8. New York, Airport – ein Einreiseerlebnis

Frankfurt – New York, der Flug war bewältigt. Es war ruhig geblieben in der Luft. Die Freiheitsstatue hatte man während der Landung sehen können. Wie viele Einreisende mussten in den letzten 300 Jahren dort alle Träume begraben und umkehren, weil man sie aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht ins Land ließ. Max dachte darüber nach. Er und seine Frau hatten wohl alle Bedingungen erfüllt: die ESTA Gebühren von 14 € rechtzeitig bezahlt, der Pass war aktuell, alles hatte er richtig angekreuzt auf dem Einreiseformular: keine ansteckende Krankheit derzeit, er war nie Terrorist gewesen, gehörte auch keiner terroristischen Gemeinschaft an und in den USA terroristisch tätig werden wollte er schon gar nicht.

Mehrere große Maschinen aus Europa waren in kurzer Folge gelandet, starker Andrang. Das Gepäck wurde vom Kofferband geholt und nun war er mit seiner Frau unterwegs zur Einreisekontrolle. Die Anstehenden wurden in Spuren geführt, die durch Leitbänder abgegrenzt waren. Es war stickig. In der vorrückenden Schlange konnte er die Einreisebeamten beobachten bei ihrer Tätigkeit. Mindestens 10 Terminals waren geöffnet. In einem Gang zwischen den Boxen patrouillierte scheinbar eine Vorgesetzte: beachtenswerte Frau, knapp geschnittene Uniform, einiges Lametta auf den Schulterstücken und – sie trug ein Kopftuch! „Alles möglich hier!“, dachte Max. Die Frau schlenderte den Gang entlang, Arme auf dem Rücken und beobachtete ihre Beamten. Ab und zu sprach sie mit jemandem oder wurde gerufen.

Die Einreisebeamten ließen beim Herantreten der Einreisenden in ihrer Mimik keinerlei emotionale Bewegungen erkennen. Eine junge Frau vor Max trat lächelnd und mit einem „Hallo!“ an das Terminal heran. Kein Reagieren des Beamten. Auf ihren Lippen gefror das Lächeln. Endlich, Max und seine Frau konnten auch an die Box herantreten, legten ihre Pässe auf das Bord. Der Beamte griff nach dem Pass der Frau, schaute vom Passbild auf das Original, zog den Pass durch den Computer und legte ihn zur Seite. Als wäre ihm etwas aufgefallen, öffnete er den Pass noch einmal, blätterte ihn durch, besah sich genau das eingeklebte ganzseitige Visum Russlands, legte ihn wieder zurück. Irgend etwas hatte sich in seinem Gesicht verändert … Die Prozedur nahm ihren Fortgang: Hände in festgelegter Reihenfolge auf den Scanner legen, noch ein Foto und der Stempel knallte in den Pass der Frau.

Nun der Pass von Max: Blick aufs Passbild, dann zum Original und das Gesicht des Beamten schien eine weitere Stufe der Freundlichkeit zu erklimmen. Seine Mundwinkel zogen sich leicht nach oben: „Are you Max?“, fragte er? Steht doch drin, dachte Max und antwortete: „I´m Max!“. Das Max dehnte der Einreisekontrolleur aber als „Määääx“, sehr breit und lustvoll. Sein Lächeln verstärkte sich und er schien zu husten oder war es ein unterdrücktes Lachen? Es war unterdrücktes Lachen, das auch mit der Hand vorm Mund nicht zu verbergen war. Er flüsterte noch einmal genüsslich: „Määääx“. In ihm zuckte es; er wollte es verbergen, aber das Lachen kam immer stärker durch. Die Aufsichtsbeamtin im Gang hinter ihm war aufmerksam geworden, eine Unregelmäßigkeit wohl? Sie kam näher und schaute auf ihren Beamten. Max hatte inzwischen seine Hände auf den Scanner gelegt; der Beamte hatte ihn fotografiert. Völlig verunsichert war Max dabei und er dachte an die Freiheitsstatue, die kurze Zeit vor der Landung überflogen worden war, an die Millionen, die das Land abgewiesen hatte, an die Telefonnummer der Deutschen Botschaft. Wie kommt man wieder nach Hause, wenn die Einreise nicht klappt?

Plötzlich begann der Computer zu piepen und die Chefin näherte sich weiter und schaute mit in den Bildschirm. Max hatte die Hände und Finger in falscher Reihenfolge auf den Scanner gelegt und der Beamte hatte ihn während seiner Lachanfälle mit Brille fotografiert. Das hat wohl der Computer nicht akzeptiert für seinen Vergleich mit dem Passbild. Die Daten wurden vermutlich gelöscht und die Prozedur begann von vorn, unter Aufsicht. Diese sah nicht mehr unbeteiligt und freundlich aus. Der Beamte versuchte immer noch seine Heiterkeit zu verbergen. Max stand der Angstschweiß auf der Stirn. Endlich knallte der Stempel auch in seinen Pass; er konnte gehen! Ihm fiel ein Stein vom Herzen und er überlegte, womit er diese Heiterkeit wohl ausgelöst hatte. War es das Foto, der Vorname oder der Familienname? Gab es hier vielleicht eine Comicfigur oder eine andere landesweit bekannte lustige Figur mit dem Namen Max?

Sieben Tage später: Ausreise an der kanadischen Grenze, Besuch Torontos und Rückreise in die USA am gleichen Abend. Jeder musste bei der Einreise seinen Pass persönlich vorlegen. Max beobachtete ganz genau, ob auch hier ein Beamter Anstoß an seinem Pass nehmen würde. Die Kontrollen liefen zügig ab. Der Beamte schlug den Pass von Max auf, schaute ihn an, länger als bei den Kontrollen vor ihm, schien Max. Dann beugte er sich zu dem neben ihm arbeitenden Kollegen, zeigte ihm den Pass. Beide schauten nun zu Max und zeigten eine Form von verhaltener Heiterkeit. Das hier war mehr als 1000 km entfernt von der Einreisekontrolle in New York. Was hatte das mit dem Pass von Max auf sich, Zufall konnte das nun nicht mehr sein? Die Reiseleiterin, obwohl älter, aber scheinbar allwissend, konnte nicht helfen. Auch gelernte US Bürger aus dem Norden und Süden, die Max später während der Reise befragte, konnten nichts zur Aufklärung beitragen.

Das Rätsel löste sich erst ein Jahr späten bei einer Einreisekontrolle in Philadelphia …

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