4. 1963 – Feuer in der Schule

Studium als Diplomlehrer abgeschlossen, erster Einsatzort, kleine Dorfschule nahe der Bezirksstadt, „dort, wo man gebraucht wurde“. Busanschluss gibt es nicht und die Schule besteht aus 4 Klassenräumen mit 8 Klassen in zwei Dörfern.
Paul Meskat hatte während des Studiums nicht gehört, dass es den Stufenunterricht noch gibt, dass zwei Klassenstufen gleichzeitig in einem Raum unterrichtet werden.
Eine Kontrolle der Schule durch die entsprechende Abteilung Volksbildung ist seit Jahren nicht erfolgt; kein Inspektor hat sich an diese Schule verlaufen. Die Sitten waren etwas verlottert und erinnerten an trautes Schulmeisterleben irgendwo im Heidesand. Lehrer und Pfarrer waren noch anerkannte Größen. Der Bürgermeister als Staatsmacht hatte wenig zu melden.
Ganz am Anfang fragte Paul Meskat mal den Schulleiter nach den Pausenzeiten und anderen Formen der Schulorganisation. „Mach einfach Pause, wenn du denkst!“ war die Antwort des leitenden Lehrers.
Paul war aber mit 45 Minuten Stunden aufgewachsen und daran gewöhnt; 60 und mehr Minuten Unterrichtszeit lagen ihm nicht.
Die Pausenlänge richteten sich häufig nach dem Vormittagsangebot des bayrischen Rundfunks vom Ochsenkopf. Bei der Hausmeisterin lief der Fernseher ständig und sie reichte frische Leberwurstbrötchen an die zwei Lehrer der Teilschule aus. Die Schüler fühlten sich beaufsichtigt, tobten herum und die Eltern fanden auch nichts dabei. Das war immer schon so und auch Paul gewöhnte sich schnell daran. Der frische Wind der Bildungspolitik der DDR hatte diesen abgelegenen Zipfel des Landes noch nicht erreicht.

Schüler traten mindestens einmal pro Woche auf dem Schulhof an. Es gab Anweisungen. Es wurde gelobt, getadelt und auch bestraft. Die Jugendorganisation Junge Pioniere und FDJ kamen hier auch zu Wort. Ohne Schulleitung war diese Organisation jedoch nicht handlungsfähig!


M
onatliche Dienstberatungen waren ein Höhepunkt im Landlehrerleben des Kollegiums.
Eine Flasche „Halb und Halb“ – Kräuterlikör im höheren alkoholischen Prozentgehalt – kam zum Einsatz auf den Tisch und … frische Leberwurstbrötchen. Der Schulleiter legte die monatlich gesammelte ungeöffnete Post auf den Tisch und begann sie zu öffnen und zu verlesen. Viele Anweisungen der Staatsmacht hatte die Zeit bereits erledigt, der Rest wurde beiseite gelegt.
Diese unbürokratische Schulführung hatte aber auch ihre Nachteile. Paul erinnerte sich, dass eine Kollegin um den Februar herum in der Bezirksstadt einen Arzttermin wahrnehmen musste. Sie wunderte sich über die vielen Kinder auf der Straße, fragte und erfuhr, seit einer Woche seien Ferien wegen der Kälte, vorverlegt. Die verlorene Woche Ferienzeit durfte nicht nachgeholt werden. Während er nächsten Dienstberatung ignorierte das Lehrerkollegium „Halb und Halb“ und Leberwurstbrötchen. Man war verärgert über die verlorene Ferienzeit.
Die wenigen technischen Unterrichtsmittel der Schule waren kaum einsatzbereit. Paul hatte noch Ideale und wollte reparieren. Nach einer nachmittäglichen Arbeitsleistung an den vergammelten technischen Geräten, einer TK 16, ausgemustert vom Landfilm, trat er vor die Schultür, schaute zum Nebengebäude und meinte Flammen zu sehen über dem Dach, dann waren sie auch wieder weg. Mal nachsehen! Er stieg die Treppe hinauf. Auf halber Höhe kam ihm der Sohn der Reinigungsfrau entgegen und meinte, dass es da oben brenne. Paul schaute nach und sah, dass ein individueller Löscheinsatz nicht mehr möglich war.
Was tun? Paul überlegte: Feuerwehr – Telefon! Der LPG Vorsitzende gegenüber der Schule mit dem größten Hof hatte Telefon. Außerdem hatte ein Kollege dort eingeheiratet, der ein Jahr länger an der Schule arbeitete und Mathe/Physik unterrichtete.

Handarbeitsunterricht wurde für Jungen und Mädchen erteilt. Die Mädchen hatten Freude daran; die Jungen dachten meistens an etwas anderes …


Das Anrufen der Notrufnummer für Feuer gestaltete sich schwierig. Es gab kommunikative Schwierigkeiten. Aus dem Hörer war zu vernehmen: „Wir lassen uns doch nicht dauern verscheißern. Auf solche Meldungen fallen wir nicht mehr rein!“ Weitere Anrufe führten zur gleichen Auskunft.
Zufällig war der Pfarrer in dunkler Dienstkleidung unterwegs. Er probierte die Feuermeldung auch: gleiches Ergebnis.
Damit fand sich der Dorfpfarrer nicht ab und entpuppte sich als energisches Organisationstalent: eine Bäuerin bekam den Kirchenschlüssel und den Auftrag zu läuten, um den Bauern der umliegenden landwirtschaftlichen Arbeitsstellen eine Notlage anzuzeigen. „Ihr“, und damit meinte er Paul und den Physikkollegen und die aufgelaufenen Bäuerinnen, „holt den Spritzenwagen und stellt ihn am Dorfteich auf, holt die Motorspritze raus und legt Saugkorb und Schläuche aus!“
Der Wagen war schwer und eigentlich für einen Traktor gedacht. Darum wurde er nicht zu der vorbereiteten Saugstelle gefahren, sondern der nächste Standort am Teich ausgewählt. Exakt und Präzise waren die Anweisungen des Dorfpfarrers. Das Feuer hatte bereits den ganzen Dachstuhl erobert und prasselte vom Wind getrieben eindrucksvoll vor sich hin.
Paul und der Physiklehrer teilten die Frauen ein zum Verlegen des Saugschlauches und der Schlauchlängen zum Brand. Paul verschraubte die Schlauchkupplungen, setzte das Strahlrohr an und teilte mehrere Frauen ein, das Strahlrohr gut festzuhalten, wenn Wasser kommt. Pfarrer und Physikkollege bemühten sich um die Motorspritze. Nach einigen Fehlzündungen sprang sie an. Sie saugte aber nicht. Pfarrer und Physiklehrer erörterten physikalische Prinzipien, drehten entsprechende Ventile in der richtigen Reihenfolge. Das Pumpwerk begann und die Drehzahlen wurden erhöht. Das Wasser in den fast 200 Metern Schlauch war schneller bei den Frauen, als Paul die Entfernung bewältigen konnte. Der Schlauch war steinhart geworden und schleuderte die Frauen umher. Erst, nachdem Paul mit angefasst hatte und das Kommando übernahm, gelang es, den Brandherd zu treffen.

Arbeitseinsätze für Lehrer, Schüle und Eltern, waren Normalität. Beim Abriss und Neuaufbau des Nebengebäudes mussten alle zufassen, mehrere Stunden die Woche und am Wochenende.

Wenn der Wasserstrahl traf, sah es für den Brand nicht gut aus. Ziegel, brennende Bretter, ja ganze Fachwerkteile wurden durcheinander geschleudert.
Nach kurzer Arbeit setzten an der Maschine Fehlzündungen ein. Es knallte, die Maschine verharrte und dann pumpte sie weiter. Die Leute am Strahlrohr rannten im Rhythmus der Zündunterbrechungen mit dem Schlauch hin und her und zielten dann wieder auf den Brand.
Am Strahlrohr waren jetzt genug Leute; Paul konnte zur Maschine laufen. Dort standen mehr Zuschauer als beim Brand und beobachteten das Gerät aus respektablem Abstand ehrfürchtig. Der Auspuff begann sich gerade von dunkelrot zu hellrot zu verfärben. Immer wieder gab es ohrenbetäubende Fehlzündungen. Ein alter Mann sagte in einer Aussetzerpause zu Paul: „Spritze ist unverwüstliches russisches Modell, kenne ich aus der Gefangenschaft in Russland!“
Der Wassereinsatz auf das Feuer zeigte Wirkung und da war doch das Tatütata der angeforderten Feuerwehr zu hören.

Sie besichtigten und bauten eine zweite Löschlinie auf, lobten den örtlichen Brandeinsatz und staunten über die Haltbarkeit des Materials. Eigentlich hätten die Schläuche diesen Pumpdruck nicht überstehen können! Sie löschten letzte Feuernester und rissen einige Mauern ein. Die Feuerwehrleute lobten weiter und Paul dachte sich, dass sie wohl ihren verspäteten Einsatz vergessen machen wollten.
Die Kirchenglocke hörte auf zu läuten, an der Brandstelle dampfte es noch und Rinnsale des Löschwasser liefen aus der Brandstätte. Der Bürgermeister ließ eine Flasche Korn kreisen und bedankte sich bei Paul und seinem Kollegen für die Umsicht und auch dafür, dass der Dorfteich gereinigt worden sei. Der Pfarrer wurde in den Dank nicht mit einbezogen, ideologisch sozusagen. Ein Industriearbeiter als Bürgermeister, der aufs Land gegangen war, wusste, was sich gehört!
Da der Ansaugschlauch an der tiefsten Stelle des Teiches angelegt worden war, hatte der Saugkorb den ganzen Entendreck abgepumpt und auf das Feuer geschleudert. Jetzt war auch klar, warum alle, die mit dem Wasser zu tun hatten, so streng rochen.
Das Schulhaus war gerettet; Schule konnte am nächsten Tag stattfinden. Nur das Nebengebäude hatte es erwischt. Als Brandursache wurde der 12 jährige Sohn der Reinigungsfrau ermittelt, der auf dem Boden geraucht hatte und die Zigarette achtlos in eine Leergut Palette mit Holzwolle geworfen hatte, als seine Mutter nach ihm rief. Die Versicherung zahlte einiges, auch das, was gar nicht in dem Nebengebäude vorhanden war!
Ein Jahr später wurde die Schule aufgelöst und Schüler und Lehrer auf umliegende Schulen verteilt.

3. Schulstrafe 1952 – Kampf gegen das Unrecht

Grundschule, Winter, Schulbrot in der Klasse vergessen; zurück in den Klassenraum, Frühstücksschnitten holen.
Da, im Klassenraum, ein Kreidestück auf dem Boden. Paul blickt an die Wandtafel, ein Schülermachwerk erkennbar, ein nackter Frauenkörper mit üppigen Attributen der Weiblichkeit. Bildunterschrift: „Inge Klier“.
Gedankenverloren, den Blick an der Tafel hob er das Kreidestück langsam auf und drehte es zwischen den Fingern.
Die Klassenraumtür hatte sich leise geöffnet; ein Lehrer sah einen Schüler, der in der Pause im Klassenraum nichts zu suchen hatte, sah die obszönen Tafelschmiererei und Paul mit einem Kreidestück in der Hand.
Eigentlich war alles klar, der Missetäter war überführt. Leugnen zwecklos! Ganz großes Vergehen!

1953 – 7. Klasse auf der Schultreppe; Fotos damals waren noch ein besonderes Ereignis

Am nächsten Tag hatte Paul mit seiner alleinerziehenden Mutter zum Pädagogischen Rat der Lehrer zu erscheinen. Die Verworfenheit der Kinder im allgemeinen und speziellen Fall wurden ausführlich beleuchtet. Paul war in andern Zusammenhängen schon aufgefallen, besonders durch Faulheit.
Leugnen half nicht bei der erdrückenden Lage der Indizien. Der verstockte uneinsichtige Sünder, der die Tat abstreiten wollte, zeigte keinerlei Reue oder Einsicht.
Auf Beschluss der Lehrerkonferenz wurde entschieden, eine Woche Strafe: drei Tage Schulverbot; dreimal 2 Stunden Nachsitzen, Sprechverbot der Mitschüler mit dem Bestraften. Die alleinerziehende Mutter rundete mit einer Woche Stubenarrest die Bestrafung ab.
Paul verstand die Welt der Erwachsenen nicht mehr. Mehr Ungerechtigkeit ging nicht!
Vergessenes Pausenbrot im Klassenraum holen, das war eine gefährliche Angelegenheit. Wo blieb die Gerechtigkeit? Wut auf Lehrer und Schule wuchsen uferlos …

Drei Tage schulfrei – unter normalen Bedingungen ein Geschenk -, aber jetzt?
Durch die Gardinen beobachtete er heimlich wie die Mitschüler zur Schule gingen und heim kamen. Schule, sonst immer ein notwendiges Übel, bekam durch das Verbot eine neue Perspektive. Neid auf die anderen Schüler kam auf, Wut auch auf den Feigling, der die Tafel beschmiert hatte und nicht bestraft worden ist. Die Sehnsucht nach Schule und verbotenen Unterrichtsstunden wuchs täglich.
Das Nachsitzen nach dem Unterricht begann am Donnerstag. Nicht mit den Mitschülern reden zu dürfen verletzte stärker als die Aussicht auf Nachsitzen plus Strafarbeit.
Alle Mitschüler hielten sich an das Redeverbot, da der Klassenleiter die Verwerflichkeit der Tat anschaulich und überzeugend vermittelt hatte.
Nachsitzen, das hieß, in der leeren Schule Strafarbeit zu verrichten. Paul musste einen dreizeiligen erziehungswirksamen Text 400 mal abschreiben. Gewertet wurden nur die Textteile, die gut geschrieben und fehlerfrei waren. Nach 20 Textwiederholungen wurde die Schrift immer unleserlicher, Fehler machten sich breit. Er legte eine Pause ein!
Vorsichtig öffnete Paul die Tür zum Flur und bemerkte, dass die Reinigungsfrauen in einem anderen Schulteil säuberten.
Gegenüber auf dem Fensterbrett stand eine Literflasche blauer Tinte zum Auffüllen der Tintengläser in den Schulbänken. Die Doppeltür zum Schulleiterzimmer nebenan stand weit offen; ein riesiger Gummibaum mit vielen Verzweigungen dominierte den Raum. Liebevoll waren die Zweige an den Wänden entlanggeführt worden.
Im unteren Flur rumorten die Reinigungsfrauen.
Ein Gedanke schaffte sich Raum im Kopf und formte sich. Die Wut über das erlittene Unrecht beschleunigte den Puls und trieb den Gedanken in den Elementen Tinte + Gummibaum vorwärts: Tintenflasche öffnen, in den völlig ausgetrockneten Pflanzkübel des Gummibaums gießen, zurück in den Klassenraum und weiter Strafarbeit schreiben. Alles erfolgte sekundenschnell, Erleichterung! Er hatte seiner Wut auf Lehrer und Schule ein Ablassventil geöffnet.
Am nächsten Morgen beobachtete Paul, dass Lehrer einzeln und in Gruppen häufiger als üblich in das Zimmer des Schulleiters pilgerten und sich anschließend angeregt unterhielten.
Zwei Tage später konnte Paul den Grund für die häufigen Lehrerbesuche beim Schulleiter selbst sehen. Der bewusste Gummibaum stand traurig und mit hängenden Zweigen auf der Schultreppe. Einige Blätter ganz oben zeigten noch eine intensive blaugrüne Färbung; die anderen Blätter hingen braun und schlaff herunter.
Paul staunte!
An diese Wirkung hatte er nicht gedacht. Der ausgetrocknete Gummibaum hatte wohl allzu gierig die Tinte aufgesogen, im Geäst verteilt, aber schlecht vertragen?
Nachforschungen unter der Schülerschaft wurden nicht angestellt, weil sich die Lehrer nicht vorstellen konnten, wie Schüler in den stets verschlossenen Raum gelangt sein sollten.

1954 Konfirmation; das erste Mal schwarzer Anzug und Krawatte; Fotos mit einer damals modernen Agfa Box
1954 Klassenfoto auf der Schultreppe; 65 Jahre später leben noch weniger als die Hälfte – nur 4 Mädchen!

Paul empfand Erleichterung; er hatte was gegen die große Ungerechtigkeit unternommen. Halb und halb war seine Wut verflogen. Schade nur, er konnte mit seinen Mitschülern darüber nicht reden …
Um den Rest der Wut auf die Ungerechtigkeit weiter abzubauen, hatte er sich einen Stecker gebastelt, in dem die beiden Pole miteinander verbunden waren. Die Steckdose befand sich hinter seinem Rücken in der letzten Bank.
In den Wintermonaten, wenn es in den ersten zwei Stunden noch dunkel war, schob er den Stecker immer mal in die Steckdose und erzeugte einen Kurzschluss. Die Lehrer mussten ihren Unterricht den Lichtverhältnissen anpassen. Während einer Kontrolle der Hausaufgaben in Mathematik konnte Paul durch den Kurzschluss verhindern, dass er kontrolliert wurde. Hausaufgaben hatte er wieder nicht! Der Lehrer stellte auf Kopfrechnen um, als es zu dunkel zum Schreiben war: Alle aufstehen und wer das Ergebnis zuerst wusste, konnte sich setzen. Hier schnitt Paul schlecht ab, weil er immer an den Stecker hinter seinem Rücken in der Steckdose denken musste, der sich nicht herausziehen ließ. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren.
Eines Tages erzeugte er wieder einen Kurzschluss im Russischunterricht, weil er keine Vokabeln gelernt hatte.
Der Hausmeister hatte wohl der häufigen Kurzschlüsse wegen auf diesem Schulflur eine stärkere Sicherung eingeschraubt?
Einschub in die Schukosteckdose; es wurde dunkel im Raum, es zischte und roch nach verschmorter Isolierung aus der Dose. Der Stecker ließ sich nicht mehr herausziehen. In einem unbeobachteten Moment vor der Pause bekam Paul den Stecker mit zerstörerischem Kraftaufwand doch noch heraus. Die ganze Dose kam mit!
Nun war für ihn die Wut auf Ungerechtigkeit verraucht. Sprechen konnte er über seine Taten aber immer noch nicht mit den Mitschülern oder den Freunden.

Erst zu einem Klassentreffen aus Anlass der „Eisernen Konfirmation“ 65 Jahre nach dem Schulabschluss berichtete er über seine Unternehmungen gegen die Ungerechtigkeit an der Schule. Der Tafelmaler outete sich aber auch jetzt nicht, obwohl die ehemaligen Mitschüler anwesend waren.
Jetzt, nach mehr als 65 Jahren, hatte sein Kampf gegen die Ungerechtigkeit einen hohen Unterhaltungswert, dachte er, aber die noch anwesenden ehemaligen Klassenkameraden im 80. Lebensjahr wussten nicht mehr, wovon er redet …

Erstes Klassenfoto 1947 mit der Lehrerin Frau Hott; wer keine Schuhe hatte, kam barfuß zum Unterricht

2. Zeitenwende: Kriegsende 1945 in Thüringen – Schuleinführung

Das Kriegsende erlebte ich als fünfjähriges Kind in einem Ortsteil von So… in Thüringen.
Im Januar 45 fand unsere Flucht – Mutter, Oma, Schwester – aus dem Gebiet östlich der Oder in Thüringen ihr Ende. Durch viele Anzeichen wurde auch mir als Kind das nahende Kriegsende bewusst. Die Flugzeuge der Amerikaner und Engländer überflogen in riesigen Pulks immer häufige in großer Höhe den Ort. Immer öfter wurden die Tage und Nächte aus Angst vor Luftangriffen im Keller oder in den umliegenden Wäldern verbracht. Ich erinnere mich, wie des Nachts am Horizont der Feuerschein der brennenden Städte No … und So … zu sehen waren. Besonders gefährlich waren die Bomber, die nach dem Angriff ihre restlichen Sprengkörper ziellos auf dem Rückflug abwarfen.


Deutsche Soldaten flüchteten vor den nahenden Amerikanern und warfen Waffen, Ausrüstungsgegenstände und Munition weg. Gefährliche Spielgeräte für uns Kinder!
In der ersten Aprilhälfte sah ich vom Fenster aus die ersten amerikanischen Soldaten und damit auch die ersten „Schwarzen“ meines Lebens. Mit ihnen hatten wir Kinder schnell Kontakt, gab es doch Schokolade und andere Lebensmittel. Mit ihren Waffen durfte man auch schießen, wenn man Eier beschaffen konnte oder eine „große“ Schwester vorweisen konnten.
Die Erwachsenen sahen das anders. Die Soldaten durchsuchten die Wohnungen nach Beutegut. Meine Tante bezahlte die Verweigerung der Herausgabe des Blaupunkt Radios fast mit dem Leben. Sie ließ es bei der Übergabe in den Treppenschacht fallen. Der Soldat zielte mit der Maschinenpistole auf sie, schoss dann aber in die Decke.

Der amerikanische Standortkommandant konnte sich „normales“ Leben nur vorstellen, wenn in seinem Verantwortungsbereich die Schule funktionierte (vielleicht war er Lehrer!?). Seine Aufforderung zum Schulbeginn wurde von der Bevölkerung nur halbherzig oder gar nicht befolgt. Weil nun die Schüler nicht freiwillig zur Schule kamen, schickte er seine Soldaten aus, alles, was Schulalter hatte, einzusammeln.
Alle frei herumlaufenden Kinder wurden eingefangen, auf die Jeeps gesetzt und zur Schule gefahren. Das Heulen und Gebrüll war ohrenbetäubend. Keiner von uns glaubte, dass wir die Eltern nochmals wieder sehen würden. Die Nazipropaganda zeigte auch bei uns volle Wirkung. Amerikaner oder Russen machten für uns keinen Unterschied!
Im Klassenraum ebbte das Geheul langsam ab, als auf dem Pult vorn Schokoladentafeln und Kekse zu sehen waren. Viel hatten von solchen Sachen schon gehört.
Der amerikanische Offizier, ein bereits pensionierter alter Lehrer und eine Vertrauen erweckende Lehrerin verteilten die Süßigkeiten und versprachen mehr, wenn am nächsten Tag alle mit Schulmaterial antreten würden. Fast alle kamen, ich auch. Das „Anfüttern“ hielt noch einige Tage an. Dann lief die Schule …
Die Schuleinführungsfeier fand an einem Wochenende nach der zwangsweise durchgeführten Schuleinführung statt; mein Vater war in amerikanischer Gefangenschaft.
Die große Zuckertüte täuscht. Nur das obere Viertel war mit einigen Süßigkeiten gefüllt, die von den Amerikanern zur Verfügung gestellt worden waren. Der Rest bestand bei mir und meiner kleinen Schwester aus Knüllpapier.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte niemand gemerkt, dass ich erst fünf Jahre geworden war. Nach acht Schuljahren verließ ich die Grundschule mit gerade 13 Jahren. Probleme gab es auch dann wieder, weil ein Lehrling 14 Jahre zu sein hatte und einen eigenen Personalausweis besitzen musste! Der stand mir nicht zu; den hatte ich auch nicht. Ausnahmeregelungen wurden geschaffen.

Schuleinführung 1945, kurz nach Kriegsende. Zuckertüten wurden gefüllt mit Spenden der Amerikaner!

Ende Juni zogen die Amerikaner sich aus Thüringen zurück. Wieder verfolge ich vom Fenster, wie etwa 10 Tage lang amerikanische Militärlastwagen mit jeweils 10 und mehr angehängten PKW vorbeifuhren. Meine Zahlenvorstellung reichte nicht aus für die vielen Fahrzeuge. Die neue Besatzungsmacht, die Russen, fanden auf jeden Fall nur noch Schrott-PKW vor.
Dann, Anfang Juli 45, zogen die Russen ein. Zu meinem Erstaunen hatten die Russen die gleichen Fahrzeuge wie die Amerikaner; die Soldaten waren nur anders. Den Vorausabteilungen folgten dann Soldaten, wie sie die Nazipropaganda dargestellt hatte: kleine einspännige Pferdewagen mit Stroh, Soldaten mit mongolischen Gesichtszügen lagen auf ihnen, sangen oder spielten Harmonika.
Für sie gab es nur noch kleinere Sachen zu holen bei den Nachbarn: PKW, Radios, Fotoapparate und anderes hatten die Amerikaner mitgenommen.
Kontakte zur neuen Besatzungsmacht und uns Kindern gab es nicht. Die Erwachsenen erzählten sich andere Begebenheiten von der neuen Besatzungsmacht, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

1. „Eiserne Konfirmation“ – 65 Jahre danach

Zu Jahresanfang steckte eine Einladung im Briefkasten von der Kirchgemeinde, wo 1954 die Konfirmation erfolgt ist. Es wurde gebeten mitzuteilen, ob man geneigt sei 65 Jahre später an der „Eisernen Konfirmation“ teilzunehmen. Seit der „Goldene Konfirmation“ – 50 Jahre nach der ersten Konfirmation 1954 – waren schon wieder 15 Jahre vergangen. Viele Mitschüler hatten den Segen nochmal erhalten. Jetzt sollte die Einsegnung nach 65 Jahren wiederholt erfolgen. Alle, die der Herr noch nicht zu sich genommen hatte, sagten zu. Da waren aber nur noch wenige, weniger als die Hälfte!

Klassenbild am Tag nach der Konfirmation 1954 – Tradition war: wandern zu einem Lokal, wo erstmals selbständig Bestellungen aufgegeben wurden. Man war ja jetzt erwachsen …

An einem schönen Frühlingstag im Mai mit Sonnenschein war der Termin angesetzt in der kleinen Dorfkirche, die nur für diesen Zweck noch einmal genutzt wurde.

Schwarzer Anzug, weißes Hemd und Binder waren Pflicht, auch Lederhandschuhe – alles ungewohnt!

Die noch vorhandenen Mitschüler waren aus allen Ecken des Landes angereist. Dabei war zu sehen, wie schwer es vielen fiel, die von Angehörigen gebracht wurden. Aus einem großen BMW halfen die Enkel einen sehr unsicheren Opa heraus. Was Zeit so alles anrichtet. 1954 war er ein sportliches As, ein begnadeter Fußballer!

Die Mädchen trugen Mantel – alle geschneidert, nicht von der Stange …

Ein junger Pfarrer, nicht halb so alt wie seine Konfirmanden, holte uns vor der Kirche ab und plazierte uns in der ersten Bankreihe.

Treffen an der alten Dorfkirche nach 65 Jahren.

Alle sahen sich um. Keiner war nach 1954 wieder in dem Gotteshaus gewesen. Wie doch alles geschrumpft war, wie klein der Altar, das Kirchenschiff, die Kanzel, wie schön aber auch die Lichtspiele der Sonne durch die Kirchenfenster!? Die Erinnerung zeigte andere Ausmaße!

Der junge Pfarrer holt seine Konfirmanden ab vor der Kirche, die nur zu diesem Zweck noch einmal geöffnet wurdeaußer Weihnachten und Ostern.

Während der Predigt mit vielen Zitaten aus der Schrift wanderten die Gedanken 65 Jahre zurück. Auf diesen Plätzen hatten wir gesessen eine Woche vor der Konfirmation zur Prüfung. Das Kirchenschiff hinter uns war voll. Die Gemeinde wollte sehen, ob wir genug von Kirche und Glaube wussten, um in ihre Reihen aufgenommen zu werden. Ich hatte es mit dem Lernen kirchlicher Texte nicht so. Das „Vaterunser“, „Eine feste Burg ist unser Gott“ und die ersten 2 Glaubensartikel hatte ich drauf. Das wusste der Pfarrer. Wenn ich was zu sagen hätte, sollte ich mich mit rechts melden, sonst immer mit links, damit die Gemeinde sehen konnte, wie viel an Wissen vorhanden war unter den Konfirmanden. Mit meinen 13 Jahren hatte ich aber erhebliche Probleme mit rechts und links. Nach dem Aufstehen konnte ich nichts sagen, weil ich die Arme verwechselt hatte. Meine Mutter stahl sich ob dieser Blamage am Ende heimlich davon, nachdem sie auf Nachfrage ihrer Bankreihe mitgeteilt hatte, sie wisse auch nicht, wer dieses Element sei. Konfirmiert wurde ich trotzdem eine Woche später.

Wir alle hatten die Kirche viel größer in Erinnerung …

Mit weltlichen Texten hatte ich es auch nicht so sehr. Schule und Lehrer waren eher so etwas wie Feinde. Regelmäßig besuchte ich die Schule, aber Hausaufgaben und Lernen waren nicht mein Ding. Es gab nach der Schule so viel anderes zu erleben. Eine Klassenstufe musste ich nicht wiederholen!

Vor dem Altar wurde noch einmal Segen gespendet!

Dann nach 45 Jahren als Lehrer, Schuldirektor, Arbeit in der Lehrerausbildung und Studienrat am Gymnasium deuchte mir doch, dass ich an dem Zerwürfnis mit Lehrern und Schule damals auch Anteil gehabt haben könnte!!!

Fototermin: der Rest der Klasse! Eine anwesende Mitschülerin ist nicht auf dem Bild. Sie war katholisch.

Das Abendmahl wurde zelebriert, der Segen erneuert und uns beeindruckte, dass Teile der Liturgie vom Pfarrer gesungen wurden. Allerdings erschien die Segenspende in unserem Alter mehr als Aussegnung mit der Perspektive, wieder Sternenstaub zu werden.

Klassentreffen – bei Kaffee und Kuchen. Zähe Gespräche und verblassende Erinnerungen …

Ein Foto noch mit Kirche und Pfarrer am Ende und dann wurde zum Klassentreffen aufgebrochen. Nun genügte im kleinen Lokal ein einzelner Tisch. Jahrzehntelange Trennung war schwer zu überbrücken und wegzureden; viele Erinnerungen an die Zeit vor 65 Jahren war auch ins Dunkel abgerutscht. Der Kaffee war gut; die Unterhaltung war eher verhalten und der Händedruck beim Abschied ließ jedem bewußt werden, das war der letzte Handschlag und das Ende einer gemeinsamen Zeitreise! Alles kommt und lebt und geht …

Erster Blogbeitrag

Zeit vergeht!

In einem langen Arbeitsleben geschieht so manches, was aufgeschrieben werden sollte. Viele kleine Erlebnisse sind wert festgehalten zu werden: vor der Existenz der DDR, während der DDR Zeit und so manches, was nach der Wende 1989 geschah.

Da einfaches Berichten vielen Ereignissen nicht gerecht werden würde, wurden sie in die Form von Kurzgeschichten gepackt mit einem Erzähler. Die Ereignisse wurden kaum verändert, aber Namen und Ortsangaben verschleiert.

DDR, das war nicht nur das, was einige selbst ernannte Versteher der Öffentlichkeit und den Medien anboten, sondern viel, viel mehr! Sicher ist erst den Nachgeborenen vorbehalten, alle Seiten des DDR Lebens wahrheitsgetreu aufzuarbeiten. Diese Schilderungen sollen ein kleiner Beitrag zum Verlauf des Alltagslebens sein …

Viel Spaß beim Lesen!