedeutet hatte. Das hätten wir der Ehefrau, auch Lehrerin und vormals überzeugte, unduldsame Genossin, nicht zugetraut. Was da abgelaufen war zu der Trauerfeier des Kollegen, der als 19jähriger in den letzten Kriegstagen als Flakhelfer gedient hatte und nicht wollte, dass es jemals wieder Krieg gäbe, war eher Satire und Missachtung eines Lebens. Wir dachten, das hat er bei allen seinen Absonderlichkeiten nicht verdient. Beileid konnten wir den Angehörigen nicht aussprechen. Die Erde dreht sich weiter …

Der letzte Friedhof auf Spitzbergen. Die letzte Bestattung fand hier vor 80 Jahren statt. Sterben ist hier verboten! Dazu muss man sich woanders hin begeben. Man will hier keine Masse an Ötzis im Dauerfrostboden.

9. New York Airport – Ausreiseerlebnis

Warum nur fielen Pass und Name immer wieder auf bei der Einreise in die USA oder Kanada? Meist waren die Einreisebeamten so um die 50 bis 60 Jahre alt, manchmal auch älter. Beim Wechsel vom internationalen zum Inland Flughafen in Philadelphia löste sich das Rätsel.

Wieder großer Andrang nach der Landung in den USA. Den Einreisebeamten konnte Max eine ganze Weile beobachten. Unbeteiligt nahm er die Pässe entgegen, scannte sie ein, verglich Passbild mit dem Original, nahm Fingerabdrücke und machte ein Foto. Grüße der Einreisenden erwiderte er nicht. Max trat an den Schalter heran. Sein Gruß wurden nicht erwidert. Er reichten seinen Reisepass in den Kontrollraum. Der Beamte sah hinein, sah noch einmal auf Max und alles änderte sich. Wieder einmal! Der Beamte sah Max aufmerksam an, riss dann einen Zettel aus einem Block und schrieb etwas auf. Wieder Probleme!

Aber, der Beamte sah ihn freundlich, fast wohlwollend an. Der Zettel wurde herüber geschoben und Max las „Willy Messerschmitt?“. Fragend schaute der Beamte Max ins Gesicht. Mit Unverständnis blickte Max zurück. „Do you know him?” (Kennen sie den?), wurde er gefragt. „We are 80 million. I do not know everyone there!” (Wir sind 80 Millionen. Ich kenne da nicht jeden!), war die Antwort. Nun hob sich der Beamte leicht vom Sitz, breite beide Arme aus und simulierte mit leichtem Brummen ein Flugzeug. An den Bewegungen der zu Tragflächen umfunktionierten ausgebreiteten Arme war zu entnehmen, eine Passagiermaschine sollte das nicht sein. Er sah Max wieder fragend an und sagte „Me 109!“ Ein deutsches Jagdflugzeug aus dem 2. Weltkrieg war simuliert worden. Jetzt dämmerte es Max. Die Namensverwandtschaft ist es , die Aufmerksamkeit erzeugt.

Willy Messerschmitt war Flugzeugkonstrukteur der 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts, Nazizeit, 2. Weltkrieg. Leider, Max gehörte nicht zum Konzern und war auch kein Verwandter. Er schrieb seinen Namen nicht mit „tt“, sondern mit „dt“. Das war verstanden worden. Der Flug nach Atlanta ging in 20 Minuten, hohe Zeit!. Freundlich wies der Beamte einen Weg, wie man schneller zum Gate des riesigen Flughafens kommt. Jetzt war klar, warum bei Ein- und Ausreise Beamte, die unbeteiligt ihren Dienst versehen, beim Öffnen des Passes unterschiedlich reagieren. Ein gleichaltriger NASA Mitarbeiter, mit dem er ins Gespräch gekommen war, konnte ihm das erklären. Ende der 50er, 60er und Anfang der 70er Jahre gab es viele Filme aus Hollywood, die sich mit der siegreichen US Army im 2. Weltkrieg beschäftigten. Heldenhaft kämpften die GI besonders in der Luft und fügten der deutschen Wehrmacht große Verluste zu. Den Piloten aber machten die Messerschmitts am Himmel zu schaffen, die Me 109 und 110. Ihre Spitfires und Mustangs waren leicht unterlegen in bestimmten Angriffssituationen. Die amerikanischen Piloten schossen die Germans trotzdem ab und wurden dadurch nur noch größere Helden. Viele Amerikaner, besonders Männer, die heute zwischen 50 und 80 Jahre alt sind, können mit Me 109 – Messerschmitt etwas anfangen. Ein ganz anderes Problem wurde nun bei der Ausreise in New York sichtbar.

Die Überfahrt von Halifax nach New York gestaltete sich sehr ruhig. Jede Reise geht einmal zu Ende, auch die von Halifax nach New York. Der Trubel der Ausschiffung ist überstanden; Max sitzt im Bus Richtung Airport New York und denkt über sein Erlebnis bei der Ankunft vor 17 Tagen nach. Die Einreiseformalitäten hatten ihm damals ganz schön zugesetzt.

Am letzten Reisetag dann stand Max mit 3000 anderen Passagieren an Deck und beobachtete, wie sich die Morgendämmerung aus dem Frühnebel schälte und die Sonne begann vorsichtig durch die Wolkenkratzer von Manhattan zu blinzeln. In immer mehr Fenstern erlosch mit der Dämmerung das Licht vor dem grauenden Tag. Fotoapparate klickten unaufhörlich. Vorbei glitt die Freiheitsstatue. Beeindruckt von diesem Schauspiel waren wohl alle Beobachter.

Auf dieser Überfahrt nach New York lief in der Kabine morgens der Fernseher mit einem New Yorker TV Sender. Drei Schriftbänder mit Nachrichten und Börsenberichten gegenläufig schränkten zwar das TV-Erlebnis ein, aber interessant war es doch. Ein TV-Team war unterwegs zu Unfällen in New York. Die trafen immer schon dann ein, wenn die Polizei noch gar nicht vor Ort war und hielten die Kamera so richtig ins Geschehen. Die Gaffer traten den Unfallopfern fast auf die Hände. Da tropfte das Blut der Unfallopfer noch, da waren sie noch eingeklemmt in ihrem Fahrzeug – bisher nicht gesehene Realität!!! Und schon war das TV-Team wieder unterwegs zum nächsten Unfall. In einer so großen Stadt passiert dauernd etwas.

Check-out des Schiffes war schnell erledigt. Der Bus transportierte die Passagiere zum Flughafen. 8 Stunden Wartezeit bis zum Abflug. Eine New Yorkerin meldete sich bei der Gruppe Richtung Frankfurt, um den Fluggästen beim Check-in zur Seite zu stehen. Die jungen Frauen am Terminal waren mit den Passagieren heillos überfordert, weil leere Plätze in der großen Maschine aufgefüllt werden mussten. Die Betreuerin klärte alle Belange mit den Fluggästen und den jungen Frauen am Terminal. Viele Mitreisende schwärmten aus im Flughafengelände, andere setzten sich mit der umgänglichen Betreuerin in eine Ecke, um mehr vom Leben in New York und der USA zu erfahren. Sehr interessant, was da alles zu erfahren war vom ganz „normalen Leben“ in einer solchen Weltstadt. Max wurde viele Fragen los und bekam überzeugende Antworten zu Politik, Umwelt und anderen Dingen des täglichen Lebens. Auch eine Warterei mit 8 Stunden geht mal vorbei. Alle Terminals sind geöffnet an den Sicherheitsschleusen, riesiger Andrang, lange Warteschlangen, gründliche Kontrollen. Die Schlange rückte langsam vorwärts. Es war zu beobachten, was andere Fluggäste alles in den Container auf dem Rollband taten. Max und seine Frau hatten wie alle anderen Oberbekleidung, Fotoapparate, Handy, Gürtel, Brieftasche u.a. in den Container gelegt und warteten auf den Wink zur Passage des Scanners. Seine Frau passierte problemlos und holte sich ihren unbeanstandeten Container.

Bei Max piepte es anhaltend. Nachkontrolle mit den Handscannern von den Schultern bis zu den Füßen. Der Brustbeutel mit Geld war die Ursache. Den hatte Max schlicht vergessen in den Container zu legen. Also, zurück und noch einmal durch den Scanner. Wieder Piepen! Handscanner kommen erneut zum Einsatz – kein Piepen, aber zur Sicherheit Schuhe ausziehen, aufs Band stellen und noch einmal durch den großen Scanner. Piepen! Jetzt war die Abfertigung am Terminal ins Stocken geraten und an den Nachbarterminals war man aufmerksam geworden. „Gut, dass ich das nicht bin“, dachten wohl viele Passagiere. Nach der nochmaligen Passage des großen Scanners arbeiteten jetzt zwei Beamte an Max mit ihren Handscannern von den Schultern bis zu den Füßen. Verhaltenes Piepen diesmal. Absprache der Beamten. Max hatte ein Jeanshemd an mit Knöpfen, die einen Metallüberzug trugen. Hemd ausziehen, aufs Band legen, erneut durch den großen Scanner. Wieder Piepen! Jetzt stockte es auch an den Bändern rechts und links von Max. Es wurde beobachtet und langsam gearbeitet. Nun hatte Max die Aufmerksamkeit des gesamten Personals an diesem Terminal. Wieder Beratung. Max wurde zu einer Milchglaskabine geleitet. Der Beamte zog sich Gummihandschuhe über und nahm eine Lampe zur Hand. In der Kabine: Hosen runter, bücken, Pobacken auseinanderziehen. Nichts! Zur Sicherheit musste Max nochmal durch den Scanner. Piepen! Max stand rum ohne Schuhe, in Jeans und T-Shirt. Alle beobachteten ihn. Die Beamten waren mit ihrem Latein am Ende. Es wurde telefoniert. Max badete sich komplett verunsichert in seinem eigenen Schweiß.

Ein etwa 50jähriger Beamter tauchte auf, wohl ein Chef mit auffälligen Schulterstücken. Freundlich reichte er Max die Hand. Dann scannte er Max von oben nach unten mit den Augen ab. Erst von hinten, dann von vorn. Am Kopf blieb er hängen und seine Miene veränderte sich. Noch eine Weile schaute er Max auf den Kopf, was dem sehr unangenehm war. Dann wurde der Beamte freundlicher, zeigte mit dem Finger auf den Kopf und sagte: „Aneurysma?“ Max nickte aufgeregt. Die Finger des Beamten wanderten weiter zu der noch sichtbaren OP Narbe und die Frage folgte: „Chip in the head?“ („Chip im Kopf?“) Wieder eifriges Nicken.„Do you have a certificate for the chip?“ („Haben sie ein Zertifikat für den Chip?“) Wieder nicken. Jetzt wurde es Max ganz mulmig. Zertifikat über die Zusammensetzung des Chip hatte er, zu Hause, im Schrank. Das sagte er auch. Der Vorgesetzte war jetzt unschlüssig. Schaute zu seinen Leuten, die gerade dabei waren, die Abfertigung wieder zu starten, schaute zur Frau von Max, überlegte noch, reichte ihm dann die Hand und wünschte einen guten Flug. Zentnersteine fielen ab von Max. Erleichterung! Die Kleidung klebte am Körper. Keiner der Beamten hatte den Handscanner vorher an seinen Kopf gehalten und auch er hatte sich nicht an das Metall im Kopf erinnert.

Kurzes Warten zum Check-in am Gate, dann Boarding. Die Reisegruppe war auf Einzelplätze im Flieger verteilt worden. Max fand seinen Platz in der Mittelreihe, der zweite Platz vom Gang. Rechts und links von ihm die Plätze waren noch leer. Kurze Zeit später setzte sich eine junge Frau auf den ersten Platz am Gang, die sofort ihren Notebook startete. Durch den Gang wälzte sich ein Berg von Mensch, quer, weil er zu breit war. Max beobachtete ihn interessiert, sah aber mit mulmigem Gefühl, alle Plätze vor ihm waren besetzt. Nur der Platz neben ihm war noch frei. Großes Erschrecken! Tatsächlich, der Menschenberg holte sein Ticket heraus und verglich. Es war sein Platz. Die junge Frau und Max mussten auf den Gang, damit der Mensch auf seinen Platz konnte. Das war bei dem Umfang recht schwierig. Der klappte sofort die Armlehne von Max hoch. Max klappte sie gleich wieder runter und der Dicke musste sich in den Sitz zwängen. Unten war er eingepasst, alle wabbelnden Massen wurde nun nach oben gedrückt und hingen weit über die Zwischenlehne auf Max Seite. Ein Drittel seines Sitzes waren nun von dem Überhang belegt. Max versuchte sich wieder zu setzen, musste sich aber weit zu der jungen Frau hinüber beugen. Die ließ Mitleid erkennen und schloss ihren Notebook. Zeitung lesen war nicht möglich. Der Dicke versuchte sich klein zu machen, presste die Arme dicht an den Körper, aber die Masse war trotzdem da.

Dann kam das Essen. Die Stewardesse staunte. Sie wusste nicht, wohin sie Essen und Getränke stellen sollte. Das Tablett stellte Max so, dass es auf die Ablage der Sitzplatznachbarin hinaus ragte. Die Getränke wurden auf die Ablage der Nachbarin gestellt. Sie war sehr kooperativ. Einhändig und mit Mühe aß Max. Der Dicke schwitzte fürchterlich und es roch. Nicht auszuhalten, erst mal raus auf den Gang. Die Nachbarin stand auf und Max ging einige Male die Gänge entlang. Hier und da sah er mal aus den Fenstern, konnte aber nicht ewig herumlaufen. Das war nicht erlaubt. Also stellte er sich an der Toilette an. Da war eine lange Schlange. Irgendwann war er dran, bog kurz vorher ab und stellte sich ans Schlagenende der nächsten Toilette. Die Zeit verging nicht im Fluge. Diese Ausflüge wiederholte er mehrmals. Die junge Frau musste dabei immer mit aufstehen. Endlich geschafft, Frankfurt. Der Dick schwitzte und schwitzte und roch immer stärker. Landung! Koffer vom Rollband holen und zu Mac Donalds etwas essen.

Die Dollars in der Brieftasche wurden in Euro getauscht. Max fühlte sich beobachtet und vollzog den Geldaustausch unterhalb der Tischkante. Wieder warten. Endlich, der ICE war angekündigt und die lange Rolltreppe hinunter zum Bahnsteig wurde angesteuert. Andrang an der Rolltreppe. Eine Lücke tat sich auf und Max mit schwerem Koffer erreichte die Rolltreppe. Seine Frau wurde von einem großen arabisch aussehenden Typ und einem kleineren abgedrängt und konnte erst danach auf die Rolltreppe nach unten. Max war für sie durch die zwei hinter ihm Stehenden verdeckt. Der ICE war eingefahren. Wagen und reservierter Platz waren schnell gefunden. Der Rucksack als Handgepäck kam in die obere Ablage. Alle Reißverschlüsse waren auf gezogen. Max wunderte sich. Er lässt sie doch sonst niemals offen!

Für den letzter Reiseabschnitt wird ein Taxi geordert. Endlich zu Hause! Ziel erreicht, bezahlen! Max öffnet seinen Rucksack, nimmt die Brieftasche aus einem extra gesicherten Fach, das auch geöffnet war, schlägt sie auf und Gesundheitskarte und anderes fallen heraus. Der Taxifahrer beobachte ihn mit Quittungsblock in der Hand. Der Griff ins Geldfach. Nichts! Das begriff Max nicht, hatte er doch vor wenigen Stunden 60 Euro hinein getan!? Der Taxifahrer hatte schneller begriffen: „Da hat man sie wohl beklaut!?“ Jetzt dämmerte es: die offenen Reißverschlüsse! Die beiden, die an der Rolltreppe seine Frau abgedrängt hatten, müssen ihn vorher beobachtet und dann beklaut haben. Nichts hatte er davon bemerkt.

Das alles ereignete sich in nicht einmal 24 Stunden. Ein ereignisreicher Tag …

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8. New York, Airport – ein Einreiseerlebnis

Frankfurt – New York, der Flug war bewältigt. Es war ruhig geblieben in der Luft. Die Freiheitsstatue hatte man während der Landung sehen können. Wie viele Einreisende mussten in den letzten 300 Jahren dort alle Träume begraben und umkehren, weil man sie aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht ins Land ließ. Max dachte darüber nach. Er und seine Frau hatten wohl alle Bedingungen erfüllt: die ESTA Gebühren von 14 € rechtzeitig bezahlt, der Pass war aktuell, alles hatte er richtig angekreuzt auf dem Einreiseformular: keine ansteckende Krankheit derzeit, er war nie Terrorist gewesen, gehörte auch keiner terroristischen Gemeinschaft an und in den USA terroristisch tätig werden wollte er schon gar nicht.

Mehrere große Maschinen aus Europa waren in kurzer Folge gelandet, starker Andrang. Das Gepäck wurde vom Kofferband geholt und nun war er mit seiner Frau unterwegs zur Einreisekontrolle. Die Anstehenden wurden in Spuren geführt, die durch Leitbänder abgegrenzt waren. Es war stickig. In der vorrückenden Schlange konnte er die Einreisebeamten beobachten bei ihrer Tätigkeit. Mindestens 10 Terminals waren geöffnet. In einem Gang zwischen den Boxen patrouillierte scheinbar eine Vorgesetzte: beachtenswerte Frau, knapp geschnittene Uniform, einiges Lametta auf den Schulterstücken und – sie trug ein Kopftuch! „Alles möglich hier!“, dachte Max. Die Frau schlenderte den Gang entlang, Arme auf dem Rücken und beobachtete ihre Beamten. Ab und zu sprach sie mit jemandem oder wurde gerufen.

Die Einreisebeamten ließen beim Herantreten der Einreisenden in ihrer Mimik keinerlei emotionale Bewegungen erkennen. Eine junge Frau vor Max trat lächelnd und mit einem „Hallo!“ an das Terminal heran. Kein Reagieren des Beamten. Auf ihren Lippen gefror das Lächeln. Endlich, Max und seine Frau konnten auch an die Box herantreten, legten ihre Pässe auf das Bord. Der Beamte griff nach dem Pass der Frau, schaute vom Passbild auf das Original, zog den Pass durch den Computer und legte ihn zur Seite. Als wäre ihm etwas aufgefallen, öffnete er den Pass noch einmal, blätterte ihn durch, besah sich genau das eingeklebte ganzseitige Visum Russlands, legte ihn wieder zurück. Irgend etwas hatte sich in seinem Gesicht verändert … Die Prozedur nahm ihren Fortgang: Hände in festgelegter Reihenfolge auf den Scanner legen, noch ein Foto und der Stempel knallte in den Pass der Frau.

Nun der Pass von Max: Blick aufs Passbild, dann zum Original und das Gesicht des Beamten schien eine weitere Stufe der Freundlichkeit zu erklimmen. Seine Mundwinkel zogen sich leicht nach oben: „Are you Max?“, fragte er? Steht doch drin, dachte Max und antwortete: „I´m Max!“. Das Max dehnte der Einreisekontrolleur aber als „Määääx“, sehr breit und lustvoll. Sein Lächeln verstärkte sich und er schien zu husten oder war es ein unterdrücktes Lachen? Es war unterdrücktes Lachen, das auch mit der Hand vorm Mund nicht zu verbergen war. Er flüsterte noch einmal genüsslich: „Määääx“. In ihm zuckte es; er wollte es verbergen, aber das Lachen kam immer stärker durch. Die Aufsichtsbeamtin im Gang hinter ihm war aufmerksam geworden, eine Unregelmäßigkeit wohl? Sie kam näher und schaute auf ihren Beamten. Max hatte inzwischen seine Hände auf den Scanner gelegt; der Beamte hatte ihn fotografiert. Völlig verunsichert war Max dabei und er dachte an die Freiheitsstatue, die kurze Zeit vor der Landung überflogen worden war, an die Millionen, die das Land abgewiesen hatte, an die Telefonnummer der Deutschen Botschaft. Wie kommt man wieder nach Hause, wenn die Einreise nicht klappt?

Plötzlich begann der Computer zu piepen und die Chefin näherte sich weiter und schaute mit in den Bildschirm. Max hatte die Hände und Finger in falscher Reihenfolge auf den Scanner gelegt und der Beamte hatte ihn während seiner Lachanfälle mit Brille fotografiert. Das hat wohl der Computer nicht akzeptiert für seinen Vergleich mit dem Passbild. Die Daten wurden vermutlich gelöscht und die Prozedur begann von vorn, unter Aufsicht. Diese sah nicht mehr unbeteiligt und freundlich aus. Der Beamte versuchte immer noch seine Heiterkeit zu verbergen. Max stand der Angstschweiß auf der Stirn. Endlich knallte der Stempel auch in seinen Pass; er konnte gehen! Ihm fiel ein Stein vom Herzen und er überlegte, womit er diese Heiterkeit wohl ausgelöst hatte. War es das Foto, der Vorname oder der Familienname? Gab es hier vielleicht eine Comicfigur oder eine andere landesweit bekannte lustige Figur mit dem Namen Max?

Sieben Tage später: Ausreise an der kanadischen Grenze, Besuch Torontos und Rückreise in die USA am gleichen Abend. Jeder musste bei der Einreise seinen Pass persönlich vorlegen. Max beobachtete ganz genau, ob auch hier ein Beamter Anstoß an seinem Pass nehmen würde. Die Kontrollen liefen zügig ab. Der Beamte schlug den Pass von Max auf, schaute ihn an, länger als bei den Kontrollen vor ihm, schien Max. Dann beugte er sich zu dem neben ihm arbeitenden Kollegen, zeigte ihm den Pass. Beide schauten nun zu Max und zeigten eine Form von verhaltener Heiterkeit. Das hier war mehr als 1000 km entfernt von der Einreisekontrolle in New York. Was hatte das mit dem Pass von Max auf sich, Zufall konnte das nun nicht mehr sein? Die Reiseleiterin, obwohl älter, aber scheinbar allwissend, konnte nicht helfen. Auch gelernte US Bürger aus dem Norden und Süden, die Max später während der Reise befragte, konnten nichts zur Aufklärung beitragen.

Das Rätsel löste sich erst ein Jahr späten bei einer Einreisekontrolle in Philadelphia …

7. Ein Pizza Erlebnis

Ein Seetag im vorigen Jahr während der Überfahrt von Halifax nach New York auf einem amerikanischen Kreuzfahrer, 2800 US Bürger, 15 Deutsche, Nachmittag, Kaffeezeit. Viel freie Zeit am Nachmittag und der Gedanke findet Raum, bei uns in Deutschland wäre jetzt Zeit für einen Kaffee und ein Gebäckstücken.

So könnte man sich den Pizzabäcker vorstellen, aber viel, viel breiter und sehr kurz.

Kaffee amerikanischer Art ist schnell aus dem Automaten gezapft. Wo aber gibt es Kuchen, Torte oder ein anders Gebäckstück? Nirgendwo, denn nachmittägliche Kaffeezeit hat in den USA keine Tradition. Also dann Pizza, die gibt es 24 Stunden am Tag (von 23 – 05 Uhr wird sie auch mit einem Dollar Aufschlag auf die Kabine geliefert, sonst kostenfrei!). Pizza immer, gehört neben Waffen, Eiswasser, Cola zu den Menschenrechen in den USA! Eine große Pizza Werkstatt ist an Deck schnell gefunden, mehr als 15 Kunden stehen mit Tablett unter dem Arm an. Am Tresen sind keine Angebote zu sehen, aber hinter einer Edelstahlwand läuft die Pizza Produktion. Es ist zu hören und zu riechen.

Durch eine Schwingtür – wie in einem Western Saloon – drückt sich ein Pizzabäcker heraus: klein, untersetzt, mit hoher Kochmütze – wie aus dem Bilderbuch! Er sieht sich die Wartenden an und tönt: „Please, give an order!“ Ratlos sahen sich die Kunden an, was sollten sie ordern, war doch keine Pizza als Angebot zu sehen? Alle schwiegen, der Bäcker überblickte die Leute nochmal und ging ohne „Order“.

Dem letzten Wartenden fiel nach dem Abgang ein postkartengroßes Schildchen auf, auf dem aus der Entfernung zu entziffern war: Margarita, Salami und ganz unten Quadro. Der Pizzabäcker kommt wieder, um „Order“ zu erhalten. Der einzige Deutsche in der Reihe ruft aus seiner hinteren Position: „Quadro“. Die US Bürger sehen verblüfft auf den Deutschen, ordern aber nichts. Fragend gleitet der Blick des Bäckers wieder über die Reihe der Wartenden. Er zögert noch. Wieder presst er sich durch die Schwingtür in die Pizza Werkstatt. Nach Minuten kommt er mit einer „Quadro“ zurück. „Quadro“, das bedeutet hier nicht eine Pizza in vier Segmenten: Thunfisch, Spinat, Salami, Pilze, sondern das sind vier Käsesorten, üppig belegt, die unappetitlich aussehen und fürchterlich fett. Das war nichts!

Der fast quadratische Pizzabäcker konnte sich an den Besteller nicht mehr erinnern und der blickte unbeteiligt zur Decke. Die Pizza wurde geteilt und zwei der Anstehenden waren froh und zogen davon. Zwischenzeitlich hatten auch die anderen das Schildchen auf dem Tresen entdeckt, schoben es von einem zum anderen und orderten dann alle auf einmal. Der Bäcker wollte sich wohl etwas merken, war von dem Ansturm überfordert, nickte und ging. Gleich tauchte er wieder mit zweimal „Salami“ auf. Die sahen gut aus und der „Quadro“ Besteller orderte als letzter in der Reihe „seine“ Salami, die er nicht bestellt hatte. Die amerikanischen Pizza Kunden waren sehr höflich, sagten nichts und der Deutsche zog mit einer halben Pizza in amerikanischem Format ab.

Pizza, 24 Stunden, ein Menschenrecht in den USA. Alles viel zu groß, zu dick belegt, zu wuchtig. Da denkt man an Italien und an Pizza: dünn, knusprig, manchmal spartanischer Belag, essbar ohne Reue.

Der Kaffee war längst kalt geworden, wurde abgeräumt und erneuert. Die Reste der halben Pizza waren noch so umfangreich, dass sie für eine Familie gereicht hätten. Bei der Größe konnte man nicht mehr als ein Segment essen! Das nächste Mal: Obst zur Kaffeezeit, viel besser!

6. Der Ausreiseantrag

Damals, Anfang der achtziger Jahre, Vorfrühling, die 6. Unterrichtsstunde lief und auf dem Schulhof rangierten die ersten Schulbusse ein.
Paul Meskat hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt, da hörte er im Sekretariat nebenan das Telefon klingeln. Gleich darauf klingelte sein Apparat: „Bitte einschalten, der Schulrat!“, hörte er die Sekretärin sagen.
Paul schaltete sich ein und an der anderen Seite der Verbindung kam man unvermittelt zur Sache. „Weißt du, was an deiner Schule los ist? Lebst du in der Lage?“ Paul sagte, dass dies bei 1250 Schülern und 80 Lehrern nicht so einfach sei. „Also nicht!“, hörte er.
„Vor mir liegt ein Ausreiseantrag, weißt du was davon?“ Paul wusste nichts davon und der Antrag wurde ihm vorgelesen. Paul wartete konzentriert auf den Namen des Antragstellers und hatte dabei überhört, wohin die Ausreise gehen sollte. Er fragte nach. Da wurde es am anderen Ende laut und beleidigend. Mangelndes Klassenbewusstsein, unzureichende Wachsamkeit waren die harmloseren Vorwürfe. „Nächste Woche wird nach der Sitzung der Parteigruppe“, die Antragstellerin war eine Genossin der SED, „ein Pädagogischer Rat mit dem Kollegium stattfinden!“ Das Gespräch war beendet. Klare Anweisung!
Paul wollte es nicht glauben, Ursel Kirchner, Genossin, Staatsbürgerkundelehrerin hatte den Antrag eingereicht. Unglaublich! Warum war ihm davon nichts bekannt?
Der Parteigruppenorganisator der Schule erhielt von der Kreisleitung der SED exakte Anweisungen für die Sondersitzung der Parteigruppe. Zur Unterstützung wurden ihm zwei Mitarbeiter der Kreisleitung beigegeben. Eine Woche später traf sich die Parteigruppe der Schule; die Ankündigung „außerordentlich“ machte alle neugierig.
Der Gruppenorganisator begrüßte die Mitglieder und die Gäste der Kreisleitung und tastete sich in ersten Worten vorsichtig an die Thematik heran. Von Klassenkampf war die Rede, von politischer Wachsamkeit, vom Klassenfeind, von Flucht, Verrat an der Republik und feindlichen Aktivitäten. Es sollte diskutiert werden, worüber war nicht richtig klar geworden. Schweigen!
Ein Genosse auf der Fensterseite des Raumes wurde angesprochen: „Du hast doch eine Schülerin in deiner Klasse, deren Eltern sie bei ihrer Flucht hier allein zurückgelassen haben!“ Der Angesprochene stellte kurz den Sachverhalt dar: Ein Elternpaar ist in einem vorbereiteten Versteck in einem LKW über die Autobahn Berlin – München aus der DDR abgehauen und hat seine zwei Kinder allein in der Wohnung zurück gelassen. Nachbarn fanden sie am nächsten Tag eingeschlossen in der Wohnung. Wenige Tage später meldeten sich die Eltern über einen „Westsender“ und verlangten Familienzusammenführung.

Dies alles war nicht schwer zu verurteilen und eine Meinung zu äußern!
Die zu diskutierende Thematik wurde allen jetzt klarer. Der Platznachbar wollte noch ergänzen: Sein Vater hatte Herzprobleme und nach langer Wartezeit einen Termin bei einem Herzspezialisten bekommen. Am Behandlungstag wartete er in der Klinik mit vielen anderen Patienten. Statt des Arztes ließ sich nach längerer Zeit eine Schwester sehen und teilte mit, dass der Arzt die Republik in der Nacht verlassen, aber schon aus Nürnberg angerufen habe und die Patienten um Verzeihung für ihr unnötiges Warten bitte. Die Patienten bewerteten diese Flucht laut und drastisch. „Der hat auf unsere Kosten studiert!“ Das war eine der wohlwollenderen Äußerungen. Ein Teilnehmer aus der gegenüberliegenden Bankreihe erinnert an „unseren“ Eiscafébesitzer im Ort, der jedem mitteilte, dass er mit seinem verdienten Geld Wände tapezieren, aber kein zweites Café eröffnen könne. Er fühle sich unfrei. Sein Drang in die Freiheit wurde in Prag am Flugzeug gebremst. Sein Pass war nicht gut gemacht worden.
Die Beispiele trafen das anstehende Problem nur unvollkommen. Politischer sollte es sein! Eine junge Genossin warf ein, dass die dargestellten illegalen Ausreisen alle mit Politik und Widerstand nur wenig zu tun hätten und dass die Fluchten aus politischen Gründen sicher in den Städten Leipzig, Dresden, Jena stattfänden, denn im Fernsehen höre man doch immer wieder von Konflikten mit der Staatsmacht. Welches Fernsehen sie meinte, ließ sie offen. „Einige wollten auch gar nicht gehen und mussten ausgebürgert werden“, ergänzte sie verunsichert.

Das wurde nichts, die Diskussion lief nicht wunschgemäß. Die Versammlungsleitung ließ Unzufriedenheit erkennen und ein Mitarbeiter der Kreisleitung nahm sich das Wort. Aus einer roten Mappe nahm er ein Schriftstück mit spitzen Fingern, sah es an, als sähe er es zum ersten Mal, rückte die Brille zurecht und begann jedes Wort hervorhebend zu lesen. Atemlose Stille nach der Überschrift „Ausreiseantrag“. Langes Schweigen nach dem Vortrag. Keiner sah die Antragstellerin an.
„Genossin Kirchner, du wolltest zu deinem Antrag sicher noch etwas sagen!“ Die Aufforderung war abwertend, zynisch formuliert. Eine Weile geschah nichts. Paul sah, wie sich Ursel sammelte und straffte. Die Anspannung schien von ihr abzufallen. Sie hatte die Hände jetzt ruhig auf einer vor ihr liegenden Mappe liegen und erhob sich langsam. Lange sah sie ins Präsidium und ihr Blick glitt dann langsam über die rechte und linke Seite der Versammlungsteilnehmer. Sie holte tief Luft und sagte: „Genossen, ich schäme mich für euch, was habt ihr denn von mit gedacht?“ Alle Blicke zog sie jetzt auf sich. „Dachtet ihr, dass ich die DDR verlassen will in den Westen? Was denkt ihr denn von mir? In die Sowjetunion will ich natürlich, vielleicht auch in die CSSR oder nach Ungarn. Dort könnte ich an einer Schule Deutsch unterrichten und ich würde für meine Familie vielleicht eine Wohnung erhalten, auf die ich hier seit 8 Jahren warte. Das steht doch alles in meinem Antrag.“

Dem Mitarbeiter der Kreisleitung war die Brille aus der Hand gefallen.
Nun öffnete sie ihre Mappe und begann Zeitungsausschnitte vorzulesen, in denen von vielen bezugsfertigen Wohnungen die Rede war in Moskau, Leningrad, Minsk und anderswo. Keiner unterbrach sie.
Schon während ihrer Rede lösten sich die Versammlungsteilnehmer aus ihrem Schockzustand. Die meisten sahen jetzt angestrengt nach unten. Eine Genossin hantierte mit ihrem Taschentuch und zuckte in den Schultern. Plötzlich sprang sie auf, rannte hinaus und explodierte in einem ohrenbetäubenden Lachen zu kurz hinter der Tür.
Unvermittelt wurde die Versammlung geschlossen. Paul bekam noch gesagt: „Kein Pädagogischer Rat nächste Woche!“
Nachdem die Gäste verschwunden waren, sagte einer: „Die Ursel traut sich was!“ Alle nickten.
Einstweilen geschah in der Sache Ausreiseantrag nichts weiter.
Ostern wollte die Antragstellerin wie üblich zu Bekannten nach Prag fahren, aber an der Grenze war Schluss. Ihr Projekt, einen Ausreiseantrag in die Sowjetunion zu stellen, zog schnell große Kreise. Eine Kollegin, die von einer Weiterbildung in Leipzig heimkehrte, hörte dort von diesem unerhörten Vorgang während ihres Lehrganges! Man wusste nur nicht, wo das geschehen war!

Ungefähr 4 Wochen nach der außerordentlichen Parteigruppenberatung kamen doch noch Aktivitäten auf. „Man täusche die Partei nicht ungestraft und mache sie lächerlich.“ Eine Rüge müsse schon sein, die die Parteigruppe auszusprechen habe, wurde erwartet von der Kreisleitung. Ursel war einverstanden mit der Bestrafung, hatte sie doch wenige Tage vorher drei Wohnungen zur Besichtigung angeboten bekommen. Für die schöne große Altbauwohnung hatte sie sich entschieden. Sie war glücklich. Alle waren verblüfft, Staatsbürgerkunde durfte sie weiter unterrichten. Kein Kollege wollte ihr diese Stunden abnehmen.
Die Grenze in die sozialistischen Bruderländer blieben ihr auch die nächsten Jahre verschlossen. Verlassen konnte sie die DDR nicht mehr.

Gleich nach der Wende wurde sie entlassen wegen „mangelnder Eignung“. Sie hatte Staatsbürgerkunde unterrichtet!
Im dritten Jahr nach der Wende traf Paul sie noch einmal wieder vor einem Supermarkt. Sie hatte gerade ihre Einkäufe verstaut. Über drei Autos teilte sie in ihrer burschikosen Art lautstark mit, dass sie endlich ihre Stasiakte erhalten habe. Alle Namen seien aber geschwärzt gewesen. Sie habe sich aber aus den Texten doch alles zusammenreimen können.
Nicht alles ist da so gelaufen in der alten DDR, wie es theoretisch in der neueren öffentlichen Erinnerung hätte sein müssen, sinnierte Paul und grinste in sich hinein.


Der Redner im Fahnenmeer vermittelt eine nicht zu beschreibende Euphorie. „Blühende Landschaften“ wurden versprochen. Dann begann die Treuhand ihr Tun und wickelt mit der DDR auch die Menschen ab. Betriebe und Anlagen wurden für eine DM verscherbelt an den, der versprach zu investieren und Arbeitsplätze zu erhalten. Die Fähigkeit der Überprüfung fehlte meistens den Verantwortlichen. So kam es anders.
In vielen Fällen räumten die 1 DM Käufer erst mal die noch vorhandenen Konten der DDR Betriebe ab, ließ Maschinen, die noch taugten, in Richtung Westen oder anderswohin transportieren und dann hing ein großes Schloss am Werkstor. Wieder ein möglicher Konkurrent erledigt! Verlängerte Werkbänke für den Osten reichten auch aus. Steuern wurden in den alten Bundesländern gezahlt. Es gab natürlich auch viele andere Investoren, die ihrer Verantwortung nachkamen.
30 Jahre zog sich das bisher hin. Nun kommt Unzufriedenheit auf im Osten, denn bei jeder Überprüfung der Lebensverhältnisse Ost/West zeigen aus Statistiken visualisierte Zahlen die Grenzen der ehemaligen DDR immer noch. Jedoch in den meisten Fällen im Minusbereich. Vielfach wird immer noch weniger verdient, aber dafür wird länger gearbeitet …

Trabant – Spiegelbild der DDR
Wartezeit bis zur Zuteilung einer Fahrmaschine Marke „Trabant“: 7 Jahre Minimum, auf den „Wartburg“ wartete man länger. Das stimmt so und es stimmt so nicht, denn es war üblich, dass die Kinder, Eltern, Großeltern und Bekannte jeweils ein Auto beantragt haben, obwohl Kinder oder auch die Großeltern gar kein Auto wollten, keine Fahrerlaubnis hatten und auch kein Geld. Durch diese Antragsdichte wurde die Wartezeit ausgeweitet. Jeder hatte das Recht ein Fahrzeug zu bestellen. Wenn die Benachrichtigung zur Abholung eingetroffen war, kein Bedarf oder kein Geld vorhanden war, gab man die Zuteilung weiter oder verkaufte sie so für um die 500 Mark aufwärts.
So wurde in der Familie keine 7 oder 8 Jahre gewartet auf ein neues Auto, weil immer eine Bestellung Termin hatte. Mehrere Fahrzeuge konnte sich die Durchschnittsfamilie sowieso nicht leisten. Experten hatten die Bestellungen durch Familienmitglieder und Bekannte so terminisiert, dass die Bestellungen alle 3 – 4 Jahre zur Auslieferung kamen. Ein schöner Nebenverdienst ergab sich durch den Verkauf des alten Fahrzeugs zu Mondpreisen oder gleich der Neuzulassung, die z. T. mehr als das Doppelte des Kaufpreises brachte.
Allerdings, nicht alle mussten 7-8 Jahre auf ihr Auto warten. Arbeitet man bei der Wismut, in gehoben staatlichen Ämtern, war Funktionsträger einer Partei oder anderswie bedeutend, wurde die Wartezeit erheblich gekürzt . Auch für hervorragende Arbeitsleistungen gab es eine verkürzte Zuteilung, gezahlt werden musste aber trotzdem. Die Wartezeit war die Prämie!
Zuverlässig war der „Trabbi“. Die 6000 Kilometer bis zum Schwarzen Meer nach Bulgarien steckte er klaglos weg mit 2 Kindern, 2 Erwachsenen und einem voll beladenen Hänger mit Zelt, Lebensmitteln für 4 Wochen, Ersatzteilen, einem 20 Liter Kanister Benzin, 10 Liter Motorenöl und einer Propangasflasche. Eigentlich verantwortungslos!
Oft war Ungarn das Ziel oder die Hohe Tatra. Die meisten Touren hatten richtigen
Expeditionscharakter bei den Straßenverhältnissen, besonders in Rumänien.
Mit dem heutigen Fahrzeug, vollgestopft mit Elektronik, auf das man vielleicht einige Monate gewartet hat, würde man sich diese Reisen nicht zutrauen. Bleibt es stehen, braucht man die Motorhaube nicht öffnen. Am Trabi konnte man bei der schlichten Technik sehr vieles selbst reparieren.
Das vermittelte Sicherheit!