6. Der Ausreiseantrag

Damals, Anfang der achtziger Jahre, Vorfrühling, die 6. Unterrichtsstunde lief und auf dem Schulhof rangierten die ersten Schulbusse ein.
Paul Meskat hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt, da hörte er im Sekretariat nebenan das Telefon klingeln. Gleich darauf klingelte sein Apparat: „Bitte einschalten, der Schulrat!“, hörte er die Sekretärin sagen.
Paul schaltete sich ein und an der anderen Seite der Verbindung kam man unvermittelt zur Sache. „Weißt du, was an deiner Schule los ist? Lebst du in der Lage?“ Paul sagte, dass dies bei 1250 Schülern und 80 Lehrern nicht so einfach sei. „Also nicht!“, hörte er.
„Vor mir liegt ein Ausreiseantrag, weißt du was davon?“ Paul wusste nichts davon und der Antrag wurde ihm vorgelesen. Paul wartete konzentriert auf den Namen des Antragstellers und hatte dabei überhört, wohin die Ausreise gehen sollte. Er fragte nach. Da wurde es am anderen Ende laut und beleidigend. Mangelndes Klassenbewusstsein, unzureichende Wachsamkeit waren die harmloseren Vorwürfe. „Nächste Woche wird nach der Sitzung der Parteigruppe“, die Antragstellerin war eine Genossin der SED, „ein Pädagogischer Rat mit dem Kollegium stattfinden!“ Das Gespräch war beendet. Klare Anweisung!
Paul wollte es nicht glauben, Ursel Kirchner, Genossin, Staatsbürgerkundelehrerin hatte den Antrag eingereicht. Unglaublich! Warum war ihm davon nichts bekannt?
Der Parteigruppenorganisator der Schule erhielt von der Kreisleitung der SED exakte Anweisungen für die Sondersitzung der Parteigruppe. Zur Unterstützung wurden ihm zwei Mitarbeiter der Kreisleitung beigegeben. Eine Woche später traf sich die Parteigruppe der Schule; die Ankündigung „außerordentlich“ machte alle neugierig.
Der Gruppenorganisator begrüßte die Mitglieder und die Gäste der Kreisleitung und tastete sich in ersten Worten vorsichtig an die Thematik heran. Von Klassenkampf war die Rede, von politischer Wachsamkeit, vom Klassenfeind, von Flucht, Verrat an der Republik und feindlichen Aktivitäten. Es sollte diskutiert werden, worüber war nicht richtig klar geworden. Schweigen!
Ein Genosse auf der Fensterseite des Raumes wurde angesprochen: „Du hast doch eine Schülerin in deiner Klasse, deren Eltern sie bei ihrer Flucht hier allein zurückgelassen haben!“ Der Angesprochene stellte kurz den Sachverhalt dar: Ein Elternpaar ist in einem vorbereiteten Versteck in einem LKW über die Autobahn Berlin – München aus der DDR abgehauen und hat seine zwei Kinder allein in der Wohnung zurück gelassen. Nachbarn fanden sie am nächsten Tag eingeschlossen in der Wohnung. Wenige Tage später meldeten sich die Eltern über einen „Westsender“ und verlangten Familienzusammenführung.

Dies alles war nicht schwer zu verurteilen und eine Meinung zu äußern!
Die zu diskutierende Thematik wurde allen jetzt klarer. Der Platznachbar wollte noch ergänzen: Sein Vater hatte Herzprobleme und nach langer Wartezeit einen Termin bei einem Herzspezialisten bekommen. Am Behandlungstag wartete er in der Klinik mit vielen anderen Patienten. Statt des Arztes ließ sich nach längerer Zeit eine Schwester sehen und teilte mit, dass der Arzt die Republik in der Nacht verlassen, aber schon aus Nürnberg angerufen habe und die Patienten um Verzeihung für ihr unnötiges Warten bitte. Die Patienten bewerteten diese Flucht laut und drastisch. „Der hat auf unsere Kosten studiert!“ Das war eine der wohlwollenderen Äußerungen. Ein Teilnehmer aus der gegenüberliegenden Bankreihe erinnert an „unseren“ Eiscafébesitzer im Ort, der jedem mitteilte, dass er mit seinem verdienten Geld Wände tapezieren, aber kein zweites Café eröffnen könne. Er fühle sich unfrei. Sein Drang in die Freiheit wurde in Prag am Flugzeug gebremst. Sein Pass war nicht gut gemacht worden.
Die Beispiele trafen das anstehende Problem nur unvollkommen. Politischer sollte es sein! Eine junge Genossin warf ein, dass die dargestellten illegalen Ausreisen alle mit Politik und Widerstand nur wenig zu tun hätten und dass die Fluchten aus politischen Gründen sicher in den Städten Leipzig, Dresden, Jena stattfänden, denn im Fernsehen höre man doch immer wieder von Konflikten mit der Staatsmacht. Welches Fernsehen sie meinte, ließ sie offen. „Einige wollten auch gar nicht gehen und mussten ausgebürgert werden“, ergänzte sie verunsichert.

Das wurde nichts, die Diskussion lief nicht wunschgemäß. Die Versammlungsleitung ließ Unzufriedenheit erkennen und ein Mitarbeiter der Kreisleitung nahm sich das Wort. Aus einer roten Mappe nahm er ein Schriftstück mit spitzen Fingern, sah es an, als sähe er es zum ersten Mal, rückte die Brille zurecht und begann jedes Wort hervorhebend zu lesen. Atemlose Stille nach der Überschrift „Ausreiseantrag“. Langes Schweigen nach dem Vortrag. Keiner sah die Antragstellerin an.
„Genossin Kirchner, du wolltest zu deinem Antrag sicher noch etwas sagen!“ Die Aufforderung war abwertend, zynisch formuliert. Eine Weile geschah nichts. Paul sah, wie sich Ursel sammelte und straffte. Die Anspannung schien von ihr abzufallen. Sie hatte die Hände jetzt ruhig auf einer vor ihr liegenden Mappe liegen und erhob sich langsam. Lange sah sie ins Präsidium und ihr Blick glitt dann langsam über die rechte und linke Seite der Versammlungsteilnehmer. Sie holte tief Luft und sagte: „Genossen, ich schäme mich für euch, was habt ihr denn von mit gedacht?“ Alle Blicke zog sie jetzt auf sich. „Dachtet ihr, dass ich die DDR verlassen will in den Westen? Was denkt ihr denn von mir? In die Sowjetunion will ich natürlich, vielleicht auch in die CSSR oder nach Ungarn. Dort könnte ich an einer Schule Deutsch unterrichten und ich würde für meine Familie vielleicht eine Wohnung erhalten, auf die ich hier seit 8 Jahren warte. Das steht doch alles in meinem Antrag.“

Dem Mitarbeiter der Kreisleitung war die Brille aus der Hand gefallen.
Nun öffnete sie ihre Mappe und begann Zeitungsausschnitte vorzulesen, in denen von vielen bezugsfertigen Wohnungen die Rede war in Moskau, Leningrad, Minsk und anderswo. Keiner unterbrach sie.
Schon während ihrer Rede lösten sich die Versammlungsteilnehmer aus ihrem Schockzustand. Die meisten sahen jetzt angestrengt nach unten. Eine Genossin hantierte mit ihrem Taschentuch und zuckte in den Schultern. Plötzlich sprang sie auf, rannte hinaus und explodierte in einem ohrenbetäubenden Lachen zu kurz hinter der Tür.
Unvermittelt wurde die Versammlung geschlossen. Paul bekam noch gesagt: „Kein Pädagogischer Rat nächste Woche!“
Nachdem die Gäste verschwunden waren, sagte einer: „Die Ursel traut sich was!“ Alle nickten.
Einstweilen geschah in der Sache Ausreiseantrag nichts weiter.
Ostern wollte die Antragstellerin wie üblich zu Bekannten nach Prag fahren, aber an der Grenze war Schluss. Ihr Projekt, einen Ausreiseantrag in die Sowjetunion zu stellen, zog schnell große Kreise. Eine Kollegin, die von einer Weiterbildung in Leipzig heimkehrte, hörte dort von diesem unerhörten Vorgang während ihres Lehrganges! Man wusste nur nicht, wo das geschehen war!

Ungefähr 4 Wochen nach der außerordentlichen Parteigruppenberatung kamen doch noch Aktivitäten auf. „Man täusche die Partei nicht ungestraft und mache sie lächerlich.“ Eine Rüge müsse schon sein, die die Parteigruppe auszusprechen habe, wurde erwartet von der Kreisleitung. Ursel war einverstanden mit der Bestrafung, hatte sie doch wenige Tage vorher drei Wohnungen zur Besichtigung angeboten bekommen. Für die schöne große Altbauwohnung hatte sie sich entschieden. Sie war glücklich. Alle waren verblüfft, Staatsbürgerkunde durfte sie weiter unterrichten. Kein Kollege wollte ihr diese Stunden abnehmen.
Die Grenze in die sozialistischen Bruderländer blieben ihr auch die nächsten Jahre verschlossen. Verlassen konnte sie die DDR nicht mehr.

Gleich nach der Wende wurde sie entlassen wegen „mangelnder Eignung“. Sie hatte Staatsbürgerkunde unterrichtet!
Im dritten Jahr nach der Wende traf Paul sie noch einmal wieder vor einem Supermarkt. Sie hatte gerade ihre Einkäufe verstaut. Über drei Autos teilte sie in ihrer burschikosen Art lautstark mit, dass sie endlich ihre Stasiakte erhalten habe. Alle Namen seien aber geschwärzt gewesen. Sie habe sich aber aus den Texten doch alles zusammenreimen können.
Nicht alles ist da so gelaufen in der alten DDR, wie es theoretisch in der neueren öffentlichen Erinnerung hätte sein müssen, sinnierte Paul und grinste in sich hinein.


Der Redner im Fahnenmeer vermittelt eine nicht zu beschreibende Euphorie. „Blühende Landschaften“ wurden versprochen. Dann begann die Treuhand ihr Tun und wickelt mit der DDR auch die Menschen ab. Betriebe und Anlagen wurden für eine DM verscherbelt an den, der versprach zu investieren und Arbeitsplätze zu erhalten. Die Fähigkeit der Überprüfung fehlte meistens den Verantwortlichen. So kam es anders.
In vielen Fällen räumten die 1 DM Käufer erst mal die noch vorhandenen Konten der DDR Betriebe ab, ließ Maschinen, die noch taugten, in Richtung Westen oder anderswohin transportieren und dann hing ein großes Schloss am Werkstor. Wieder ein möglicher Konkurrent erledigt! Verlängerte Werkbänke für den Osten reichten auch aus. Steuern wurden in den alten Bundesländern gezahlt. Es gab natürlich auch viele andere Investoren, die ihrer Verantwortung nachkamen.
30 Jahre zog sich das bisher hin. Nun kommt Unzufriedenheit auf im Osten, denn bei jeder Überprüfung der Lebensverhältnisse Ost/West zeigen aus Statistiken visualisierte Zahlen die Grenzen der ehemaligen DDR immer noch. Jedoch in den meisten Fällen im Minusbereich. Vielfach wird immer noch weniger verdient, aber dafür wird länger gearbeitet …

Trabant – Spiegelbild der DDR
Wartezeit bis zur Zuteilung einer Fahrmaschine Marke „Trabant“: 7 Jahre Minimum, auf den „Wartburg“ wartete man länger. Das stimmt so und es stimmt so nicht, denn es war üblich, dass die Kinder, Eltern, Großeltern und Bekannte jeweils ein Auto beantragt haben, obwohl Kinder oder auch die Großeltern gar kein Auto wollten, keine Fahrerlaubnis hatten und auch kein Geld. Durch diese Antragsdichte wurde die Wartezeit ausgeweitet. Jeder hatte das Recht ein Fahrzeug zu bestellen. Wenn die Benachrichtigung zur Abholung eingetroffen war, kein Bedarf oder kein Geld vorhanden war, gab man die Zuteilung weiter oder verkaufte sie so für um die 500 Mark aufwärts.
So wurde in der Familie keine 7 oder 8 Jahre gewartet auf ein neues Auto, weil immer eine Bestellung Termin hatte. Mehrere Fahrzeuge konnte sich die Durchschnittsfamilie sowieso nicht leisten. Experten hatten die Bestellungen durch Familienmitglieder und Bekannte so terminisiert, dass die Bestellungen alle 3 – 4 Jahre zur Auslieferung kamen. Ein schöner Nebenverdienst ergab sich durch den Verkauf des alten Fahrzeugs zu Mondpreisen oder gleich der Neuzulassung, die z. T. mehr als das Doppelte des Kaufpreises brachte.
Allerdings, nicht alle mussten 7-8 Jahre auf ihr Auto warten. Arbeitet man bei der Wismut, in gehoben staatlichen Ämtern, war Funktionsträger einer Partei oder anderswie bedeutend, wurde die Wartezeit erheblich gekürzt . Auch für hervorragende Arbeitsleistungen gab es eine verkürzte Zuteilung, gezahlt werden musste aber trotzdem. Die Wartezeit war die Prämie!
Zuverlässig war der „Trabbi“. Die 6000 Kilometer bis zum Schwarzen Meer nach Bulgarien steckte er klaglos weg mit 2 Kindern, 2 Erwachsenen und einem voll beladenen Hänger mit Zelt, Lebensmitteln für 4 Wochen, Ersatzteilen, einem 20 Liter Kanister Benzin, 10 Liter Motorenöl und einer Propangasflasche. Eigentlich verantwortungslos!
Oft war Ungarn das Ziel oder die Hohe Tatra. Die meisten Touren hatten richtigen
Expeditionscharakter bei den Straßenverhältnissen, besonders in Rumänien.
Mit dem heutigen Fahrzeug, vollgestopft mit Elektronik, auf das man vielleicht einige Monate gewartet hat, würde man sich diese Reisen nicht zutrauen. Bleibt es stehen, braucht man die Motorhaube nicht öffnen. Am Trabi konnte man bei der schlichten Technik sehr vieles selbst reparieren.
Das vermittelte Sicherheit!

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