11. Ich war Kamikaze – Todesflieger

Eben war die Trauerfeier vorbei. Die Trauergemeinde sammelte sich vor der Trauerhalle des Ortsfriedhofs, um dem Bestatter mit der Urne in das entlegene Urnenfeld zu folgen. Die Grabstätte für die Urne war ausgehoben; die Urne wurde versenkt und der Trauerzug formierte sich in Reihe, so dass jeder vor der letzten Ruhestätte verharren kann, um einen letzten Blumengruß einzuwerfen. Dahinter nahmen dann die Angehörigen die Beileidsbekundungen entgegen. Viele waren gekommen. Die meisten kannte ich; nur wenige Fremde waren zu sehen. Die Reihe der Wartenden bewegte sich nur langsam vorwärts. Meine Gedanken gingen zurück zu der eben verklungenen Trauerrede. Der Redner soll ein ehemaliger Kollege gewesen sein. Viele gute Worte fand er und blieb dann bei der Jugendzeit des Verstorbenen hängen. Warum nur hatte er die freiwillige Meldung zur Wehrmacht 1945 als Todesflieger so breit ausgelegt. Das Wort „Kamikazeflieger“ wiederholte er noch einmal nachdrücklich und machte dann eine bedeutende Pause. In der Stille der Trauerhalle wurde es noch stiller. Das wusste vorher niemand. Hatte sein ehemaliger Kollege und Mitarbeiter noch alte Konflikte aufzuarbeiten mit dieser Mitteilung? Irgendwie gehörte diese Entscheidung eines kaum 18jährigen nicht hierher in diese letzte Lebenswürdigung, hatte er doch ein ganz anderes Leben gelebt! Bis zu diesen Minuten dachte ich, dieses Geheimnis als Einziger zu kennen. Die Reihe der Trauergäste war weiter vorgerückt. Leise sprach man miteinander.

Vor einiger Zeit ließ mich ein Telefonanruf wissen, ich solle doch bitte mal bei einem ehemaligen erkrankten Kollegen vorbei schauen. Er wolle mich sehen, sei nicht mehr auf der Höhe und es sähe auch nicht gut aus mit ihm. Die Krankheit hatte ihn gezeichnet. Über den körperlichen Verfall war ich dann aber doch erschrocken. Seit 50 Jahren kannten wir uns von der Arbeit, waren uns aber auch privat näher gekommen. Er versprühte Aktivitäten, hatte eine klare Meinung zu Beschlüssen von Partei und Regierung, erwartete von jedem 100 Prozent, handhabte aber alles, was ihm von oben aufgedrückt worden war, praktikabel ohne Überspitzungen und mit Nachsicht. In den vielen Jahren der Bekanntschaft war Gesundheit nie ein Problem für ihn und Ärzte kannte er nur von Reihenuntersuchungen. Während meines Besuchs sah er sich von mir mitgebrachte Fotos an, lehnte sich nach kurzer Zeit aber erschöpft zurück und ich dachte an unsere erste Begegnung Anfang der 60er Jahre. Inzwischen war die Reihe dem Urnenplatz etwas näher gekommen. Ich hing weiter meinen Erinnerungen nach.

Nach dem Studium wurde ich in ein ganz kleines Dorf eingewiesen, viele Kilometer entfernt von der Zivilisation. Das hatte ich so unterschrieben zu Studienbeginn, 2 Jahre dorthin zu gehen, wo ich gebraucht würde. Große wohlhabende Bauernhöfe bestimmten das Dorfleben; eine LPG Typ 1 war gerade gegründet worden, tat sich aber mit der kollektivierten Dorfarmut schwer. Schule gab es dort auch: zwei kleine ehemalige Einklassenschulen in zwei einige Kilometer entfernten Dörfern. Durch den Umbau der Lehrerwohnung hatte man jeweils einen Klassenraum hinzugewonnen. Die vier Klassenräume reichten für den Stufenunterricht von Klasse 1-8 aus. Zwischen den in Tälern liegenden Dörfern waren gute 3,5 Kilometer über Anhöhen zu überwinden. Um halbwegs Fachunterricht zu erteilen wurden die Lehrer zu Wanderlehren mit kleiner Zulage. Die Zustände ließen sich mit Ehm Welks „Die Heiden von Kummerow“ gleichsetzen. Die Zeit war scheinbar stehen geblieben in dieser Dorfschule mit dem anspruchsvollen Namen „Polytechnische Oberschule“.

Die Schüler kamen meist pünktlich, aber die Lehrer hatten früh viel zu bereden. Von 8 -10 Uhr wurde unterrichtet, dann war erst mal eine Stunde Pause bei der Hausmeisterin. Die hatte einen neuen Fernseher, Kaffee und konnte mit gutem Bild den „Ochsenkopf“ aus Bayern empfangen. Manchmal wurden interessante Serien gesendet. Dann hatten die Schüler lange Pause. Einmal im Monat setzte der Schulleiter eine Dienstberatung an. Immer wurden Leberwurstbrötchen gereicht und eine Flasche „Halb und Halb“, hochprozentiger süßer Likör, angebrochen. Zu diesen Veranstaltung brachte der Schulleiter immer alle aufgelaufene Post ungeöffnet mit. Er hielt das für Demokratie. Amtliche Post sollte im Beisein des Kollegiums geöffnet werden. Vieles hatte sich schon von allein erledigt, anderes wurde besprochen und abgeheftet. Nur einmal erregte dieses Prinzip Unwillen, weil die Winterferien von der Schulbehörde wegen extremer Kälte vorverlegt worden waren. Eine Woche der Winterferien unterrichteten wir länger, durften dann aber die Ferien nicht um eine Woche länger ausdehnen. Statt zwei Ferienwochen gab es für Lehrer und Schüler nur eine Ferienwoche. Da war das Brieföffnerprinzip im Kollegium gründlich schief gegangen und wurde in Frage gestellt.

Im Jahr 1964 schneite es reichlich im Januar und der Sturm hatte den Schnee ins Tal geweht. Obstbäume schauten nur noch mit den Kronen heraus. Zwischen der 4. und 6. Stunde musste ich über die Anhöhe in die andere Schule wandern. Die Höhe war kahl gefegt, es war kalt und unten im Tiefschnee des Tals bewegte sich etwas. Erst dachte ich, ein Reh, aber dann sah ich, ein Mensch versucht sich durchzukämpfen. Rufe fetzte der Wind weg. Also dann hinunter in den Tiefschnee, Hilfe leisten. Ein Mensch bückte sich immer wieder und auf Rufweite war zu erfahren, er habe seine Halbschuhe im nassen Schnee verloren. Die Schuhe wurden gefunden und er war seinem „Retter“ dankbar. Er fragte dann, ob ich den neuen Lehrer im Ort kenne? Froh war er, seinen Ansprechpartner gefunden zu haben. Er käme von der Kreisabteilung für Volksbildung, sei der zuständige Schulinspektor und wollte an der Schule nach dem Rechten sehen. Ich nahm ihn mit in meine Wohnung über dem Schweinestall. Nachdem er aufgewärmt war und schulische Belange beredet waren, begleitete ich ihn zur fast 4 Kilometer entfernten Bushaltestelle an die Landstraße. Zuvor teilte er noch mit, die Schule würde bald aufgelöst. Stufenunterricht in einer solchen Zwergschule würde es nicht mehr geben. Er würde eine andere Schule für mich finden, was er dann auch getan hat. Wie die Jahre doch vergangen sind, dachte ich in der Reihe vor der Grabstelle? Die Erinnerung an den letzten Besuch bei dem Verstorbenen wurde wieder lebendig. Nun ist er 85 Jahre, von Krankheit gezeichnet und es war wohl mein letzter Besuch! Das Sprechen fiel ihm damals schwer. Seine Frau hatte Tee gebracht. Er begann von seiner Jugendzeit zu erzählen, vom Krieg, vom Gymnasium in G. Ende 1944 und seiner 12. Klasse.

Leise begann er: „Eines Tages, Mitte Dezember 1944, kamen Werbeoffiziere von der Luftwaffe,“ berichtete er. „Jagdflieger wurden gesucht und ein Notabitur versprochen. Die meisten Jungen der Klasse sagten zu, wollten noch Helden werden. Alles ging jetzt sehr schnell: Notabitur und Aufnahme in einen Fliegerhorst irgendwo bei Standel. Es ging dort Mitte Januar 1945 ohne Umschweife zur Sache. Einige Stunden Theorie, dann wurde geflogen. Die Maschinen hatten schon ein Kriegsleben hinter sich, was an mehreren verklebten Einschusslöcher auszumachen war. Bei den Übungen ging es um den Start und der Zielfindung im Sichtflug. Am Ziel angekommen wurde immer wieder geübt, abkippen über einen Flügel, Gashebel auf Anschlag und Sturzflug. Der mitfliegende Fluglehrer fing die Maschine dann ab und übernahm die Landung. Anfang April 1945 dann kamen Parteigrößen und gestandene Fliegerhelden und forderten Mut zu beweisen, Heldentum zu zeigen und das eigene Leben nicht zu schonen für das Deutsche Volk in seiner schwersten Stunde. Nun ging es um den „Rammstoß“, sich aus großer Höhe auf alliierte Bomberverbände zu stürzen. Davon hatten wir gehört. Die Verlustquote lag bei 95 Prozent. Fast alle sagten zu, auch ich. Gruppenzwang und NS Propaganda zeigten ihre Wirkung, der versprochene Eintrag in das Deutsche Heldenregister auch. Ab sofort änderte sich der Umgang mit den Vorgesetzten. Es gab gutes Essen, Schokolade und französischen Alkohol.“ Hier stockte er wieder mit seiner Erzählung.

Das Wort „Kamikazeflieger“ kam jetzt schon mal vor. Russische und englische Piloten führen den Rammstoß auch aus und da fiel der Begriff „Todesflieger“ als deutsche Variante. Jetzt verstanden wir, warum die Landung von Flugzeugen von Anfang an nicht zum Ausbildungsprogramm gehörte.“ Er stockte in seiner Erzählung, trank einen Schluck Tee. Die Erinnerung an die Zeit hatten ihn tief bewegt. „Nach dem 1. April 1945 sickerte bei uns durch, dass ein englischer Bomberverband aus großer Höhe angegriffen worden sei, erzählte er weiter. Die deutschen Verluste bei den Rammstößen lagen hier bei mehr als 90 Prozent. Nach diesem Einsatz wurden weitere „Selbstopfer Piloten“ gesucht. Wieder blieben fast alle dabei, ich auch. Ich hatte mich entschieden. In der Stube war die Entscheidung für das Lebensende kein Thema. Wir sprachen nie darüber. Der Gedanke wurde verdrängt. Alle ließen es sich gut gehen bei Alkohol und gutem Essen. Abends, kurz vor dem Einschlafen, mogelte sich der Gedanke an die Endlichkeit des Lebens in wenigen Tagen doch mal durch. Ich tröstete mich damit, dass andere beim Angriff aus dem Schützengraben auch keine größeren Lebenserwartungen hätten. Die Zeit war eben so, der Tod allgegenwärtig! Der Einsatzbefehl kam schneller als gedacht. Mitte April muss es gewesen sein! Die Russen hatten die Oder erreicht und die anderen Alliierten Mitte März den Rhein überschritten.

Alle ausgewählten Flieger sollten ihre Sachen zusammenpacken und noch einige Zeilen an ihre Angehörigen schreiben. Ich packte meine persönlichen Sachen zusammen, steckte aber mein Soldbuch in die Uniformtasche. Warum weiß ich nicht. Früh zur Befehlsausgabe wurde die Luftlage erklärt. Feindliche Jäger und Bomberverbände gab es nicht in der Flugzone; Wetterkapriolen waren nicht zu erwarten. Der Befehl zum Flug ohne Wiederkehr lautete: Richtung Osten bis zur Oder und Zerstörung einer zugewiesenen Oderbrücke, um den Vormarsch der Russen zu stoppen. Zwei Maschinen wurden eingeteilt, die bis zur Grenze ihrer Tragfähigkeit mit Sprengstoff beladen waren. Treibstoff gab es nur für den Flug bis zur Oder. Auf der Startbahn standen zwei Maschinen abflugbereit, dahinter weitere. Die Motoren waren schon angelassen. Der Mechaniker wollte guten Flug wünschen, biss sich dann aber auf die Lippen, weil diesmal eine Rückkehr nicht vorgesehen war. Sonst kamen ja einige wenige Piloten wieder zum Standort zurück. Andere vom Bodenpersonal vermieden es uns anzuschauen. Die Maschinen, die auf Startposition standen, waren arg lädiert; Einschüsse waren überklebt und nicht einmal das Hoheitszeichen hatte man mit Farbe nachgezogen. Einmal war ich schon mit dieser Maschine geflogen. Die zwei Maschinen starteten. Der Startvorgang zog sich bis ans Ende der Piste hin, weil die Maschinen überladen waren. Meinen Flugpartner kannte ich nur vom sehen. Wir sprachen vor dem Start nicht miteinander. Was sollten wir auch sagen? Es war ein schöner Tag, der letzte Lebenstag mit meinen 18 Jahren. Den Gedanken verdrängte ich. Die Sonne war aufgegangen, der Himmel war leicht bedeckt. Wir überflogen Wälder, Wiesen, Dörfer, Städte in Richtung Oder. Mit meinem Rottenkamerad hatte ich nicht verabredet, wer sich zuerst in den Tod stürzt. In Odernähe war eine schöne große Wiese zu sehen und hier machte sich erstmals der Gedanke breit: hier landen und abhauen!

Die im Befehl angewiesene Brücke war gefunden. Am Ufer waren Militärfahrzeuge und Panzer zu sehen. Die Russen schickten sich an, die Brücke zu überqueren. Da unten schienen sie klein und ungefährlich. Vereinzelt wurde geschossen. Sie waren wohl irritiert, weil wir nicht angriffen. Mein Rottenkamerad setze aus dem Anflug heraus zum Angriff an. Vorher wackelte er noch zum Abschied kurz mit den Flügeln. Der Sturzflug wurde aus einer ungünstigen Position heraus gestartet. Er kippte über den rechten Flügel ab und raste mit heulenden Motoren der Erde entgegen. Eine gewaltige Explosion versetzte unten alles in Qualm und Nebel. Meine Maschine erzitterte und wurde von der Druckwelle nach oben geschleudert. Jetzt hatten die Russen begriffen, was wir vor hatten und heftiges Feuer setzte ein. Ich musste handeln, bevor sie mich treffen. Die Maschine ließ ich abkippen, zog beide Gashebel bis Anschlag auf und raste der Erde entgegen. Nach einer zehntel Sekunde dachte ich an die Wiese vor der Oder. Ich wollte nicht sterben, zwang die Maschine in eine Schleife. Dabei hatte ich Angst, sie bricht auseinander und ich überlebe das Manöver nicht. In einer weiten Schleife über dem Aufmarschgebiet zog ich die Maschine wieder hoch und dachte nur noch an die Wiese. Kurzer Flug wieder nach Westen, dann war die Wiese nach Überquerung der Oder zu sehen. Zweimal überflog ich diese Wiese, weil mir eingefallen war, dass so kurz hinter der Front sich deutsche Stellungen befinden könnten. Von weiter unten sah die Wiese dann nicht mehr so eben aus. Sie wurde von gut getarnten Verteidigungsanlagen durchzogen. Militär war nicht mehr zu sehen.

Selbständig gelandet war ich bisher kaum, hatte wenig Erfahrungen und die Maschine war überladen. Nach dem ersten Aufsetzer machte die Messerschmitt einen gewaltigen Sprung und überquerte einige größere verlassene Stellungen. Sie setzte wieder auf und nach zwei weiteren kleineren Hopsern holpert sie auf den Waldrand zu. Der rechte Motor hatte Aussetzer und gleich darauf blieb auch der andere stehe. Sprit alle! In Panik schnallte ich mich ab, denn jede Sekunde könnte diese fliegende Bombe doch noch hochgehen. Daran hatte ich bis jetzt überhaupt nicht gedacht. Mit meinen Ausrüstungsgegenständen, einen Fallschirm hatte man uns nicht mitgegeben, hastete ich in den nahen Wald. Weg, nur weg von hier! Alle Ausrüstungsgegenstände streifte ich ab, ließ sie liegen und rannte. An das Soldbuch in der Uniform dachte ich nicht.“

Erst jetzt machte sich bei mir der Gedanke breit, sollten mich deutsche Soldaten erwischen, hängen die dich als Fahnenflüchtigen sofort an den nächsten Baum. Die Russen wären sogar das kleinere Übel! Die Front war immer zu hören auf meinem Weg nach Westen, Die Russen überholten mich dennoch. Die Deutschen leisteten wohl keinen nennenswerten Widerstand in diesem Frontabschnitt. Als ich aus meinem Tagesversteck aufbrechen wolle bei anbrechender Dunkelheit, erwische mich eine Streife. Junge russische Soldaten in meinem Alter hatten sich einen “Fritz“ gefangen und genossen nun im Kriegsalltag ihren Spaß, mir die Kolben ihrer Maschinenpistolen in den Rücken zu stoßen oder mich in den Hintern zu treten. In einer Sammelstelle wurden die Aufgegriffenen erfasst und nach zwei Tagen in ein Gefangenenlager gebracht: eine alte Scheune mit einigen halb intakten Gebäuden, rundherum gab es viel Stacheldraht. Anfang Mai riefen die Posten durch den Zaun: „Hitler kaputt!“ Sie ballerten in die Luft und Mittag gab es eine Kartoffel mehr … Der Mai und Juni 1945 waren halbwegs warm und so war es auszuhalten hinter dem Stacheldraht. Wir verhungerten nicht und konnten sehen, die Russen hatten auch kein viel besseres Essen..“

Anfang August bestellte man mich in die Kommandantur. Dort saß ein russischer Offizier, der mein Soldbuch vor sich liegen hatte. Ich musste erzählen, wie ich mit 18 Jahren in den Krieg gekommen bin. Von meiner Mission als „Todesflieger“ und der mit Sprengstoff beladenen Maschine sagte ich nichts. In dem Soldbuch waren kaum Eintragungen vorgenommen worden. Es gab wichtigeres in dieser Zeit. Meine Darstellung zu Notabitur und Einberufung schien glaubhaft zu sein. Welch Glück, dass ich das Soldbuch dabei hatte! Nach wenigen Tagen wurde ich und einige andere 18jährige mit einem Militärfahrzeug zur nächsten Bahnstation gefahren. So schlug ich mich nach Thüringen in meinen Heimatort durch.“

Neulehrer wurden dort gesucht und da ich gültige Entlassungspapiere hatte, konnte ich mich bewerben. Der Kriegseinsatz hatte mich gelehrt, so etwas darf nie wieder passieren. Dafür will ich etwas tun. Nie wieder Krieg! Als Lehrer geht das am besten.“ Hier endete sein Bericht und mit geschlossenen Augen war er in sich zusammengesunken. Mich hatte er vergessen; der Bericht hatte ihn stark mitgenommen. Inzwischen war ich an der Urnengrabstelle angekommen. Wie mein Vordermann nahm ich eine Rosenblüte und warf sie in die kleine Öffnung zu den anderen Blüten. Der Mann vor mir, den ich nicht kannte, hatte Tränen in den Augen. Mit einer Verbeugung und kurzem Innehalten erwies ich ihm, dem Arbeitskollegen, Helfer in vielen komplizierten Situationen und auch Freund, die letzte Ehre, sprach den Angehörigen mein Beileid aus und ging tief in Gedanken versunken über den Friedhof zurück.

Sein weiteres Leben nach dem Antritt der Neulehrerstelle war mir bekannt aus Berichten anderer Lehrerkollegen und aus eigenem Erleben. Als sein Vater am 17. Juni 1953 Stimmführer wurde beim Aufstand und mit Gefängnis bestraft wurde, distanzierte er sich vom Vater. Sein Leben war über die Jahrzehnte geradlinig verlaufen; er vertrat seinen Standpunkt und versuchte alle politischen Entscheidungen und Anweisungen auf ein praktikables Format zusammenzustutzen. Ich dachte nach seinem Lebensbericht über die gestohlene Jugend all dieser Flakhelfer, Flugzeugführer, U-Boot Fahrer und der anderen jungen Soldaten oder Helferinnen in den Lazaretten nach. Wie hätte sich ihr Leben ohne diesen Krieg entwickelt? Nun sind sie alle am Ende ihres Lebens angekommen mit über 80 Jahren. Sie haben erlebt, was Krieg wirklich bedeutet. Hautnah verbunden mit ihnen fühlt sich auch noch die folgende Generation, die in Kindertagen Krieg und Nachkriegszeit erlebt hat.

Langsam ins Dunkel der Geschichte entschwinden Kriegsereignisse und individuelle Erlebnisse. Erfahrungen werden von der Geschichte geschluckt, auch die Geschichte eines Harald Schwirz, der mit 17 Jahren, geblendet von der Ideologie der Nazis, noch schnell zum Helden werden wollte. Er hatte aus den Kriegserlebnissen gelernt und beschlossen, der Jugend einen friedlichen Weg zu weisen als Neulehrer. Jahrzehnte war er als geachteter Schulmann in leitender Kreisfunktion bemüht, Beschlüsse von SED und Regierung auf ein praktikables Maß zu reduzieren und damit seinen Kollegen verständlich zu machen. 1989, zur Wende, ging er in Rente. Als linker roter Abgeordneter war er von vielen Bürgern der Stadt gewählt worden. Im Stadtrat war er dann über das 80. Lebensjahr hinaus aktiv tätig. Wieder verdiente er sich Anerkennung, weil er Entscheidungen der neuen Mächte praktikabel und bürgerverträglich in der Umsetzung mit gestaltete.

Wieder und wieder wurde er gewählt …

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