12. Tod in Afrika

September, einer der letzten schönen Sommertage zieht seine Bahn. Nach dem Essen habe ich mit der Regionalzeitung auf den Balkon verzogen. Füße auf den anderen Stuhl. Ein Blick über den Balkonrand: „Mein Gott, wie die Bäume gewachsen ist. Man kann ja nichts mehr sehen, aber schön ruhig hier!“ Aufschlagen der Zeitung. Der Wind liest ungebeten mit. Erste Seite, alles schon bekannt. Die Medien bekommen wohl Tagesthemen vorgegeben, die sie abarbeiten? Das waren doch schon die Meldungen in den 7 Uhr Nachrichten heute früh? Umblättern, schwierig. Der Wind hat zugenommen. Zweite Zeitungsseite, Überschriften überfliegen. Dritte Seite ein großer Artikel zum Ärztemangel auf dem Land. Ein Minister wird befragt. Der windet sich im Interview. Klar, keine Lehrer, keine Ärzte auf dem Land, fehlende Polizisten und Altenpfleger. Das überlässt man alles dem Zufall, dem Markt und denkt kleinstaatlich nur in Schritten einer Legislaturperiode. Das war ja vorauszusehen! Wer übernimmt denn als junger Mediziner heute eigenverantwortlich eine Dorfpraxis? Blick in die vom Wind bewegten Bäume. Nachdenken über Landbevölkerung und Arztpraxen. Erschrecken, die Zeitung liegt am Boden. Wohl kurz eingeschlafen!? Der Blick fällt wieder auf den Arzt Artikel und die Gedanken rutschen mehr als 45 Jahre zurück. Erinnerungen an ein junges Arztehepaar im Ort zu DDR Zeiten werden wach. Die mussten sich als Medizinstudenten zu Beginn des Studiums, wie auch wir als Studenten der Pädagogik verpflichten, mindestens 2 Jahre dorthin zu gehen, wo wir gebraucht werden. Das war fast immer auf dem Land, meist entlegene Gebiete. In unserer örtlichen Landambulanz fehlten immer Ärzte. Ärzte kamen und gingen nach kurzer Zeit. Nie war der Medizinstützpunkt fachgerecht besetzt. Ein Gerücht machte im Ort die Runde. Ein junges Arztehepaar sollte die Ambulanz übernehmen, Allgemeinmediziner. Junge Ärzte, große Skepsis überall… Der Gedankengang wird erst einmal unterbrochen. Es gibt Kaffee auf dem Balkon. Einige Tage später. Der Luftdruck macht Kapriolen; nachts, der Schlaf stellt sich nicht ein. Denken an allerlei. Der vor Tagen unterbrochene Gedanke an die beiden jungen Ärzte war plötzlich wieder da. Eine Bildvorstellung schälte sich aus der Tiefe der Erinnerung: Inge und Wolfgang! Erster September 1974, Weltfriedenstag. Der Schulappell zum ersten Schultag war beendet und die 1250 Schüler begannen das neue Schuljahr in ihren Klassenzimmern. Ein Kollege trat heran, zeigte auf den Eingang zum Schulhof und teilte mit, dass dort am Zaun die beiden neuen Ärzte stehen würden. Ihre Tochter sei jetzt Schülerin bei uns, 6. Klasse. Einen Moment überlegte ich, ob ich zu ihnen gehen sollte. Aber als Schuldirektor und Stadtrat gehörte sich wohl eine persönliche Begrüßung. Hallo und Freude bei den beiden; sie kannten hier sonst noch niemanden. Aus der kurzen Begrüßung wurde eine halbe Stunde und man war sich sympathisch. Einige Wochen später, der Herbst zeigte sich nicht von der sonnigen Seite, eine Erkältung hatte sich eingestellt. Der Weg führte in die Ambulanz. Grippale Infekte hatten sich ausgebreitet im Ort. Viele erwischte es und die beiden neuen Ärzte hatten ihre Feuerprobe zu bestehen. Viele Patienten standen an, Therapien und Medikamente wurden verordnet, Hausbesuche waren zu absolvieren und Ende November sprach wohl niemand mehr von „jungen Ärzten“. Außerdem, in der Schule gab es plötzlich in einigen Klassen massenweise Läuse. Unbemerkt hatten die sich verbreitet. Ganz große Aufregung bei den 80 Lehrern, Eltern, Schülern und im Schulamt. Mit dem neuen Arztehepaar wurde stabsmäßig der Läusekampf organisiert und – gewonnen! Wir waren uns näher gekommen!

Ein kleiner Ort, man begegnet sich und Inge, die Ärztin fragte bei einem zufälligen Treffen, ob wir nicht mal zum Kaffee am Nachmittag vorbei kommen wollten. Im Gespräch stellte man dann fest, die Vorstellungen von Politik, der großen und der privaten Welt stimmten weitgehend überein. Man mochte sich! Aus der ersten Begegnung wurde Freundschaft. Viel wurde unternommen: gewandert, Bar besucht in der Bezirksstadt, einfach nur beim Bier gequatscht. Aus dem Sie war Du geworden. Sie hatten sich einen Hund zugelegt, einen großen, kräftigen, schwarzen Pudel. Das Tier war pflegeleicht, hatte aber Eigenarten. Worte wie Wald, Wandern, Auto u.a. durften in seiner Nähe nicht gesprochen werden. Hörte er eines dieser Stichworte aus einem Gespräch heraus, rannte er zum Haken mit seiner Leine an der Tür und gebärdete sich unleidlich. Besonders gern fuhr er Auto. Das Fahren vertrug er aber nicht und musste sich regelmäßig übergeben. Oh Wunder, dass man sich solche Einzelheiten gemerkt hat. Im Ort hatten sich beide etabliert, waren geachtet und beide absolvierten mehr Hausbesuche als von ihnen verlangt wurden. Sie waren Mitglieder der SED und kamen aus einfachen Verhältnissen. Eine klare Meinung zu Staat, Partei und Regierung vertraten sie auch. Das passte dann einigen Ärzten in der Landambulanz gar nicht. Mit ihrer Einsatzbereitschaft, ihrer Aktivität und dem ärztlichen Können verdarben sie anderen die Preise und damit das Ansehen im Ort. Nach einem guten Jahr befanden sich dann morgens mal kleine Blättchen mit Beschimpfungen, Verleumdungen und Bildchen, wo sie am Galgen hingen, im Briefkasten. Um eine Fehlinterpretation der Bildchen zu vermeiden, waren immer auch Pfeile mit den Namen zu der Galgenschlinge hinzugefügt worden. Wolfgang war Arzt aus Berufung. Saßen wir zusammen und es kam ein Anruf von einem Patienten, er fuhr los, ob Bereitschaft oder nicht. Das vertiefte sein Ansehen bei den Patienten. Hat man erst einmal in seinen Erinnerungen gekramt, Verschüttetes abgerufen, werden weitere Details freigegeben. Irgendwann saßen wir am Nachmittag in kleiner Runde beim Kaffee. Es klingelt. „Es wird unsere Tochter sein!“, sagt Inge. „Mach ihr bitte mal die Tür auf. Die hat sicher den Schlüssel wieder vergessen!“ Es war nicht die Tochter. Ein junges Ehepaar stand vor der Tür mit einem zusammengefaltetem Kopfkissen. Sie bewohnten die Wohnung darüber. Ich kannte beide. Sie waren mal Schüler. Die Junge Frau streckte mir das Kissen entgegen und reflexartig griff ich danach. Beide drehten sich um und rannten in ihre Wohnung hinauf. Vorsichtig schaute ich in das gefaltete Kissen, erschrak, ein Baby. Es bewegte sich nicht, sah bleich aus und ich dachte, das Kind lebt nicht. Es war wirklich tot und da stand ich erschüttert. Das Bündel wurde auf dem Küchentisch geöffnet und die beiden Ärzte untersuchten. „Sicher plötzlicher Kindstod!“, sagte Wolfgang. Inge ging mit mir die Treppe hinauf zu dem jungen Ehepaar, aber die öffneten nicht. Wolfgang rief den Bestatter an. Der kam mit einem kleinen weißen Sarg unter dem Arm. Das Baby wurde hineingelegt wie eine Puppe und wieder klemmte er sich den Sarg unter den Arm. Mir erschien das alles unwirklich. Ein so kleiner Tod war mir noch nie begegnet. Tage später stellte sich nach der Obduktion heraus, es war wirklich „Plötzlicher Kindstod“. Mit den Eltern war wieder zu reden. Ihr Schock war abgeklungen.

Zeit vergeht. Jahre rauschen vorbei. Wolfgang war in seinem Beruf angekommen, mit ihm verheiratet und dachte nicht an Veränderungen. Seine Frau fühlte sich in der Gegend nicht mehr wohl, alles zu gleichförmig, zu unbedeutend. Ihr schwebten Veränderungen und Größeres vor. Steter Tropfen höhlt den Stein und noch vor Jahresfrist wollte ihr Mann dann auch weg. Diese Mitteilung schmerzte. Wir hatten uns aneinander gewöhnt. Glücklicher Zufall für sie: das Regierungskrankenhaus in Berlin suchte junge Ärzte, die auch noch Genossen waren. Alles ging dann sehr schnell. Großer Abschied, große Kontaktversprechen. „Wir lassen uns regelmäßig hier sehen und ihr besucht uns in Berlin!“ Am ehemaligen Arbeitsort war noch einiges zu regeln und nach 4 Wochen kamen sie zu Besuch. Ganz großer Bericht und Begeisterung über die neue Arbeitsstelle, zu den neuen Kollegen, neuen Möglichkeiten, zur neuen Wohnung. Man hatte in Berlin Marzahn für sie zwei Wohnungen in einem Neubau durchgebrochen und zu einer Wohnung vereinigt. Aber in der Berichterstattung schwang ganz versteckt etwas anderes mit. Viele Kollegen arbeiteten da, deren Namen landesweit bekannt waren. Einige kamen aus Dynastien von Ärzten. Auch Krankenschwestern dünkten sich in Berlin besser zu sein als die zwei Landeier. Sie waren aus der Provinz, hatten keine bedeutenden Vorfahren vorzuweisen, kamen von weit unten und waren auch noch Genossen. Das lief da nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatten, alles Genossen! Ein Einkaufsladen für das Personal mit Waren, die aus der Werbung des Westfernsehens bekannt waren, konnte diese Bedrückung nicht wett machen. Zeit stahl sich davon und die Kontakte nach Berlin wurden weitläufiger. Zu erfahren war, dass sie mit den überlieferten hierarchischen Strukturen des Krankenhauses immer weniger zurecht kamen und wohl schon bedauerten ihr Landambulanz verlassen zu haben. Die Jugendweihefeier der Tochter im Palast der Republik war der letzte größere Kontakt. Die 80er Jahre quälen sich weiter durch die Republik DDR. Leere Regale, Lieferengpässe und Repressionen überall. Ich wurde 1982 als Klassenfeind enttarnt, weil ich Kollegen aus den Niederlanden Lehrpläne aller Klassenstufen für Mathematik besorgt und geschickt hatte. Eigentlich dachte ich etwas Gutes für das Ansehen der Republik zu tun. Da mir von niederländischer Seite versichert worden war, dass die DDR Lehrpläne genau das seien, was man in den Niederlanden nicht hatte: sehr gute Systematik über die Klassenstufen, ein hohes Anforderungsniveau u.a.m. Sie hatten also Niveau! Einige gebrauchte Lehrbücher reichte ich nach. Da war ich Klassenfeind und Volksverräter, wurde von allen Funktionen entbunden und dann arbeitslos. Niemand der umliegenden Betriebe traute sich ein solch unsicheres Element einzustellen, obwohl ich alle Betriebsdirektoren persönlich kannte. Wochen später wurde mir gnädig gestattet in einem gefestigten Kollektiv in einer entfernten Stadt als Lehrer tätig zu sein. Umerziehung war vorgesehen. Dort wurde ich ganz wenig umerzogen, aber alles wurde getan, um mir die Arbeit zu erleichtern.

Ich hatte mit mir zu tun und dachte an unsere Freunde in Berlin kaum noch. Einmal riefen sie noch an und teilten mit, man hätte sie ausgewählt in Afrika ein Krankenhaus, das von der DDR erbaut und finanziert wird, zu leiten. Erleichterung war herauszuhören das Regierungskrankenhaus zu verlassen. Tschüs! Dann kam nichts mehr, der Kontakt war abgebrochen. Anfang 1985 kurvte plötzlich ein Gerücht durch den Ort. Ein Bekannter wollte wissen, ob uns Informationen über das Arztehepaar, das einige Jahre im Ort gearbeitet hatte, bekannt wären? Er erzählte, deren Tochter wäre noch einmal im Ort bei einer Freundin gewesen und hätte dabei erzählt, beide Eltern seien in Mosambik als Ärzte tätig gewesen und erschossen worden in Afrika. Aber das war nur ein Gerücht und die Lage der DDR spitzte sich täglich zu. 1989 dann kam die Wende und wir waren plötzlich WESTEN. Das brachte in das Leben aller Bewohner tiefgreifende Veränderungen. An unsere ehemaligen Freunde dachten wir nicht mehr. Wir hatten mit uns zu tun. Meine Frau hatte Russisch unterrichtet, aber nun wurden so viele Unterrichtsstunden für dieses Fach nicht mehr benötigt nach der Wende 1989. Sie musste ein Zertifikat für den Unterricht in einem weiteren Fach erwerben: Sozialkunde. Das bedeutete Lehrgänge und Weiterbildung. Eine Weiterbildung war in Erfurt angesetzt. Ein gewendeter, weichgespülter Oberst der Staatssicherheit aus Berlin war bereit Fragen zur Arbeitsweise des MfS zu beantworten. Er war bei der Aufklärung der MfS Strukturen behilflich. In seinem Vortrag betonte er, dass er vor allen Dingen für den medizinischen Bereich verantwortlich war. Anschließend konnten Fragen gestellt werden. Einig formulierten ihre Fragen in sachlichem Rahmen. Andere kleideten ihre Fragestellung in wüste Beschimpfung, so dass die eigentliche Frage nicht mehr erkennbar war. Am Ende der Veranstaltung sprach meine Frau den Referenten an und fragte nach unseren in Afrika verschwundenen Freunden, weil er doch in seiner Dienststelle für medizinische Bereiche Verantwortung trug. Nach der Nennung des Familiennamens stutzte er, dann platzte er heraus: „Inge und Wolfgang?“ „Dass waren ihre Freunde?“, vergewisserte er sich nochmal. Dann erzählte er. Man sah ihm an, er war durch die Erinnerung betroffen.

„1982 muss es gewesen sein. Beide waren zur Leitung des Krankenhauses in Mosambik ausgewählt worden und wir haben viele lange Gespräche geführt zur Führung des Krankenhauses, zu den dort aus Cuba, Russland und Jugoslawien arbeiteten Ärzten, zur Sicherheit im Land und zu vielen anderen Dingen und Eigenarten des Landes.“ Danach hatte auch er an die zwei Jahre nichts von ihnen gehört. „Dann, im Dezember 1984“, fuhr er fort, „bekamen die deutschen Mediziner eine Einladung der DDR Vertretung in Mosambik für eine vorweihnachtlichen Zusammenkunft in der nächsten größeren Stadt Unango. Ein paar unbeschwerte Stunden sollten es fern der Heimat werden. Allerdings, allein konnte man dort nicht hinfahren. Überall operierten kleine Einheiten der Renamo Banditen aus Südafrika, die Dörfer niederbrannten und die Menschen töteten. Sie waren mal hier mal dort und schwer zu bekämpfen. Sie terrorisierten und verbreiteten Unsicherheit. In den Ost Medien wurden sie „Banditen“ genannt, im Westen „Rebellen“. Die Fahrt in die Stadt ließ sich nur mit gut bewaffneten Milizionären bewältigten. Inge und Wolfgang hörten Anfang Dezember 1984 von einem solchen Konvoi in der Nähe ihres Krankenhauses, der früh um 7.15 Uhr in die Stadt fahren sollte. Der Konvoi mit einigen LKW W 50, einem Werkstattwagen mit Aufbauten, vorn ein Multicar mit dem Verantwortlichen und am Ende ein Tankwagen und einige LKW mit Dünger für das landwirtschaftliche Projekt der DDR in Mosambik war zusammengestellt. An die 20 Milizsoldaten, gut bewaffnet mit Kalaschnikow, leichtem und schwerem Maschinengewehr und mehreren Panzerfäusten setzten sich in Bewegung. 60 oder 70 Kilometer ging alles gut. 10 Kilometer vor der Stadt war eine kleine Anhöhe zu bewältigen, rechts und links dichter Busch. Die Geschwindigkeit wurde langsamer. Plötzlich Mpi Salven und ein Maschinengewehr begann zu hämmern. Das Führungsfahrzeug war von einer Bazooka getroffen worden. Alle den Konvoi begleitenden Milizionäre flüchteten ohne einen einzigen Schuss abgegeben zu haben. Die Waffen ließen sie liegen und rannten in den Busch. 5 von ihnen wurden später tot aufgefunden. Die 9 deutschen Entwicklungshelfer hatten keine Chance. Nur einem gelang die Flucht in den Busch schwer am Kopf verletzt. Die anderen wurden von vielen Geschossen getroffen. Das Ganze dauerte nur wenige Minuten. Man hatte es auf die deutschen Entwicklungshelfer abgesehen. Die anderen Fahrzeuge wurden nicht zerstört. Der Konvoi war überfällig und man suchte nach ihm. Alle Entwicklungshelfer waren getötet worden. Einen Kopfschuss hatten sie alle aber zusätzlich noch erhalten, wohl aus Sicherheit oder nur symbolisch!? Die Leichen wurden ausgezogen und ihrer persönlichen Habe beraubt. Der geflüchtete Entwicklungshelfer wurde schwer verletzt gefunden und russische Ärzte versuchten sein Leben zu retten. Auch er starb nach wenigen Stunden. Richtig aufgeklärt worden ist der Tathergang nie.“ Der Oberst suchte in der Tasche nach Zigaretten, fand eine Schachtel, leer. Er knüllte die Schachtel zwischen den Fingern und fuhr fort: „Honecker ordnete nach diesem Zwischenfall an, dass die Leichen der Getöteten noch in der Nacht in die DDR zurück geflogen werden.“

Der Oberst sann dem Erzählten nach und schwieg erst mal. Dabei stützte er sich auf den Tisch, blickte zu Boden und dann zu den großen Fenstern des Vortragsraumes. „Mit den Leichen kam auch eine Forderung aus Mosambik von der Frelimo, der marxistisch orientierten Befreiungsbewegung, nach militärischem Engagement. Das hatte die DDR Führung immer abgelehnt. Besonders Hubschrauber sollten geliefert werden zum Kampf gegen die marodierenden Renamo Banditen. Die Obduktion der getöteten Entwicklungshelfer in der Berliner Carité brachte eine große Überraschung. Alle in den Körpern steckenden Projektile stammten aus russischer Produktion und waren durch Kalaschnikows abgefeuert worden. Bekannt war aber, dass die Renamo ausschließlich von den USA mit Waffen ausgerüstet worden sind! Danach ging alles sehr schnell. Es gab Weisung, die 1000 Entwicklungshelfer umgehend zurück zu holen und das landwirtschaftliche Projekt einzustellen. Über die Gründe wurden auch wir nicht informiert. Einiges konnten wir uns aber zusammenreimen.“ Hier schwieg er wieder eine Weile, dachte wohl nach. „Frelimo und Renamo bekämpften sich nach dem DDR Rückzug weiter und brachten die Wirtschaft des Landes komplett zum Stillstand. Das Projekt der DDR, Südfrüchte aus Mosambik für die DDR zu liefern aus mehren großen Farmen, wurde fallen gelassen. Renamo sprengte später die schon angelegten Stauwerke und alle Bauten der landwirtschaftlichen Einrichtungen. Mehr als 10000 Auszubildende aus Mosambik befanden sich noch in der DDR. Nach der Wende mussten alle das Land verlassen. Die beiden Kampfparteien hatten sich mit der Zeit gegenseitig so geschwächt, dass die Frelimo ihren Zielen abschwor, in Afrika einen sozialistisch orientierten Staat zu etablieren. Renamo hatte sein Ziel erreicht. Amerikaner und Südafrika waren zufrieden. Heute stellt Renamo die Opposition im Parlament.“ Er sah auf seine Uhr und sagte, dass er einen weiteren Termin habe und verabschiedete sich. „Traurig, dass so viele Menschen sterben mussten wegen nichts, auch ihre Freunde!“ Meine Frau war nach diesem Bericht tief beeindruckt.

Nun war klar, das vor Jahren kursierende Gerücht entsprach der Realität. Wolfgang und Inge wollten helfen und haben diese Hilfsbereitschaft mit dem Leben bezahlt in der großen Auseinandersetzung zwischen Ost und West. Wer erinnert sich heute noch an ihren Tod? Vielleicht die Tochter, die Eltern, aber sicher leben die Elternteile schon nicht mehr und wir, meine Frau und ich. Wir hatten gute Freunde verloren. Vielleicht sind diese wenigen Textzeilen aus dürren Worten eine kleine Würdigung und Gedenkens ihres sinnlosen Ablebens …

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