CHARLY – ein ganz alltägliches Leben in der DDR

Wieder mal Frühling! Seit Tagen steht die Sonne am Himmel, Temperaturen wie Mitte Mai, hohe Lufttrockenheit. Alles wie es sein soll – nur, an Regen fehlt es seit Jahren. Kirschbäume stehen in voller Blüte, einige Gräser quälen sich aus dem Boden, jetzt, Mitte April. Menschen sind Max bisher nicht begegnet. Das Coronavirus fesselt Kinder mit ihren Eltern staatlich verordnet ans Haus. Das öffentliche Leben ist zum Stillstand gekommen. Alles ist geschlossen, alles menschenleer, doch sportliche Betätigung und Spaziergänge sind erlaubt. Warum verstecken sich aber die Leute in ihren Häusern? Angst? Max war fast jeden Tag am späten Vormittag unterwegs auf einem seiner Wanderwege. Er blieb hier und da mal stehen, erfreute sich an der Kirschblüte und den leicht sich gelblich färbenden Rapsfeldern. Ein Kirschzweig hängt weit herunter. Die Blüte betrachtet er genauer und hört das Summen von Bienen. Die gibt es also noch! Mit Wehmut dachte er daran, dass es vielleicht das letzte Frühlingserwachen sein könnte, was er erlebt mit seinen 80 Jahren. Es waren doch seine Bonusjahre! Hatte er sich diese nicht verdient? Nun gehört er zu denen, die das Covid 19 am meisten liebt. Diese Vorstellung beunruhigt ihn. Naturschönheiten der erwachenden Natur könnte er bald schon nicht mehr erleben!?

Aber Milliarden von Menschen vor ihm konnten das auch nicht. Nach höchstens zwei Generationen ist nicht mal mehr bekannt, dass es ihn überhaupt gegeben hat. Covid 19 war durch alle angeordneten Einschränkungen des öffentlichen Lebens dabei, ihm seine letzten Jahre zu stehlen. Langsam war er den Hang hinauf weiter gegangen und schaute auf zu einer älteren Gartenanlage mit vielen Parzellen, auf denen man die zu DDR-Zeiten erbauten Gartenhäuschen kaum noch sehen konnte zwischen den angepflanzten und gewachsenen Bäumen. Er kannte diesen Hang noch als alte Obstplantage. An einer Parzelle blieb sein Blick haften. Näher ging er heran und konnte die Terrasse zwischen Bäumen und Büschen kaum noch erkennen. Dort hatte er mal gesessen, hatte Planung und Bau der Datscha in der DDR Mangelwirtschaft miterlebt, auch mal geholfen. Mit geschlossenen Augen sann er den Jahren nach und landete in den 60ern. Alles war deutlich in seiner Erinnerung zu erkennen und er dachte: „CARLY!“

Erstaunlich, die 60er Jahre erscheinen gegenwärtig und ganz klar. Heute muss man überlegen, was man gestern zu Mittag gegessen hat. Charly mit seiner Familie konnte er mit geschlossenen Augen deutlich auf der Bank im Halbschatten an der Terassenwand sitzen sehen …

Max war nach dem Studium in ein kleines Dorf als Lehrer delegiert worden. In dieser Zwergschule herrschten noch Verhältnisse, wie sie Ehm Welk in den „Heiden von Kummerow“ verewigt hatte. 6 Kollegen, etwa 80 Kinder und der Lehrer war noch der Herr Lehrer bei den Bauern. Das sozialistische Schulsystem war hier noch nicht angekommen in dieser abgelegenen Einöde. Zwei Jahre später löste man die Schule auf und Max wurde in eine Kleinstadt versetzt, die ein BAD vor dem Ortsnamen trug. Dort gab es eine Zentralschule mit 1000 Schülern und vielen Neulehrern. Die waren alle an die 40 Jahre, was Max mit seinen 25 Jahren damals sehr alt erschien. Diesen Neulehrern hatten die Nazis ihre Jugend gestohlen. Sie wurden noch eingezogen in den Krieg, waren Flakhelfer, Panzerfahrer, auch ganz junge Jagdflieger mit Notabitur. Der Krieg hatte ihre Seelen geschädigt, sie wurden verwundet und einige waren auch Jahre in amerikanischer und französischer Gefangenschaft gewesen. Lehrer fehlten für den Neubeginn. Alle NS Lehrer waren entlassen worden. Neulehrer war ein erträglicher, ehrbarer Beruf. Sie waren noch jung, bewarben sich und hatten dann alle nach ihrer Kurzausbildung die Neulehrerprüfungen bestanden. Alle stammten alle aus diesem Ort, waren sozusagen Eingeborene und hatten sich mit ihrer Ausbildung eingerichtet auf Lebenszeit. Jüngere Kollegen mit normalem Hochschulstudium drangen in ihre eingerichtete Welt ein und wurden als Störenfriede erkannt. Da gab es schon einen Störenfried an der Schule: CHARLY – eigentlich Karl-Heinz. Ein Jahr vor Max war er an die Schule gekommen. Die Alten nannten ihn Carly, die Schüler hinter vorgehaltener Hand auch!

Charly war ein Jahr jünger als Max, hatte eine Grundschullehrerausbildung, arbeitete aber in den Klassen 5 -10. Da er einige Musikinstrumente beherrschte, musste er in den oberen Klassen Musik erteilen. Ein Mandolinenorchester gab es an der Schule seit einigen Jahren. Das musste er weiter führen aus Tradition. Als er anfing, Mandolinen gegen Akkordeons auszutauschen, nahmen ihm die Alten das übel. Er fiel in Ungnade. Die Lehrbefähigung als Musiklehrer für die oberen Klassen erwarb er im Fernstudium in wenigen Jahren fast nebenbei. Mit dem nun kompletten Akkordeonorchester hatte er bald viele Auftritte. Max blieb stehen und dachte über ihn und die Zeit nach.

Sie waren sich damals näher gekommen, auch weil er einer von „draußen“ war, ein Störenfried. Max unterrichtete Deutsch und Kunst in den Klassen 5 -10.Seit seiner Jugend pflegte Charly eine heimliche Liebe: Blasmusik. Ein Blasinstrument konnte er aber nicht spielen. Nun verdarb er sich die Freundschaft zur Neulehrergeneration komplett. Eine neu Idee trieb ihn um: aus dem Akkordeonorchester sollte ein Blasorchester entstehen. Auf eigene Kosten nahm er Unterricht bei einem altgedienten Kapellmeister einer Blaskapelle. Geld gab es nicht, Instrumente auch nicht. Bei Blaskapellen der Umgebung erbettelte er ausrangierte Blasinstrumente oder Eltern kauften sie ihren Kindern, gebraucht. Dann begann er jeden Schüler einzeln auszubilden neben seinem Unterricht und dem noch existierenden Akkordeonorchester. Viele wollten Bläser werden; kein Mangel war an Bewerbern.

Als fünf Schüler ausgebildet waren, trat er erstmals mit ein paar Stücken auf. Sein Bekanntheitsgrad wuchs. Jetzt wurde man auf ihn aufmerksam. Ein Blasorchester war doch etwas anderes als Akkordeon. Bläser hörte man weit, Bläser konnten Demonstrationen anführen und zu Auszeichnungsveranstaltungen aufspielen. Erstmals bekam er Geld von staatlichen Stellen für neue Instrumente und auch die Betriebsdirektoren der Umgebung ließen sich nicht lumpen, hofften sie doch auf kostenlose Auftritte bei Feierlichkeiten in ihren Betrieben. Bald hatte er fünfzehn Bläser beisammen und auch einen Schlagzeuger ausgebildet. Schule mit 1000 Schülern hinter den Fahnen, Transparenten und Blasmusikern machte bei den vielen Umzügen und Demonstrationen etwas her. Das Akkordeonorchester war nun Geschichte.

Max erinnerte sich, dass er immer an der Seite von Charly stand gegen die „Alten“. Mit ihm hatte er auch das eine oder andere Bier getrunken in der Sportlerklause, auch Wodka, wie damals üblich. Über seine Frau und seine 3 Kinder sprach Charly eigentlich nie. Familie schien es gar nicht zu geben für ihn. In Gedanken war Max an den Zaun von Charlys Parzelle herangekommen. Dichtes Buschwerk und groß gewordene Bäume versperrten die Sicht. Allerlei Müll verbarg das dichte Gestrüpp am Zaun. Charlys Gartenhäuschen, das er eigenhändig gebaut hatte – handwerkliche Fertigkeiten hatte er sich anderswo abgeguckt – war wesentlich größer geworden als genehmigt. Max erinnerte sich wieder an seinen ersten Besuch zur Einweihung. Dort, auf dieser Terrasse hatte er gesessen bei Bier und aufgekratzter Stimmung. Die Einladung zur Einweihung der Datscha hatte er noch aus einem andern Grund angenommen. Max war mit 29 Jahren zum Direktor dieser großen Schule berufen worden. Ablehnung der Berufung war nicht vorgesehen. Der alte Direktor hatte sich geweigert 4-5 mal in der Woche mit Pionieren im nahegelegenen Gästehaus des Bezirkes Politbüromitglieder und andere Funktionäre zu begrüßen. Da war er raus.

Auf der Terrasse wurden Personalprobleme besprochen. Der Biologielehrer war wenige Tage vorher in den Westen verschwunden. Ein neuer Fachlehrer musste her. Charly war naturverbunden und hatte als Jugendlicher farbig schillernde Insekten gesammelt und sie kunstvoll aufgespießt in Kästen verwahrt. Das konnte ein Anknüpfungspunkt sein. Also stand die Frage: „Bist du bereit ein Fernstudium als Fachlehrer für Biologie zu absolvieren?“ Max hatte sich auf lange Überzeugungsarbeit eingerichtet. Carly sagte einfach. „Ja!“ Damit war er dann ein richtiger Oberstufenlehrer mit zwei Fächern und bekam auch monatlich 200 DM mehr Gehalt als ein Grundschullehrer.

Im Weitergehen erinnerte sich Max, dass Charly das Fernstudium mit Energie angegangen war und durch das Studium ein neues Hobby gewonnen hatte. Er spezialisierte sich auf Insekten, genauer auf Wanzen. Wieder war er in seinem Element, jetzt aber systematisch und wissenschaftlich. Er sammelte, forschte und begann in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Ihn störte nicht, dass man sich über seine Wanzensammlung lustig machte. Was ihn grämte war, dass er in seiner Sammelwut keine Bettwanzen hinzufügen konnte. Mehrmals hatte er geeignete Menschen danach gefragt und Eigenartiges dabei erlebt.

Sein Studium schloss er mit sehr guten Ergebnissen ab und für die Schule war nach Jahren wieder ein richtiger Biologielehrer verfügbar. Abstriche an seinem Blasorchester ließ er nicht zu und Max fragte sich immer wieder, wie er dieses Arbeitspensum bewältigen konnte. Genauer wollte er es aber doch nicht wissen, wie Carly das anstellte. Einmal, so erinnerte sich Max, erteilte Carly in den 6. Klassen Biologieunterricht. Fische und deren Anatomie forderte der Lehrplan. Lebensverbunden sollte Unterricht erteilt werden. Charly hatte einige Kilo nicht ausgenommener Grüner Heringe gekauft. Die Schüler wurden zu Anatomen mit einem scharfen Messer. Ihnen machte es Freude; die Schule stank wochenlang nach Fisch.

Aus diesem Kreis setzte sich auch die örtliche Jagdgesellschaft zusammen. Denen fehlte eine Jagdhornbläsergruppe. Man trat an Charly heran und er stimmte zu, auch noch zusätzlich sieben Jagdhornbläser auszubilden. Max warnte ihn vor den zusätzlichen Aufgaben.

Sein Blasorchester absolvierte viele Auftritte, aber irgend etwas fehlte in den Konzerten. Mode wurde es gerade Singegruppen für die Interpretation zeitgemäßer Jugendlieder zu gründen. Die Partei sah das mit Wohlwollen. Charly gründete eine solch Gruppe und wurde auch noch Chorleiter. Seine Auftritte waren nun noch gefragter und es gab im Kreis fast keinen Funktionär bei Partei, Staat oder in den Betrieben, der ihn nicht kannte. Jetzt plötzlich spielte Geld eine untergeordnete Rolle. Neue Instrumente wurden gekauft und maßgeschneiderte Uniformen für die Schüler gab es. Viel wurde geübt und nach drei Monaten waren die jungen Bläser in der Lage, „Sau tot!“ zu blasen und andere jagdliche Signale. Durch die Nähe zu den Jägern fand Charly am jagdlichen Brauchtum Gefallen, lernte, was man so als Jäger wissen musste und erwarb die Jagdberechtigung. Ein Gewehr hatte er nun auch zuhause.

Oben am Hang war Max jetzt angekommen. Er setzte sich auf eine stark gealterte Bank und ließ die Landschaft mit dem beginnenden Grün auf sich wirken. Der Gedankenfaden spulte weiter. Die Schule war noch größer geworden durch weitere Eingemeindungen und ihr stand ein dritter Stellvertreter zu. Wer war geeignet? Ohne Frage: Charly!

Den Stellvertreter sah er mit Stolz als eine Würdigung seiner bisherigen Arbeit. Weniger Unterrichtstunden musste er nun erteilen. Er konnte sich um Orchester, Jagdhornbläser, Singegruppe intensiver kümmern. Mit Feuereifer begann er seine neue Funktion auszufüllen und war wie Max fast jeden Tag von 6 – 17 Uhr in der Schule. Nach einem Jahr hatte er für die außerunterrichtliche Arbeit an die 30 Arbeitsgemeinschaften aus dem Boden gestampft und bot vielen Schülern die Möglichkeit ihren Interessen nachzugehen im Bereich Foto, Schach, Modellbau, auch Viehzucht und andere Zirkel. Leute aus allen Lebensbereichen hatte er gefunden, die ohne Bezahlung ihre Interessen mit denen vieler Schüler teilten. Nebenbei begann er auch die Jagd auszuüben, allerdings war er in der ersten Zeit, wie alle neuen Mitglieder, eher Heger als Jäger. Die Herren Genossen aus den oberen Etagen kamen ab und zu mal vorbei und schossen ab, was der Förster ihnen vorführte. Charly und andere betrieben Wildfütterung und leisteten andere weidmännische Arbeiten. Ihre Trabis schonten sie auf verschlungenen Waldwegen nicht.

Der Wildbestand nahm überhand und musste dezimiert werden. Am Tag leistete Charly sein umfangreiches Arbeitspensum in der Schule ab, nachts saß er auf dem Anstand im Wald. In der ihm eigenen Aktivität erlegte er zu viel Wild und hatte irgendwann mal die Idee, nicht alles abzuliefern. So verteilte er unter ihm nahestehenden Kollegen größere Fleischstücke. Die nicht abgelieferten Tiere hatten auch Felle und die häuften sich mit der Zeit. Was damit anfangen? Gerben!?Das konnte er aber nicht. So vieles hatte er schon gelernt als Autodidakt, warum nicht auch das Gerben? Fachliteratur wurde studiert, Werkzeuge und chemische Zutaten beschafft. Hätte er nach ein paar gegerbten Fellen hier aufgehört, wäre sicher alles gut gegangen, überlegte Max. Seine ersten Produkte verschenkte Charly, dann aber nahm er Bestellungen an und ließ sich bezahlen. Einer war wohl nicht zufrieden und hat eine Anzeige ausgelöst – anonym.

Nun wurde gegen ihn ermittelt ohne ihn davon in Kenntnis zu setzen. Unter den Jägern hatte er Freunde. Einer informierte ihn vorab, dass am nächsten Vormittag eine Haussuchung zu erwarten wäre. Nachts hatte er alles, was mit Gerberei zu tun hatte, abgeräumt und entfernt im Wald vergraben. Für Gründlichkeit war keine Zeit. Man fand doch Indizien für seine Gerberei. Gute Freunde ritten ihn dann richtig rein mit ihren Aussagen. Mehrmals musste er zur Vernehmung und im Kollegium wurde gerätselt über das zu erwartende Strafmaß. Zeit verging, Anklage wurde nicht erhoben. Nach wenigen Wochen gab es Neues zu bereden. Nur, Charly hatte sich verändert. Mit niemandem sprach er über das Geschehene. Sein Arbeitspensum bewältigte er weiter, aber er war stiller geworden, verschlossener, Gesprächen ging er aus dem Weg.

Die großen Ferien näherten sich. Viele Kollegen redeten über Reisepläne. Carly verkündete, dass er mit seiner Familie, der Frau und seinen drei Kindern vier Wochen mit dem Trabant nach Bulgarien fahren würde. Verblüffung! Bisher hatte er immer den Standpunkt vertreten, man erhole sich am besten auf seinem Gartengrundstück. Max sah ihn im überladenen Trabant davon fahren.

Dann, nach den Ferien, war Charly wieder da. Braungebrannt war er, aber seine Stimmung hatte sich nicht geändert. Einsilbig gab er Antwort zu seiner großen Reise. Nach der zweiten Woche des neuen Schuljahres erreichte die Schule ein Anruf. Der 3. Stellvertreter möge sich zu einem Gespräch in der SED Kreisleitung einfinden. Warum, wurde nicht mitgeteilt. Max hatte gute Drähte zur oberen Leitungsebene und bekam heraus, warum Charly zum Gespräch erscheinen sollte. Es hing mit der Bulgarienreise zusammen. Eine Mitarbeiterin der Kreisabteilung Volksbildung war lange krank gewesen und hatte eine Kurreise nach Nessebar, Bulgarien, erhalten. Dort saß sie nach einer Kurbehandlung in der Nähe des Hafens, als ein dicker Mercedes mit BRD Kennzeichen nicht weit von ihr parkte. Mehrere Erwachsene und Kinder stiegen aus. Dann traute sie ihren Augen nicht, denn einer von ihnen war Charly. Mit ihm hatte sie immer wieder Konflikte. Für „bescheuert“ hielt er sie, wie er immer wieder im Kollegenkreis betont hatte.

Während ihrer Kur war viel freie Zeit und so spielte sie etwas Detektiv. Sie sah, dass Carly mit Anhang West gemeinsam essen ging und auch einkaufen, wo man nur mit Devisen zahlen konnte. Mehrmals sah sie ihn noch in Nessebar. Bei der Rückkehr nach Ende ihrer Kur berichtete sie ihrem Chef, dem Schulrat, von diesem erstaunlichen Ereignis. Der war gehalten, das von den Genossen der SED Kreisleitung politisch bewerten zu lassen. Charly wurde vorgeladen. Den erkundeten Sachverhalt teilte Max ihm mit. Charly reagierte panisch und bat Max doch mitzukommen, er könne doch überzeugend argumentieren und ihn vielleicht auch unterstützen.

Bei der Anfahrt im Auto fragte Max, was er denn mit dem Bruder aus der BRD dort unternommen habe. Ihm war gar nicht bekannt, dass er einen Bruder im Westen hatte. Mutter und Bruder hätten Anfang der 60er Jahre die DDR heimlich verlassen, war zu erfahren. Er sei hier geblieben. So nebenbei sagte er noch: „Ich sollte ihn doch aber nach Bulgarien einladen und Kontakt aufnehmen!“ Verblüffung bei Max und die Frage ergab sich nach der Tätigkeit des Bruders im Westen. Charly teilte mit, dass der Bruder eine Hochschule der Bundeswehr besucht habe und nun in einer zentralen Abteilung der Bundeswehr arbeite, die Dokumente verwahre, Kasernen verwalte, Material beschaffe und so. Sofort war Max klar, was das bedeutete und nun konnte er sich die ganze Wesensveränderung seines Freundes und Kollegen auch erklären. Gern wäre er ausgestiegen, aber dazu war es zu spät. Er war Mitwisser ohne etwas zu wissen!

Sie wurden vom Sekretär für Agitation und Propaganda empfangen, der über die Reinheit der Partei zu wachen hatte. Über die Begleitung war der irritiert, ließ Max aber doch am Gespräch teilnehmen. Nachdem Platz genommen worden war in dem großen leeren Sitzungssaal der SED Kreisleitung, legte der Genosse los. Der Sekretär, ein drahtiger großer alter Mann, von dem Max wusste, dass er in ganz jungen Jahren in Spanien gegen Franco gekämpft hatte, unter den Nazis viele Jahre im Zuchthaus gesessen und KZ überlebt hatte, ließ Charly nicht zu Wort kommen, redete sich in Rage und warf den beiden Zuhörern vor, sie würden die politische Lage verkennen, wären Klassenfeinde, hinterhältig, Feinde der Republik u.a. Max wurde in die Beschimpfung mit einbezogen und überlegte, ob er etwas sagen sollte, denn dann wäre klar, er war Mitwisser, obwohl ihn niemand informiert hatte.

„Stopp“, sagte Max dann doch, „Ehe du dir einen großen Ärger einhandelst, solltest du telefonieren gehen!“ Der Sekretär hielt ein und schaute hoch rot entgeistert auf Max. „Wo?“, wurde gefragt. Das wisse er auch nicht, entgegnete Max. Der Genosse stand wirklich auf und verließ den Raum. Schweigend warteten Max und Charly eine gute halbe Stunde. Als er zurück kam, der Sekretär, sah er noch roter und etwas älter aus und zischte: „Haut ab!“ Charly folgte in großer Verblüffung. Max konnte sich so was leisten. Er hatte immer Fragen bei Zusammenkünften der Schulleiter, meist die falschen. Er wurde nicht befördert, bekam keine Prämien und Direktor dieser großen Schule war er immer noch, weil sie keinen anderen fanden.

Seinen Vormittagsspaziergang hatte Max beendet, ging in Richtung Wohnung. Der Gedanke Charly begleitete ihn weiter. Monate später, im April des gleichen Schuljahres, näherte sich Charly wieder mit einem Anliegen. Eine Einladung lag vor. Er sollte zwei Wochen während der Schulzeit nach Bulgarien reisen zu einem Kongress, der mit Insekten zu tun hat. Dort sollte er einen Vortrag halten. In der letzten Zeit war sein Insekten-Hobby wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt. Mehrere beachtete Beiträge wurden in Fachzeitschriften veröffentlicht. Orchester, Singegruppe, Jagdhornbläser betreute er weiter. Seinen Leitungsaufgaben kam er auch nach, aber alles lief ohne gewohnte Aktivität, eher freudlos. Manches ließ er auch immer öfter schleifen.

Nun kam er mit dieser Einladung. An der Schule fehlten Anfang Mai sieben oder acht Kollegen wegen Krankheit oder der Erkrankung ihrer Kinder. „Das ist schon genehmigt“, teilte Carly mit. Max hatte man nicht gefragt. Wütend wurde der Schulrat angerufen und der hohe Unterrichtsausfall beklagt. „Er wird fahren, alles geregelt, ihr macht das schon“, wurde mitgeteilt. Eine Woche später flog er nach Bulgarien zu seinem Kongress in Plovdiv. Nach zwei Wochen war er wieder da, nicht besser gelaunt als vorher. Fragen nach dem Aufenthalt durch die Kollegen beantwortete er einsilbig und ausweichend. Auch Max erzählte er nichts weiter. Ihr Verhältnis war erheblich abgekühlt.

Es war Juni geworden, es war heiß. Das Schuljahr neigte sich dem Ende zu und Charly rückte wieder ins Blickfeld. Er hatte ein Telegramm erhalte aus einer Klinik im Westen. Darin stand, seine Mutter läge im sterben und möchte den Sohn noch einmal sehen; amtliches Schreiben folgt, Professor Dr. Sowieso. Tatsächlich, am nächsten Tag war ein Brief von einer West-Klinik mit amtlichen Stempeln da. Max informierte seinen Schulrat und auf Nachfrage bürgte er auch für Charly. Der hatte nie Äußerungen von sich gegeben, dass er sich in der DDR nicht zuhause fühle.

Verblüffend unproblematisch, ohne weitere Rückfragen lief alles ab. Am Freitagabend kam er vorbei bei Max, zeigte seine Reisedokumente und seine 14,95 Westgeld, verhielt sich eigenartig, war bedrückt und still. Max schob das auf den nahenden Tod der Mutter. Umständlich verabschiedete er sich. Auf der Treppe konnte sich Max doch nicht verkneifen hinterherzurufen: „ … und komm wieder, sonst bekomme ich noch größeren Ärger!“ Wie von der Tarantel gestochen kam er noch einmal zurück, war aufgeregt und und fragte, was Max von ihm denken würde. Zwischen der nicht erfolgten Bestrafung, Bulgarienurlaub mit Bruder, dem Kongressbesuch in Bulgarien, dem Telegramm der Klinik und der Wesensveränderung stellte Max immer noch keinen Zusammenhang her, wollte er auch nicht. Er wunderte sich nur, dass er zur Mutter in die BRD reisen wollte, obwohl seit Jahrzehnten kein Kontakt mehr bestand. Das war alles am Freitagabend. Am Sonnabend reiste er in die BRD. Jährlich, an einem Sonntag Anfang Juni, wurde im Ort traditionell auf der Festwiese gefeiert. Max war inzwischen auch zum Stadtrat für Jugend und Sport gewählt worden. In dieser Eigenschaften war er auf der Festwiese unterwegs. Ein Postmitarbeiter sprach ihn an und übergab ein Telegramm. Ganz großes Erschrecken, was könnte in der Familie passiert sein? Das Telegramm war von Charly: „+habe mich entschieden die ddr zu verlassen + komme nicht zurück + alles gute und verzeihung“. Max musste sich erst sammeln, wusste aber, was zu tun war und dachte an die vielen Scherereien mit Partei und Kreisabteilung der Volksbildung. Er hatte die Reise befürwortet. Der politische Dienst des Rates des Kreises wurde informiert. Ihn wies man an, nichts zu unternehmen, auch die Familie nicht zu informieren. Am nächsten Tag würde das geregelt.

Am Montag gegen 10 Uhr fuhr ein Wolga mit Berliner Kennzeichen auf den Schulhof. Zwei Männer stiegen aus und stellten sich als Mitarbeiter des MfS vor: ein Oberstleutnant und ein Major. Jetzt war Max doch erstaunt. Ärger gab es bei jeder Republikflucht, aber diesmal schien es ein besonderer Ärger zu werden. Max sollte darlegen, was Charly für ein Mensch gewesen sei und warum er gebürgt hätte für ihn. Sie blätterten in Unterlagen und hörten Max nicht richtig zu. Währen Max sprach unterbrach ihn der Oberstleutnant und fragte, ob denn die Abschlüsse der Staatsexamen von Charly in der Schule oder bei ihm zuhause lägen? Dann musste die Sekretärin die drei Kinder aus dem Unterricht holen. Sie wollten diese informieren. Max sollte dabei bleiben. Jetzt staunte Max erst richtig. Die Republikflucht wurde als verwerflich verurteilt, aber nicht so sehr, es könnte ja sein, aber auch nicht und Gründe könnte es geben … Die Kinder verstanden das so richtig nicht. Die beiden kleineren weinten, der größere Sohn aus Klasse 10 sah mit starrem Gesicht aus dem Fenster. Am Ende des Gesprächs bekamen alle eine Telefonnummer, die sie anrufen sollten, wenn sie mit der Flucht des Vaters nicht zurecht kommen würden oder andere Probleme hätten.

Nun war Max klar, was über längere Zeit vorbereitet worden war. Jetzt bekamen die einzelnen Elemente einen Sinn. Jetzt war er Mitwisser, das könnte gefährlich werden. Die beiden verabschiedeten sich, um die Frau zu informieren und Geburtsurkunde und andere Dokumente zu holen. Max brauchte einige Zeit zum Nachdenken. Was war da gelaufen? Er war Mitwisser! Keine Kritik von keiner Seite. Die Kollegen waren erstaunt und verwundert und dachten noch an den Aufriss, als die Pionierleiterin in einem LKW-Versteck das Weite gesucht und ihre Kinder hier gelassen hatte.

Fast ein Jahr später wabberte ein Gerücht durch den Ort und auch Max hörte davon. Charlys Schwiegermutter war alt und wohnte im Ort. Hinter vorgehaltener Hand informierte sie ihre Bekannten. Ehefrau und Sohn von Charly seien mit gefälschten Pässen in Prag auf dem Flughafen festgenommen und in die DDR überstellt worden. Sie habe 3 Jahre Bautzen kassiert und er eine Jugendstrafe von 3 Jahren irgendwo. Offiziell war nichts zu erfahren.

Ein knappes Jahr später wand sich erneut ein Gerücht den Ort entlang. Charly habe im Haus des Bruders gewohnt und etwas mit dessen Frau angefangen. Darauf habe der ihn auf die Straße gesetzt. Jetzt dürfe er aber entsprechend seiner Qualifikation in den oberen Klassen Unterricht erteilen. Dieser Rausschmiss hat wohl nicht allen gefallen. Die Quelle war versiegt. Max dachte ab und an daran, dass sein Wissen für ihn gefährlich werden könnte. Nichts tat sich aber! Andere Probleme schoben sich in den Vordergrund.

Anfang der 80er Jahre erhielt Max eine Kur. Als er nach vier Wochen zurück kam, empfing ihn sein Stellvertreter mit der hinterhältigen Information, er brauche sich gar nicht erst setzen in seinem Arbeitsraum, er solle sofort in die Kreisabteilung kommen. Dort wurde er in größerer Runde empfangen. Mulmig wurde ihm nun doch. Die Mitteilung war kurz. Das Dienstverhältnis sei beendet. Er sei fristlos entlassen, weil er die DDR mit seinen konspirativen Westkontakten verraten habe. Das sei für einen Schulfunktionär nicht zu dulden. Also doch, dachte Max, einen Anlass haben sie gefunden, der hatte aber scheinbar nichts mit Charly zu tun.

Anfang der 70er Jahre startete Max mit Familie auch eine Expedition nach Bulgarien mit dem Trabant. Auf dem Campingplatz dort fand eine Familie aus Holland neben dem Zelt von Max ihren Standplatz. Sie besaßen einen großen Wohnwagen. Man kam sich näher, fand sich sympathisch. Er war auch Schuldirektor. Über Ländergrenzen hinweg wurden gleiche Probleme ausgemacht.

Der Kontakt lief viele Jahre. Max rief immer mal von unterschiedlichen Telefonzellen in Holland an. Eines Tages wurde eine Bitte geäußert von dem holländischen Freund. Seine Kollegen schwärmten von den Lehrplänen der DDR, besonders Mathematik und auch von anderen Naturwissenschaften. Einer hätte einen beschafft und die würden eifrig kopiert. Max erfüllte das mit Stolz. Er besorgte welche für kleines Geld und schickte sie. Später ließ er auch noch einige Lehrbücher und Unterrichtshilfen folgen. Die Pakete trugen jeweils einen anderen Absender. Alles kam an, aber schlau genug hatte es Max doch nicht angestellt. Seine Sendungen waren gesichtet worden. Über seine Kontakte nach Holland könnte er ja auch anderes ausplaudern, dachte man wohl? Max war entlassen und fiel in ein tiefes Loch. Mitleid überall, aber Freunde und Kollegen war auch auf Abstand bedacht. Nach einer Woche begann Max die Arbeitsuche. Er kannte viele Betriebsdirektoren persönlich, aber keiner wollte ein solches Element einstellen, nicht einmal als Schichtarbeiter in der Produktion.

Einige Tage vor dem neuen Schuljahr erhielt er einen Anruf, Max sollte eine Chance bekommen und in einem entfernten Ort einen Kollegen ersetzen, der einen Ausreiseantrag gestellt hätte. Max sagte zu, hatte aber auch Bedenken, da sein Fall in mehreren Artikeln der Tageszeitung ausgebreitet worden war im Kreis. Alles war anders. Man half ihm, wo es nötig war. Keiner wollte ihn umerziehen. Nach drei Jahren durfte Max wieder zurück an seine Schule als Lehrer und wurde als Fachberater berufen, eigenartig. Noch eigenartiger aber war, dass er im darauf folgendem Jahr Oberlehrer wurde und ein Jahr später Studienrat. Lob und Prämien gab es auch. Das Interessante an den Beförderungen waren eigentlich nur die Gehaltszulagen.

Während seiner Zeit in der fernen Stadt luden ihn immer mal Bekannte ein, die eigentlich keine richtigen Bakannten waren. Nach der zweiten Einladung merkte er, die stellen immer die gleichen Fragen zu Charly und den Freunden in Holland. Er wurde permanent beobachtet. Das war einer der Gründe dafür, warum er nach der Wende niemals seine Stasiakte sehen wollte. Sicher waren da auch Berichte über ihn aus seinem engsten Kreis drin, die er nicht so einfach verkraftet hätte .

Kaum jemand er erinnerte sich noch an Charly, bis ein neues Gerücht auftauchte. Seine Frau, die in Bautzen einsaß und auch der Sohn wurden von der BRD freigekauft und erhielten eine hohe Haftentschädigung. Charly hatte sich nach dem Rausschmiss von seinem Bruder eine Einfamilienhaus Bauruine gekauft. Die Frau zog zu ihm. Das Entschädigungsgeld wurde dort investiert. Sie war sofort stellvertretende Schulleiterin einer Grundschule geworden. Haft in Bautzen war genug Legitimation.

1989, die Wende. Niemand dachte noch an Charly. Max galt nun als Opfer der Regimes und war für mancherlei zu gebrauchen. Man delegierte ihn in den Westen. Er sollte herausfinden, wie dort Schule läuft und lernen. Nun wurde er aber wieder im 2. Wendejahr, in der neuen Zeit, entlassen – wieder fristlos. Er sei ungeeignet, stand in dem Schreiben. Nach erster Verblüffung wurden viele Leserbriefe geschrieben an BILD, Stern, Landtag und auch an die Bezirkszeitung. Die brachte seinen Leserbrief am nächsten Tag auf der Seite zwei mit einem dicken Trauerrand. Auch „Stern“ und „Bild“ zeigten Interesse an dem Vorgang.

Einige Stunden nach Erscheinen der Zeitung, klingelte das Telefon. Das Sekretariat der Kultusministerin meldete sich. Am Nachmittag möchte die Frau Minister ihn sprechen, wurde mitgeteilt. 15-20 Minuten waren für das Gespräch angesetzt mit ihr und dem Staatssekretär. Gedauert hat es mehr als eine Stunde. Nach kurzer Darstellung zum Sachverhalt war die Frau Minister sehr interessiert an seiner Arbeit im Westen und wollte seine Vorstellungen von neuer Schule hören. Die fristlose Kündigung war aufgehoben. Später erfuhr Max, dass die Ministerin unter Umgehung aller Ebenen und Bestimmungen diese Entscheidung getroffen hatte.

Die Wende verschaffte dem Osten und allen Bürgern genug Probleme. An Charly dachte weiter niemand mehr. Mitte der 90er Jahre berichteten die Medien, dass die USA der Bundesregierung DVDs übergeben wolle, die brisantes Material enthielten zur Westaufklärung des MfS. Die USA hatten zu Beginn der Wende in einem Handstreich Daten in der Stasizentrale Berlin erbeutet. Im Westen installierte Mitarbeiter des MfS konnten nun enttarnt werden.

Plötzlich gab es wieder mal ein Gerücht. Charly solle die BRD verlassen haben und in weiten Wäldern Finnlands leben. Er beschäftige sich mit dem Waidwerk und forsche weiter an Insekten. Näheres vermittelte das Gerücht nicht. Auch den Zusammenhang zwischen DVDs aus den USA und sein Umzug nach Finnland stellte das Gerücht nicht her. Mehr als 20 Jahre waren seit der Wende vergangen. Max hatte gehört, dass Charlys Schwiegermutter, die alle geheimen Infos ausgeplappert hatte, vor wenigen Tagen gestorben sei.

Am Geldautomaten hatte Max gerade abgehoben, stand vor der Sparkasse und steckte die Geldscheine ins Portemonnaie. Ein alter großer Mercedes kurvte auf dem Parkplatz ein und blieb stehen. Mühsam quälte sich eine sehr kräftige Person aus dem Auto. Mindestens zwei Zentner oder mehr, schätzte Max und auch noch ein riesiger Vollbart. Das Gesicht war hinter den Barthaaren kaum zu erkennen. Ihre Blicke trafen sich sekundenlang. Erschrecken auf beiden Seiten: Charly! Max ging auf Charly zu, der verschloss mit zitternden Händen das Fahrzeug. Bis auf wenige Schritte hatte sich Max genähert. Abrupt drehte sich der Vollbart weg und bewegte sich wie gehetzt in die Gegenrichtung. Max hatte noch nicht begriffen und ging dem immer schneller werdenden Charly hinterher. Nach einigen Schritten wurde klar, der will dich nicht sehen. Enttäuschung, man hatte doch so viel miteinander erlebt …

Das 76. Lebensjahr hat Max nun überschritten. Zu vielen Klassentreffen mit ehemaligen Schülern war er eingeladen. Seine ältesten Schüler waren nun auch schon älter als 65 Jahre und viele Namen hatte er in Traueranzeigen gelesen. Die Einladungen zu Klassentreffen waren in den letzten Jahren weniger geworden. Da kam aber doch wieder eine Einladung zu einem Klassentreffen im Wohnort. Zuerst wollte er nicht gehen, dann aber überlegte er, der Sohn von Charly war doch Schüler in der Klasse gewesen und könnte vielleicht kommen? Max ging und stellte fest, Charlys Sohn war aus der Schweiz tatsächlich angereist. Nachdem der erste Trubel des Treffens abgeklungen war, suchte Max dessen Nähe. In einer ruhigen Ecke bestätigte der Sohn alle seine Vermutungen, über die Max nie mit jemanden gesprochen hatte. Zur gegenwärtigen Befindlichkeit der Eltern konnte er nichts sagen, auch nichts zu seinen Geschwistern. Er und seine Geschwister pflegen keine Kontakte zu den Eltern und auch nicht untereinander. Sie haben sich getrennt und leben verstreut in Europa …

Mittagessen vorbei. Viel Zeit hat man als Rentner und Rituale verfestigen sich mit den Jahren immer mehr. Auf dem Balkon hatte Max es sich bequem gemacht um auf dem Tablet die elektronische Tageszeitung zu lesen und sein Kreuzworträtsel auszufüllen. Vor dem Hochfahren des Tablet fiel ihm auf, dass der Balkonboden übersät war mit kleinen Pflanzenresten. Ein Spatzenpaar baute über ihm ein Nest, obwohl er doch alles so schön abgedichtet hatte. Er konnte sehen, was sie nicht durch die enge Lücke ins Nest einfügen konnten, das ließen sie einfach fallen. Nun schien aber schon Phase zwei im Nestbau zu laufen. Eine Feder für das Auspolstern schwebte langsam zu Boden. Da lagen schon mehrere.

Max knüpfte wieder an den Gedankengang „Charly“ an, den er nach seiner Vormittagswanderung unterbrochen hatte. Erstaunlich, woran man sich aus früheren Jahren so alles erinnert mit großer Klarheit. Wenn er heute am Herd steht und eine Zutat braucht, vergisst er manchmal auf dem Weg zum Kühlschrank, was er dort eigentlich wollte und musste zurück und den Gedanken noch einmal denken.

Charly und ich, dachte Max. Unter gleichen Bedingungen sind wir gestartet Mitte der 60er Jahre. Veränderungen bei Charly setzten ein mit nicht abgeliefertem Wild nach der Jagd. Eine Bestrafung erfolgte nicht, aber Charly wurde ein anderer: erst kaum merkbar, dann immer offensichtlicher. All seine guten Eigenschaften hatte er einem höheren Ziel geopfert und wohl auch an Abenteuer gedacht. Seine Familie löste sich auf und auch die Bindungen an die Vergangenheit verloren sich. Richtig schuldig fühlte sich Max. Er hatte die Wende gut bewältigt und konnte nicht anders, als die neue Wegstrecke wieder mit Aktivität zu bewältigen. Dabei zog er viele Unschlüssige mit, obwohl so manches mehr ein bildungspolitischer Abstieg als Erneuerung war in einem Land mit mehr als 1200 Lehrplänen in hoffnungsloser Kleinstaaterei. Nach Veröffentlichung der PISA Studie mit der Einordnung des deutschen Schulsystems auf Höhe der Entwicklungsländer, merkte die Politik auf und begann hektisch Maßnahmen zu ergreifen. Max hatte sich der Lesekompetenz, die in deutschen Schulen sehr im Argen lag, angenommen und reiste wie ein Wanderprediger von Schule zu Schule. Nach kurzer Zeit des Erschreckens fiel alles wieder in den alten schulpolitischen Trott zurück.

Er, Max, ist im Gegensatz zu Charly unspektakulär seinen Weg nach 45 Lehrerjahren zu Ende gegangen. Nach Verabschiedung seiner letzten Abiturklasse saß er dann am Nachmittag mit dem Karton seiner Utensilien auf der Treppe vor seinem Klassenraum und hat den neuen Lebensabschnitt erstmal eingeheult. Seine Schüler und Schule würden ihm fehlen. Den letzten Lebensabschnitt hatte er der Besichtigung der Welt gewidmet, 68 Länder bereist, seinen Fuß auch mal auf den Boden von Antarktika gesetzt, Pinguine gestreichelt, Wale beobachtet, alle Weltmeere durchpflügt, oft den nördlichen und südlichen Wendekreis überquert und am Äquator mehrmals mit Neptun zu tun gehabt. Mehr als ein Jahr war er auf Hoher See unterwegs.

Nun ist Pandemiezeit mit Corona und die wenige verbliebene Lebenszeit ist vorerst eingegrenzt. Und Charly? Der sitzt wohl immer noch in Finnlands weiten Wäldern herum und hofft dass die DVD der Amerikaner nicht so gründlich ausgewertet wird. Zeit läuft weiter und vielleicht muss die Zeit nach 100 Jahren und mehreren Generationen ohne Menschen zurecht kommen. Niemand würde dann die Spatzen beim Nestbau mehr beobachten können. Max war eingeschlafen …

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