10. Grablegung eines Stalinisten

Älter und alt werden alle. Das geschieht ganz schleichend und unbemerkt, weil die, mit denen man Jahrzehnte gelebt hat, den gleichen Prozess durchlaufen. Als nach dem Studienabschluss Anfang der 60er Jahre die erste Lehrerstelle angetreten wurde, unterrichteten viele ehemalige Neulehrer seit fast 2 Jahrzehnte an der Oberschule der Thüringer Kleinstadt. Das waren die Alten, die ältere Generation mit Notabitur und Flakhelfer Erfahrung in den letzten Kriegstagen.

Einer von denen geriet mit 19 in russische Gefangenschaft, Adolf Kolbrenner. Ihn traf es mit seinen 19 Jahren besonders hart in einem Gefangenenlager in den Wäldern Kareliens. Schwere Arbeitseinsätze am Holz tagein, tagaus löschten das Menschsein fast aus. Später dann wurden Kurse angeboten im Gefangenenlager, antifaschistische Kurse. Die Teilnahme daran erleichterte die harte Waldarbeit etwas. Im Mittelpunkt der Kurse standen der Faschismus, seine Ursachen und Auswirkungen für die Welt. Besonders Schriften von Stalin waren Grundlage der Unterrichtung. In vielen Diskussionen kam er zu der Erkenntnis, einen solchen Krieg darf es nie wieder geben und dafür wollte er etwas tun, nein alles. Seine gewonnenen Überzeugungen erschienen den Natschalniks im Gefangenenlager glaubhaft . Er wurde etwas früher entlassen als seine Leidensgenossen. Zu Hause angekommen, erfuhr er, Neulehrer werden gebraucht. Er meldete sich, weil er seine Friedenssehnsucht als Lehrer so am besten verwirklichen konnte. Eine solche Erfahrung von Krieg und Gefangenschaft wollte er der nächsten Generation ersparen.

Im dreimonatigen Neulehrerseminar fiel er durch einen besonders festen politischen Standpunkt auf und war belesen in Stalins Schriften. Er schaffte einen guten Abschluss, kam aber als Neulehrer nicht zum Einsatz, weil die SED, deren Mitglied er geworden war, erkannt hatte, dass er gut als Agitator in ihrer Kreisleitung zu gebrauchen war. Dort agitierte er viele Jahre. Dann starb Stalin und sein Weltbild geriet durcheinander. Später erfuhr er nach einem Parteitag der KPdSU von Stalins Verbrechen und erlebte die allgemeine Abkehr von seinen Lehren und Schriften. Eine Welt brach für ihn zusammen. Alles wurde komplizierter und unübersichtlicher. Aber der sich verschärfende Kalte Krieg bot weiterhin viele Betätigungsmöglichkeiten für seine agitatorischen Fähigkeiten. Der Westen Deutschlands, wo alles weiter ging, als habe es keine Nazivergangenheit gegeben, wurde jetzt sein Arbeitsschwerpunkt. Im Westen gab es den Holocaust in den Schulbüchern nicht, Nazirichter und hohe Offiziere der Wehrmacht arbeiteten weiter unbehelligt im Staatsdienst. Dann kamen die 68er und er schöpfte etwas Hoffnung.

Allein, seine Überzeugungsarbeit war immer noch vom stalinschen Denken geprägt. So richtig passte er nicht mehr in die neue Zeit und in den Kurs der SED. Man empfahl ihm, doch wieder als Lehrer zu arbeiten. Nach einigen Schnellkursen wegen besonderer politischer Verdienste wurde er Fachlehrer für Geschichte/Staatsbürgerkunde an der Polytechnischen Oberschule. Gesegnet mit wenig pädagogischem Fingerspitzengefühl und didaktischen Fähigkeiten erzog er „Klassenfeinde“, meinten einige Kollegen. Für ihn gab es nie Fragen nach Parteitagen oder einem Plenum der SED; er vermittelte drauf los. Diskussionen und Überzeugungsarbeit waren nie sein Ding. Für ihn galt der Stalin Ausspruch: „Wenn die Linie klar ist, entscheiden die Kader alles!“ Als Geschichtslehrer vermittelte er einfache Wahrheiten: Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen; die Menschen erobern sich die Welt und machen sie sich untertan; Menschen bauen Städte und Häuser aus Erde und alles wird wieder zu Erde, auch der Mensch selbst. Erschwerend kam hinzu, seine Eltern aus einem kleinen Dorf im Thüringer Wald hatten ihm den Namen „Adolf“ verpasst, ihrer damaligen Zukunftssehnsucht. Die Erde dreht sich weiter …

In Staatsbürgerkunde vermittelte Adolf seine Weltsicht kompromisslos weiter; alles ist real und geprüft; die Welt ist erkennbar, der Sozialismus siegt, ihm gehört die Zukunft. Warum darüber noch diskutieren? Aus dem Osten kommt das Licht, kommt die Zukunft! „Die Partei, die Partei, die hat immer recht.“ „Proletarier aller Länder vereinigt euch.“ Der Sozialismus ist dem Kapitalismus haushoch überlegen. Ihm gehört die Zukunft; die Kirche gemeinsam mit dem Adel haben die Menschheit Jahrtausende lang geknechtet. Es gilt, die Welt nicht zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Das war seine Überzeugung! Dafür stand er. Diese, seine Weltsicht wurde dargelegt, an die Tafel geschrieben, war auswendig zu lernen und wurde dann überprüft und benotet. Mit Beginn der 80er Jahre wurde das schwieriger. Westfernsehen und Rentnerbesuche im Westen vermittelten ein anderes Bild und mehrmals gingen ganze Klassen gegen ihn auf die Barrikaden. Er stand dann mit dem Klassenbuch vor der Brust in einer Ecke und die Klasse bedrängte ihn.

So richtig unbeliebt war er nicht im Kollegium. Er rauchte nicht, trank keinen Kaffee, wusste in vielen Dingen Lebensrat, verbreitete auch lustige Erlebnisse, redete nie über andere und man hörte den Dialekt des Thüringer Waldes immer noch heraus. Mit der Wende trat er in den Ruhestand und wurde krank. Nach mehreren Operationen konnte er aus seinem Auto kaum noch aussteigen. Seine Frau kaufte im Supermarkt ein; er saß im Auto und immer mal kam jemand aus dem ehemaligen Kollegium vorbei. Eine ältere Kollegin sagte ihm, dass sie doch nicht so oft das Parteilehrjahr hätte schwänzen sollen, als über den Kapitalismus gesprochen wurde, jetzt wäre er da mit seinen Segnungen, der Arbeitslosigkeit, alles an Menschlichkeit sei zerbrochen, nur der Maßstab Geld zähle noch!

Einige erzählten ihm von der Umrüstung der Kaufhalle zum Supermarkt, vor dem er parkte. Kurz bevor die D-Mark Einzug hielt, kam ein Team, um die Kaufhalle auszuräumen. Alle Waren wurden aus den Regalen gewischt. Mehl, Zucker, Gewürzgurken, Alkohol führten am Boden ein trautes Miteinander. Das Gemisch ehemaliger DDR Waren wurden zum Ausgang befördert und in einen Container verladen, ganz symbolträchtig. Am nächsten Tag rückte ein neues Team an und füllte die gleichen Regale wieder mit Waren, die alle aus der West Werbung kannten. Große Gedränge zur Eröffnung, großes Staunen – die Preise! Ihm wurde berichtet, dass eine mittlere Firma am Ort, die unmittelbar vor der Wende erst fertiggestellt worden war, zu der ein großes Grundstück gehörte, für eine DM verkauft worden sei. Erst freuten sich die Angestellten dieser Firma, dann, nach wenigen Wochen waren alle Konten abgeräumt; Insolvenz musste angemeldet werden. Dann verschwanden die Maschinen in Richtung Westen, woher sie vor Jahresfrist geliefert worden waren und dann war einige Jahre Ruhe. Irgendwann, später stellte der Käufer einen Antrag zwecks Abriss der Anlage, um für den Wohnungsbau Parzellen abzustecken. Das wurde staatlicherseits abgelehnt. Wieder einige Zeit später brannte es an mehreren Stellen gleichzeitig auf dem Betriebsgelände. Anwohner löschten und konnten gerade noch sehen, wie zwei PKW mit Westkennzeichen verschwanden. Der warme Abbruch war vereitelt worden. Nicht viel später kam nächtlich wieder ein Arbeitsteam bei -15 Grad C. Alle Wasserhähne wurden aufgedreht und vollendeten in weiteren kalten Nächten unbemerkt ihr Werk. Der Frost mit dem Wasser gemeinsam leisteten ganze Arbeit. Nun stellte der Eigentümer wieder den Antrag auf Abriss und Parzellierung. Erst jetzt schaute man, wer der Besitzer eigentlich sei. Es stellte sich heraus, alle seine vorgelegten Bankdokumente waren gefälscht. In der Schweiz und weiteren alten Bundesländern lagen Haftbefehle vor gegen ihn.

Das waren Berichte, die seine Seele streichelten: „Das ist der Kapitalismus!“, betonte er, „habe ich euch das nicht immer gesagt?“ Er konnte auch noch erfahren, dass einige Stellenausschreibungen im Ort, die gut dotiert waren, an West Bewerber gingen und die holten Freunde und Bekannte nach auf weitere gute Stellen. Nur in den Niederungen saßen noch Ossis. Dass gleich vor seiner Nase am Rande des Parkplatzes noch ein Betrieb stand, der von einer Westfirma ehrliche erworben und ausgebaut worden war, viele Arbeitsplätze geschaffen hatte, sah er weniger gern. Das passte so richtig nicht. Diese Sicht auf die negativen Aspekte des kapitalistischen Systems machten es ihm leichter, seine Krankheit zu ertragen. Er hatte nicht umsonst versucht, den Menschen den Sozialismus nahe zu bringen, sah aber ein, dass zur Zeit keine andere Gesellschaftsformation den Kapitalismus ersetzen könnte. „Habe ich umsonst gelebt?“

Romantischer Friedhof außerhalb der Ortslage. Ist ein Mensch gestorben, wird er entsprechend der Tradition bestattet. Man denkt an ihn noch eine gewisse Zeit und besucht sein Grab an der Orsgrenze. Das Lebe zieht weiter seine Bahn.

Sein Lebensende deutete sich langsam an. Allein, es ging ans Sterben und die Nachricht seines Todes verbreitete sich im Ort. Mehrere Kollegen gingen zur Trauerfeier. Einige trieb die reine Neugier, um zu sehen, wie ein solcher „Stalinist“, wie er auch hinter vorgehaltener Hand unter den Kollegen genannt worden war, zu Grabe getragen würde. Für ihn war die Welt immer klar. Der Stalinismus seiner jungen Jahre hatten ihn geprägt, Probleme hatte er auch später nicht mit dem Kurs von Partei und Regierung. Zweifel plagten ihn nie an der Richtigkeit politischer Maßnahmen – „Alles Unfug!“ Er war ein alter Parteisoldat!

Im Norden, Island, Grönland und Norwegen geht man anders um mit den toten Angehörigen. Sie bleiben weiter in der Gemeinschaft. Bestattet sind sie inmitten der Wohnanlage. Einfache weiße Holzkreuze machen sie im Tod alle gleich. Die Natur schmückt die Gräber in den Monaten ohne Eis und Schnee, wenn die Sonne 24 Stunden am Himmel steht. Nur ein großes Kreuz überragt alle Kreuze in den meisten Monaten des Jahres, wenn alle andren Kreuze unter einer dicken Schneedecke versteckt sind.

Im Kollegium war diese seine kompromisslosen Haltung eher unbeliebt. Zu Religion und Kirche hatte er gar kein Verhältnis; Pfaffen hasste er zutiefst. Nun war Trauerfeier. Einige ehemalige Kollegen waren gekommen und gespannt, wer die Trauerrede halten würde auf dem Ortsfriedhof in der Trauerhalle. Andächtige Stille; die Türen schlossen sich und das Individuum, das mit Aktentasche unter dem Arm am Eingang gelümmelt hatte, schritt nun im völlig zerknitterten Talar und ausgefransten Jeanshosen gemessenen Schrittes den Gang entlang, verbeugte sich vor dem Sarg und stieg die Stufen zur Kanzel hinauf. Wo hatten die diesen nur Pfarrer her? Wir alle waren sprachlos, eine kirchliche Trauerfeier mit Pfarrer, wo er doch auch kurz vor seinem Tod noch jedem seine ablehnende Haltung zur Kirche vermittelt hatte?

Dieses enge Verhältnis zu verstorbenen Angehörigen dukumentiert sich noch heute auf Grönland. Man bleibt beeinander, nicht nur in der „alten Zeit“. Den Friedhof umgeben Neubauten! Man blickt aus dem Fenster und denkt an den Verstorbenen …

Die Trauerrede stammte aus einem Buch, das vermutlich Redevorschläge für Trauerfeiern enthielt. Bunte Zettelchen schauten zwischen den Seiten heraus. Die Trauerrede bestand aus einer Aneinanderreihung von Bibelzitaten, dann zusammenhanglos, kamen Lebensdaten von den bunten Notizen zum Einsatz – Lebenslauf in Kurzfassung, nichts Emotionales, Persönliches über gelebtes Leben! Mitleid mit dem Kollegen Adolf Kolbrenner machte sich unter uns breit. Beim Blättern löste sich eines der Zettelchen und segelte hin und her schwingend zu Boden. Der Redner schaute ein Weilchen auf den gelben Notizzettel hinunter, überlegte, begab sich dann aber doch die wenigen Stufen hinunter, die Notizen zu holen. Er bückte sich, aber die Zugluft, die der Talar verursachte, trieb den gelben Zettel weiter unter den Sarg. Jetzt musste er auf die Knie und weit unter den Sarg langen. War es erst noch andächtig still gewesen, war jetzt alle Andacht dahin. Auch aus den Reihen der Angehörigen waren keine emotionalen Laute mehr zu vernehmen.

Der junge Pfarrer verließ am Ende als erster die Trauerhalle, Angehörige und Trauergäste folgen. Draußen hatte er sich abseits wieder des Talars entledigt und in der Aktentasche verschwinden lassen. Ein Zipfelchen schaute noch heraus. Während einige Trauergäste den Angehörigen ihr Beileid aussprachen, wartete er dann am mitgebrachten Leichenwagen, der den Verstorbenen in einen kleinen Ort im Thüringer Wald, der mit Hinter- oder Unter- begann, wo er geboren worden war, zu transportieren. Dort sollte er auf dem Dorffriedhof in geweihter Erde seine letzte Ruhe finden. Wir, seine ehemaligen Kollegen, waren erschüttert, wie die Familie seinen letzten Willen umgedeutet hatte. Das hätten wir der Ehefrau, auch Lehrerin und vormals überzeugte, unduldsame Genossin, nicht zugetraut. Was da abgelaufen war zu der Trauerfeier des Kollegen, der als 19jähriger in den letzten Kriegstagen als Flakhelfer gedient hatte und nicht wollte, dass es jemals wieder Krieg gäbe, war eher Satire und Missachtung eines Lebens. Wir dachten, das hat er bei allen seinen Absonderlichkeiten nicht verdient. Beileid konnten wir den Angehörigen nicht aussprechen. Die Erde dreht sich weiter …

Der letzte Friedhof auf Spitzbergen. Die letzte Bestattung fand hier vor 80 Jahren statt. Sterben ist hier verboten! Dazu muss man sich woanders hin begeben. Man will hier keine Masse an Ötzis im Dauerfrostboden.

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